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Am Rande des Abgrundes

von Lina von Berlepsch

Verlag: Verlag von J. Habbel

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Kapitel 8

Siebentes Capitel. Die Fräulein Sleaford zu Hause.

Book illustration

Die Geschichte, die sie da erzählen, ist nicht stichhaltig,« äußert Julius Livingstone, »sag' mal selbst, Gottfried, wie kommt Dir das wilde Mädchen vor, das Olga beinahe scalpirt hätte, als Tony sie im Walde fand, und das Märchen, das gleiche wilde Geschöpf sei Nachts durch den Kamin in Olgas Zimmer gedrungen –«

»Durch den Kamin?« unterbricht Gottfried Lamare verwundert.

»Nun ja oder dergleichen, und habe sich mit tödtlicher Waffe auf das Kind geworfen. Hm, möglich ists, aber wahrscheinlich nicht.«

Die beiden jungen Männer wandeln Arm in Arm unterm Kastanienschatten der Villa Ventnor. Julius Livingstone ist etwa zwei Jahre älter als Gottfried Lamare, ist schlank, groß und sehr hübsch, all seine Bewegungen anmuthig und lebhaft, beinahe ruhelos. Lamare ist kleiner, etwas untersetzt, mit dem Ausdruck des Denkens und Wollens im jugendlichen Antlitz, und jenen Schnitt der Mundwinkel, der sowohl Milde als Kraft verräth. Die ruhigen, stahlgrauen Augen, das kurz geschnittene dunkele Haar, die nachlässig vornehme
Haltung verrathen den Aristokraten.

»'s klingt allerdings seltsam,« antwortet er, »aber welchen Grund hätten sie, die Unwahrheit zu sagen? zudem ist es augenscheinlich, daß die arme Olga durch irgend etwas erschreckt worden ist.«

»Sonderbare Menschen, diese Sleafords, höchst sonderbar. Es ist etwas Geheimnißvolles an den Leuten. Du solltest doch darum wissen, Gottfried, Du bist ja lange genug in Lockport.«

»Das heißt, ich bin nur sehr vorübergehend hier, einige Wochen um Weihnachten und während der Sommerferien. Abbottsheim ist zudem von aller Welt entfernt, so kommt es wohl, daß ich von jenen Leuten bis zur Stunde kaum reden hörte.«

Julius sieht ihn verwundert an, sieht vor sich nieder und pfeift.

»Hm, weißt Du – mußt mirs nicht übel nehmen, wenn ich frage – aber hat Dein Alter nie davon gesprochen?«

»Mein Stiefvater? nein.«

»Weil der schwarze Amos ihn besonders gut zu kennen scheint. War ein Kamerad von ihm damals in San Francisco.«

»Was?« fragt Lamare, als traue er seinen Ohren nicht.

»Drollig, nicht wahr? Und im Dorfe heißt es – –«

Er hält inne. Zwischen Gottfrieds Brauen zeichnet sich eine tiefe Linie, sein Stiefvater ist ein wunder Fleck in seiner Seele.

»Nun?« fragt er etwas kühl, »im Dorfe heißt es?«

»Wärest Du Mr. Abbotts Sohn, würde ich die Sache nicht berühren, so aber ists etwas Anderes. Amos Sleaford hat eine ganz unangenehme Art, sich auszudrücken, sonderlich, wenn er angetrunken ist. Er und der rothe Gast, da meint er Deinen Stiefvater, seien da draußen in San Francisco Damon und Phithias gewesen. Aber das Zeug ist unangenehm für Dich, lassen wirs gut sein. Vergib, daß ichs überhaupt aufs Tapet gebracht. All jene californischen Goldsucher haben ein dunkeles Blatt in ihren Annalen, wenn mans nur immer wüßte.«

Dem jungen Lamare scheint die philosophische Bemerkung nicht jene Befriedigung zu gewähren, welche Julius ihm zugedacht. Die Furche zwischen den Brauen wird tiefer. Er schweigt.

»Dir scheinen jene Leute ziemlich bekannt,« spricht er nach einer Pause.

»Ja, ich bin eigentlich Hausfreund dort. Ich sage Dir, 's ist kreuzfidel. Wenn Du willst, hole ich Dich einmal ab. Wir tanzen und musiciren. Albert spielt die Geige, Tony die Flöte, Lora das Tamburin und Alle singen. Dann gibts Kartenspiel, Zwicken, Mariage u. s. w. und ich verliere regelmäßig meine Moneten, aber lustig ists. Hans Black kommt auch und eine Menge Anderer. Ich hätte Dirs schon längst angetragen, aber Du bist so feierlich ernst wie ein Prediger. Willst Du aber einmal mitgehen, so stelle ich Dich vor.«

Julius' Ausdrucksweise ist ersichtlichermaßen sehr degagirt und unverblümt. Emmys »Prinz« spricht nicht sehr prinzlich.

»Nun versprichs!« drängt er wieder, »mach' nicht immer ein Gesicht wie eine Eule im Sonnenschein oder als wärst Du Dein eigener Großvater. Wahrhaftig, Lamare, ich mopste mich zu Tode, müßt ich ein Leben führen, wie Du.«

»Meinetwegen, ich will einmal mitgehen. Aber wer kommt dort, Livingstone?«

Eine leuchtende, schwarzäugige, auffallende Erscheinung in Violet und Gold gekleidet, kommt die Allee entlang.

»Träum' ich? täuscht mich mein Augenlicht?« ruft Julius mit theatralischer Action, »diese Gestalt, dieses Lächeln! dieser grüne Sonnenschirm! ja, sie ists – Lora – die Göttin meiner Sehnsucht! wohin so eilig? sprich, Lieblichste der Nymphen, oder meine Seele verschmachtet.«

Lora Sleaford klappt den grünen Sonnenschirm zu und tippt damit an die römische Nase ihres Bewunderers.

»Sei kein Kameel,« lautet die freundliche Antwort, »wenn ich des Kindes wegen die ganze Nacht kein Auge geschlossen, werde ich mich wohl erkundigen dürfen, wies ihm geht. Warum warst Du gestern nicht bei uns?«

»Unabweisbare Geschäfte hielten mich ab. Deine schönen Augen aber heften sich fragend auf das Antlitz meines Freundes, er sehnt sich nach einer Vorstellung, also erlaube mir, Dir Mr. Gottfried Valandigham Lamare vorzustellen.«

Lora verneigt sich anmuthig lächelnd, die dunkelen Augen, die blühenden Wangen und die blendenden Zähne leuchten blitzend auf.

Julius Unsinn schwätzen zu hören, scheint ihr nichts Neues. Gottfried lacht, erröthet aber mit jener reizenden knabenhaften Schüchternheit, die Julius Livingstone nie gekannt.

»Erröthe nicht,« lächelt der junge Springinsfeld mit einem freundschaftlichen Schlag auf Lamares Schulter, »Miß Loras Reize überwältigen uns Alle eine Zeit lang, doch wir gewöhnen uns rasch daran. Du willst also nach Olga sehen, Lora? sehr liebenswürdig! Die Kleine schläft, der Arzt gibt Hoffnung, daß die fatale Geschichte keine ernsten Folgen haben wird. Uebrigens ist das Märchen von der Waldhexe seltsam unglaublich.«

»'s ist nur zu wahr,« entgegnet Lora, »ich bin überzeugt, daß es Niemand anders war, als unsere Emmy.«

»Wirklich! was für ein kleiner Teufel der Fratz ist. Sollen wir Dich nach Hause begleiten, Lora? Du weißt, nichts könnte uns glücklicher machen.«

Miß Lora lehnt das Vergnügen ab, sie muß nach Lockport, Albert wartet mit dem Einspänner auf sie. Mit freundlichem Lächeln eilt Lora der Villa zu.

Mrs. Ventnor, bleich und voll ängstlicher Aufregung, empfängt Lora, dankt mit herzlichen Worten für die gehabte Mühe und reicht dem jungen Mädchen ein kostbares Armband. Noch eine zweite Dame ist im Zimmer, eine hohe imponirende Erscheinung: Mrs. Abbott. Auch diese tritt auf Lora zu und hält ihr die schmale, weiße Hand entgegen.

»Wir Alle sind Ihre Schuldner,« spricht sie mit weicher Stimme, »indem Sie Olga retteten, haben Sie uns unendlich verbunden. Bitte, nehmen Sie auch von mir einen kleinen Beweis des Dankes.«

Sie streift einen Rubinring vom Finger und legt ihn in Loras Hand. Heiß strömt das Blut in des jungen Mädchens Wangen, verlegen stammelt sie Dankesworte und empfiehlt sich unter zahlreichen Verbeugungen.

Olga ist schwer krank und liegt während der langen heißen Julizeit in heftigem Fieber. Immer und immer wieder erscheint der erhitzten Phantasie das wilde Mädchen im Walde, immer wieder fühlt die Kranke die unbarmherzigen Finger im Haare, sieht die tödtliche Waffe und markdurchdringend tönt der Schrei des angstvollen Kindes, das mit Gewalt im Bette niedergehalten werden muß. Die langen goldenen Haare werden abgeschnitten, es gibt Tage, wo der erfahrene Arzt bedenklich das Haupt schüttelt.

Lora Sleaford erkundigt sich oft nach der Kranken, Emmy hört eines Tages in ihrem Herdwinkel die Geschichte von den abgeschnittenen Locken. Einen Augenblick später ist sie verschwunden im Walde. Das Gesicht im thaunassen Moos, liegt sie. Ihres Herzens Wunsch ist erfüllt, und doch ist sie nicht froh darob. Eine Art Reue befällt sie. Sie wollte die kleine Erbin nicht tödten, nur erschrecken, nur die langen, gelben Haare ihr abschneiden, sie nicht krank machen.

»Wenn sie stürbe, würde man mich ins Gefängniß werfen? vielleicht hinrichten? nun, im Grunde genommen, was liegt daran? dann hat alles Elend ein Ende, und hängen thut auch nicht weher als die Reitpeitsche.«

Dicke Thränen quellen in den Augen auf, die gewöhnlich so haßerfüllt blicken, langsam perlen sie über die abgezehrten Wangen. Es kommt wohl daher, weil ihr weh ist an Leib und Seele. Abermals ist sie von Amos Sleaford mißhandelt worden, ist erbittert, hoffnungslos und krank.

»O, daß ich todt wäre!« schluchzt sie, »daß ich nie geboren wäre!«

* * *

Olga stirbt nicht. Ihr zarter Organismus bedarf der aufmerksamsten Pflege, der sorgfältigsten Behandlung. Die Stunde der Krisis kommt, die Bewohner der Villa sowohl als jene von Abbottsheim verbringen die entscheidende Nacht in rastloser Aufregung, Julius durchschreitet voll geheimer Vorwürfe das nachtfeuchte Gras, bis der Morgen empordämmert, Oberst Ventnor schleicht gespensterbleich durch die Hallen und Gänge der rosenumsponnenen Villa. Mrs. Abbott hält stumm die Hand der tiefbekümmerten Mutter und harrt beinahe athemlos der Krisis entgegen. Sie kommt – sie geht vorüber. Wildes Delirium löst sich in wohlthuenden Schlummer, glühende Fieberhitze in sanfte Transpiration – Olga ist gerettet.

Von Haus zu Haus fliegt die frohe Kunde und gelangt auch ins einsame Farmhaus. Lora theilt sie beim Abendbrod der versammelten Familie mit.

»Für dieses Mal ist Dirs geschenkt, Du häßlicher Affe,« wendet sie sich an Emmy, »nimm Dich aber in Acht, ein andermal möcht es weniger gut gehen, und dann ist Dir der Strick gewiß.«

»Das ist ja doch nur eine Frage der Zeit,« meint Albert, »einmal kommt es so weit. Du bist der veritabelste Teufelsbraten, der mir je vorkam.«

»Ich bin, wozu Ihr mich gemacht habt,« versetzt Emmy mit funkelnden Augen, »ein Wunder, daß ich noch keines von Euch getödtet habe, und ich thus noch, wenn Ihr mich nicht in Ruhe laßt.«

Ein Fluch von Amos Sleaford bringt das Mädchen zum Schweigen, in der armen, dunkelen, unwissenden Seele aber jauchzt es wie Dankgebet – wortlos aber innig – Olgas Leben ist gerettet!

»Was mir nur einfallen konnte,« denkt sie mit seltsamer Reue, »sie hat mir nie was gethan. Im Grunde genommen thut mirs leid, daß sie ihr schönes Haar verlieren mußte.«

Auch die übrigen Mitglieder der Familie fühlen sich über den glücklichen Ausgang befriedigt, wenn schon aus anderen Gründen.

»Bin froh, daß es vorüber ist,« sagt Bertha, »war das ganze Haus seither öde, wie ein Kirchhof, Niemand kam, außer Hans Black. Jetzt können wir doch wieder einmal tanzen, o Tony, wann solls sein?«

»Möglichst bald, natürlich,« bemerkt Lora, »und sage Julius, daß er den jungen Lamare mitbringt.«

»Der Vater geht nächsten Dienstag in die Stadt,« redet Albert dazwischen, »und da er weder als nützlicher, noch als verschönernder Gegenstand figurirt, sollten wir die Gelegenheit wahrnehmen.«

Der Vorschlag wird mit Vergnügen angenommen und Dienstag gewählt. Julius und Gottfried nehmen die Einladung an. Nun Olga außer Gefahr ist, fühlt Julius sein Gewissen entlastet, mit Jubel begrüßt er das kommende Fest.

»Wir bringen den jungen Damen bei solchen Gelegenheiten ein kleines Präsent, aber keine Blumen oder ähnlichen unmateriellen Kram, sondern etwas Vernünftiges, einen Schinken, eine Torte, einen Truthahn oder dergleichen. Ich werde dieses Mal einige Flaschen Champagner geben, Du aber, Lilie des Feldes, die Du zum ersten Mal in der Gesellschaft erscheinst, bist jeder Leistung überhoben. Deine Gegenwart genügt.«

»Ich wundere mich nur, daß Dir unter den Leuten wohl ist. Sie scheinen Dir zu gefallen.«

»Das sollt' ich meinen, junger Aristokrat, die menschliche Natur in all ihren Abarten ist für mich von lebhaftem Interesse, insofern interessirt mich Lora Sleaford doppelt. Laß nur all Deine hochtrabenden Ansichten sammt Deinem Frack in Abbottsheim, zieh' einen Jagdkittel an, komm und sei vergnügt.«

Die Beiden erscheinen zuletzt. Von Weitem schon strahlt das Licht der hellen Fenster ihnen entgegen, Alberts Violine, kratzt den Willkommengruß. Momentanes Verstummen begrüßt Lamares Erscheinen, es währt aber nicht lange, die heiteren Gruppen, die hier sich zusammenfinden, lassen sich nicht leicht einschüchtern.

»Stelle mich um Gotteswillen Niemand vor,« flüstert Gottfried beinahe ängstlich, »laß mich nur gehen, ich werde mich schon zurecht finden.«

Nur ein Gesicht scheint ihm in der Gesellschaft bekannt, Hans Black, und in seiner Nähe sucht er Platz. Black ist ein netter, junger Mann, vermögenslos, aber von guter Familie. Seine Mutter, eine Wittwe, gibt in Lockport Musikunterricht. Hans, ihr einziger Sohn, ist an der Redaction der Lockporter Zeitung beteiligt. Mr. Black aber ist zu anderem Beruf erkoren, als Lamares Schutzgeist zu spielen. Bertha, strahlend in wohlfeilem Schmuck und grellrothen Schleifen, beansprucht ihn als Ritter.

Ein Walzer beginnt. Albert hockt in einer Ecke auf einer Art Piedestal, der Raum ist enge. Julius wirbelt mit Lora im Zimmer umher, fünf andere Paare folgen und bumbsen mit eben so großer Vehemenz als lautem Vergnügen an einander. Gottfried hat schon mancherlei Tänze gesehen, so etwas Wildes, Bacchantisches wie dieses Walzen nie.

Es ist eine Augustnacht, der volle Erntemond gießt mildes Licht über die sommerlich warme Gegend. Die Gesichter glühen, der Athem keucht. Der rasende Wirbel, der an ihm vorüberdreht, macht Lamare schwindelig, er erhebt sich und gelangt nicht ohne Mühe nach der Thüre, die zur Küche führt. Hier befinden sich nur zwei Personen, Tony Sleaford und ein schäbig gekleidetes kleines Mädchen, die als Handlangerin dient. Tony ist Küchenmeister. Schon als Junge legte er ein nicht zu verkennendes Talent für die Fabrikation der »Birnknödel« an den Tag. Mehrere Jahre ernstlichen Strebens haben das Talent zum Genie entwickelt. Keine Schmauserei bei Sleafords wäre ganz gewesen ohne die traditionellen Birnknödel. Es war gewöhnlich das Einzige, was die Familie zur Erfrischung beisteuerte. Tony also beugt sich mit prüfender Kennermiene über den brodelnden Kessel, dem alle Düfte des gesegneten Arabiens entsteigen. Das Mädchen leert mit verdrossener Miene und nachlässigem Sichgehenlassen einige Körbe und ordnet deren Inhalt auf zwei rohgezimmerten, aber mit sehr weißem Linnen bedeckten Tischen, auf welchen auch blaue Porzellanteller, zweizackige Gabeln und eine Anzahl verschieden geformter Messer sich befinden. Es bedarf vieler Geschicklichkeit des Kochs, um mit einem Auge die werdenden Birnknödel, mit dem anderen die kleine Gehilfin zu überwachen, auf daß sie sich von den Vorräthen nichts unrechtmäßiger Weise aneigne. Die Tafel fängt an, sich wahrhaft überwältigend zu präsentiren.

Zu beiden Seiten einer anmuthigen Hammelpastete, Hans Blacks freundlicher Aufmerksamkeit zu verdanken, paradiren zwei silberverkappte reizende Flaschen, Julius Livingstones Gabe, rechts ein Pflaumenkuchen mit dickem Zuckerguß, links eine Kalbskeule mit Zuckererbsen. Hier und dort ein Glas eingemachter Gurken, einige Schnitte Eydamer, ein Teller Bisquit und andere Leckereien, der Tribut des Gewürzkrämers von Lockport. In einem großen irdenen Topfe steht Souchong angebrüht für die »Damen«, während Whisky, Cognac und Rum in Begleitung einer Kiste Cigarren die Herren locken. All das im Verein mit den Birnknödeln bildet natürlich ein Göttermahl.

Lamare setzt sich aus das Gesimse des offenen Fensters, frische Luft zu schöpfen. Trotz Allem unterhält ihn das Ungewohnte der Geschichte. Tony Sleaford versucht in höflicher Weise ein Gespräch anzuknüpfen, es stockt aber bald wieder, denn seine Aufmerksamkeit ist zu getheilt. Ungeachtet seiner Argusblicke practicirt Emmy ein kleines Pastetchen, eine Handvoll Kartoffelbisquits und ein Stück Käse in ihre Tasche. Lamare beachtet die kleine Diebin mit neugierigem Interesse. Er hat eine ihm angeborene ritterliche Verehrung für jedes weibliche Wesen, dieser Wechselbalg aber scheint ihm von ganz anderer Natur, als Lora oder Olga. Und doch trägt sie heute Abend ihre besten Kleider, Strümpfe und Schuhe, und die dicken rothen Haare lassen den Versuch nicht verkennen, den man gemacht, sie schlicht zu beiden Seiten niederzukämmen. Gottfried sieht ein blasses, abgemagertes, hungeriges Gesicht, nicht häßlich von Natur, aber entstellt durch den Ausdruck von Trotz und Verdrossenheit. Bei jeder raschen Bewegung Tonys duckt sich das Mädchen, als wolle es einem Schlage entgehen. Ein hartes, trübes Leben zeigt seine Spuren in dem jungen Gesichte ohne Lächeln und Sonnenschein.

Drinnen wird der Lärm nahezu betäubend. Das Haus bebt unter den Tritten der Tanzenden, Alberts Geige ermüdet nicht, bis ein krebsrothes Gesicht unter der Thüre des Tanzsaales erscheint und mit Stentorstimme verkündet:

»Es ist servirt.«

»Was Gottfried, Du nimmst Unterricht im Kochen?« lacht Julius und wischt sich den Schweiß von der Stirne, »Puh, wie heiß es ist. Aber Lora tanzt auch zum Entzücken und scheint nicht einmal müde, während ich zum Umsinken erschöpft bin.«

Man setzt sich zu Tische. Die Gesellschaft ist lärmend und hungerig. Birnknödel, dampfender Kalbsbraten, heißer Thee und Hammelpastete werden mit Berserkerwuth angegriffen. Jeder langt nach dem Nächstbesten, bedient sich und die Nachbarn. Käse, Gurken, Zuckererbsen, Pflaumenkuchen und Pasteten verschwinden von der Tafel. Die Herren löschen den Durst mit Lagerbier und Grog, die Damen schlürfen heißen Thee und leisten sich Champagner mit großer Seelenruhe und Unparteilichkeit. Gottfried Lamare sieht die Gesellschaft in ganz neuem Lichte. Es unterhält ihn und verursacht ihm doch Ekel. Ein paar Mal guckt er sich nach dem kleinen dienstbaren Geiste um. Emmy hat ihre Rolle zu Ende gespielt und kauert in der Kaminecke, als erfreue sie sich der Epidermis eines Feuersalamanders und trotze der Glut. Verstohlen knuspert sie an den entwendeten Leckerbissen und besteht sich die Leute mit scharfbeobachtenden Augen. Niemand gibt Acht auf sie oder denkt daran, ihr eine Erfrischung zu bieten. Den Hunden wirft man zuweilen einen Knochen hin – sie bekömmt nichts. Nach Tische wechselt Gesang und Tanz, Lamare beginnt sich zu langweilen und wünscht, die Geschichte wäre zu Ende.

Emmy bietet ihm wieder Stoff zu Beobachtungen. Sie trägt den Tisch ab, spült die Teller, räumt auf und kehrt die Dielen mit schnellen geschickten Händen. Statt nach geschehener Arbeit zu Bette zu gehen, es ist bereits Mitternacht, holt sie ein zerrissenes Buch und beginnt zu lesen. Die Finger in den Ohren, die Augen aus das Buch geheftet, scheint sie gegen Alles um sie her taub und blind. Lamare betrachtet sie eine Weile.

»Was liest Du da?« fragt er.

Er muß ihre Schulter berühren, ehe sie aufblickt. Welch eine Verwandlung ist mit dem Kinde vorgegangen. Trotz und Ueberdruß sind aus dem Gesichte verschwunden, helles freudiges Interesse leuchtet aus demselben. Sofort aber tritt der gewohnte Blick düsteren Mißtrauens wieder ins Auge. Sie deutet auf das Titelblatt.

»Robinson Crusoe« liest er, »gefällt Dirs?«

Sie nickt.

»Es fehlt aber der Anfang und das Ende; liesest Du viel?«

»Nein.«

»Warum?«

»Keine Bücher, keine Zeit.«

»Hast Du Geschichten gern?«

»Und wie!«

»Soll ich Dir ein Buch bringen, wenn ich wieder komme?«

Sie sieht ihn an, verwundert, mißtrauisch. Er ist ein junger Cavalier, er spricht freundlich mit ihr, das hat noch nie Jemand gethan, er bietet ihr ein Buch an. Niemand hat ihr je etwas gegeben. Ihr Blick wird düsterer, sie weiß nicht, was sie von der Geschichte denken soll.

»Ich will Dir Bücher bringen, Deine Schwestern müssen Dir erlauben, sie zu lesen, das sind aber Bücher, die viel besser für Dich passen, als »Robinson Crusoe«.«

»Meine Schwestern?« wiederholt sie höhnisch, »ich habe keine Schwestern. Wenn Sie mir aber Bücher geben wollen« – etwas mißtrauisch – »doch Sie haben mich ja nur zum Besten –«

Gottfried versichert sie seines guten Willens.

»Nun ja, so bringen Sie die Bücher, nicht hierher, ich bekäme sie doch nicht. Kennen Sie die alte Mühle im Walde?«

»Im schwarzen Grunde? ja.«

»Wenn es Ihnen Ernst ist, bringen Sie die Bücher dahin, es kommt Niemand von uns je nach der Ruine. Ich weiß aber, Sie wollen nur scherzen.«

»Sollst sehen, morgen schon findest Du Bücher dort. Wie heißest Du?«

»Sleafords Emmy,« antwortet sie mit schrillem Lachen, »oder schlechtweg die wilde Emmy, 's ist einerlei, ich höre auf Beides.«

»Und Dein anderer Name?«

»Hab' keinen anderen, hab' weder Vater noch Mutter, noch Verwandte, noch Freunde, hab' Niemand und nichts auf der Welt.«

Sie wendet ihre Aufmerksamkeit wieder dem Lesen zu. Als die Gesellschaft endlich aufbricht, kauert sie noch regungslos über dem Buche. Gottfried wünscht ihr gute Nacht. Er ist der Einzige, der sie angeredet. Seine flüchtigen, kurzen Worte sind das Samenkörnlein, aus dem die düstere Saat keimt – der Unheil entspringt. Es befindet sich in Gottfried Lamares Leben manch denkwürdige, ereignißvolle Nacht, keine aber hebt sich aus der Vergangenheit so schaurig grell wie diese.

Lamare findet sich nicht wieder bei Sleaford ein, solchen Gelagen gewinnt er keinen Geschmack ab, dennoch vergißt er die seltsame Spukgestalt des kleinen Mädchens nicht, das die Nachtruhe der Erzählung »Robinson Crusoe« opfert. An: folgenden Tage begibt er sich mit dem versprochenen Buche nach der Mühle und legt es auf eine rohgezimmerte Bank.

Es ist ein sonnenloser, trüber Tag. Das Bild der Verwilderung und Oede, das ihn umgibt, macht ihn traurig. Welch eigenthümlich garstigen Schlupfwinkel sich die Kleine ausgesucht, so unheimlich und spukhaft, wie ihr eigenes Wesen. Einsam liegt der schwarzgrüne Sumpf unter dem bleifarbenen Horizont, krächzend erhebt sich die Stimme eines Frosches, sonst herrscht ringsum düsteres Schweigen. Ein böser Bann scheint über dem Wasser zu liegen und über der halb zerfallenen Mühle daneben. Schwere Tannenwälder und üppig aufschießendes Schlagholz fassen das Bild von allen Seiten ein. Kein Weg führt dahin, das Unkraut hat ihn längst überwuchert, ein schmaler Pfad nur, den des »wilden Mädchens« nackte Sohlen gebahnt, schlängelt sich durch das Gestrüpp und Haideland. Beim Gedanken an das mißhandelte Kind erfüllt ihn inniges Mitleid.

»Armer Tropf!« denkt er, »nichts als harte Arbeit, Hunger und Schläge, welch grausames Loos!«

Er verläßt den Ort und wendet die Schritte dem Dorfe zu. Er und Carola werden in der Villa erwartet, sie sollen dort speisen, es ist das erste Mal, daß Olga das Zimmer wieder verläßt. Im zierlichsten ihrer zierlichen weißgestickten Kleider trägt Papa sie hinunter zum Tisch unter den Bäumen, wo Julius, Carola und Gottfried sie erwarten. Das fließende Gold ihrer Locken ist verschwunden, bleich und schattenhaft, aber ungemein lieblich sieht sie aus. Natürlich ist sie des Festes Königin und wird geschmeichelt und verzogen nach Herzenslust.

* * *

Spät am Abend, nach harter Arbeit, denn es ist Waschtag im rothen Farmhause, schleicht Emmy den gewohnten Pfad entlang, ihrem Waldschlößchen zu, im Herzen leise Hoffnung, daß der junge Herr, der gestern mit ihr sprach, Wort gehalten. Freilich wird die Hoffnung bei näherer Ueberlegung schwächer und schwächer. Emmy hat noch nicht viele Menschen kennen gelernt, die Wort halten, warum sollte der Herr weiter an sie denken? war es nicht überhaupt seltsam, daß er sie nur bemerkt? Julius Livingstone ist monatelang ins Haus gekommen und hat nie ein Wort zu ihr gesagt. Dennoch versieht sich Emmy mit einer Kerze, einer Flasche statt des Leuchters und einigen Zündhölzern für den Fall, daß wirklich sich ein Buch vorfände. Wenn es dann nicht regnet, wird sie die Nacht in der Mühle bleiben.

Des trüben Tages Dämmerlicht erlischt im Westen, als sie das Versteck erreicht. Ihr scheint es weder öde, noch häßlich. Hier verbringt sie ihres Lebens ruhigste glücklichste Stunden. Die Frösche im schlammigen Moor quacken ihr freundlich entgegen, ihre goldäugigen Köpfe scheinen ihr die schönsten, die sie je gesehen. Sie hat »Robinson Crusoe« gelesen, bunte Phantasieen umflattern sie. Wie, wenn sie Sleaford entflöhe, und sich hier ansiedelte? hier, allein ohne Schläge, ohne harte Arbeit, ohne Schelte, ohne Fußtritte – welch ein Glück und doch ist dieser reizende Gedanke nicht ausführbar, Sleafords würden sie nie ohne Weiteres fortlassen, wer würde Holz tragen, Wasser schöpfen, den Boden putzen, die Küche reinhalten? auch gibt es im Walde von Lockport keine wilden Trauben, keine Lamas oder anderes Gethier, das sich leicht fangen und verzehren ließe, wie auf Crusoes schöner Insel. Eine kleine Schlafstelle aber hat Emmy sich doch hergerichtet, ein Bündel Stroh, ein altes Kissen und ein paar Decken laden zur Ruhe, manch stille Sommernacht wird hier verlebt, während die Sterne niederglitzern durch die Löcher im Dache. Diese Nächte sind für Emmy der Inbegriff irdischen Glückes.

Sie erreicht die Mühle, tritt ein, findet auf der Bank ein Buch in rothgoldenem Einband. Ihr Herz hüpft, – so ein Buch hat sie noch nie gesehen. Sie wischt die schmutzigen Finger an den Rockfalten ab und nimmt es gierig auf. Beim letzten Tagesschimmer liest sie »Der Antiquitätenhändler«. Das Buch ist voll Bilder, sie verschlingt sie mit den Augen, die Sätze scheinen kurz, der Druck ist deutlich und groß. Sie drückt das Buch ans Herz, wie gut von dem freundlichen jungen Herrn an sie zu denken, – an sie. Ein Seufzer der Dankbarkeit entschlüpft ihr, alles Gute ist in dem Kinderherzen nicht erloschen. Wie aber, wenn er wüßte, wie schlecht sie ist, daß sie Miß Ventnor beinahe getödtet! ja, wenn er das wüßte, müßte er sie verachten und fliehen wie häßliches Gewürm, er würde ihr nie wieder ein Buch bringen.

Es wird Nacht, sie steckt das Licht an und macht sich ans Lesen. Unterbrechung braucht sie nicht zu fürchten, nach dem verrufenen Orte kommt keine Seele. Der Leib manches Selbstmörders modert in seiner Umgebung, die Bewohner von Lockport scheuen sich vor dem gespenstigen Bild der halbverfallenen Mühle am schwarzen sumpfigen Weiher. Der dunkele Nachthimmel spannt sich über das schweigende Fleckchen Erde mit dem zeitzerfressenen Gebälk, daraus schwaches Lichtflimmern dämmert, bei dessen Schein das seltsame Kind gebückt kauert und liest. Plötzlich erhebt sich stöhnend der Wind, heult durch die Baumwipfel und schüttelt die Föhren. Langsam erst, dann rascher und rascher fallen große Tropfen plätschernd gegen die Balken des geborstenen Daches. Emmy hört und achtet es nicht. Mit gierigen Augen liest sie die Geschichte der kleinen Nelly, athemlos folgt sie ihr durch die Kentischen Wiesengründe. So was hat sie noch nie gelesen. Sie lacht mit Dick Scrivellen, sie personificirt sich mit der Marquise, sie verliert sich in der Bewunderung der kleinen Nelly. Es ist schon sehr spät, das halbe Buch hat sie durchlesen, da fällt ein schwerer Tropfen mitten auf die Flamme des Lichtes und verlöscht es zischend. Die Kerze ist ohnehin schier verbrannt, seufzend schließt Emmy das Buch und wird jetzt erst gewahr, daß es heftig regnet. Sie lauscht dem Sturm, der durch den Wald heult.

Was liegt daran? das Strohbett ist da, sie bleibt lieber hier, als bei solchem Wetter zu Sleafords zurückzukehren. Ehe sie sich schlafen legt, sitzt sie noch lange, die Knie im Arme, und sinnt hinaus in die dunkele, stürmische Nacht. Die Geschichte der kleinen Nelly gibt ihr zu denken. Wie ganz anders ist sie als Nelly! aber sie hat auch Niemand geliebt, für sie hat Niemand gesorgt, Niemand sie belehrt. Wie es wohl sein mag, wenn man glücklich ist, Vater, Mutter und Freunde hat, und ein Heim, worin man weder flucht noch schilt, wo es keine Schläge gibt, sondern hinreichende Nahrung und Kleidung und viele Bücher. Dann wäre es wohl nicht schwer, gut zu sein, so aber – sie blickt schauernd und trauernd zurück auf die kurze Zeit ihres Lebens, eine Art nie gekannter bitterer Wehmuth quillt empor in dem kleinen Herzen. Böse ist sie, schlecht, sehr schlecht, das ist nicht zu leugnen, aber womit hat sie solch armseliges Dasein verdient? ist sie ja doch kaum mehr als ein Kind, kam sie etwa schon böse zur Welt, ganz anders als andere Kinder? umsonst versucht sie das Räthsel zu lösen, in Finsterniß des Geistes und Herzens tastet sie umher.

Angenehm wäre es freilich, gut zu sein, aber unmöglich ists gleichfalls. Wie ginge das inmitten der Sleafords? und sagen sie nicht immer, sie sei ein kleiner Teufel? wozu also probiren? 's wäre ja doch nichts nütze. Mit tiefem Seufzer und seltsam bewegtem Gemüthe sucht Emmy ihr improvisirtes Lager auf.

Einige Tage später fällt es Gottfried ein, der traurigen Kleinen bei Sleafords wieder ein Buch zu bringen. Er springt in den Sattel und reitet langsam den Waldweg entlang, der rothen Farm zu. Ihn wundert es nicht minder, als Andere, wie es kommt, daß Mr. Abbott dieses gute Farmland dem nachlässigen Gesindel überläßt, das Geheimniß aber ist nicht zu ergründen.

Sollte an Julius' Aeußerungen etwas sein? im Stillen fühlt Gottfried weder Liebe noch Achtung für seinen Stiefvater, er mißtraut ihm, und theilt seiner Mutter unausgesprochene Abneigung und Kälte. Er ist noch sehr jung, sein Wesen aber ist adelig von Natur, er haßt Geldstolz und Rohheit, sein Verstand ist über seine Jahre entwickelt und sagt ihm, daß Julius unliebsame Andeutungen wahrscheinlich nicht ohne Grund sind. Gottfried kämpft gegen solch unwillkürliche Gefühle und zwingt sie nieder. Mr. Abbott ist gegen ihn gütig, ist stolz auf ihn, verschwenderisch freigebig, er muß dankbar sein gegen den Mann, der ihn so auszeichnend behandelt, und doch vermag er kein Herz für ihn zu fassen. Während er so dahinreitet, schmettert plötzlich helles, freudiges Schlagen aus den Zweigen über ihm. Er hält das Pferd an. Twitt, twitt, twitt, twitt, twitt, tw–i–i. Ein Sturzbad silberner Töne: der Vogel aber ist nirgends zu sehen. Der Finkenschlag verstummt, eine Amsel läßt sich hören, ein Staar lockt, ein Eichkätzchen gurrt, ein Frosch quackt, eine Grille zirpt, und nun steigt das jauchzende Trillern der Lerche in die Luft. Verwundert sieht Gottfried zu den Zweigen empor, treibt ein Spottvogel Spaß mit ihm? Wildes, schäkerndes Lachen tönt aus der Blätterwildniß, die Zweige rascheln, ein blasses Kindergesicht voll Muthwillen und Neckerei guckt hervor.

»Ich bins,« sagt Emmy, »ich mache die Vögel nach, ich kann auch Pfeifen. Horchen Sie nur.«

Das klarste, wehmüthigste Pfeifen, das er je gehört, hebt an. »Lang, lang ists her,« klangen die wundersamen Töne.

»So, und nun will ich auch eines singen, wenn es Ihnen recht ist. Wußten Sie nicht, daß ich singen kann? wir singen Alle bei Sleafords. Haben Sie den Kußwalzer schon gehört?«

Eine starke, klare, überaus süße Stimme hebt die bekannte Melodie an und weckt des Waldes schlummerndes Echo.

Lamare horcht in stummer Verwunderung. Welch seltsames Kind, ein musikalisches Genie. Wie kann in dem verwahrlosten, halbverhungerten Körper diese Stimme wohnen? die heitere Weise verklingt, das Kind steigt an ein paar Zweigen nieder und hockt in gleicher Höhe mit Lamares Hut auf dem Ast.

»Das war aber ein schönes Buch, das Sie mir geliehen,« fängt sie an, »hab' es zweimal gelesen und gar nicht schmutzig gemacht, 's ist drunten in der Mühle.«

»Wahrhaftig, es ist Sleafords Emmy,« lacht Gottfried, »Du bist eine Hexe, Mädchen, wer lehrte Dich singen und zwitschern und pfeifen, wie ein Vogel?«

»Niemand; ich kann es von selbst, es ist sehr leicht, so leicht wie nichts.«

»Kannst Du auch noch andere Sachen als den Walzer?«

Emmy nickt.

»Ein Kirchenlied, das Ihre Mutter auch singt, Lora hörte sie es singen. Es geht so.«

Die Silberstimme der jungen Brust erhebt sich und flötet hinaus mit einer Innigkeit und Kraft, die Lamare in Erstaunen versetzt. Wie seltsam klingt die hehre Melodie aus diesem Munde. Mit eigenthümlichen Gefühlen der Andacht und Rührung verfolgt er die schönen, heiligen Worte.

»Meiner Treu, Du bist ein Wunderding!« ruft er, nachdem sie geendet, »das Buch gefiel Dir also? möchtest wohl noch ein solches, he?«

»Und ob?«

»Sollst noch heute Abend eines in der Mühle finden. Wer hat Dich lesen gelehrt? gingst Du in die Schule?«

»Da wäre ich Amos Sleaford recht gekommen. Tony lehrte mich lesen, er ist besser als Albert, er flucht nicht, wie die Anderen. Schreiben lehrte er mich auch, aber nicht viel.«

»Und Du möchtest mehr lernen?«

»Nun, das können Sie denken. Nützt aber nichts, der alte Amos schlüge mich todt, wenn ich nur so was spräche.« Emmy streift die Jacke von der Achsel. Lange, blutunterlaufene Streifen ziehen sich darüber. »Das ist von gestern Abend, er war betrunken und schlug mich, bis ich mich nicht mehr rühren konnte.«

»Was hast Du denn gethan?« fragt Lamare voll Mitleid und Grauen.

»Nichts, ich holte den Stiefelzieher nicht so geschwind. Da schleppte er mich in eine Ecke, wo ich nicht aus konnte, und schlug mich, bis Albert ihm die Hundepeitsche aus der Hand nahm. Das nächste Mal will er mich todt schlagen, sagt er, meinetwegen, ich frag' auch nichts darnach.«

Sie fängt an, trotzig zu pfeifen, zwei dicke Tropfen aber steigen ihr ins Auge, sie schüttelt sie ärgerlich weg.

»Armes, armes Ding!« sagt Gottfried wirklich bewegt.

Die Worte des Mitleids verwischen all den angequälten Muth und Trotz, sie drückt die Hände vors Gesicht und weint bitterlich.

»O wär' ich todt!« stammelt sie, »todt und begraben!«

»St!« warnt Lamare betrübt, »das darfst Du nicht sagen. Weine nicht mehr, ich will sehen, was ich für Dich thun kann. Du wärest gewiß ein braves Kind, wenn Du nicht mißhandelt würdest. Ein Hund hat ja ein besseres Leben.«

»O mein Gott,« schluchzt die arme Kleine, halb erstickt von Thränen.

Zum ersten Mal im Leben hört sie theilnehmende Worte, zum ersten Male hat Jemand Mitleid mit ihr, und die ungewohnte Sympathie bricht ihr schier das Herz.

»Hör' auf zu weinen, Emmy, ich werde Dir ein Buch in die Mühle bringen und in zwei Tagen wieder kommen, hörst Du? leb' wohl unterdessen und sieh zu, daß Du keine Schläge kriegst.«

Mit diesem Wunsche dreht der junge ritterliche Beschützer zerlumpter Jungfräulichkeit sein Pferd und reitet gedankenvoll nach Hause zurück. In seinem Innern reist ein Entschluß, dessen Ausführung Emmys Leben anders gestalten mußte.

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