Am Rande des Abgrundes
Verlag: Verlag von J. Habbel
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Fünftes Capitel. Emilie Bennett.
Schweigend sitzt Emmy während der Fahrt zum Bahnhof. Der Blick in Julius' Auge verfolgt sie, die gezwungene Heiterkeit seines Wesens hat ihr Herz wie mit Todesstreich getroffen. Daß es so bald, so bald am Morgen nach seiner leidenschaftlichen Erklärung sein sollte!
»Im Sturme erobert!« ach, aber nicht lange behalten. Reue, Verlegenheit, der Entschluß, die Sachlage eben so gut als möglich hinzunehmen, stand deutlicher in seinen Zügen, als er vielleicht selbst gefühlt.
Professor Erichson plaudert ohne Aufhören, zum Glück verlangt er keine Antwort. Man erreicht das Stationsgebäude gerade recht, Billets zu lösen, wenige Sekunden später gehts dahin durch die sonnenhelle, sommerliche Morgenlandschaft. Madame Erichson setzt sich in Gesellschaft eines Romans in die Ecke und bleibt fortan äußeren Einflüssen verschlossen. Der Professor begibt sich ins Rauchcoupe, und so ist Emmy sich selbst überlassen und sinnt über Worte der Liebe nach, die, unbedacht gesprochen, zu früher Reue führen. Sie sitzt der Waggonthüre gegenüber, als diese auffliegt, dem Schaffner Eingang zu gewähren, fällt ihr Blick auf die Gestalt eines Bremsers, der draußen auf der Plattform steht. Wie vom Blitze durchzuckt, lehnt sie vorwärts. Die schlanke, kräftige Figur, das blauschwarze Lockenhaar muß sie kennen. Ein zweiter Blick, und ein Ruf der Befriedigung entschlüpft ihr. Jahre lang hat sie den Mann gesucht, nun steht er unerwartet vor ihr.
Ehe sie New Port erreichen, gesellt sich der Professor wieder zu seinen Damen, und Emmy wendet sich sofort an ihn.
»Es ist ein Bremser im Zuge, den ich kenne, und den ich sehen und sprechen muß. Bitte, bringen Sie ihn mir. Es ist ein großer, dunkeler, hübscher Mann, vor kaum zwanzig Minuten war er hier draußen.«
Der Professor scheint verwundert.
»Was soll ich ihm sagen?«
»Sehen Sie, dort steht er auf dem Perron,« unterbricht Emmy, »nein, sprechen Sie ihn erst an, wenn ich mit Ihrer Frau im Wagen sitze. Dann geben Sie ihm meine Karte und sagen Sie ihm, er möge eine Stunde bestimmen, wann er bei mir vorsprechen könne, es läge mir viel daran, ihn zu sehen.«
Man verläßt den Zug.
»Der Bremser wird in einer Stunde kommen,« meldet der Professor, »er war im höchsten Grade erstaunt und meint, es müsse ein Irrthum obwalten, er kenne keine Miß Emilie Wild.«
Zur bestimmten Stunde erscheint der Bremser im Hotel, und wird in ein elegantes Gemach geführt, in dem eine schlanke, junge Dame ihm entgegentritt, und lächelnd die Hand zum Willkomm bietet. Sie bleibt stumm, der junge Mann steht gleichfalls sprachlos vor ihr.
»Nun,« lacht sie endlich, »soll ich keine Hand bekommen?«
»Hab' nichts dagegen,« antwortet der Bremser, und berührt die schmalen, kühlen Finger der Dame, »kennen thu' ich Madame freilich nicht, und doch – mir scheint, als hätt' ich Sie gesehen –«
»Das sollt' ich meinen, gesehen und bescholten, o wie oft!«
»Wa – was?«
»Sieh' mich an, Tony, haben fünf Jahre mich so furchtbar verändert?«
»Wahrhaftig, 's ist unsere Emmy!«
»Eure Emmy, Sleafords Emmy, die wilde Emmy und Miß Wild. Ja, ja, all das in einer Person. O, lieber alter Tony, wie freut michs, Dich zu sehen!«
Mit weit offenen Augen starrt er das junge Mädchen an.
»Emmy, unsere Emmy, das? in Seide und Schmuck, eine vornehme Dame? Donnerwetter, und seit fünf Jahren suche ich sie überall wie eine Stecknadel. Aber ich kanns ja nicht glauben, sie war ja doch immer häßlich und nun –«
»Weißt Du, Tony, schöne Federn, machen schöne Vögel. Setz' Dich, mich verlangt, mit Dir nach Herzenslust zu plaudern. Guter, alter Tony, wie sonnenverbrannt und prächtig Du aussiehst!«
Sie rollt einen Polsterstuhl herbei, Tony Sleaford sinkt in dessen weiche Tiefe. Die schwarzen Augen wenden sich schier nicht von Emmys Antlitz. Er versucht, sich das barfüßige rothhaarige, störrische Kind von ehemals ins Gedächtniß zu rufen und neben die lachende, elegante Dame zu stellen. Unmöglich. Vor dieser Erscheinung ist jeder Zug der früheren Emmy verschwunden.
»Ich kanns nicht glauben, 's ist Alles nur Scherz. Sie sind unsere Emmy nie und nimmer. Die hatte rothes Haar –«
»Meines ist roth, wie damals, starre mich nur nicht so an, Tony, ich bins, glaube es nur, wollte Gott, ich wäre Jemand anders!«
»Warum? Du bist das glücklichste Mädchen der Erde, wenn Du wirklich unsere Emmy bist.«
»Ich? weil ich mich in Seide kleide?«
»Weil Du fürstliches Vermögen besitzest, sollte man nicht glauben, die Geschichte sei aus Tausend und einer Nacht.«
Nun starrt Emmy ihn an.
»Fürstliches Vermögen was willst Du damit sagen? was ich besitze, habe ich mir verdient, habe mein gutes Auskommen, aber reich bin ich nicht.«
Tony scheint völlig sprachlos ob dieser Erklärung.
»Also – also – weißt Du wirklich nicht –«
»Was denn, lieber Tony?«
»Herr meines Lebens! hat Gottfried Lamare Dich nicht aufgestöbert?«
»Ich sah Gottfried Lamare seit meiner Flucht aus Lockport, also seit etwa sechs Jahren nicht wieder.«
Tony Sleaford blickt fassungslos auf sie.
»Und Alles, was Dich umgibt, hast Du Dir verdient?«
»Alles, ich besitze keinen Pfennig, den ich mir nicht ersungen. Was aber willst Du damit sagen, Tony?«
Tony Sleaford zieht das rothbaumwollene Taschentuch hervor und wischt sich die Stirne. Das Staunen des gegenwärtigen Augenblicks übersteigt alle Grenzen, ihm – ihm ist es vorbehalten, Emmy Alles zu enthüllen.
»Donnerwetter, Emmy,« sagt er endlich und athmet tief auf, »dann ist heute gewiß der glücklichste Tag Deines Lebens. Laß mich aber erst zur Besinnung kommen und dränge mich nicht. Weißt Du, daß Mr. Abbott sich erschossen hat?«
»Armer Mann! ja, das weiß ich.«
»Und weißt Du, warum er sich erschoß?«
»Die Blätter gaben momentane Geistesstörung als Ursache an.«
»Ja, momentaner Pfifferling. Er wußte genau, was er that, und daß er es that, um dem Gesetze zu entkommen und – seiner hochstrebenden Frau Gemahlin. So schoß er sich eine Kugel durch den Kopf, das war am Einfachsten. Weißt Du, was Mrs. Abbott und Gottfried dann thaten? sie verließen Abbottsheim und den Ort.«
»Das wundert mich nicht im Geringsten, Mrs. Abbott konnte nicht länger unter einem Dache weilen, das so Entsetzliches geschaut. Wo aber sind sie jetzt?«
»Möchtest Du sie wirklich sehen? hast Du sie noch so lieb wie früher?«
»Wie kannst Du nur fragen? waren sie nicht meine Freunde, als ich auf Erden Niemand hatte, der sich um mich kümmerte? thaten sie nicht alles Mögliche, mich aus Verkommenheit und Unwissenheit emporzuheben? siehst Du, lieber Tony, für Mrs. Abbott ginge ich durchs Feuer.«
»Und für Gottfried?«
»Und für Gottfried. Was ich bin und habe, verdanke ich ihm. Warum aber fragst Du so sonderbar? was weißt Du von ihnen? wo sind sie?«
»Das weiß ich nicht. Uebrigens haben Sie wohl keine Sehnsucht, Dich zu sehen, obwohl ich Gottfried schwören hörte, Dich zu finden, wo auch immer der Erdboden Dich trage, um Dein Eigenthum Dir zurückzugeben. Man sieht, wie er Wort hält.«
»Du hörtest ihn schwören? wem schwören?«
»Unserem Alten – in der Nacht, wo er starb.«
»Mir mein Eigenthum zurückgeben? wovon sprichst Du?«
»Von dem, was ich den Alten in jener Nacht erzählen hörte. Vater ließ Gottfried kommen, als das Ende nahe war, und gestand ihm die geheime Macht, die er über dessen Stiefvater übte, sagte ihm, wer Du seiest und ließ ihn schwören, Dir zu Deinem Rechte zu verhelfen.«
Emmy springt auf mit großblickenden, funkelnden Augen, weißen Lippen und fest verschlungenen Händen.
»Wer bin ich, Tony, wer bin ich? um Gotteswillen, sprich!«
»Wer weiß, ob Dirs Vergnügen macht, wenn Du Mrs. Abbott so lieb hast. Ich sage Dir, Mr. Lamare sah aus wie eine Leiche, als er damals aus der Kammer wankte. Er konnte nicht an der Wahrheit der Angaben zweifeln, denn er hatte den Trauschein Deiner Eltern in Händen, leugnen konnte er auch nicht, denn ich sah und hörte Alles. Sollte es je vor Gericht darauf ankommen, so berufe Dich auf mich, Emmy, ich leiste Dir Zeugschaft, ich steh' zu Dir durch Dick und Dünn.«
»Aber Tony, wer – wer bin ich?!« ruft Emmy ungeduldig. »Nur das sag mir, alles Andere gilt mir gleich, wer bin ich?«
»Ja so, ich hätte es bald vergessen. Du bist Emilie Bennett, die älteste Tochter und einzige Erbin des verstorbenen Millionärs August Abbott.«