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Am Rande des Abgrundes

von Lina von Berlepsch

Verlag: Verlag von J. Habbel

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Kapitel 16

Sechstes Capitel. Vorgänge bei Sleafords.

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Amos Sleaford ist zufällig vom Hause abwesend, als die unangenehmen Ereignisse in der rothen Farm sich abspielen. Im Verein mit gleichgesinnten Freunden wohnt er einem Pferderennen bei, wettet, trinkt und flucht, und bedient sich bei jeder Gelegenheit seiner Fäuste. So geschieht es, daß ihm Emmys Flucht vor der Hand verborgen bleibt.

Am Abend des neunten Tages kehrt Amos, in noch schlechterer Laune als gewöhnlich, zu den Seinen zurück. Er verwünscht seine Augen, sein Glück, seine Freunde, den Weg, das Wetter und setzt das schmückende Epitheton »blutig« vor jedes Wort, während er die Straße entlang trabt. Schlecht ist der Weg allerdings. Der Januarsturm treibt harten Schnee in Amos' rothe, schnapstrübe Augen. Große Bitterkeit erfüllt ihn. Die Eitelkeit alles Irdischen hat sich ihm lebhaft aufgedrängt. Er reitet weiter auf seiner Mähre, hält vor jedem Wirthshaus und erreicht bei sinkender Nacht endlich die rothe Farm. Der behagliche Schein des Herdfeuers und Lampenlichtes lockt ihn von Weitem. Amos Sleafords väterlicher Gruß aber ist ein von Schnapsgeruch begleitetes Knurren und ungeduldiges Rufen nach Emmy, daß sie ihm die Stiefel ausziehe. Eine Pause entsteht.

»Nun,« zürnt Sleaford, »was, zum Henker, steht Ihr Alle da und glotzt mich an wie gestochene Kälber? kann keines die Dirne rufen?«

»Ja, Vater,« beginnt Tony, dem die Schwestern winken, »es nützt nichts, wenn Du böse wirst, Emmy ist nicht mehr da, sie ist auf und davon.«

»Was?« brüllt Amos in wilder Verwunderung.

»So wahr ich hier stehe, vor acht Tagen ging sie mit Hans Black durch.«

»Und nahm unsere Kleider mit,« fällt Lora ein.

»Bei Tagesanbruch machte sie sich mit Hans auf den Weg,« fährt Tony fort, »nachdem sie Albert ein Loch in den Kopf geschlagen, weil er wollte, sie sollte bei Watkins singen.«

Amos Sleaford sitzt mit offenem Munde und stieren Augen, er vermag nur zu fassen, daß Emmy durchgegangen. Tony erzählt in lebhafter und durchaus wahrheitsgetreuer Weise den Vorgang. Er schont Albert nicht, heimlich freut er sich über Emmys Muth und grinst versteckt, wenn er des Bruders verbundenen Kopf sieht, er hat gegen Emmy nie die Hand erhoben.

In düsterem Schweigen hört Amos Alles, lange nachdem die Geschichte geendet, sitzt er mit offenem Munde und blöden, stieren Augen stumm und regungslos. Das haben die Geschwister am wenigsten erwartet, es beunruhigt sie. Auf einen Schwall Flüche haben sie sich gefaßt gemacht, nicht auf unheimliches Schweigen. Endlich klappt Amos den Mundkiefer zu, langt seine schwarze kurze Pfeife von der Wand, stopft sie bis zum Rand, steckt sie an und erfüllt die Küche mit übelriechendem Qualm, ohne einen Laut von sich zu geben.

Albert tritt ein und grunzt seinen Willkomm. Der Vater bleibt stumm, streift aber mit eigenthümlichem Blick den langen Pflasterstreifen, der sich über Alberts Stirne zieht. Das Abendessen wird aufgetragen, schmackhaft und ausgiebig, wie es in Sleafords Küche herkömmlich ist. Amos nimmt die Pfeife aus dem Munde und greift zu mit dem Eifer eines Mannes, der weit geritten, und sich durch den Verlust von zweihundert Dollars und einer Küchenmagd den Appetit nicht verderben läßt. Durchs Fenster gesehen, bietet der Tisch mit den fünf kräftigen, dunkelen Gestalten, dem reichlichen Mahle, dem Schimmer des röthlichen Feuers ein anziehendes Bild. Stumm aber sind und bleiben die Esser, nur Bertha und Lora flüstern sich zuweilen ein paar Worte zu. Draußen peitscht der Schneesturm noch immer gegen die Scheiben, die Nacht ist völlig eingetreten. Das ists, worüber die Schwestern wispern, sie sollten zu einem Tanzvergnügen, der heulende Sturm aber macht den Ausflug fraglich.

Nach dem Abendessen erhebt sich Amos, noch immer stumm, vom Tische, schlüpft in seinen alten Flausrock, setzt die Pudelmütze auf und geht aus. Betroffen sehen sich die Geschwister an.

»Weiß ers?« fragt Albert.

»Tony sagte es ihm,« antwortet Lora, »er hat aber kein Wort darüber verloren, kein einziges Wort; möcht' wissen, wo er hingeht?«

»Wollt' wetten, er geht nach Abbottsheim,« bemerkt Tony, »der Alte drüben weiß mehr von unserem Vater, als irgend Jemand. Wahrscheinlich pumpt er ihn an, denn er hat Geld verloren.«

»Nun, Mädels, wenn Ihr kommen wollt,« unterbricht Albert, »so richtet Euch. Ich spanne den Schlitten an, warten aber werde ich nicht auf Euch.«

Die Mädchen springen auf, geben der Küchenmagd, die nun Emmys Stelle vertritt, einige Befehle, sagen ihr, sie brauche nicht auf den Herrn zu warten, hätte aber gegen fünf Uhr Morgens Kaffee bereit zu halten. Inzwischen hat Amos den Ort seiner Bestimmung erreicht. Tony hat richtig gerathen, er ging nach Abbottsheim. Noch immer trägt er den halb bewußtlosen und doch wild entschlossenen Ausdruck in den unheimlich starren, trüben Augen.

Es muß etwas Ungewöhnliches sein, das ihn nach Abbottsheim führt. Seit er vor nahezu sechs Jahren als Pächter der rothen Farm in die Gegend kam, war er einmal nur auf dem Schlosse seines Gutsherrn gewesen. Wie damals wandert er durch Sturm und Finsterniß, wie damals ist Emmy die Ursache seines Besuches. Zähneknirrschend ballt er die Faust gegen das große, nur spärlich erleuchtete Haus. Auf sein gewaltiges Schellen stürzen sofort zwei erschreckte Diener nach der Thüre.

»Ist der Herr zu Hause?« fragt er unwirsch.

Die Diener sind im Unklaren, ob sie diesem Menschen überhaupt antworten sollen. Des Mannes Haltung aber und der drohende Blick des finsteren Gesichtes rathen Vorsicht und Höflichkeit.

»Der Herr ist in Lockport zu Tische geladen, wir wissen nicht, wann er zurückkommt.«

»Wißt Ihr gewiß, daß er nicht zu Hause ist?« fragt Amos mit einem Blick, der die Diener bewegt, einen Schritt zurückzutreten, »Ihr erspart ihm Mühe, wenn Ihr ihm sagt, Amos Sleaford sei hier und wünsche in wichtiger Angelegenheit ihn zu sprechen.«

»Er ist nicht zu Hause,« wiederholen die Diener aufs Bestimmteste.

»Gut; wenn er heimkommt, so sagt ihm, Amos Sleaford sei hier gewesen, sei durch Nacht und Sturm gekommen, ihn zu sehen und müsse ihn heute Abend noch sprechen. Amos Sleaford hätte hier nicht warten können, würde aber in seinem Hause Mr. Abbott bis ein Uhr Nachts erwarten, und er thäte gut, wenn er käme. Sagt das Euerem Herrn gewiß, er thäte gut, wenn er käme.«

Mit diesen Worten kehrt Amos um und wendet die Schritte heimwärts.

Die Küchenmagd ist noch auf, als er die rothe Farm erreicht, mit einem Fluche schickt er sie zu Bette, und sie geht, froh, der Gesellschaft der Ratten und des finsteren Hausherrn entrückt zu sein. Sie schläft unter dem Dache in Emmys früherem Stübchen neben dem Gelaß, das Amos für sich beansprucht. Sie begibt sich zur Ruhe und fällt bald in tiefen Schlaf. Wie lange sie geschlafen, weiß sie nicht, die Ereignisse jener furchtbaren Nacht verwirren sich, fließen in ihrem blöden Kopfe ineinander. Sie erwacht über dem wilden Sturme der gegen den Kamin saust und Schneekörner wie Stahlnadeln ans Fenster peitscht. Es ist bitter kalt, schaudernd wickelt sie sich fester in die dünne Decke.

Von unten tönen Stimmen herauf, laute, zornige Stimmen. Sollten die Mädchen schon zurück sein? nein, es sind Männerstimmen. Mehr und mehr erschreckt, versucht sie, zu hören. Es sind zwei, die heftig streiten. Einer ist der Herr, die andere Stimme kennt sie nicht.

»Ihr sollt mir glauben müssen! oben hab' ich sie in meiner Kammer, weiß Niemand davon als ich. Kommt mit in drei Teufels Namen, daß ich Euch die Nase darauf stoße, sehen sollt Ihr, was Ihr nicht glauben wollt. Ich habe sie, und Euch hab' ich auch und werde Euch nicht schonen, oder ich will verdammt sein!«

Das Küchenmädchen fühlt bei dem entsetzlichen Fluch das Blut erstarren. Schwere Tritte dröhnen auf der Treppe, zwei Männer treten in das anstoßende Gemach. Man scheint Möbel zu rücken, in Schubläden zu stöbern, Sleaford flucht und schwört, der Andere ist stumm.

»Da, da ists!« ruft Amos endlich triumphirend, »rührt sie nicht an, oder es kostet Euch das Leben! schaut sie an! da ist das erste, das kennt Ihr, das aber ist das zweite, und das kennt Ihr noch nicht. Glaubt Ihr, ich lasse die Beweise so leicht fahren, nachdem ich sie achtzehn Jahre lang gehütet? Ei, Ihr wolltet, wolltet gar –«

Ein Schlag, ein Klirren, ein Ringen – entsetzliche Flüche zwischen durch sind im Stübchen vernehmbar. Den rauschenden Sturmwind, den peitschenden Schnee, das Trampeln der Füße aber übertönt ein Schrei, ein entsetzlicher, unnatürlicher Todesschrei. Man hört dumpfen Fall, schweres Stöhnen und Alles wird still.

Vor Schrecken starr kauert das Mädchen unter der Bettdecke und lauscht. Sie vernimmt wieder schwere Tritte auf der Treppe, die Hausthüre wird geöffnet und zugeschlagen, dann ist nichts mehr vernehmbar, als der Wintersturm. Es ist ein grauenvolles Schweigen. Plötzlich dringt tiefes Stöhnen an das Ohr des entsetzten Mädchens.

»Hülfe!« fleht eine schwache Stimme, »ich bin getroffen!«

Die Küchenmagd vermag sich nicht zu bewegen, die Zähne nur schlagen krampfhaft aufeinander.

»Hülfe!« fleht es von Neuem, »um Gotteswillen Hülfe!«

Unmöglich kann sie die schreckenslahmen Glieder regen, sie scheint zu Stein erstarrt. Die Stimme wird nicht wieder vernehmbar. Still, furchtbar still wirds in der Kammer drüben.

Wie die Stunden der Nacht endlich vergehen, weiß das arme Mädchen nicht. Bebend und zähneklappernd liegt sie unter der Decke, bis der erste Dämmerschein am Horizont aufzieht. Dann wirft sie hastig die Kleider um, öffnet mit zitternder Hand die Thür, drückt die Augen zu, nichts Grauenhaftes zu sehen, springt in zwei Sätzen die Treppe hinab, zum Hause hinaus, querfeldein über Schnee und Morast nach dem ersten besten Bauernhof, wo sie keuchend und unzusammenhängend ihre Geschichte erzählt. Ein Mord war in der rothen Farm begangen worden.

Der Farmer weckt seine Hausgenossen und geht mit ihnen zu Sleaford. Unterwegs begegnen sie den Schlitten, der die Söhne und Töchter nach Hause bringt. Die Kunde wird ihnen sofort mitgetheilt. In fünf Minuten ist der Schauplatz der angeblichen Greuelthat erreicht. Man eilt die Treppe hinan zur Kammer des Vaters, bleibt aber voll geheimen Grauens vor der Thüre stehen. Welch ein Anblick soll ihnen werden?

»Macht doch auf!« schluchzt Lora.

»Ja, macht auf,« stimmt Jemand von den Fremden bei, »vielleicht ist noch zu helfen.«

Albert gehorcht. Ein grausiges Bild enthüllt sich ihren Blicken. Allüberall Spuren des Kampfes, die Lampe zerbrochen, zur Erde geworfen, der Boden zerstampft, die Stühle umgeworfen, Blut überall. Es fließt in dünnem, dunkelen Strahl unter das Bett, wo es sich zur Lache sammelt, es färbt den Griff des mörderischen Messers, das neben dem Körper liegt.

Es ist ein starker, breitschultriger, robuster Mann, Hände und Kleider sind blutbefleckt.

»Es ist der Vater!« schreit Lora gellend.

Man hebt ihn vom Boden auf. Bertha sinkt wie gebrochen in die Knie. Amos Sleafords Gesicht ist starr, leichenfahl, voll Blut, aus einer Wunde an der linken Seite dringt der rothe Lebensstrom in dicken, halb gestockten Tropfen. So legt man ihn aufs Bett, den Herrn des Hauses, todt – ermordet, von seinem Mörder aber ist keine Spur vorhanden.

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