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Am Rande des Abgrundes

von Lina von Berlepsch

Verlag: Verlag von J. Habbel

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Kapitel 17

Siebentes Capitel. Enthüllungen.

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Am folgenden Morgen sitzt Mrs. Abbott allein in ihrem Boudoir, bleich und ruhig wie die Calla, die zu ihrer Seite blüht. Nur wenige Gemälde in schweren Goldrahmen heben sich vom cremefarbenen Damast der Tapete ab. Es sind Portraits, das ihre, jenes ihrer Kinder und eine sonnige Landschaft südlicher Färbung. Einige Bücher in geschmackvollem Einband, ein offenes Pianino, reiche Draperien um Thür und Fenstergesimse, knisterndes Feuer hinterm blanken Stahlrost vervollständigen das Bild. Die Dame lehnt im Morgenkleide im Fauteuil, hält ein offenes Buch auf dem Schoße und hat das Auge sinnend auf das Feuer gerichtet. Gleich allen Anderen in Lockport denkt sie an die Sleafords. Es ist kaum elf Uhr, böse Kunde aber hat rasche Schwingen. Um Emmys willen hat sie die Familie Sleaford stets interessirt, Mord und Todschlag ist zudem in Lockport etwas Unerhörtes. Ein Unbekannter ist in der vergangenen Nacht auf die rothe Farm gekommen, ist mit Sleaford in Streit gerathen und hat ihn ermordet. So lautet die unbestimmte Kunde, welche Mrs. Abbott erreicht, sie wünscht von ganzem Herzen Gedanken fernzuhalten, die sich ihr immer wieder aufdrängen. Emmys Betragen hat sie aufs tiefste empört. Nachdem sie ihr viel Gutes gethan und die Absicht hatte, allmählich sie aus ihrer Umgebung zu bringen, vermochte sie so zu handeln!

Die ganze schändliche Geschichte ist ihr mitgetheilt worden, wie Emmy auf keine oder geringe Veranlassung hin Albert schier den Kopf zertrümmert und nach geschehener Unthat in den Wald geflüchtet sei, wie sie den thörichten jungen Black zur Flucht mit ihr überredet und schließlich dem vermeintlichen Todtschlag noch Raub beigefügt, indem sie von den beiden Schwestern Sleaford Kleidungsstücke entwendet. Das Seltsamste an der Sache aber ist, daß, als Hans Blacks Mutter und Tante in unsagbarer Aufregung nach New York eilten, das flüchtige Paar einzuholen, einem unwiderruflichen Schritt vorzubeugen, sie nur den trostlosen jungen Mann finden, der eine unfaßbare Geschichte erzählt. Ja, Emmy ist mit ihm geflohen, aber sie ist auch ihm entflohen. Als Hans mit einem Freunde, der bei der Trauung als Zeuge dienen sollte, ins Hotel kam, fand er die Braut nicht mehr. Seitdem hat er wie irrsinnig die Straßen der Stadt durchkreuzt, ohne irgend welche Spur zu finden. Hätte die Erde sich geöffnet, das geliebte Mädchen zu verschlingen, sie wäre nicht unerreichbarer gewesen. Oft hat sie gedroht, sich das Leben zu nehmen, war sie dem schwarzen Weiher an der alten Mühle entronnen, um im Northriver ihr Grab zu finden? Mrs. Black gibt ihren Gefühlen, der Trauer des Sohnes gegenüber, keine Worte, kehrt aber, sehr zufrieden mit dieser Entwickelung, nach Lockport zurück.

Ueber all das sinnt Mrs. Abbott, während sie am Kamin sitzt und in die rothe Glut starrt. Auch Gottfried ist gegangen, Emmys Aufenthalt auszukundschaften. Er läßt sich nicht gegen das Mädchen einnehmen, baut fest auf ihre natürliche Herzensgüte und Dankbarkeit. Ist sie der Familie Sleaford entflohen, so wurde sie über alles erträgliche Maß mißhandelt, und ist sie Hans entflohen, so hat sie es nur zu seinem Besten gethan. Gottfried gibt Emmy nicht auf, will sie nicht aufgeben. Ist sie noch auf Gottes Erdboden, so will er sie finden. Und doch ists ihm bis jetzt nicht gelungen, ihre Spur zu entdecken.

Im Dienstbotenzimmer stehen zwei Diener beisammen und unterhalten sich flüsternd. Vielleicht wissen sie mehr als irgend Jemand von der Tragödie bei Sleafords, aber sie haben eine gute Stelle, viel Lohn und wenig Arbeit, und hüten sich, laut zu sprechen. Spät noch gestern Abend war der Ermordete ins Schloß gekommen und hatte einen frechen Befehl für den Herrn hinterlassen. Als dieser gegen elf Uhr nach Hause gekommen und ihm die Rede des fremden Mannes hinterbracht worden war, fluchte er, drehte den Kopf seines Pferdes westwärts und ritt aufs Neue Hagel und Sturm entgegen. Gegen zwei Uhr Morgens kam er heim, blaß wie der Tod, durchnäßt, frierend, mit Blut befleckt. Mit Blut! Weste und Hände trugen Blutspuren, das Gesicht war zerschlagen. All das ließ sich auf den ersten Blick ersehen. Er ging auf sein Zimmer, schloß die Thür und zeigte sich seitdem nicht wieder. Das sah verdächtig aus, die beiden Diener haben Ursache, zu flüstern und sich bei Seite zu halten.

Die Nachtvögel aber enthüllen die Thaten der Dunkelheit. In entsetztem Halbtone wird im Orte der Name des nächtlichen Besuchers bei Sleaford genannt.

Mit leisem Seufzer legt Mrs. Abbott das Buch weg und tritt ans Fenster. Der Januar läßt sich unfreundlich und stürmisch an, der Sturm der vergangenen Nacht tobt fort und fort über die Landschaft.

»Wo mag die arme Emmy sein?« denkt die fröstelnde Dame, »scheint es doch, als wäre es nicht möglich, für solche Menschen etwas Erhebliches zu thun. Die Natur läßt sich nicht ändern, unter äußerem Firniß bleiben sie wild und rücksichtslos bis ans Ende.«

Während sie in den Sturm hinausschaut, bemerkt sie eine Gestalt, die sich hastig dem Hause nähert. Einen Augenblick später pocht es an der Thür, ein scheu um sich blickender Diener erscheint auf der Schwelle.

»Nun?« fragt die Herrin überrascht.

»Es – es ist ein – junger Mann unten,« stottert der Diener, »und wünscht die gnädige Frau zu sprechen. Er heißt Sleaford.«

»Sleaford!« der Name hat sie den ganzen Morgen verfolgt, es ist der Name des Gemordeten!

»Ja, gnädige Frau, er sagt, er müsse Sie in wichtiger Angelegenheit sprechen, es handele sich um Leben und Tod.«

»Laß ihn kommen!«

Sie läßt sich aus dem Stuhl am Kamin nieder, der junge Mann wird vorgelassen. Er bleibt an der Thüre stehen, eine dunkele blühende Zigeunergestalt, die Milady an die malerischen Räuber auf Salvator Rosas Gemälden erinnert.

»Sie wünschen mich zu sprechen?« fragt die weiche, ruhige Stimme, »setzen Sie sich!«

Er blickt auf die zierlichen Stühle von weißem Damast und schüttelt den Kopf.

»Nein, Milady, ich stehe lieber. Ich bin Tony Sleaford. Mein Vater wurde in der letzten Nacht verwundet, liegt im Sterben und sandte mich zu Ihnen.«

Ohne jede Befangenheit spricht er zu ihr.

»Zu mir?« forscht sie befremdet,

»Zu Ihnen, Milady. Es handelt sich um eine Sache, die vor Allem Sie angeht, mein Vater wünscht, ehe er stirbt, Ihrem Sohne eine Enthüllung zu machen.«

»Meinem Sohne?«

»Dem jungen Herrn Lamare, ist er zu Hause?«

»Mein Sohn ist in New York.«

»Das ist fatal, mein Vater wird nicht lange mehr leben. Wollen Sie Ihrem Herrn Sohn nicht ein Telegramm senden, gnädige Frau, er könnte dann in fünf Stunden hier sein.«

»Wenn es durchaus nothwendig ist –«

»Vater würde nicht darauf bestehen, wenn es nicht sehr wichtig wäre. Der alte Mann kann nicht mehr lange leben. Wäre er nicht kräftiger als zehn Andere, so hätte der Blutverlust ihn schon getödtet.«

»Ich werde telegraphiren,« sagt Milady, sich erhebend, »obgleich ich nicht begreife –«

Sie hält inne und blickt unruhig auf den jungen Mann.

»Ich begreife ebensowenig. Der Vater aber sagt, er könne nicht sterben mit der Last auf dem Herzen. Bitte, machen Sie es dringend, Milady, damit Mr. Lamare nicht zu spät komme.«

Tony Sleaford verneigt sich und geht.

»Reise sofort hierher und begib Dich direkt zu Sleaford.« Das ist der Wortlaut, den der Telegraph in wenigen Minuten 'gen New York trägt. Gottfried erhält das Telegramm, als er eben vom Frühstück aufsteht. Welch seltsame Botschaft seiner Mutter. Plötzlich aber hellen sich seine Züge auf. Es mag Emmy betreffen, vielleicht war sie zurückgekommen oder man hat Kunde von ihr. In einer Stunde geht der nächste Zug, um fünf Uhr mochte er auf der rothen Farm sein.

Der Nachmittag senkt sich, als Gottfried auf dem schnellsten Fuhrwerk, das er auftreiben konnte, durch die nassen, dunkelen Waldwege dem einsamen Pachthaus zustrebt. Bis zur letzten Stunde seines Lebens erinnert er sich dieser Fahrt. Diese Stunde ist für ihn der Abschluß seiner glücklichen Jugend. Die trostlose Winterscenerie; die er durcheilt, wird ewig in seiner Erinnerung haften, nach Jahren noch schreckt er auf aus unruhigem Schlafe wähnend, er durchlebe Alles aufs Neue. Immer ist es dunkel und melancholisch das Bild des düsteren Winterabends mit seinem Regen, den ragenden Baumgerippen, den gepeitschten Tannenwipfeln, den öden Sumpfplätzen. Man sagt, der Mensch sterbe öfter, ehe man den Leib in den Sarg lege, Gottfried Lamare ists, als sterbe er an diesem Abend zum ersten Mal.

Er erreicht die Farm. Unheimliches Schweigen brütet über dem Hause. Zweimal hat er früher die Schwelle betreten, heute geschieht es zum dritten und letzten Male. Der Gedanke an die rothe Farm erweckt in ihm fortan ein Beben der Pein, der Schande, des Grauens. In der Küche findet er Lora, Bertha und die junge Hausmagd ängstlich zusammengekauert. Sie haben den Vater im Leben gefürchtet, sie fürchten ihn noch mehr im Todeskampfe. Keines der Mädchen wagt sich in die Nähe des Sterbezimmers, abergläubische Furcht bannt sie. Tony pflegt den Sterbenden, Albert hat sich aus dem Hause geflüchtet und lungert draußen müßig umher.

»Was mag das bedeuten?« fragt sich Gottfried, »hier gibt es andere Kunde, als über Emmy.«

»Was ist geschehen?« wendet er sich an Lora, »weshalb hat man nach mir gesendet?«

»Sie wissen es nicht?« fragt Lora entgegen. Ihr ists, als müsse es die ganze Welt wissen, was Furchtbares sich ereignet.

»Mein Vater wurde tödtlich verwundet.«

Entsetzt starrt er auf das Mädchen.

»Er lebt noch,« schluchzt Lora »und kann nicht sterben, bevor er Sie gesehen. Bertha, geh' und rufe Tony.«

»Geh' doch selbst,« winselt diese, »ich – ich habe so große Angst.«

Tony erscheint sofort.

»Gut, daß Sie da sind,« begrüßt er Gottfried, »morgen wäre es zu spät gewesen. Bitte, folgen Sie mir, geben Sie aber auf der Treppe Acht, es wird schon dunkel. Hier herein, bitte!«

Die Kammer, in der das Gräßliche verübt worden, ist nur von zwei schmalen Fenstern erleuchtet, welche die graue Dämmerung einfallen lassen. Es ist hell genug, die Todesschatten zu sehen, die sich um die Züge des Verwundeten lagern. Gottfried ist Arzt und weiß, es handelt sich nur noch um wenige Stunden. Es ist ein furchtbares Bild, das blutlose, stark bebartete Gesicht mit den stieren Augen, dem keuchenden Athem. Bei Gottfrieds Erscheinen flammt in den Augen noch einmal das alte, wilde Feuer auf.

»Geh', Tony, ich will mit dem jungen Herrn allein sein.«

Tony gehorcht.

»Sollten Sie mich gebrauchen, so stampfen Sie mit dem Fuße,« wendet er an der Thür sich noch einmal an Lamare, »dort auf dem Tische steht die Arznei.«

Wenige Secunden und Gottfried ist allein mit Amos Sleaford.

Eine Stunde verstreicht. Unten sitzen sie beisammen und wundern sich, was der Vater zu sagen haben mag, wahrscheinlich betrifft es Emmy.

»Zündet Licht an!« knurrt Albert, der eben ins Zimmer tritt.

Die helle Lampe aber ist nicht im Stande, das Düster zu verscheuchen. Oben herrscht lautlose Stille, kein Zeichen, daß man irgend etwas bedürfe.

»Es muß grausig dunkel sein oben,« äußert Lora, »willst Du nicht Licht hinauftragen, Tony?«

Tony will nicht gehen, ehe man ihn ruft. Wieder verstreicht eine halbe Stunde.

Es ist sieben Uhr vorüber, als die Thüre der Kammer sich öffnet und langsame, unstäte Schritte die Treppe herabkommen. Gottfried Lamare tritt in die Küche. Bei seinem Erscheinen springen Alle auf.

»Was ist geschehen? ist der Vater todt?«

Denn wohl nur des Todes Anblick vermochte solche Veränderung in Gottfrieds Zügen bedingen. Bleich und eingefallen sieht er aus, wie irre blicken die Augen wild, als sähen sie nichts als Gespenster.

»Um Gotteswillen, was ist geschehen?« rufen sie wiederholt, »ist Vater todt? ist Vater todt?«

Gottfried bewegt die Lippen, versucht zu sprechen, kein Laut entschlüpft dem Munde. Er schüttelt das Haupt, deutet nach oben und wendet sich der Thüre zu.

Der Wagen, der ihn gebracht, steht draußen, er sieht ihn nicht, denkt nicht mehr daran. Durch Sturm und Regen schreitet er dahin, über Morast und Moos, unter den triefenden Bäumen, geraden Wegs weiter, wie ein Traumwandler mit sicherem Instinct – aber nicht nach Hause. Nach dem Städtchen tragen ihn die Schritte. Er kommt ins Gasthaus, verlangt ein Zimmer und schließt sich ein. Dann sinkt er in einen Stuhl, begräbt das Antlitz in den Händen und bleibt regungslos. Er versucht zu denken, sein Gehirn aber brennt, es dreht sich wie ein Kreisel im Kopfe, Herz und Seele, Gemüth und Begriffe sind ein Chaos. Namenlose Schmach – Ruin hat ihn betroffen. Vergangenheit und Zukunft sind in der Finsterniß des Geschehenen verschlungen, die Gegenwart ist hoffnungslose Verzweiflung.

So sitzt er lange. Endlich schwankt er empor und durchmißt das Zimmer, das Gesicht fahl, die Zähne zusammengebissen, die Hände ineinander gekrampft. Denken aber – denken kann er nicht. Der Schlag kam zu unerwartet, die Qual ist zu groß. Später, später hofft er sich zu fassen, heute ist er wie im Wahnsinn, seiner selbst nicht Herr. Unaufhörlich dröhnen die Schritte auf den Dielen, er kann nicht zur Ruhe kommen, bis seine Kräfte erschöpft sind. Endlich wirft er sich nieder, faltet die Arme auf dem Tisch und legt das Haupt darauf. Schweres Schluchzen bricht aus dem Herzen, krampfhaftes Zucken durchbebt seine Gestalt, so findet ihn am Morgen der erste bleiche Sonnenstrahl.

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