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Am Rande des Abgrundes

von Lina von Berlepsch

Verlag: Verlag von J. Habbel

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Kapitel 14

Viertes Capitel. Emmy sucht ihr Glück.

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Die Dämmerung ist silberheller Mondnacht gewichen. Die Gascandelaber des großen, weiten Platzes strahlen Licht, gleich Juwelen schimmern die Fenster der prächtigen Gebäude. Emmy fühlt sich ermuthigt. Wie alter Wein wirkt der kühle Nachtwind, erweckt in ihr die lang geübte Zigeunerlust der Freiheit. Alles ist gut, sie ist frei! über Alles liebt sie die Freiheit! wie war es denkbar, sie gegen lebenslange Fesseln zu vertauschen? frei ist sie, zu thun, was ihr beliebt, zu gehen, wohin sie will, die Welt steht offen, sie befindet sich in einer Stadt, die tausend und tausend Möglichkeiten bietet. Niemand ist Herr über sie, Niemand soll es je werden. Sie schreitet dahin mit schwellender Brust, laut möchte sies hinausrufen in alle Welt: »ich bin frei!« das alte Leben mit seiner Schmach, seiner Pein liegt hinter ihr, sie ist am Ziele ihrer Wünsche – die freie, weite Welt vor sich! Dem Landkinde erscheint Alles reizend und glänzend, die vielen Gasflammen, die zahllosen lichthellen Fenster, nur der Lärm, das Gewoge der Menge verursachen Schwindel. Wird sie sich je daran gewöhnen, wie Hans sagte? an ihn denkt sie freilich vorerst am liebsten gar nicht, der Gedanke bedingt nur Gewissensvorwurf. Wie grausam, wie undankbar wird sie in seinen Augen sein, wie herzlos ihm erscheinen! keinen Gedanken mehr an ihn, hat sie doch genug zu thun, sich in der neuen Umgebung aufrecht zu erhalten. Plötzlich wird sie gewahr, daß neugierige Blicke sich auf sie richten. Das junge unbegleitete Mädchen mit den erstaunt blickenden großen, dunkelen Augen, dem offenbaren Landtypus, dem rothen Shawl ist selbst auf dem Broadway eine auffallende Erscheinung. Klopfenden Herzens eilt sie weiter. Die Sicherheitswache geht vorüber, Emmy aber hält die Männer im dunkelblauen Rock mit Kupferplatte für Soldaten – sie fürchtet sie. Schneller, immer schneller eilt sie dahin mit dem leichten, elastischen Schritt, den sie auf den Moospfaden der heimathlichen Wälder gelernt. Sie eilt weiter, immer weiter, mit scheuem Blick um sich sehend, ob sie verfolgt werde. Niemand aber belästigt sie. Nun ist sie beinahe allein, einzelne Fußgänger nur huschen vorüber. Die Häuser zu beiden Seiten sind groß und schön. Die Fenster eines Erdgeschosses gewähren Einblick, ein junges Mädchen sitzt am Clavier, die Töne dringen zum Ohre der Heimathlosen, namenloses Weh durchbebt sie. Wie viele glückliche Mädchen gibt es, Mädchen ihres Alters, die ein trautes Heim haben, die, beschützt von treuer Elternliebe, sorglos sind und gut. Gut ist sie nicht, ist es nie gewesen, wird es kaum je sein, es liegt nicht in ihrer Natur. Sie ist von Haus aus bösartig, zornmüthig, rachsüchtig schließlich wurde sie auch noch undankbar. Seltsames Schluchzen schwillt ihre Brust, sie eilt fort – fort vom Bilde häuslichen Glückes. Sie fühlt sich erkältet, ermüdet, voll Heimweh – Heimweh? wo hatte sie je ein Heim? die harten Steine verwunden die Sohlen, die nur den kühlen, weichen Waldweg gewandelt.

Es wird spät, kälter und kälter wird die Luft. Wo findet sich ein Dach für die Arme? sie kann nicht weiter, was soll sie thun? die Stille in den Straßen erschreckt sie. Die Fensterläden sind alle geschlossen, keine blendenden Bilder süßer Heimstätten zeigen sich mehr. Sie will zurück in die belebteren Stadttheile, zu den glänzenden Waarenlagern. Sie findet den Weg nicht. Endlich sieht sie sich auf einem großen, freien Platz. Es schlägt zehn Uhr. Ihr schwindelt, sie kann nicht weiter, die Füße wanken. Gegen ein Gitter gelehnt, an die Eisenstäbe gekrampft, hält sie sich aufrecht, bis der Schwindel vorüber. Dort auf einer erhöhten Plattform ist eine Kirche, langsam schleppt sie sich hin und sinkt, von einem Pfeiler halb versteckt, schier ohnmächtig zur Erde. Die Augen fallen zu, ach, daß sie ruhen könnte!

Was soll sie thun? wie Hammerschläge pocht die Frage immer und immer wieder gegen ihr armes, wirres Gehirn. Sie hat kein Geld und kennt keine Seele in dem großen Häusermeer. Und doch denkt Emmy keinen Moment daran, zurückzukehren. Sie weiß den Namen des Hotels, würde es folglich erfragen, aber sie will nicht. Was auch immer kommen möge – Geschehenes bleibt geschehen, keinen Schritt thut sie zurück, um vor dem Aergsten sich zu retten. Was aber soll sie thun? unmöglich kann sie die Nacht auf den Steinen zubringen. Wohin, an wen sich wenden? es wäre nicht die erste Nacht, die sie unter freiem Himmel zubringt, dann aber hatte sie die alte Mühle als Zuflucht, das Quaken und Gurgeln der Frösche als Gesellschaft, das Rauschen der Waldluft als Schlummerlied. Hier sind Menschen, die sie mehr fürchtet, als die Thiere der Wildniß, erbarmungslose Menschen, die neugierig sie anstarren, hier bangt das sonst furchtlose Kind des Waldes, hier ist Lärm, Licht und Gefahr, solch eine Nacht hat sie noch nicht erlebt.

Was Emmy befürchtet, kommt. Der Schimmer des rothen Shawls zieht das Auge eines Mannes auf sich. Er bleibt stehen, bricht das Pfeifen ab, das schrill durch die Nacht getönt, glotzt einen Moment und ist an ihrer Seite.

»Horch mal, Du – halloh'«

Sie blickt auf, es ist nur ein New Yorker Straßenjunge von ungefähr fünfzehn Jahren und dem frühzeitig häßlich klugen Ausdruck ähnlicher Subjekte.

Das namenlose Elend in Emmys Blick erfüllt den Jungen mit einer Art Verwunderung.

»Hast wohl zu viel, sag' Du?«

Emmy versteht nicht, was er meint.

»Du! kannst nicht reden? hast zu viel?«

Der Ton der Stimme ist fast teilnahmsvoll, offenbar versucht der Junge, ihre Sympathie zu gewinnen. Wenn es nur das ist, meint er, hats nichts zu bedeuten, ist ihm auch schon passirt.

»Ich weiß nicht, was ihr sagen wollt,« entgegnet das junge Mädchen matt, »ich komme vom Lande, habe mich verirrt, bin allein, ohne Heimath und Freunde, und müde – o so müde!«

Ihr Haupt lehnt sich gegen die kalten Pfeiler, Sie ist völlig kraftlos. Einen Augenblick starrt der Junge Emmy an, dann nimmt er das Pfeifen wieder auf, ungewiß, ob er ihr glauben soll oder nicht.

»Du,« sagt er nach kurzer Pause, »hast Geld?«

»Keinen Pfennig!«

Die Aeußerung veranlaßt ihn zu neuem Pfeifen, sein scharfes Auge aber mustert zugleich die Erscheinung, er gewahrt das schimmernde Seidenkleid, den weichen rothen Shawl, die goldenen Ohrgehänge.

»Wie kamst Du nach New York?« fragte er weiter.

»Ich kam mit – einem Freunde, ging aus und verirrte mich. Fragt nicht länger, ich kann Euch nicht mehr sagen. Nun, weiß ich nicht, was ich thun soll, denn ich hab' kein Geld, um in ein anderes Hotel zu gehen.«

»Ein anderes Hotel? der Tausend, also sind wir in einem Hotel gewesen! Du, weißt, ich laß mich hängen, wenn ich glaube, was Du sagst.«

Zürnend blickt Emmy auf. So unschön das Gesicht war, so gutmüthig scheint es, des Jungen Jugend gibt ihr Muth.

»Könnt Ihr mir sagen, wohin ich gehen kann? Ihr seid aus der Stadt und wißt es gewiß, hier kann ich nicht übernachten.«

»So geh' aufs Polizeiamt in Schutzarrest.«

»Warum?« fährt Emmy auf, »ich habe nichts Unrechtes gethan, wie könnt Ihr mir so 'was zumuthen?«

»Da sieht man so recht, wie dumm Du bist,« grinst der Junge, »wenn Du nicht dahin gehen und freie Station kriegen willst, was willst Du thun? Geld hast ja keines.«

»Nein.«

»Aber was glänzt da unter dem Tuch? eine Kette. Ist sie golden? dann kannst Du sie versetzen; komm, ich führ' Dich zu Onkel Jeremias.«

Wieder sieht sie ihn so perplex auf, daß er laut zu lachen anfängt.

»Ja, die ist ein rechter Grasfuchs!« ruft er, »siehst Du, wenn ich Dir bei ordentlichen Leuten ein Zimmer verschaffe, willst Du dann Deine Kette versetzen, es zu bezahlen?«

»Gerne.«

Emmy erhebt sich und macht das Geschmeide los.

»Nicht jetzt gleich,« sagt der Junge gutmüthig, »morgen ists auch noch Zeit, komm' aber, der Weg ist weit. Wir könnten mit dem Omnibus fahren, aber Du hast kein Geld, und ich habe heute kaum das Salz in meine Suppe verdient.«

»Arbeitet Ihr?« fragt Emmy mit einem Blick auf den Kasten mit Bürsten, den er trug.

»Sollt's meinen! verkaufe Zeitungen des Morgens und wichse Stiefel tagsüber. Hab' heut kein bischen Glück gehabt. Die Zeiten sind schlecht, die Herren, die sich früher immer die Stiefel wichsen ließen, laufen lieber schmutzig daher.«

»Wohin bringt Ihr mich?« fragt Emmy etwas ängstlich.

»Nach Hause zur Alten, wißt Ihr, sie ist Wäscherin; wir haben eine leere Dachkammer und vermiethen sie manchmal an junge Personen ohne Stelle. Man zahlt anderthalb Dollars die Woche und verkostet sich selbst. Ich denke wohl, Mutter wird Dir die Kammer geben, denn Du siehst so ordentlich aus, wie sie es haben mag. Wir wohnen vier Treppen hoch, aber das Dach ist bequem zum Wäschetrocknen.«

Emmy ist zu erschöpft, um zu sprechen, schweigend folgt sie dem Führer. Endlich erreichen sie die Wohnung. Ein Strom Licht und Wärme fällt auf den dunkelen Vorplatz, sie sind daheim.

Es ist bereits elf Uhr Nachts, die Mutter des Jungen aber scheint sich noch nicht zum Feierabend zu rüsten. Auf rothglühender Ofenplatte steht eine Anzahl Plätteisen, an einem engen schmalen Tisch inmitten des Zimmers plättet die Frau sorgfältig Herrenhemden. Der Raum ist freundlich und hell erleuchtet. Die fleißige Arbeiterin sieht gutmüthig und respektabel aus. Auf einem Feldbett in der Ecke schlummern zwei Kinder.

»Mein Gott, wie bist Du spät da, Willy!« beginnt sie, hält aber beim Anblick seiner Begleitung inne. »Guten Abend, Fräulein, treten Sie näher und wärmen Sie sich.«

Emmy macht einen Schritt vorwärts. Wie der Sohn bemerkt die Mutter auf den ersten Blick das schwere Seidenkleid, den auffallenden Shawl, das goldene Geschmeide. Ihr Gesicht wird verlegen, dann ernst. Mit finsterer Stirn winkt sie den Sohn ins Nebenzimmer.

»Wen bringst Du mir da? ich kenne die Person nicht.«

»Ich auch nicht; brauchst aber nichts zu fürchten, sie ist schon recht. Ich wette meinen Kopf, die gehört nicht zu den Straßenmamsellen. Kömmt vom Lande, ist ganz fremd und will in New York ihr Glück suchen. Das thun sie Alle, und sie hofft es gewiß zu finden.«

»Wo hast Du sie aufgegabelt?« fragt die Mutter unwirsch.

Willy theilt seine Begegnung mit, die Frau horcht kopfschüttelnd zu, weder befriedigt, noch überzeugt.

»Weißt Du, lieber laß ich die Kammer jahraus jahrein leer stehen, als daß ich sie einer zweideutigen Person vermiethe. Wenn ich annehmen müßte, daß sie ein leichtsinniges Geschöpf wäre, gäbe ich ihr sofort den Laufpaß.«

»Sie ist eine ganz anständige Person, wirst schon sehen. Jetzt aber möcht' ich etwas essen, ich bin hungrig wie ein Wolf.«

»Und Geld hat sie keines?«

»Nein, aber sie will gern ihre Kette versetzen, wenn Du ihr Unterkunft gibst. Setze sie also nicht vor die Thür, Mutter.«

Ungeduldig kehrt sie ins Wohnzimmer zurück. Emmy sitzt im Schaukelstuhl neben dem Ofen. Stille und Wärme haben sie eingeschläfert. Das Haupt liegt gegen die Lehne des Stuhles, das blasse Gesicht trägt die Züge eines bekümmerten Kindes. Die Frau beugt sich über sie, ihr Blick wird nach und nach milder, Theilnahme und Mitleid erfassen sie. Nein, diese Stirne trägt nicht das Brandzeichen des Verderbens. Das Mädchen ist beinahe noch Kind an Jahren, Willys Geschichte kann wahr sein. Es ist wohl eines jener überspannten romanlesenden Wesen, die vom Hause weglaufen, in New York das Glück zu suchen. O, es gibt deren so Viele! arme Thörinnen, das Glück, das sie zu finden glauben, ist größtenteils lebenslange Schande, verzweifelter Tod. Dies Kind gehört augenscheinlich wohlhabenden Leuten. Das Kleid ist kostbar, Uhr und Kette von schwerem Golde. Und der Shawl! erst der Shawl! die Augen der guten Frau leuchten, als sie denselben emporhebt. Ihr ganzes Leben lang war der Besitz solch weichen, warmen Shawls von solch herrlicher Farbe ein unerreichbarer Traum geblieben.

»Für den Shawl allein behalte ich sie gern vierzehn Tage,« denkt sie.

Willy verlangt ungeduldig sein Abendbrod. Die Mutter setzt es ihm vor, einige Schnitten kaltes Rindfleisch, Butterbrod und Thee.

»Sie werden hungrig sein,« sagt sie, Emmy leise aus dem Schlafe schüttelnd, »essen Sie, ehe Sie zur Ruhe gehen.«

Emmy ist nicht hungrig, sie hat spät dinirt, aber müde fühlt sie sich und möchte ruhen.

»Ich heiße Gibbs,« bemerkt die Frau, eine Lampe aufnehmend, »Mrs. Gibbs. Wie heißen Sie?«

Emmy steht betroffen. Sie hat keinen Namen, Sleaford ist nicht der ihre, Black? hat sie das Recht, Hans' Namen sich anzueignen? man nannte sie stets »die wilde Emmy«. Emmy Wild? ja, so ists, den Namen will sie tragen.

»Ich heiße Wild, Emmy Wild.«

»So sieht sie aus,« denkt Mrs. Gibbs, »eine Straßenläuferin aber ist sie nicht, ihr Shawl gefällt mir, und so behalte ich sie in Gottes Namen.«

Die Kammer, in die Emmy geführt wird, ist ein kleines Gelaß mit schräger Decke und einem Fenster. Das Bett ist enge wie ein Sarg, aber reinlich. Der Boden unangestrichen und sonder Teppich, Stuhl und Tisch vollenden das Ameublement.

»Schlafen Sie wohl,« spricht Mrs. Gibbs freundlich, »an der Thür ist ein Riegel, wenn Sie ihn vorschieben wollen. Uebrigens sind Sie bei mir durchaus sicher.«

»Danke, gute Nacht.«

Mrs. Gibbs kehrt zu ihrem Sohne und ihrer Arbeit zurück. Und Emmy, durch Gottes Hilfe den Gefahren der Weltstadt entrückt, schläft lange und traumlos auf dem kleinen Lager der Mansarde.

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