Am Rande des Abgrundes
Verlag: Verlag von J. Habbel
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Elftes Capitel. Hochzeitsglocken.
Im Herbst wird in New York eine große Trauung gefeiert. Die vielumworbene junge Erbin, Olga Ventnor, ist die Braut. Der Bräutigam ist bislang den fashionablen Kreisen der Metropole unbekannt, aber er ist eine schöne, sympathische Erscheinung. Sein Name auch – einer jener wohlklingenden Namen aus dem Süden – spricht für edele Abkunft. Daß die Braut in weißer Atlasrobe und echten Spitzen mit Orangenblüten und Brillantsternen ein Zauberbild von Schönheit und Anmuth ist, kann man sich denken, und daß die Gesellschaft entzückend und entzückt war, ließ sich in den meisten New Yorker Tagesblättern lesen.
»Gleich nach dem Frühstück reiste das junge Paar nach Europa ab,« schlossen die Artikel. So viel von Olga und Gottfried.
Mrs. Lamare und Carola kehren in ihr stilles Heim zurück, zu der gewohnten Lebensweise. Abbottsheim bleibt noch immer Mrs. Hills Verwaltung überlassen. Emmys Prophezeiung, daß Carolas Mutter das Haus nie wieder bewohnen wird, geht in Erfüllung.
Julius Livingstone schlägt seinen Wohnsitz und seine Staffelei gleichfalls in New York auf und geht mit einer Energie, die seine Freunde in Staunen setzt, an die Arbeit. Nicht länger arbeitet er als Dilettant der Malkunst. Was er schafft, trägt den Stempel des Fleißes und der Ausdauer, und findet verdienten Erfolg. Ein Gemälde »Herzenshunger«, das er im Laufe des Winters fertigt, erregt Aufmerksamkeit und Bewunderung, wird glänzend honorirt. Es ist Zwielicht, grau, braun und öde streckt sich das Haideland bis an einen Sumpf, wolkenschwer senkt sich der Himmel. Es ist, als fühle man das Rascheln des dürren Riedgrases unterm Wehen des Windes. Ein theilweise gebrochener Zaun, und gegen denselben gelehnt ein Mädchen, barfuß und verkümmert, das blasse, dünne Gesicht mit den großen, düsteren Augen, der Oede zugewandt, unverstandenes, unbeschreibliches Sehnen im Ausdruck. Es ist Emmy, wie Julius sie so oft gesehen, als sie ihm so wenig gewesen. Nun gedenkt er ihrer mehr vielleicht als irgend Jemand, mit Gefühlen der Bewunderung und Liebe.
Wie edel, wie großherzig, wie selbstlos sie ist! nein, er hätte nie vermocht, sie glücklich zu machen. Ihre Natur ist zu edel angelegt für ihn, es ist besser so, wie es ist. Alles, was er im Stande ist, zu thun, thut er, um einigermaßen sich ihrem Standpunkte zu nähern. Die Gemälde seiner Hand treffen jeden Geschmack des Publikums, er gewinnt einen Namen und jeder Erfolg spornt zu neuer Thätigkeit. Carola sieht er selten. In jenen geschäftigen Tagen bleibt ihm wenig Muse zu Besuchen, und dann – nun ja – Zeit genug dafür.
Der Frühling kommt, der Sommer. Ende Juli kehrt das junge Ehepaar in die Heimath zurück. Das Glück strahlt aus ihren Augen. Ohne weiteren Aufenthalt begeben sie sich nach Lockport. Mrs. Lamare, Carola und die Ventnors werden folgen. Die beiden älteren Damen sehnen sich nach ihren Kindern, Alles trachtet, möglichst bald auf der Rosenvilla beisammen zu sein.
Julius Livingstone fährt mit Olga den Gästen entgegen. In Carolas Wangen strömt verrätherisches Roth bei seinem Anblick, sie wußte nicht, daß er in Lockport war.
»Und er wollte nicht einmal,« klagt Olga Lamare, »wir mußten ihn schier mit Gewalt entführen. Seht nur, wie schlecht er aussieht, ganz alt und häßlich, und sonst war er doch hübsch, nicht wahr, Carola?«
Die boshafte Frage bringt Carola aus allem Gleichgewicht, Julius lacht gutmüthig, er ist wirklich etwas bleich, aber durchaus nicht weniger hübsch. Ein gewisser Ernst in seinem Antlitz macht ihn männlicher und schöner.
»Weißt Du, Carola, was sein letztes Meisterstück ist?« plaudert Olga weiter. »Rathe 'mal! Dein Bild, aus dem Gedächtniß gemalt, und ich hab' es bestellt, Du bist, wie Du bei meiner Trauung als Brautfräulein warst, ich sah Dich nie so reizend, wie an jenem Tage. Mein Gott, Du erröthest ja schon wieder! Julius brachte das Bild mit und will es hier vollenden. Es ist für mein Boudoir bestimmt. Und weißt Du schon, daß wir hier bleiben, daß Gottfried hier praktiziren will? man braucht einen Arzt, und er braucht Patienten, hier also wird unser Heim sein. »Heim«, welch süßes Wort! da fällt mir eben Emmy ein. Denke nur, sie kömmt nicht. Sie schrieb an Gottfried, ihre Mutter wünsche ihr Geburtsland wieder zu sehen, und so geht sie diesen Sommer nach England. Ist das nicht schade? wir zählten so sicher auf ihr Kommen.«
Und so plaudert Olga fort. Sie ist strahlend glücklich in ihrem neuen Wirkungskreis. Am folgenden Morgen wird das Gemälde gezeigt. Es ist ein träumerisch blickendes, zartes Mädchen in weißer Seide mit weißen Blüten im Haar.
»Ists nicht allerliebst?« ruft Olga entzückt, »Du mußt Dich in Dich selbst verlieben, wenn Du es ansiehst. Und welch sehnenden Ausdruck Du im Auge hast, als wartest Du auf etwas oder – Jemand. Vielleicht könnte es der Künstler verrathen, sah sie wirklich so aus an meinem Hochzeitstag, Julius? als ihr Cavalier solltest Dus wissen. Gefällst Du Dir, Carola?«
»Es ist geschmeichelt, viel zu sehr geschmeichelt,« sagt Carola erröthend, »aber es gefällt mir gut.«
»Halten Sie es wirklich für geschmeichelt?« fragt Livingstone später, als sie zur Vollendung des Gemäldes mit ihm allein ist. Der Sommerwind wiegt die Rosen draußen, die Bienlein summen, der Goldfink pfeift lustig vom schattigen Ast.
»Mehr als erlaubt ist. Und der Ausdruck! so sentimental hab' ich wahrlich nicht ausgesehen.«
»Gewiß, Sie sahen sentimental aus, haben übrigens oft den sinnenden, sehnenden Blick, der Ihren großen dunkelen Augen so gut steht. Ihre Augen sind ganz orientalisch: mandelförmig, sammtschwarz und weich.«
»Werden wohl einer Chinesin gleichen,« meint Carola mit stiller Ergebung, »die haben mandelförmig geschlitzte Augen.«
»Sie gleichen einem süßen Engel, Carola, dem schönsten, reizendsten Wesen der Welt!« ruft Julius, wirft Pinsel und Palette weg und ergreift ihre Hände mit Leidenschaft, »o Carola, wissen Sie, wie ich Sie liebe?«
»Oh!« seufzt das junge Mädchen und versucht, sich loszumachen.
Die Farbe wechselt auf ihren Wangen, es kam so unerwartet.
»Hab' ich Sie erschreckt? Sie waren von jeher ein scheues Vögelchen. Ich wollte heute nicht sprechen, aber die Liebe, die ich so lange verborgen, durchbricht endlich die Schleusen. Ich liebe Sie, Carola, sind Sie böse, daß ich es gestehe?«
»Böse eben nicht, aber neugierig, wie Vielen Sie das schon gesagt haben!«
»Ja, gesagt habe ichs schon früher und hielt vorübergehende Aufwallung für Liebe. Heute aber läßt wahre Liebe mich sprechen. Außer dieser Liebe habe ich freilich nicht viel zu bieten. Was ich aber bin und habe, lege ich zu Ihren Füßen nieder, Carola, wollen Sie es annehmen?«
Und ihre Antwort? ein Blick der sanften, schüchternen Augen, ein Senken des lieblich erglühenden Antlitzes, und Julius umfängt sie entzückt.
»Mein Liebling, mein Leben, meine Carola!«
Verwundert guckt der Goldfink dem Treiben zu und vergißt darüber Triller und Schlag.
Und wieder ist eine Hochzeit im September, wieder spricht eine liebliche Braut das Jawort, wieder wird eine weite Hochzeitsreise unternommen. Abbottsheim wird von innen und außen in Ordnung gebracht, das junge Paar bei der Heimkehr aufzunehmen. Emmys zweite Prophezeiung geht in Erfüllung: Carola wird das stattliche Schloß bewohnen und nicht allein.
Von Emmy kommen Briefe aus England, sie bringen gute Kunde und herzliche Glückwünsche für das junge Paar. Sie äußert kein Bedauern, der Hochzeit nicht anwohnen zu können, verspricht aber, die Weihnachtszeit in Lockport zubringen zu wollen. Die eigenen Pläne sind gemacht. Um der Mutter Wunsch, fürder in England zu leben, zu erfüllen, hat sie ein hübsches Besitzthum gekauft und in Erinnerung an die Vergangenheit »Lockport« genannt. Ein englisches Lockport also wird ihr künftiges Heim sein.
Der Briefwechsel mit Emmy ist nicht die einzige Verbindung, welche Olga mit England unterhält. Beinahe gleichzeitig erhält sie einen Brief von Lady Hilda Stafford.
»– – – – Dein letztes Briefchen entzückte mich. Wie lebhaft stelle ich mir Dein kleines Paradies vor, wie sehne ich mich, es zu sehen. So reizend übrigens Dein Lockport sein mag, es kann unser Lockport doch kaum in den Schatten stellen, und selbst Du kannst nicht liebenswürdiger sein, als Miß Bennett. Wie dankbar sind wir Dir für den Empfehlungsbrief, der sie mit uns in Verkehr brachte. Sie hat ein prachtvolles Landgut gekauft, es ›Lockport‹ genannt, und die ganze Nachbarschaft ist entzückt von der liebenswürdigen Amerikanerin! Ich verliebte mich sofort in sie, und bin nicht die Einzige. Du trafst Sir Rudolf Hardwick bei uns und hast ihn hoffentlich nicht vergessen. Wenn die schöne gesangsreiche Emmy nicht Lady Hardwick wird, ist es nicht seine Schuld. Er wäre ihrer werth in jeder Weise. Eile denn, Deinen Segen zu senden, er dürfte in nächster Zeit vonnöthen sein.«
Olga ist entzückt, Gottfried lächelt befriedigt. Beide erinnern sich an Sir Rudolf als eines Mannes, auf den jedes Frauenherz stolz sein durfte.
»Hoffentlich gefällt er ihr!« sagt Olga, »Niemand verdient Glück und Liebe so sehr wie Emmy. – Lady Hardwick! wer sichs hätte träumen lassen, Sleafords Emmy und eine Freiherrnkrone.«
Von nun an wurden Lady Hildas Briefe mit fieberhafter Ungeduld erwartet. Sie bringen befriedigende Nachrichten. Alles scheint günstigen Verlauf zu nehmen. Sir Rudolf ist häufiger Besucher in Lockport, die Welt munkelt bereits von bevorstehender Verlobung.
Anfang Dezember kehren Mr. und Mrs. Livingstone nach Abbottsheim zurück. Fest folgt auf Fest zu Ehren der jungen Frau, Julius hat nur ein Geheimniß vor seinem Frauchen: die Geschichte seines kurzen Verhältnisses zu Emmy. Er gewinnt es nicht über sich, diesen Punkt zu berühren, fühlt instinktiv, daß es Carola schmerzen, und Emmy die Mittheilung nicht gutheißen würde.
Einige Tage vor Weihnachten kömmt Emmy nach Abbottsheim. Sie findet eine allerliebste Gesellschaft, die freudig sie begrüßt. Mrs. Lamare, Olga und Gottfried, Carola und Julius natürlich. Aber da sind noch Andere, deren Gegenwart freudige Ueberraschung bildet. Professor Erichson und seine Frau sind da, ebenso Mrs. Gibbs in steifer, schwarzer Seide, ihr Sohn Willy, ein sehr anständiger junger Mann, Rudy und Lilly, die beiden Zwillinge, Mrs. Hill und Miß Wilson. Alle sind hier, die Emmy je lieb gehabt. Die strenge Jahreszeit hat ihrer Mutter nicht erlaubt, die Reise mitzumachen, aber sie ist so völlig wieder hergestellt, daß Emmy sie ohne Scheu auf Wochen verlassen kann.
Olga blickt forschend in Emmys Antlitz. Sie ist verändert, verschönt durch glückliche Liebe. Heiße, rasche Glut strömt in ihre Wangen, als sie Olgas Blick auf sich ruhen fühlt. Die schönen Augen aber blitzen vor Freude.
»Also ists wahr, liebste Emmy,« flüstert die junge Frau innig, »Du liebst ihn und bist glücklich?«
»Glücklich, unendlich glücklich, ich liebe ihn von ganzem Herzen.«
»Siehst Du, das allein hat noch zu unserem Glücke gefehlt, auch Dich wollten wir glücklich wissen. Wann soll die Trauung sein?«
»Nächsten Juni, da müßt Ihr Alle kommen, Du und Gottfried, Julius und Carola. O Olga, ich denke oft, ich sei das glücklichste Geschöpf auf Erden, eines edlen Mannes Liebe hat mich vergessen gelehrt und mir reichen Ersatz für alles Verlorene geboten.«
»Glücklicher als Du verdienst, kannst Du nie werden,« entscheidet Olga, und dieser Ausspruch ist gleich ihren anderen unantastbar.
* * *
Sylvesterabend. Die Weihnachtszeit mit ihren frohen Tagen und frohen Gesichtern ist gekommen und gegangen, des alten Jahres Scheidestunde naht.
»Es brachte mir einen Freund
Und ein Liebchen traut,«
singt Carola, während sie durch die Gemächer eilt. Lustige Feuer brennen, Crystallüstres blitzen, Treibhauspflanzen blühen. Ueberall ists warm und traulich, das Schloß erfüllt von Musik und Blumenduft.
An einem der Fenster steht Emmy und blickt hinaus in die düstere Winternacht. Sie lauscht dem Stöhnen der laublosen Bäume, durch die der Sturm heult. In ihrem schwarzen Sammtkleid macht sie imposanten, fast majestätischen Eindruck. Die feine Spitzenkrause am Halse wird von einer kostbaren Brillantnadel gehalten, ein Sträußchen Vergißmeinnicht schmückt das Haar.
»Du siehst aus, wie eine Königin, Emmy,« ruft Julius, der die prächtige Gestalt mit den Augen des Künstlers bewundert, »Du mußt mir erlauben, Dich in diesem Anzuge zu malen. Schon zehn Minuten freue ich mich Deiner majestätischen Haltung.«
»Hättest Du Dich noch ein Minütchen länger gefreut, so wäre ich eifersüchtig geworden,« lacht Carola herbeieilend.
Julius fühlt sich getroffen, Emmy nickt der reizenden Hausfrau voll Liebe zu.
»Weißt Du, was ich finde,« nimmt Mrs. Olga Lamare das Wort, und naht gleich einer rosigen Wolke der kleinen Gesellschaft, »die zukünftige Lady Hardwick behandelt uns hinsichtlich ihres Gesanges sehr stiefmütterlich. Sing' uns ein Neujahrslied, Emmy, es geht auf zwölf oder besser, singe dem alten Jahre den Scheidegruß.«
Emmy tritt ans Piano, die melodische Stimme erfüllt den Saal. Trauriger aber ist der Winterwind nicht, und wilder nicht sein Stöhnen, als das Lied, das sie singt:
»Das Jahr geht um,
Der Faden rollt sich sausend ab,
Ein Stündchen noch, das letzte heut,
Und sträubend rieselt in sein Grab,
Was einstens war lebend'ge Zeit –
Ich harre stumm.
Geschehen all',
Was ich begangen und gedacht,
Was mir aus Haupt und Hirne stieg,
Das steht nun, eine ernste Wacht,
Am Himmelsthor. O halber Sieg,
O schwerer Fall!
Wie rast der Wind
Am Fensterkreuze! Ja, es will
Auf Sturmesfittigen das Jahr
Zerstäuben, nicht im Schatten still
Verhauchen unter Sternen klar,
Du Sündenkind!
Horch', welch' Gesumm!
Und wieder Sterbemelodie!
Die Glocke regt den ehernen Mund,
O Herr! ich falle auf die Knie;
Sei gnädig meiner letzten Stund!
Das Jahr ist um!«
»Aber Emmy,« ruft Carola, »warum solch trauriges Lied?«
»In der letzten Nacht, wenn die Zeit verrinnt,
Unheimlich die Funken sprüh'n
Vom Julblock, d'ran betend die Ahne spinnt;
Die Lampen am Sarge glüh'n
In der letzten Nacht … –«
»Horch!« unterbricht Gottfried, mit erhobener Rechte Emmys zweites, ergreifendes Lied.
Die große Schloßuhr brummt zwölf Schläge in silbernem Klange wiederholen es eilig alle Pendülen und Uhren des Hauses. Von Lockporher klingt Glockengeläute, herzliche Glückwünsche fliegen von Mund zu Mund. Aus schäumenden Bechern trinkt man das Wohl der Freunde und blickt in süße Augen, die den Strahl der Lieb, wiederspiegeln. Emmy aber präludirt jubelnde Accorde, sie vergißt nicht Ihn, der väterlich sie Alle geführt auf Seinen Wegen und singt frohlockend mit dankerfüllter Seele den hehren Lobegesang, in den begeistert Alle einstimmen:
»Großer Gott, wir loben Dich,
Herr! wir preisen Deine Stärke;
Vor Dir neigt die Erde sich
Und bewundert Deine Werke.«