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Am Rande des Abgrundes

von Lina von Berlepsch

Verlag: Verlag von J. Habbel

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Kapitel 13

Drittes Capitel. Non plus ultra.

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Es ist Neujahr. Ein windiger, wolkiger Nachmittag. Sausend streicht der Sturm durch die Tannenäste, mischt seine Stimme mit dem Brüllen der See. Die Wiesen sind von Schneewehen und gefrorenen Pfützen bedeckt, Emmy lehnt am Gitterthore der Umzäunung und schaut hinaus in die traurige leblose Fläche Erschöpft und angegriffen sieht sie aus. Der Wind, der in langem Stöhnen vorüberzieht, kühlt ihr heißes Gesicht, weht das schmucklose, ungeordnete Haar ihr von der Stirne. Ein alter Hausrock schlottert um ihren Leib. Es ist keine liebliche Phillis, keine fleckenlose Hausfee, dieses erhitzte, abgemüdete Mädchen, es ist nur Sleafords Emmy, die nach des Tages Mühen ruht.

Stille und unwirthsam liegt die rothe Farm hinter ihr, das Bellen der Hunde allein unterbricht das Schweigen. Außer Amos Sleaford sind Alle fort, und er schläft, vom Trinken betäubt, oben in seinem Zimmer. Endlich ist Emmy allein, die großen dunkelen, wehmüthigen Augen blicken auf zum stürmischen Winterhimmel. Aber weder Ermüdung noch Arbeit, weder Traurigkeit noch völlige Verlassenheit drückt sie nieder. Solche Dinge ist sie gewohnt und Gewohnheit stumpft ab. Es ist etwas Anderes, etwas, das nicht mit den Sleafords und der rothen Farm im Zusammenhang steht.

Seit jenem Weihnachtsabend war die Familie Ventnor in die Stadt zurückgekehrt. Zum Abschied hatten sie eine Abendgesellschaft gegeben, zu der Emmy gebeten war. Sie durfte nicht ablehnen, ihrer Stimme halber ward sie geladen und ging. Olga in zartrosa Seide war liebreizend wie eine junge Rosenblüte und natürlich von einem Heer von Schmetterlingen umgaukelt.

Emmy hatte gesungen. Die tiefe, stille Leidenschaft in der Brust hatte ihrer Stimme unbeschreibliche, überwältigende Glut verliehen. Mrs. Norton, die vornehmste der vornehmen Damen, war hingerissen. In ihrer herablassenden Weise erfaßte sie die Hände der Sängerin und sagte ihr in Protektorart einige hübsche Complimente. Solche Herablassung aber haßte Emmy gründlich, und statt von Mrs. Nortons Güte gerührt zu sein, entzog sie unsanft ihr die Hände und wendete sich ab. Die Dame stand wie angewurzelt, der Ausdruck des Staunens, der Indignation, der starre Blick, welcher die kühne Verbrecherin verfolgt, waren zu viel für Julius' Lachmuskeln. Er zog sich in eine Fensterbrüstung zurück und traf dort Gottfried, der dem Vorgang mit gerunzelten Brauen zusah.

»Beim Zeus! wahrhaftig etwas Unerhörtes!« zischelt er, mühsam das Lachen zurückhaltend, »Mrs. Norton, zurückgewiesen von Sleafords Emmy! daß doch das Mädel! hahaha! sieh nur das Medusenhaupt der beleidigten Größe.«

»Ihr ist recht geschehen,« entgegnete Lamare, »warum läßt sie das Mädchen nicht in Ruhe?«

»Bravo, Gottfried, brich eine Lanze für Deinen Schützling! weißt Du, woran mich die Geschichte erinnert? An Jacob von Schottland und seine Amme, die ihn bat, er möchte ihren Sohn zum Cavalier machen. »Will einen Ritter aus ihm machen,« antwortete der König, »der Teufel selbst bringt aus dem Menschen keinen Cavalier zu Stande.« So kannst Du aus Sleafords Emmy eine Sängerin machen, aber selbst Deine Mutter macht keine Dame aus ihr.«

Lachend schlenderte er weiter. Hinter dem blumenbekränzten Pfeiler aber stand eine Gestalt, die Alles mit angehört. Der Marmor ist nicht weißer als das Antlitz mit den düsterglühenden Augen.

Als später Emmy noch einmal gesungen, fühlte auch Julius Livingstone sich vom Zauber ihrer Stimme erfaßt.

»Wir Alle sind stolz auf unsere Nachtigall,« sprach er heiter zu ihr, »wenn einst alle Welt Ihnen huldigt, werden wir die Genugthuung haben, Sie zuerst gekannt und gehört zu haben. Wie kommt es nur, daß ich, der ich Sie so viel länger kenne als Lamare, nie den Schatz entdeckte, den Sie in sich tragen?«

Sie blickt ihn an, er versteht vielleicht nicht die zürnende Verachtung, die aus ihrem Blicke sprüht.

»Sie?« sagt sie, und unwillkürlich fühlt er sich winzig und unbedeutend neben ihr, »Sie haben Tag Ihres Lebens nur an Ihr liebes Ich gedacht.«

»Alle Wetter!« rief Julius, als er sich von der Ueberraschung erholt, »erst trumpft sie Mrs. Norton ab, dann mich. Ich habe doch keine Protectormiene angenommen, nicht wahr, Olga?«

»Sie ist immer mehr oder weniger unhöflich,« entgegnet diese geringschätzend, »heute aber ist sie ausnehmend unliebenswürdig.«

Und während Emmy am Neujahrstag einsam an der Gartenmauer lehnt, denkt sie jenes Abends. Täglich trägt sie schwerer an ihrer Bürde. Eine der beiden Existenzen, welche sie führt, vermöchte sie vielleicht zu ertragen, das Doppelleben erdrückt sie.

»Warum mußt' ich all' jene Leute kennen lernen?« fragt sie sich bitter, »wie viel lieber wäre ich nur das Aschenbrödel in Sleafords Hause und wüßte nichts von Besserem. Dann könnte ich fortvegetiren, essen, schlafen und nicht denken. Aber sie Alle zu kennen, unter sie mich zu mischen, mit ihnen zu leben und doch nie Ihresgleichen zu sein, das ertrage ich nicht länger. Ich laufe noch davon oder bringe mich um!«

Während sie halblaut diesen Gedanken Aeußerung gibt, tritt ein Mann neben sie, der leise und unbemerkt den morastigen Pfad entlang gekommen.

»Warum auch soll ichs nicht thun? 's wäre das Kürzeste, und selbst er würde sich vielleicht Gedanken darüber machen. Pah, er!« fährt sie mit aufgeworfenen Lippen fort, »er würde höchstens sagen: »Beim Zeus! Du weißt, die Emmy, das arme Ding!« und mit Olga weiter walzen! Und doch hab' ich halb im Sinne, hinunterzugehen zur schwarzen Mühle, – schon lange lockt mich der Weiher – ich thus! ich thus!«

In diesem Momente ist sie wirklich hübsch, die schwarzen Augen blitzen, die Wangen glühen. Sie schlägt mit der Hand an das Gitter und ritzt sich blutig. Der geheimnißvolle Bann, mit dem sie Hans Black gefesselt hält, rauscht über ihn wie Flut. Er lehnt sich vorwärts, heiße Röthe auf den Wangen.

»Geh' nicht ins Wasser, Emmy,« fleht er, »thu' etwas Besseres, heirathe mich!«

Sie blickt auf, sie hat ihn nicht kommen hören, mit langen, düsteren Blicken betrachtet sie ihn.

»Etwas Besseres?« wiederholt sie, »wäre das besser? Der Weiher macht Allem ein Ende, bei Dir vertauschte ich nur ein Elend mit einem anderen. Ich kann Dich nicht heirathen.«

»Sieh', ich habe Dich so lieb, so lieb, Emmy!« drängt er, »ich würde für Dich arbeiten, wir lebten in New York und es ginge Dir gewiß nicht schlecht.«

»In New York?« sagt sie und die großen Augen leuchten, »ich will mich besinnen. Jetzt aber geh', ich bin todtmüde, habe beinahe die ganze Nacht gewacht, will mich ein wenig zur Ruhe legen.«

»Wann darf ich wiederkommen?«

»Wann Du willst,« antwortet sie halb gleichgiltig, halb gereizt, »ich sollte eigentlich froh um Dich sein, denn mich hat sonst Niemand lieb, wenn ich Dir aber folge, wirst Du es zeitlebens zu bereuen haben.«

Es war eine ominöse Prophezeiung, mit herben Gedanken entsann er sich ihrer in späteren Jahren. Im Augenblicke aber liegt der Bann auf ihm, er will die Augen nicht öffnen, um zu sehen.

»Ich will Alles riskiren, wenn ich nur hoffen darf, Dich mein Weib zu nennen.«

Einige Tage später theilt Mrs. Abbott Emmy eine bevorstehende Veränderung mit.

»Nächste Woche gehe ich mit meinen Kindern auf längere Zeit nach New York, Du wirst dann zu Miß Wilson gehen, liebes Kind, statt hierher zu kommen.«

Scheinbar ruhig hört Emmy die Entscheidung, im Herzen aber fühlt sie tiefes Weh, sie liebt Mrs. Abbott und außer ihr so Wenige, so Wenige!

Am gleichen Abend noch kehrt sie nach der rothen Farm zurück, und keine Stimme flüstert ihr zu, daß es zum letzten Mal sei, zum allerletzten Mal im Leben. An Hans Black denkt sie so wenig, wie an die dürrem Reiser zu ihren Füßen. Sie fühlt sich müde, ohne Heimath, ohne Lebenszweck. Warum sollte ihrs weh thun, von Mrs. Abbott getrennt zu sein? warum sollte sie überhaupt Jemand lieben? Liebe macht Pein.

Es ist ein kalter, durchsichtiger Januarabend, weiß und schimmernd liegt der Schnee aus dem Waldpfad, in leichten Flocken häuft er sich aus den nackten Zweigen. Ueber ihr wölbt sich der lichtblaue, vom Kuß der sinkenden Sonne röthlich angehauchte Horizont, drüben im Westen zieht sich ein Purpurgürtel, glänzende Farbenbüschel hinzuckend, über die schweigende See. Sie wirft einen letzten Blick auf die reizvolle Beleuchtung und tritt ins Haus. Die Familie Sleaford ist im Wohnzimmer in ernsthaftem Gespräch.

»Sie thuts nicht, wirst sehen, und böte man ihr noch einmal so viel,« bemerkt Bertha, »sie hat allerlei hochmüthige Gedanken im Kopf, seit sie zu den Leuten geht, ich wette, was Ihr wollt, sie thuts nicht.«

»Das wollen wir 'mal sehen,« meint Albert, »freilich wärs gescheidter gewesen, der Alte hätte sie nie nach Abbottsheim gehen lassen.«

»Wie hätte Watkins sie dann brauchen können?« fragt Tony.

»Still, da kommt sie,« flüstert Lora und das Gespräch stockt.

Emmy wirft einen Blick auf die Gesellschaft und legt Hut und Mantel ab. Es warten immer eine Menge Geschäfte auf sie, wenn sie nach Hause kömmt, seltsamer Weise gibt man ihr heute nicht sofort allerlei Befehle. Man schweigt.

»Hör' mal, Emmy,« beginnt Albert endlich, »ich habe Dir gute Kunde. Du findest Gelegenheit, auf anständige Weise Dein Brod zu verdienen, an Taschengeld wirds auch nicht fehlen; nun, was meinst Du? gefiele Dir das?«

Argwöhnisch blickt Emmy auf den jungen Mann. Die ungewohnte Art, mit ihr zu sprechen, fällt ihr auf.

»Du kennst doch Mr. Watkins,« fährt Albert fort, »die Concerthalle drüben im Dorfe?«

Ja, sie kennt Watkins, seine gemeine Bierkneipe, wo alle Tagediebe von Lockport zusammenkommen, wo zur Belustigung der Gäste zuweilen musicirt und getanzt wird.

»'s ist ein braver Bursche, dieser Watkins,« beginnt Albert wieder, »er hörte von Dir und Deiner Stimme und will Dich engagiren. Du mußt wissen, daß seine besten Sänger und Sängerinnen stets von New York kommen, er will Dich gut bezahlen, und ich kutschire Dich alle Tage ins Dorf. Nun, ist Dirs recht?«

Emmy schweigt.

»Nun, hörst Du nicht?«

»Ich höre.«

»Weshalb gibst Du keine Antwort?«

Seine Stimme erhebt sich im Zorn, Lora und Bertha wechseln Blicke des Einverständnisses.

»Eine Antwort, ja oder nein.«

»Nein!«

Emmy sagt es so ruhig, daß Albert im Moment kaum faßt, daß sie sein Anerbieten abgewiesen. Mit offenem Munde starrt er sie an.

»Wa – wa – was?«

»Ich sage nein,« wiederholt das Mädchen, »in Watkins Biergarten singe ich nicht für tausend, nicht für zehntausend Dollars. Nicht, um mein Leben zu retten, würde ich den Fuß über jene Schwelle setzen.«

Dieses Mal läßt sich die Rede nicht mißverstehen. Emmy spricht gut und verächtlich genug, sie wendet sich, das Zimmer zu verlassen.

Wie ein Tiger springt Albert auf und faßt sie am Arm.

»Sag' noch einmal, was Du eben gesagt hast,« brüllt er, »probirs und sags noch einmal, Du –«

Furchtlos blickt sie in das zornentstellte Antlitz.

»Ich setze den Fuß nicht über jene Schwelle, nicht, um Dich vom Galgen zu retten, wohin Du gehörst.«

Das war genug. Blind vor Wuth und Trunkenheit tappt Albert nach der Hundspeitsche an der Wand. Zischend durchschneidet sie die Luft und saust auf des Mädchens Schulter. Mit durchdringendem Schrei der Wuth, des Schmerzes fällt Emmy ihn an, entwindet ihm die Peitsche und schlägt dem Peiniger mit voller Wucht den bleiernen Griff über das Haupt. Ein Blutstrom überflutet sein Antlitz, Albert schwankt und fällt zur Erde. Ein Schrei aus Aller Mund begleitet die That. Emmy schleudert die Peitsche von sich und entflieht.

Entflieht – wohin? sie weiß es nicht. Sie weiß kaum, was geschehen. Wie wahnsinnig stürzt sie fort über Stock und Stein und fällt endlich erschöpft am Rande des schwarzen Weihers nieder. Hier ist sie sicher. Keuchend, in Schweiß gebadet, außer sich, ruft sie das Furchtbare sich zurück. Tony hat oft gesagt, sie würde noch zur Mörderin werden an Einem aus ihnen! hat jetzt die Prophezeiung sich bewahrheitet?

Wie lange sie halb bewußtlos liegt, wer vermag es zu sagen? Angst und Entsetzen ob der geschehenen That, Verzweiflung, Abscheu vor sich selbst erfüllt sie. Hat sie gemordet? wie oft hatte sie in ihres Temperamentes unbezwinglicher Leidenschaftlichkeit gedroht, den Einen oder Anderen zu tödten – hat sie es endlich gethan? keine Reue bewegt sie, keine Furcht, nur überwältigende, verzweifelnde Gefühle des Selbsthasses. Im Schnee liegt sie, ohne Kälte zu fühlen, Leib und Seele scheinen in namenlosem Grauen erstarrt.

Hastige Schritte knistern im Schnee, eine Hand berührt ihre Schulter.

»Emmy, was ist geschehen?«

»Die Stimme ist freundlich, die verzweifelten Blicke begegnen einem vertrauten Antlitz. Sie rafft sich auf und schlingt die Arme um des Freundes Hals.

»Hans,« schluchzt sie, »mein lieber, guter Hans!«

Der junge Mann preßt sie an sich, Mitleid, Angst, Bestürzung sprechen aus seinen Zügen.

»Emmy, was ists? was hast Du dem Menschen gethan? weißt Du wohl, daß die Sleafords sagen, Du hättest ihn getödtet?«

Tiefes Stöhnen entringt sich ihrer Brust, sie klammert sich fester an ihn, ihr ist, als entrinne ihr die Welt, als stände sie allein im All, und hätte nur diesen Freund, – nur diesen.

»Ich war im Farmhaus,« erzählt er, »dort ist Alles in Aufregung. Tony ist gegangen, einen Arzt zu holen, Blutspuren bedecken den Boden, Albert liegt stöhnend und bewußtlos in der Küche, die Mädchen behaupten, Du habest ihn erschlagen. Sag' mir, Emmy, wies zuging?«

Sie versucht es zu thun in gebrochenen, unzusammenhängenden Worten. Hans versteht sie, seine Augen blitzen.

»Der Elende! ihm ist recht geschehen! Du handeltest nur in Nothwehr, armes Kind, und wenn Du ihn selbst erschlagen hättest, was ich jedoch nicht glaube, so hast Du kein Unrecht gethan. Bebe nicht, Emmy, fasse Dich, es wird Alles gut!«

Sie macht sich aus seinen Armen los und setzt sich auf einen Felsblock.

»Ich dachte, Du wärest hierher geflüchtet,« fährt Hans fort, »es war stets Dein Asyl, armes mißhandeltes Geschöpf.«

Sie reicht ihm die Hand. Er ist so gut, so zuverlässig, ist ihr einziger Freund. Große Thränen perlen langsam über das bleiche Antlitz und nehmen den Ausdruck des Entsetzens aus ihren Zügen.

»Weißt Du, was ich thun werde,« spricht Hans nach kurzer Pause, »ich kehre in die Farm zurück, zu sehen, wie es geht, komme dann wieder und bringe Dir sichere Kunde, aber Du mußt mir versprechen, Kind, daß Du mich hier erwartest und daß Du Dir inzwischen nichts anthust.«

Er wirft einen schaudernden Blick auf den trüben Mühlteich.

»Ich verspreche es.«

Nun kann er gehen, Emmy bricht ein gegebenes Wort nicht. Er macht sich ohne Verzug auf den Weg.

Regungslos sitzt sie auf dem Baumstamm Der Abendröthe letzter Opalschimmer erlischt, die frostigen Wintersterne entzünden sich, der Nachtwind stöhnt, aus der schlammigen Tiefe gurgelt Unkenruf. Emmy hört nichts, sieht nichts, fühlt kaum, daß sie noch lebt, Emmy fürchtet und hofft nichts mehr.

Und wieder ertönen knirschende Tritte über den Schnee. Hans Black kommt eilig zurück. Sein Gesicht verkündet Gutes.

»Siehst Du, ich habe Recht gehabt,« ruft er schon von Weitem, »Albert lebt und ist außer Gefahr. Die Wunde ist zwar tief, er hat viel Blut verloren, aber nun schläft er. Man hätte Dich als Blutegel behalten sollen, meinte der Doktor, sonst wird ihn oder den Alten doch einmal der Schlag treffen.«

Des jungen Mannes Lachen klingt heiter, es ist ihm nun viel wohler zu Muth. Emmy sieht trotz der guten Kunde nicht vergnügt aus, stumm und bleich sitzt sie in der sternenhellen Nacht und starrt vor sich hin.

»Und nun, was ist zu thun?« fragt Hans und setzt sich neben sie.

Sie antwortet nicht, wortlos wendet sie das bleiche Gesicht ihm zu.

»Dort kannst Du nicht mehr wohnen, hier länger zu weilen, ist unmöglich, was willst Du thun?«

Sie bleibt stumm.

Gibt es auf der weiten, weiten Welt ein Geschöpf so verlassen, so heimathlos wie sie?

»Du gehst vielleicht nach Abbottsheim?«

»Nein, o nein, nie wieder!« schreit sie auf, »nie, nie, in alle Ewigkeit nie wieder! was wird Mrs. Abbott sagen?«

Tiefes Stöhnen entringt sich Emmys Brust, heiße Thränen quellen durch die geschlossenen Finger, welche das fieberheiße Antlitz bedecken. Hans hat sie nie weinen sehen, ihr Schluchzen erfüllt ihn mit tiefem Leid.

»Emmy,« sagt er schmeichelnd, »sei ruhig, ich kann Dich nicht weinen sehen.«

Warum sagt er nicht zur Flut: »hör' auf zu steigen!« Lang, lang hat sie ihre Gefühle niedergedrückt, eingeengt durch Wille und Stolz, nun haben sie die Schleusen durchbrochen, sie muß weinen oder sterben.

Nach und nach wird sie ruhiger.

Die Zeit vergeht, wieder drängt Hans zu einem Entschluß.

»Laß mich nachdenken,« bittet sie. Die Thränenflut hat ihr gut gethan, sie ist zum Bewußtsein ihrer Lage gekommen und fühlt, daß ein entscheidender Schritt zu geschehen habe. Welcher? lange sitzt sie und sinnt. Endlich erheben sich die dunkelen Augen und heften sich forschend auf den Gefährten.

»Was willst Du, Emmy? Du weißt, daß es nichts gibt, was ich nicht für Dich thun würde.«

»Nichts?«

»Nichts, was Menschen möglich ist.«

»Du wolltest mich neulich heirathen: willst Dus noch jetzt?«

»Ob ich es will!«

Helle Freude blitzt in seinen Zügen auf.

»Ob ich es will?« wiederholt er jauchzend.

»Und willst Du noch heute mit mir nach New York um sofortige Trauung zu bewerkstelligen?«

»Ja, ja, Emmy, o wie glücklich machst Du mich!«

»Ich? ich könnte Jemand glücklich machen? o Hans, Du wirst mich zeitlebens darob hassen! ich sollte Dich nicht zu dem Schritte veranlassen, ich bin elend, beinahe zur Mörderin geworden, bin deshalb nicht Werth, eines braven Mannes Weib zu sein, und Du bist so gut, so gut! nein, ich sollte es nicht thun, ich sollte nicht!«

»Du sollst, Du mußt!« ruft Hans Black energisch, »o Emmy, wie will ich Sorge tragen für Dich, wie glücklich wollen wir zusammen sein und das elende Leben vergessen, das Du hier geführt. Sieh', Dir gehört fortan mein Leben und Streben.«

»Und Deine Mutter?« beginnt Emmy wieder mit ihrer trüben, traurigen Stimme, »was wird sie sagen? und Miß Wilson, Deine gute Tante? Thörichter Junge! nein, heirathen darfst Du mich nicht, aber bring mich nach New York, ich bin jung und stark und willig zur Arbeit, ich kann mein Brod verdienen, jedes Dasein ist besser, als das Leben, das ich hier führe.«

»Du mußt mein Weib werden, Emmy,« ruft Hans entschlossen, »ich gebe Dein Wort nicht zurück. Quäle mich nicht, siehst Du nicht, daß ich Dich liebe?«

Sie schüttelt das Haupt.

»Ich sehe es nicht und verstände es noch weniger. Was findest Du an mir, häßlich, rothhaarig, bösartig, wie ich bin? Und ich liebe Dich nicht.«

»Das wird sich schon machen,« meint der ehrliche Mann, »meine Hingebung, meine Zärtlichkeit, meine Liebe muß Gegenliebe erwecken. Emmy, Du gehörst mir, ich lasse Dich nicht.«

»Gut, so seis,« antwortet sie ruhig, »erinnere Dich aber, daß ich Dich gewarnt habe. Ordne Alles, ich vertraue Dir.«

»Und ich werde mich dieses Vertrauens werth zeigen, so wahr mir Gott helfe!«

Er faßt ihre Rechte und drückt sie innig an die Lippen.

Eine Weile sitzen sie stumm. Welch seltsame Verlobung. Die nächtliche Stunde, die düstere Umgebung, das Bahrtuch des Schnees, das Schweigen, die Oede! Hans Black bleibt diese Scene unvergeßlich, unvergeßlich auch der Ausdruck im Antlitz der jungen Braut.

»Vor fünf Uhr Morgens geht kein Zug nach New York,« beginnt Hans, zum practischen Leben zurückkehrend, »was thun wir in der Zwischenzeit? Du würdest erstarren, wollten wir hier bleiben.«

»Und ich muß Kleider und Wäsche haben,« entgegnet Emmy, »im Farmhause wachen sie hoffentlich nicht die ganze Nacht? ich muß ins Haus.«

»Es ist gefährlich.«

»Wenn sie nicht wachen, nicht im Geringsten. Ich habe den Schlüssel und fürchte die Sleafords nicht, wenn sie erst im Bette sind.«

»So komm, wir wollen uns sofort auf den Weg machen.«

Und so thaten sie den ersten Schritt zu jener Reise, die Emmy einer ungeahnten, ereignißreichen Zukunft entgegenführen sollte.

Als sie die rothe Farm erreichen, ist Mitternacht lange vorüber. Tiefe Stille herrscht. Keine Spur des jüngsten Ereignisses zeigt sich. Offenbar sind Alle zu Bett, das ist mehr, als Emmy zu hoffen gewagt.

»Wo wartest Du?« fragt sie leise, »es ist kalt.«

»Ich schreite hier auf und ab: mein Ueberzieher wehrt der Kälte. Sieh' nur zu, Emmy, daß sie Dich nicht sehen, und ändere Deinen Entschluß nicht, ich würde Dirs nie vergeben, wenn Du mich täuschtest.«

»Fürchte nichts, ich komme bestimmt mit dem nächsten Stundenschlage.«

Sachte öffnet sie die Thüre, zieht die Schuhe aus und schleicht die Treppe hinan. Alles ruhig, sie schlafen. Welche Kleider soll sie mitnehmen? ihre besseren sind in Abbottsheim, weil Bertha und Lora annectiren, wo sie können. Nun will auch sie nehmen, was ihr gefällt. Nachdem sie das Nöthige gepackt und ihre Toilette vollendet hat, kehrt sie in die Küche zurück und erwartet den nächsten Stundenschlag. Sie steht im Begriffe, das verhaßte Haus zu verlassen, ein neues Leben zu beginnen. Ein neues Leben! was wird es ihr bringen? New York steigt blendend mit all seinem Schimmer, all seinen Möglichkeiten vor ihrem Geiste auf. An Hans Black denkt sie kaum, er gehört nothgedrungen zu diesem neuen Leben, das vor ihr empordämmert. Lieber wäre es ihr, er hätte nichts damit zu thun. Sie liebt ihn nicht, sieht sich nur durch die Verhältnisse gezwungen, seine Frau zu werden. Die alte Wanduhr schlägt die Stunde. Emmy athmet tief auf, erhebt sich und geht lautlos, wie sie gekommen.

Der Morgen ist düster, feucht und nebelig. Wie eine treue Schildwache ist Hans Black auf seinem Posten. Haar und Bart bereift, kommt er Emmy entgegen.

»Endlich!« flüstert er, »ich glaubte, die Zeit verginge nie. Werden wir je diese Nacht vergessen?«

Sie antwortet nicht, düster blickt sie auf das alte Haus zurück.

»Leb' wohl, trauriger Kerker!« spricht sie ernst, »es mag mir schlecht gehen, schlechter als hier wohl nie.«

»Es wird Dir nicht schlecht gehen, Emmy, vertraue mir!«

Er zieht ihre Hand in seinen Arm, rasch und schweigend schreiten sie dahin auf dem langen, einsamen Weg.

Es ist dreiviertel auf fünf, als sie die Station betreten, im Wartesaal brennt behagliches Feuer, nun erst gewahrt Hans Emmys elegante Kleidung.

»Wie hübsch Du Dich herausgeputzt,« ruft er, »woher hast Du all die Pracht?«

»Das Kleid gehört Lora und der Shawl Bertha, meine besseren Kleider sind im Schlosse, ich wollte Niemand in Verlegenheit bringen und nahm inzwischen, was ich passend fand. Die Mädchen werden dafür meine Sachen erhalten, und jedenfalls habe ich die paar Gegenstände durch meine Arbeit längst zehnfach verdient.«

Hans starrt sie sprachlos an, der unsichere Begriff von »Mein« und »Dein« will ihm nicht behagen, jetzt aber ist nicht die Zeit, darüber zu verhandeln. Der Zug braust in die Bahnhofshalle und nimmt die Flüchtigen auf.

»Nun sind wir geborgen,« bemerkt Hans, »in drei Stunden sind wir in New York, dort dürften wir schwer zu finden sein.«

Es ist eine schweigsame Fahrt. Was sie wohl denken mag, die junge Braut, wie sie so dasitzt, verloren in tiefes Sinnen, den düsteren Blick mit schier schmerzlichem Ausdruck auf die graue Dämmerung geheftet? keine heiteren Bilder umgaukeln sie. Sie erreichen die Stadt. Der Lärm, das Gedränge, das Rasseln der Wagen erschrecken Emmy, ängstlich klammert sie sich an ihren Begleiter.

»Ist es hier immer so lärmend? mein Kopf schmerzt schon jetzt.«

»Wirst Dich bald daran gewöhnen, Lieb,« tröstet Hans, »es geht im Anfang Allen so. Später hört man den Lärm nicht mehr.«

Er ruft eine Droschke, sie fahren in ein Hotel, wo er kecklich »Mr. Black und Frau« ins Fremdenbuch schreibt.

»Nun wirst Du auf Deinem Zimmer bleiben müssen, Emmy,« sagt der junge Mann nach dem Frühstück, »ich lasse Dich mit Lectüre versorgen und gehe, einen mir bekannten Geistlichen aufzusuchen, damit unsere Trauung möglichst bald erfolge.«

Die Aussicht scheint Emmy nicht besonders zu entzücken. Sie greift schweigend nach den Tagesblättern und periodischen Zeitschriften, Hans entfernt sich.

Endlos scheint die Zeit, und doch rückt die Stunde der Entscheidung näher und näher, bald wird sie unauflöslich an Hans Black gekettet sein. Während sie, das Haupt in den Händen verborgen, der nächsten Zukunft gedenkt, ists, als erhöbe sich die ganze Vergangenheit, die liebeleere, schmerzvolle Vergangenheit vor ihrem Geiste. Ein Gefühl wilden Grolles bemächtigt sich ihrer. Warum ist sie vaterlos, mutterlos hinausgestoßen in die Welt voll Eigennutz? hinausgestoßen schon auf des Daseins Schwelle? harte Worte und Verwünschungen waren das Wiegenlied, das man ihr gesungen, harte Arbeit, Hunger, Schläge, Schimpf, Fußtritte, Kälte, Hohn waren ihr Theil, so lange sie denken kann. Was hat sie gethan, solches Schicksal zu verdienen? eine Lebensdauer des Glückes wäre zu kurz, gut zu machen, was an ihr gesündigt worden, den gerechten Unwillen, den Haß, die Verachtung, die sie gegen das ganze Menschengeschlecht empfindet, aus dem Herzen zu tilgen.

Nein, nicht gegen alle Menschen, nicht gegen Hans Black, den armen Jungen, der mit ihr, oder mit dem sie geflohen. Der zürnende Ausdruck um Mund und Brauen wird milder. Eigentlich ist es schlecht, ihn dazu veranlaßt zu haben, wie bald mag er den unbedachten Schritt bereuen, muß ihn bereuen, auch wenn er jetzt noch nicht daran denkt. Sie hat nicht an ihn, nur an sich gedacht. Es war der einzige Ausweg, der sich geboten, und sie hat ihn erfaßt. Warum soll sie Jemand schonen, hat Hans nicht freiwillig und glückselig sie begleitet? weshalb sich seinem Wollen entgegenstemmen, wenn es zu ihrem Besten ist. Er ist ihr nützlich und –

Die Gedanken stocken, im Corridor lassen sich rasche Schritte vernehmen, eine kräftige Männerstimme singt eine bekannte Arie: sie kennt diesen Gang, diese Stimme nur zu gut. Wie ein Dolch dringt ihrs ins Herz. Sie eilt zur Thüre. Eine schlanke, hohe Gestalt entfernt sich den Corridor entlang, Emmy steht einen Moment wie betäubt, ihr Herz pocht laut. Nun tritt sie ans Fenster und sieht den jungen Mann aus der Thüre schreiten. Das Licht des scheidenden Tages fällt auf die elegante, nachlässige Erscheinung, auf das blonde Antlitz, das von jeher alle Phantasie des jungen Mädchenherzens gefangen genommen, auf ihn, der so ganz anders scheint, als die Anderen. Und doch ists nur ein hübscher, wohlerzogener, gutgekleideter junger Mann, der Typus jener Sorte, die sie in späteren Jahren dicht wie Herbstlaub aus ihren Wegen findet: dennoch bleibt Julius Livingstone bis zum letzten Tage des Lebens ihr Ideal.

Sie setzt sich und sucht den Ideengang, den sie erst verfolgt, wieder aufzunehmen. Umsonst. Eine seltsame Wandlung ist in ihr vorgegangen. Ein eigenthümlich rascher, aber nur um so unwiderstehlicher Entschluß taucht in ihrem Inneren auf. Sie will Hans nicht heirathen – nein – nie! nie!

Mit ausgestreckten Armen erhebt sie sich. Wie hat sie die Möglichkeit nur annehmen können? sie würde ihn nie, nie lieben, warum bleibt sie überhaupt noch? kommt er zurück, so wird er sie zwingen. Sie zwingen? sein treuherziges Antlitz, seine guten flehenden Augen erstehen vor ihrem Geiste. Er liebt sie, liebt sie treu und innig!

»Bah!« sagt sie laut, »er ist ein Thor, weil er mich liebt. Er wirds überstehen.«

Bleiben aber darf sie nicht länger, er darf sie nicht wiedersehen. War sie wahnsinnig, zu denken, sie könnte ihm gehören, ihm! ein Augenblick genügt zu unumstößlichem Entschluß. Armer Hans! Und das hat Dir Julius Livingstones Anblick gethan. Hastig kleidet sie sich für die Straße. Kein Lebewohl – kein Brief bleibt zurück. Was soll sie sagen? Hans wird sehen, daß sie nicht mehr da ist – das genügt. Wohin sie geht? sie weiß es nicht. Nur so viel ist ihr klar, daß sie Hans nicht heirathen will. Sie eilt den Corridor entlang mit hochgetragenem Haupte, bereit, um ihre Freiheit zu kämpfen. In ihrer Erregung denkt sie nicht an den Schmerz, den ihre Flucht dem guten, treuen Manne bereiten wird, sie fürchtet nur, ihm zu begegnen. Sie begegnet ihm nicht. Einen Augenblick später steht sie unter dem flimmernden Abendhimmel – allein, ohne Freunde, ohne Mittel in den Straßen der Riesenstadt.

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