Am Rande des Abgrundes
Verlag: Verlag von J. Habbel
Wenn Sie das Buch lieber in der Hand halten möchten, können Sie es hier erwerben:
Oder laden Sie das Buch kostenlos als E-Book für Ihren E-Reader herunter:
Wie verwende ich eine EPUB-Datei?EPUB herunterladen
„Am Rande des Abgrundes“ als E-Book für Ihren Reader.
Projekt Gutenberg unterstützen
Ihr Download startet.
Projekt Gutenberg lebt davon, dass Literatur frei zugänglich bleibt.
Mit Ihrer Unterstützung helfen Sie, diese Bibliothek zu erhalten und weiter auszubauen.
Im Buch suchen
Zehntes Capitel. Nach jener Nacht.
Es ist beinahe zwölf Uhr. Das Frühstückszimmer voll Sonnenschein und Gäste, die scheidend die Damen des Hauses umdrängen. Der Ball ist entzückend gewesen, Alles verspricht, im Laufe des Sommers sich wieder zu einem ländlichen Feste auf Abbottsheim einzufinden. Endlich sind Alle fort, Mrs. Abbott läßt sich ermüdet in einen Fauteuil nieder. Sie ist nicht kräftig, nach der Ruhe des gewohnten Lebens greift Gesellschaft sie mehr an als Andere. Ueberdies ist sie wegen Gottfried beunruhigt, es geht auf Mittag und er ist noch nicht gekommen, sein seltsames Benehmen zu erklären. Während sie sinnt, wird ihr ein Billet gebracht.
»Hotel Lockport, Donnerstag Morgen.
Liebe Mutter, ich muß Dich sehen und kann nicht nach Abbottsheim kommen. Sei so gut,
komme zu mir, ich werde Dich den ganzen Tag erwarten. Gruß an Carola.
»Kann nicht nach Abbottsheim kommen,« wiederholt Mrs. Abbott stirnrunzelnd, »und gestern war er da. Ich soll zu ihm kommen? was soll das heißen?« Sie erhebt sich und berührt die Klingel, als eine Dienerin schreckensbleich ins Zimmer stürzt.
»O, Mrs. Abbott – Entsetzliches hat sich ereignet, – o, ich weiß nicht, wie ichs sagen soll!«
Mrs. Abbott entfärbt sich.
»Betrifft es meinen Sohn?« fragt sie beinahe flüsternd.
»Nein, o nein, – aber der Herr – – o, wie soll ichs sagen? es ist schrecklich – schrecklich!«
Mrs. Abbott athmet auf. Bleich ist sie, doch ruhig, fast kalt. Was könnte sie besonders aufregen und ängstigen, wenn es nur Mr. Abbott betrifft?
»Sei nicht einfältig,« schilt sie ungeduldig, »melde, was Du zu sagen hast und geh', – ich will ausfahren.«
»Sie können nicht ausfahren, gnädige Frau, o, Sie wissen nicht! Ach! Mr. Abbott ist – sehr – sehr krank.«
Sie erinnert sich seines schlechten Aussehens von gestern, der unverständlichen Worte und zuckt leicht die Achseln. Mr. Abbott war schon einmal sehr krank an Delirium tremens.
»Hat man nach dem Arzt geschickt?« fragt sie kühl.
»O, Milady, Doctor Gibson kann nichts thun, gar nichts mehr. Mr. Abbott ist – todt.«
»Todt!« wiederholt Mrs. Abbott und blickt verwirrt auf das Mädchen. Todt!« Der kräftige starke Mann? er und todt, – zwei Begriffe, die sich kaum vereinen lassen. »Todt!« sagt sie zum dritten Male langsam und zweifelnd.
»Davis fand ihn heute Morgen,« erzählt das Mädchen unter lautem Schluchzen, »er sandte sofort nach dem Doctor, der befahl, daß Davis schweigen sollte, bis sich alle Gäste entfernt hätten. Der arme Herr liegt noch im Arbeitszimmer auf dem Sopha, und – Milady, es kommt das Gericht zur Untersuchung.«
Mrs. Abbott setzt sich. Ihr schwindelt, sie ist matt und kraftlos. Eine Flut von Reuethränen bricht aus ihren Augen, sie zerdrückt sie mit zitternden Händen. Sie hat ihn nie geliebt, den Todten. Ihre Ehe mit ihm war drückende Fessel, sie hat den Gatten verachtet und es ihn fühlen lassen. Der Tod aber zahlt alle Schulden, nun ist ihr Herz der Reue und Selbstanklage voll. Gestern Abend noch kam er zu ihr, von Sorge und Schmerz gequält, und sie hat ihn von sich gestoßen. Nun ist er todt! kein Blick der Liebe mag ihm mehr wohl thun, kein freundlich Wort Echo wecken in seiner Seele!
Augenblicke der Schwäche sind aber nur Augenblicke im Gemüthe der Frau, deren Leben lange, beständige Selbstbeherrschung gewesen. Sie richtet sich auf.
»Es – es kam plötzlich?« fragt sie das weinende Mädchen, »war es Schlagfluß?
Das Schluchzen der Dienerin nimmt zu.
»O, gnädige Frau, das ist gerade das Schreckliche, es ist kein natürlicher Tod – es ist – Selbstmord.«
»Selbstmord!«
In stummem Entsetzen tritt die Dame zurück und streckt abwehrend die Hände aus.
»Ja, Milady, Selbstmord. Während Alles tanzte und sich freute, erschoß er sich. Davis fand ihn am Morgen kalt und starr. O, liebe, gnädige Frau fassen Sie sich! O mein Gott, sie wird ohnmächtig!« ruft das rathlose Mädchen und eilt der Herrin zu Hilfe. »Gott sei Dank! da kommt Mr. Gottfried. O, kommen Sie, helfen Sie Ihrer armen Mutter!«
»Eben erhielt ich durch Doctor Gibson die Schreckenskunde,« spricht er schier athemlos, »und eilte sofort hierher. Fasse Dich, liebe Mutter!«
»O, ich habe ihn getödtet!« flüstert sie und sinkt, von Reue und Entsetzen übermannt in die Arme des Sohnes.
»Nein, Mutter,« entgegnet Gottfried ernst und kalt, »Du hast keinen Theil an dem tragischen Ende. Ich habe es herbeigeführt. Ich sprach ihn gestern Abend. Ein dunkeles Geheimniß seiner Vergangenheit war mir kund geworden. Ich drohte mit Enthüllung und Selbstmord war die Folge meiner Worte. Dennoch bedauere ich nicht, was ich gethan, es war meine Pflicht, ich würde es wieder thun. Und, Mutter, er hat sein Geschick verdient, ist Deines Mitleids unwürdig. Er war ein Elender – ja, Mutter, vor seiner Leiche will ichs wiederholen, er war ein Schurke! ermanne Dich also, und wenn Du weinst, sei es, Gott zu danken, daß er die schmähliche Fessel von Dir genommen.«
All das vernimmt die schreckensbleiche Dienerin. Sie blickt in das harte, erbarmungslose Antlitz des jungen Mannes und fragt sich, welches Unrecht ihr armer todter Gebieter begangen haben könnte, solche mitleidlose Verurtheilung zu verdienen?
* * *
Vier Tage später tragen sie den Herrn von Abbottsheim zu Grabe. Ein prächtiges Mausoleum nimmt ihn auf, da wird er ruhen, – allein, bis ans Ende der Zeiten. Die Leichenfeier ist großartig. Mrs. Abbott in schleppendem Kreppgewande erscheint bleich, aber ruhig und majestätischer denn je. Carolas Thränen sind die einzigen, welche fließen. Das Verdict der gerichtlichen Untersuchung lautet auf »momentane Geistesstörung«.
Dringende Geschäfte haben Gottfried Lamare am Abende vor dem Begräbnisse nach New York gerufen, er nimmt nicht daran Theil. Die Familie Ventnor hat sich eingefunden, der Wittwe und der verwaisten Tochter in den trüben Stunden nahe zu sein mit Trost und Freundschaft. Mrs. Abbotts wundervolle Selbstbeherrschung aber läßt keine Trostsprüche zu: sie trägt die Ruhe der gebildeten Dame zur Schau, weist jede Aeußerung von Mitgefühl ab. Noch weiß sie nichts, als daß sie frei ist. Frei geworden auf schmachvolle, entsetzliche Weise, aber immerhin – frei.
Der Todte ist bestattet, das Testament eröffnet. Die Wittwe ist fürstlich bedacht. Ihr Sohn erbt Abbottsheim und die Hälfte des immensen Vermögens. Diener und Freunde, Niemand ist vergessen. Kein edleres, großmüthigeres Testament wurde je verfaßt. Jetzt entdeckt alle Welt die guten Eigenschaften des Verstorbenen.
»Er war etwas derb und rauh,« sagt man in Lockport, »aber ehrlich, freimüthig und jederzeit bereit der Armuth beizustehen.«
Lockport hat ihm viel zu danken, folglich wird er nach seinem Tode verherrlicht. Seine Todesart aber – man vermied möglichst, davon zu sprechen, – nun ja, der Arme lebte nicht glücklich mit seiner Frau. Sie und ihr Sohn behandelten ihn von oben herab, da begann er zu trinken und trank bis zum Delirium. In solchem Anfall jagte er sich eine Kugel durch den Kopf. So war es gekommen. Gibt es auch etwas Qualvolleres, als unglückliche Häuslichkeit?
Am Tage nach der Beerdigung kehrt Gottfried Lamare zurück: er trägt keine Trauer, seine Züge haben den Ausdruck tiefen, trüben Ernstes. Seine erste Frage ist nach den Sleafords. Sie sind fort, die rothe Farm steht verödet. Lora hat sich im benachbarten Städtchen verheirathet, Bertha ist mit den Brüdern nach New York gezogen, trostlose Vereinsamung herrscht in dem unheimlichen Gemäuer. Die rothe Farm steht zu Pacht. Gottfried reitet hinüber und besieht sich das Gebäude. Schon jetzt gleicht es einem spukhaften Haus. Man vermeidet, Nachts da vorüber zu kommen. »Sleaford geht um,« heißt es unter den Leuten. Sonderbar, daß die beiden Männer, die sich im Leben auf irgend eine Weise nahe gestanden, durch gewaltsamen Tod sich so bald in die Ewigkeit folgten.
Von Emmy keine Spur. Die Nachforschungen haben in letzter Zeit nachgelassen. Nur der arme, treue Hans Black sucht und hofft, auch Gottfried will weiter forschen, erst aber bleibt ihm eine peinliche Pflicht zu erfüllen, erst muß er seiner Mutter sagen, daß sie nie die Gattin des Mannes gewesen, dessen Namen sie trägt, daß weder sie noch Carola ein Recht haben auf den Reichthum, den Mr. Abbott hinterlassen.
Es ist spät am Abend, als er ihrs sagt. Sie sitzen allein im Wohnzimmer bei verschlossener Thüre, blicken hinaus in die Winterlandschaft, in die Schatten, die allmählich sich darüber lagern, während des Kaminfeuers röthlicher Schimmer am Golde des Getäfels hinfunkelt. Er hält der Mutter Hand in der seinen. Zart und unendlich weich sind die Worte, womit er ihr das Schreckliche mittheilt, das Geständniß, das ihren Stolz in den Staub tritt. Erst kann sie es nicht fassen, will es nicht verstehen, es scheint ein wilder, entsetzlicher Traum. Plötzlich aber dringt ein Schrei durch die Stille des Hauses, ein Schrei der Verzweiflung. Einer Tigerin gleich springt sie auf, reißt sich los aus den zärtlichen Händen des Sohnes und schlägt mit wilder Gebärde um sich. Wieder und wieder schrillt der entsetzliche Schrei, der Schrei des Wahnsinns. Was ist August Abbotts Selbstmord im Vergleich zur Unthat, die ihr geschehen? Sie wankt, sie fällt besinnungslos zur Erde.
Wochen völliger Ohnmacht des Geistes folgen, der Tod ringt mit dem Leben. Entsetzliche Visionen foltern die Gepeinigte. August Abbott, die Kugel in der Stirn erhebt sich vor ihr, hascht nach ihr, ergreift sie! Tag und Nacht weilt Gottfried am Lager der Kranken, er allein will Zeuge sein der Fieberphantasieen, die so viel verrathen. Carola hat keinen Zutritt, ihr junges Leben soll nicht vergiftet werden. Die Aerzte zucken die Achseln, man gibt die Kranke verloren, ihres Körpers ungeschwächte Kraft rettet sie. Allmälich läßt das Fieber nach, allmählich erwacht Leben und Besinnung, bleich, erschöpft, schwach wie ein Kind, blickt sie an einem Maitag hinaus in den fröhlichen Sonnenschein, auf die süßen herrlichen Frühlingsblüten. In wenigen Wochen ist sie im Stande, abzureisen – zur Erholung. Abbottsheim wird der Sorge der Beschließerin übergeben, Mrs. Abbott nebst Sohn und Tochter scheiden – auf Jahre vielleicht.
»Es scheint doch,« sagt man in Lockport, »daß die stolze, kalte Frau den Gatten lieb hatte, wie hätte sein Tod sie sonst so furchtbar erschüttern können?«
Anfangs Juni reisen sie ab. Noch weiß Carola nichts, es ist Zeit genug, ihr zu sagen, daß sie arm ist, daß Jemand Anders Anrecht hat auf die Besitzungen des Mannes, den sie »Vater« nannte, daß Gottfried und was er im Stande ist, zu verdienen, ihr ganzes Vermögen ausmacht, Weder Gottfried noch Mrs. Abbott werden einen Heller der Millionen berühren, die testamentarisch ihnen verschrieben, die aber Emmys rechtmäßiges Eigenthum sind. Sie gehen nicht hinweg, Europa zu besuchen, sich zu zerstreuen, wie die Welt glaubt, sie gehen nach New York, wo in einem bescheidenen Häuschen einer Vorstadt Gottfried ärztliche Praxis eröffnen will. Den Namen »Abbott« legt seine Mutter aus Rücksicht auf Carola nicht ab, so peinlich es ihr auch wird. Niemand soll ihre Pläne wissen, die Welt, in der sie bisher gelebt, ist todt für sie, sobald sie Abbottsheim verlassen.
In der Rosenvilla findet sich die Familie Ventnor nach dem Weggang der Freunde vereinsamt. Besonders Olga ist untröstlich über Carolas Scheiden, und so wird beschlossen, ebenfalls Europa zu bereisen. Einige junge reiche Amerikanerinnen haben jüngst in der alten Welt brillante Partien gemacht, Julius Livingstones Aussichten werden schwächer und schwächer. Seine Mutter schreibt in beschwörenden Ausdrücken, er möge mit den Ventnors Fühlung unterhalten, sich um Olga bemühen, ehe ein britischer Offizier oder ein schwindsüchtiger Lord des Dreikönigreiches ihm den Preis streitig mache. Julius aber lebt sorglos weiter in der Hauptstadt an der Tiber, besucht Kirchen, Ruinen, Museen, skizzirt, malt, unterhält sich, wie Künstler es thun, und denkt nur vorübergehend an die schöne Cousine. In Rom ist die Kunst Herrscherin und schlägt gewöhnlich Herz und Sinn jeden Jünglings in Banden. Sollte Olga geneigt sein, ihn bei der nächsten Begegnung zu heirathen, hat er nichts dagegen, wenn nicht – er zuckt gleichgiltig die Achseln und summt vor sich hin:
»Was nützts, wenns fein ist,
Wenns nicht mein ist?«
* * *
Und nun stehen wir wieder zu Anfang unserer Geschichte, als Miß Ventnor an jenem trüben Oktoberabend der Freundin das gespenstige Haus zeigt, »d'rin Sleaford umgeht«. Mit leiser melodischer Stimme hat sie am Kaminfeuer die Geschichte der Sleafords und der rothen Farm erzählt. In sorgloser Ruhe ahnt sie nicht, welche Stürme und Kämpfe die nächste Zeit bringen, wie unmittelbar neue, geheimnißvolle Ereignisse, deren Mittelpunkt Emmy bildet, in ihr eigenes Leben eingreifen werden.