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Am Rande des Abgrundes

von Lina von Berlepsch

Verlag: Verlag von J. Habbel

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Kapitel 11

Erstes Capitel. Nach einigen Jahren.

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Zweiter Theil.


December ists. Durch das Spitzengewebe am Fenster fällt der schwache Abendschimmer, säumt mit fahlem Gold den schweren Purpur der Damastgardinen und neigt sich gegen die Gestalt am Clavier, welche er mit der Glorie des scheidenden Tages verklärt. Ein junges Mädchen begleitet sich mit sicherer Meisterhand zum Gesange. So hoch und weit der Raum, in dem es sich befindet, die herrliche Stimme erfüllt ihn, es scheint, als müßten sie sich dehnen die vergoldeten Wände, als müßten sie zurückweichen die Crystallscheiben vor der wunderbaren Macht und Fülle des Tones, der wirbelnd aufsteigt zur silbernen Höhe des Soprans und melodisch niederperlt zum weichen Schmelz des Alt.

Die Sängerin ist Emmy. Sie ist zum siebzehnjährigen Mädchen herangewachsen, emporgeblüht würde man von einer Anderen sagen, für Emmy paßt das Wort nicht. Sie ist ein eigentümlich aussehendes Mädchen. Im einfachen Kleide von schwarzem Alpakka nimmt sie sich in der reichen Umgebung seltsam aus. Die Fülle des röthlich braunen Haares ist zu losem schweren Knoten geschlungen, das Gesicht ist blaß und mager, die Züge regelmäßig, aber zu entschieden, zu ernst für ihr Alter. Sie ist nicht hübsch, aber auffallend, fesselnd durch das Ungewöhnliche ihrer Erscheinung. Wer einmal dieses Gesicht sah, ist versucht, es öfter zu betrachten. Das haben die fünf Jahre des Unterrichts, der sorglichen Mühe, welche Miß Wilson sich gegeben, aus Sleafords Emmy gemacht: eine schlanke, ernste Jungfrau mit maßlosem Mißbehagen an der eigenen Existenz, ein Mißbehagen, das jeden Tag wächst, mit gründlicher Verachtung der kleinen eitelen Schwächen ihres Geschlechts, der unumstößlichen Ueberzeugung der eigenen Häßlichkeit, mit einer bezaubernden Stimme und ungewöhnlicher Meisterschaft auf dem Clavier.

Sie ist allein. Stimmen und frohes Lachen klingen aus den Anlagen herauf, man ruft sie, – sie achtet nicht darauf. Eine heitere Gruppe vergnügt sich im Freien am windlosen Winterabend. Mit Spiel und Scherz hat Emmy wenig zu thun. Man heißt sie nicht mehr den »Wildfang«, sie ist zahm genug geworden. Noch immer aber ist sie das Aschenbrödel der rothen Farm mit den Spuren harter Arbeit an den Händen. Endlich wird sie der Solfeggien und Uebungen müde und beginnt eines oder das andere Lied. Plötzlich aber hält sie inne, einige Accorde folgen, und die Stimme erhebt sich zum feierlichen, wehmüthigen Stabat Mater.

» Cujus animam gementem« klingt es in getragenem Tone hinaus, wunderbar ernst, rein und erhaben.

»Bravo!« ruft eine Stimme neben der Sängerin, die, ganz in die zauberhaft ergreifende Melodie verloren, Alles um sich her vergißt, »wenn ich ein Bouquet hätte, würfe ichs Ihnen zu Füßen.«

Sie blickt um und lächelt. Ja gewiß, das Mädchen ist schön unter dem Schimmer dieses Lächelns, das ihr trübes Gesicht erhellt.

»Singen Sie mir: »Siehst Du am Abend die Wolken ziehen«,« sagt Gottfried Lamare und setzt sich aufs Sofa. Er kam über die Weihnachtsferien nach Hause, und hat sich eigentlich wenig verändert. Größer und schlanker ist er geworden, die tiefen blaugrauen Augen, der Zug entschiedenen Wollens, der um Lippen und Mundwinkel spielt, die stolze Haltung des Hauptes sind dieselben.

Emmy sucht das Lied.

»Wo haben Sie die Anderen gelassen?« fragt sie gleichgiltig.

»Livingstone ist unten,« antwortet Lamare, »unter Damen reicht er allein hin. Gestern Abend waren viele hübsche Mädchen bei Ventnors, Julius aber war »Ballkönig«. Soll ich umblättern, Emmy? in diesem Falle würde ich der Höflichkeit meine Bequemlichkeit zum Opfer bringen.«

»Nein, nein, bemühen Sie sich nicht. Sie arbeiten so anstrengend, daß Sie während der Ferien wohl ruhen dürfen. Zudem bin ich an Höflichkeit nicht gewöhnt.«

»Nicht?« sagt Gottfried nachdenklich, »mir scheint, Emmy, daß Sie seit einiger Zeit sehr niedergeschlagen sind, dünn und farblos, wie ein Schatten, und beinahe so stumm. Ists bei Sleaford noch immer so schlimm, wie früher? werden Sie noch mißhandelt?«

Emmy zuckt die Achseln, zorniges Leuchten blitzt über ihr Gesicht.

»Was thuts?« fragt sie mit gezwungener Gleichgiltigkeit, »sollte längst daran gewöhnt sein, aber ich gewöhne mich an Nichts. Nach meinem Aussehen ist übrigens nicht zu urtheilen, bin von jeher mager und mürrisch gewesen. Und warum sollte Einer nicht stumm sein, wenn er nichts Erfreuliches zu sagen hat? hier ist Jedermann gut gegen mich, viel gütiger, als ichs verdiene, das sollte mir genügen.«

Sie beginnt zu singen, der herbe Ton aber klingt durch. Gottfried betrachtet sie stille, mit natürlichem Interesse. Hat nicht er sie gerettet? wenn doch fröhliches Aufblühen an Geist und Körper ihm lohnte! aber es ist nicht, wie es sein sollte. Emmy ist erzogen, gebildet, beinahe verhätschelt, aus Abbotsheim wenigstens, – dennoch ist sie nicht glücklich. Entgegengesetzte Einflüsse aller Art wirken auf sie. Hier Comfort, Luxus, die Wohlthat gebildeten Umgangs, dort Rohheit, Mißhandlung, gemeines Wesen.

Wie oft und ernst auch Amos Sleaford zu bestimmen versucht worden war, Emmy Mrs. Abbott völlig zu überlassen, immer hat er hartnäckig es verweigert.

»Sie ist Euere Tochter nicht,« brachte Gottfried als gewichtiges Argument vor, »sie gehört gar nicht zu Euch.«

»Wer sagt Euch das, junger Herr?« versetzt Sleaford mit schlauem Augenzwinkern, »ich habe es sicher nie gesagt, und ich muß es wissen.«

»Und gehört sie Euch, so sollte ihr Wohlergehen Euch am Herzen liegen. Laßt sie also kommen, sie wird sich glücklich bei uns fühlen.«

»Wahrscheinlich, aber es geht nicht, junger Herr, ich gebe Emmy nicht her.«

»Wenn es vielleicht auf einige Zugeständnisse ankäme, wenn Geld –«

»Nun hört,« unterbricht Sleaford, »ich habe nichts gegen Euch. Ihr seid ein braver, junger Mann, ich respektire Euch. Davon aber müßt Ihr nicht wieder sprechen. Ich gebe Emmy nicht her, sie ist der Trumpf in meiner Karte, wenn es schon noch nicht Zeit ist, auszuspielen. Zu Euch gehen kann sie, hab' nichts dagegen, nach Hause aber muß sie allabendlich kommen, wenn es Euch um ihre gesunden Glieder zu thun ist. Und nun laßt die Sache gut sein.«

Emmy kehrt jeden Abend von Schönheit und Reichthum in die unsaubere dürftige Farmstube zurück. War Miß Wilson nachsichtig und gut, so ist Bertha zänkisch und Lora höhnisch. Mrs. Abbotts anmuthsvolle Güte macht den Flüchen des betrunkenen Sleaford, Schuberts Melodieen der Scheuerbürste, dem Spülkessel, dem Wäschezuber Platz. Es ist ein unnatürliches Leben, Emmy geht dabei zu Grunde.

»Wie schön!« ruft nun eine andere Stimme, ein Gesicht erscheint am offenen Fenster, »auf Ehre, Emmy, Ihre Stimme ist himmlisch. Noch etwas, bitte!«

Das junge Mädchen schrickt leicht zusammen, wie ein Schatten leisen Erröthens dämmert es auf ihrer Wange. Sie blickt nicht um, die Finger greifen eine Dissonanz, das Haupt neigt sich.

»Sieht Lamare nicht aus, wie der Großtürke, der seine Lieblingssultana betrachtet?« fährt die Stimme neckend fort, »mit welcher Wonne der Jüngling die Wetten des Tones einschlürft. Geh', bitte das Licht des Harems, noch ein ander Lied zu singen, sie hört nicht auf meine Bitte.«

Ehe Lamare willfahren kann, beginnt Emmy zu singen. Auswendig, in der Erinnerung früherer Zeiten singt sie das Lied, das erste, das sie unter diesem Dache gesungen: »das Waisenkind«. Unwillkürliches Schweigen folgt. Wie viel ungenannter Schmerz, welche Tiefe der Empfindung, wie viele Thränen liegen in Wort und Ton. Und Emmy fühlt sie, brennend quellen sie empor im Herzen des Findlings, denn was ist Emmy anders? alle Liebe und Güte ihrer reichen Beschützer vermögen die Thatsache nicht zu ändern.

Während die letzten Worte des traurigen Liedes von ihren Lippen tönen, erscheinen leise zwei weibliche Gestalten unter der Thüre: Carola Abbott und Olga Ventnor. Welch' Contrast zwischen den Erbinnen und Emmy! ihnen ist Alles geworden, was ihr versagt blieb: Name, Geburt, Reichthum, Liebreiz, Heimath.

Leise treten sie näher. Carolas Arm umschlingt Olgas Taille. Sie ist eine jener Naturen, denen eine Liebkosung ebenso angenehm, wie ein Zuckerplätzchen dem Kinde. Obwohl etwas jünger und kleiner, als Olga, ist sie eine hübsche Brünette, dunkeläugig, von mattem Teint und im geschmackvollsten Anzuge der Welt. Sie blickt zur älteren Freundin auf mit einer an Vergötterung grenzenden Liebe.

Olga Ventnor ist ein ausnehmend schönes Mädchen, schlank, anmuthig, von fürstlicher Haltung. Das sonniggolden umstrahlte Haupt, das liebliche Blumenantlitz, die dunkelen Veilchenaugen, die Grazie der ganzen Erscheinung hat ungemein Anziehendes.

Ohne Schmuck und Spangen, ohne blitzende Steine, im einfachen perlgrauen Seidenkleide, ein granatrothes Sammetband um die vollen niederwallenden Locken, erscheint Olga wie eine Fürstin unter den Gespielen.

Julius Livingstone steht am Fenster, ein schöner, junger Mann. Ist es der blonde Schnurrbart, sind es die lebhaften, gutmüthigen Augen oder die schmachtenden Blicke, die sie auf junge Damen zu werfen pflegen, ist es die bestechende ritterlich zarte Aufmerksamkeit, die er an sie verschwendet, oder das zeitgemäße Citiren einiger Verse, gewiß ist, daß Julius Effekt macht und unter diesem Effekt leidet, denn eben ist er unter dem Banne der so und so vielten großen Leidenschaft. Er hat ein Atelier auf dem Broadway, porträtirt Damen und ist ein Schmuck, eine fast nothwendige Ingredienz der New Yorker Salons.

»Warum singst Du das, Emmy?« fragt Carola und schlingt den Arm liebevoll um des Mädchens Nacken, »'s ist ein melancholischer Gesang, zur Weihnachtszeit möchten wir etwas Anderes hören.«

Die kleine Hand streichelt sanft das Haar der Sängerin, mit der sie im tiefsten Inneren Mitleid hat. Emmy ist solch armes Geschöpf, voll Drangsal, harter Arbeit und unfreundlicher Umgebung. Carola ist gegen Alle, mit denen sie in Berührung kommt, freundlich, zuvorkommend, ohne die leiseste Spur von Stolz, im vollen Gegensatz zu Mutter, Bruder und Busenfreundin.

Olga Ventnor blickt auf die Gruppe und tritt ans Fenster. Gottfried Lamare erhebt sich und gesellt sich zu ihr.

»Morgen wirds schneien,« bemerkt Olga und blickt träumerisch zum Abendhimmel empor, »ich bin froh, denn ich kann mir Weihnachten ohne Schnee und Schlittengeklingel kaum denken.«

»Welch zaubervolle Augen!« denkt Lamare, nicht zum ersten Mal. Nach jeder kürzeren oder längeren Abwesenheit ist er aufs Neue von Olgas Schönheit befangen. Er wirft einen Blick auf Julius, der sich eifrig bemüht, Carola zu huldigen. Seine Brauen ziehen sich leicht zusammen. Andere Augen, dunkelglühend, verfolgen Julius' Bemühung. Carola ist ein. Kind, ihm ist gar wenig an ihr gelegen, er huldigt ihr nur, um nicht außer Uebung zu kommen, und doch blickt er auf sie, als wäre sie das einzige Wesen im Weltall.

»Sehen Sie doch Emmy an,« flüstert Olga, »welch leidenschaftlich düsterer Ausdruck.«

»Wirklich!« sagt Gottfried, erstaunt über die Veränderung in Emmys Zügen.

»Ich mag das Mädchen nicht,« bemerkt Olga mit entschiedenem Zurückwerfen des Köpfchens, »ich fürchte sie und mißtraue ihr. Wie Ihr nur Alle so viel von ihr halten möget. Ich will ihr nicht schaden, nie aber könnte ich sie behandeln, wie es Carola thut.«

»Sie mögen Emmy nicht? Sie mißtrauen ihr?« wiederholt Gottfried, »wohl wegen Ihres ersten Zusammentreffens mit ihr?«

»Das ist längst vergeben und vergessen, damals war sie ein böses, halbwildes Kind, jetzt traue ich ihr nicht. Sie ist ruhig, bescheiden, zugethan, studirt fleißig, singt hinreißend –«

»Nun?«

»Ich kann eigentlich nicht sagen, was ich meine. Mir kommt sie vor wie ein junger Tiger, den man mit Milch aufzieht. Er wird zahm, freundlich wie ein Kätzchen, einmal aber tritt die Tigernatur doch zu Tage, er fällt seinen Wärter an und zerreißt ihn. Ich traue Emmy nicht mehr als dem Tiger. Das scheint Sie zu skandaliren? sprechen wir von etwas Anderem. Sie studieren Medicin? weshalb? Sie werden doch nie Praxis ausüben.«

»Wer weiß? ist mirs aber erst gegönnt, den Titel »Doctor« vor meinem Namen zu schreiben, so sterbe ich glücklich.«

»Bah, Sie werden nie practischer Arzt werden, und wenn das Studium nur Liebhaberei ist, weshalb setzen Sie sich dem Anblick all der Leiden und Qualen eines Spitals aus?«

»Möge Ihnen selbst nicht im Traume der Anblick werden, liebes Fräulein, der mir fast täglich unter die Augen kommt,« entgegnet Gottfried ernst, »aber all das heilen, die Schmerzen wenigstens lindern, das gefährdete Leben erhalten, ist das nicht ein lohnender Gedanke?«

»Freilich für Jene, deren eigentlicher Beruf es ist. Sie aber werden sehr reich sein und mögen Leiden lindern, ohne Arzneien zu verschreiben.«

»Wie klug Sie sind, Prinzeßchen,« lächelt Lamare, »dürfte ich annehmen, daß Sie wirklich Interesse an der Sache nehmen –«

»Ich interessire mich für all' meine Freunde,« bemerkt Miß Ventnor ruhig. »Julius werden wir zu Tische nach Hause gehen? ich glaube, wir haben es Mama versprochen.«

Livingstone bedarf keiner zweiten Mahnung. Eine längere Unterhaltung mit Carola langweilt ihn stets, das Kind versteht nicht, zu coquettiren und Gottfried hat Olga lange genug monopolisirt.

»Mir thuts so leid, daß Ihr geht,« klagt Carola, »bitte, kommt doch recht bald morgen Abend.«

Am folgenden Tage ist Carolas sechzehnter Geburtstag und zu dessen Feier Ball. Sie stehen beisammen die vier schönen jungen Leutchen, und bilden eine reizende Gruppe. Emmy betrachtet sie von Weitem und hält sich fern. Auch sie ist jung, aber sie gehört nicht zu ihnen, sie spricht nicht, sie spielt fort und fort, Niemand fragt: was? die Anderen hören das Clavier, sehen die Meisterin, Eines scheint ihnen nicht mehr, als das Andere. Sie sind gütig, höflich gegen Emmy, aber es gibt Tage, wo es ihr lieber wäre, sie würde mißhandelt. Sie ist Sleafords Emmy, die Anderen sind Kinder des Glückes.

Gottfried und Carola begleiten ihre Gäste. Das windstille, milde Decemberzwielicht voll glitzernder Sterne ist herrlich.

»Und Olga prophezeit Schnee bei diesem Himmel,« sagt Lamare.

»Dann müssen wir uns darauf gefaßt machen,« meint Julius, »selbst die Elemente gehorchen ihr.«

»Da seht den Neumond!« ruft Carola, »wünschet Euch etwas. Was wünschest Du, Gottfried? und Du, Olga? ich wünsche mir einen Schneesturm und für morgen eine helle Nacht.«

Alle blicken nach dem Monde. Was sich wohl jedes wünscht? Gottfrieds Auge ruht auf Olga – seinen Wunsch möchte man leicht darin lesen.

»Du darfst nicht weiter mit, Carola,« mahnt Olga. »Es wird kalt, Du hast nichts auf dem Kopfe.«

Sie trennen sich.

»Wir haben Emmy ganz allein gelassen,« sagt Carola, als sie mit dem Bruder ins Haus zurückkehrt. »Verzeih', Emmy!« ruft sie, ins Zimmer tretend, Emmy aber ist fort.

Nachdem die Gesellschaft sie verlassen, ist sie durch eine Seitenpforte hinausgeschlüpft, Niemand wird sie vermissen, und sie muß zurück zu Sleafords.

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