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Am Rande des Abgrundes

von Lina von Berlepsch

Verlag: Verlag von J. Habbel

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Kapitel 10

Neuntes Capitel. Niemandens Kind.

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Mr. Abbott sitzt allein in der Bibliothek. Der geschnitzte Polsterstuhl, auf dem er liegt, eher als sitzt, ist vom Tische zurückgeschoben, aus dessen Marmorplatte er die Stiefel stützt, während er den Raum mit Tabakqualm füllt. Mit drohenden Runzeln auf der Stirn denkt er an seine Frau, die ihm neue Demüthigung angethan.

»Aber warte nur,« brummt er zwischen den Zähnen, »es soll ausgeglichen werden bei der nächsten Gelegenheit.«

Carola hat ihn soeben verlassen. Sie gehört ihm, er will sie bei sich haben, trotz ihrer Mutter, so oft es ihm gefällt. Die Kleine ist ihm zugethan, er vergöttert sie schier. Nun hat auch sie ihn verlassen, mit dem Schlage neun erschien die Wärterin, das Kind zur Ruhe zu bringen. Die Pfeife, eine Zeitung, und eine Flasche alter Portwein helfen über das Weh des Sicheinsamfühlens hinweg. Das Zimmer, in dem er sich befindet, ist groß und alterthümlich. Alle Geräthe sind reich, Gardinen und Polster von tiefen, satten Farben und warmer Tönung. Ein hohes Spitzbogenfenster, das dem Sommerabendlicht Eingang gewährt, geht auf die ungemessene Fläche der See. Ein weicher, rother Teppich bedeckt die Mitte des dunkelen, glänzend gebohnten Estrichs, ein Tigerfell mit greifenden Tatzen streckt vor dem schimmernden Kaminroste sich aus. Längs der Wände zieht sich tiefbraunes Eichengetäfel hin, kunstvoll geschnitzte Büchergestelle reichen schier bis zur Decke. Bücher gibt es unzählige, der ganze Raum scheint ein Tempel geistiger Bildung, ernsten Studiums und – o Ironie des Schicksals – August Abbott ist dessen Besitzer. Keinen der tausend kostbaren Bände berühren je seine Finger, seine Literatur reducirt sich auf ein paar Zeitungen und Sportjournale. Da sitzt er nun und schmaucht und verschlingt seinen Verdruß inmitten der Reichthümer, die er um sich angehäuft.

Leises Pochen wird hörbar, ein Diener erscheint auf der Schwelle.

»Was gibts?«

»Ein Mann ist unten, der Sie zu sprechen wünscht, Mr. Abbott, sein Name ist Sleaford.«

Ein versteckter Blick des Dieners streift den Gebieter. Lockport ist nicht der Ort, in dem es möglich wäre, ein Geheimniß zu bewahren. Der Name Sleaford ist im Hause nicht unbekannt, zum ersten Male aber erscheint ein Glied der berüchtigten Familie auf dem Schlosse. Mr. Abbott läßt das Blatt sinken und springt auf, graufahl wird das Gesicht.

»Sleaford?« wiederholt er, »Sleaford, sagst Du?«

»Sleaford, Sir, Amos Sleaford er wartet triefend naß in der Vorhalle. Ich sagte ihm, ich wisse nicht, ob der Herr zu Hause wäre. Sind der Herr zu Hause?«

»Laß ihn kommen und mach schnell.«

Der Diener verschwindet, Abbott wirft sich, nach Athem ringend, in den Stuhl, er nimmt die Zeitung wieder auf und versucht Fassung zu behaupten. Es will nicht gehen. Er fühlt sich eingeschüchtert, feige, die Hand bebt.

»Sleaford,« murmelt er, »bei dem Wetter, so spät am Abend, Teufel auch, was mag er wollen?«

Die Thüre öffnet sich, triefend wie ein ungeheurer Wasserhund, den Hut auf dem Kopfe, die Hände in den Taschen, tritt Amos Sleaford ein.

»So, Ihr seid zu Hause,« beginnt er höhnisch, »der Laffe sagte, er wisse es nicht. Bei einer Nacht wie diese gehen vornehme Herren gewöhnlich nicht spazieren.«

»Setzt Euch, Sleaford,« sagt Mr. Abbott mit markirter Höflichkeit und rollt ihm einen der sammetgepolsterten Stühle hin.

Sleaford wirft einen Blick souveräner Verachtung darauf.

»Es ist wirklich gräuliches Wetter, um auszugehen, da Ihr nun aber einmal hier seid – wenn ich etwas für Euch thun kann –«

»Wenn Ihr etwas für mich thun könnt –,« wiederholt Sleaford höhnisch, »als ob so ein steinreicher Kerl nicht immer etwas für einen armen Teufel thun könnte! glaubt Ihr, ich wate eine Stunde weit durch Dick und Dünn, um all den Flimsflams hier zu sehen und zu fragen, wies Euch geht? freilich könnt Ihr etwas für mich thun, und was mehr ist, Ihr müßt.«

Der Hohn weicht der Verwegenheit des Schurken. Mr. Abbott erhebt sich hastig, öffnet die Thüre, wirft einen spähenden Blick durch den erleuchteten Gang, – kein Horcher – sperrt das Schloß ab und tritt Amos Sleaford entgegen.

»Was willst Du? war es nicht ausgemacht, daß Du nie hierher kommen sollst? daß ich keinen Spaß verstehe, solltest Du längst wissen.«

»Was an und um Euch ist, weiß ich freilich längst,« erwidert Sleaford ruhig, »spielt nur mit mir nicht den Vornehmen. Ihr habt da ein ganz nettes Logis und all das Zeug kostet weiß der Kukuk wie viel, möchtet es wohl nicht gegen eine Zelle im Zuchthaus und den gestreiften Kittel vertauschen, he? weshalb ich hier bin? ich komme, zu fragen, warum es Euch zuwider ist, wenn Jemand von meinen Leuten hierher kommt, um singen oder so etwas zu lernen, wenn es der junge Mensch da, Euer Stiefsohn, haben will?«

Mit festem Blick schauen die beiden Männer einander in die Augen. Entschlossenheit in Sleafords, verbissene Wuth in Abbotts Zügen.

»So, da also willst Du hinaus?«

»Ja, da will ich hinaus, und haben will ich, was ich will, beim Henker! was das Mädel lernt oder nicht lernt, ist mir egal, merkt das wohl, Abbott, daß Ihr aber erst »ja« und dann »nein« sagt, das leide ich nicht. Mein Mädel kommt hierher,« erklärt Sleaford und schlägt mit der Faust auf den Schreibtisch, »und wird hier erzogen, wie Euer Stiefsohn es haben will. Der junge Mann ist, was alles Gold Californiens nicht aus Euch machen konnte – ein Gentleman, Ihr werdet morgen zurücknehmen, was Ihr gestern verboten habt.«

Amos Sleaford spricht vollkommen ruhig, den Hut hat er freilich noch immer auf dem Kopfe. Das aber thut nichts zur Sache, Höflichkeit ist nicht seine starke Seite. Sein blitzender, entschlossener Blick bohrt sich sozusagen in August Abbots Auge, der seinerseits gleichfalls merkwürdig kühl geworden. Ein paar Mal durchmißt er das glatte Parquet des Zimmers, während der Pächter der rothen Farm ihm mit boshaftem Ausdruck nachsieht.

»Sieh', Amos, es wäre mir lieb, wenn Du nicht darauf beständest«, beginnt Mr. Abbott endlich verlegen, »ich habe meine Gründe. Was verlangst Du, wenn Du von Deinem Vorhaben absiehst, ich gebe Dir –«

»Nein, nein, ich laß mir meinen Willen nicht abkaufen. Das Mädel muß kommen, Geld brauche ich übrigens auch – dreihundert Dollars.«

Abbotts Blicke sprühen, dennoch sucht er sich zu bemeistern.

»Spaß!« sagt er, »vergangene Woche –«

»Vergangene Woche – je nun! parlamentirt nur nicht lang, Ihr wißt, was ich will.«

Eine Zeit lang herrscht tiefes Schweigen.

»Wie alt ist jenes Mädchen?« fragt Mr. Abbott endlich, »Deine Töchter sollten doch Alle erwachsen sein.«

»Sollten sie? nun sie sinds eben nicht. Emmy ist zwölf Jahre alt.«

»Zwölf! Deine Frau ist ja seit sechzehn Jahren todt.«

»Aha!«

Es ist ein kurzer Ausruf, doch der Ton, mehr noch der Blick, der denselben begleitet, läßt Mr. Abbotts Blut erstarren.

»Darüber wollen wir lieber nicht reden.« bemerkt Amos mit verbissenen Zähnen, »ich möchte sonst etwa vergessen, daß Ihr der reichste, angesehenste Mann der Gegend seid, und Euch erwürgen. Gebt mir Geld, damit ich weiter komme. Die finstere Nacht, die elendeste Hütte ist immer noch besser, als ein Palast, in dem Ihr weilt.«

Eingeschüchtert nimmt August Abbott ein Päckchen Banknoten aus der Kasse und reicht sie dem Manne.

»Sleaford,« spricht er fast flehend, »ich wollte, Du zögest fort von hier. Die Leute munkeln allerlei, – Du weißt, ich war immer gut gegen Dich.«

Der Blick, der ihn aus Sleafords Auge trifft, läßt ihn verstummen.

»In Geldsachen,« fügt er nach einer Pause bei, »bin ich nicht karg, nenne Deinen Preis und laß mich fürder in Ruhe. Kehre nach San Francisco zurück, Du kannst dort die besten Tage haben, laß die Vergangenheit endlich vergangen sein.«

Amos steckt das Geld ein und sieht den Gefährten mit hungrigen Wolfsaugen an.

»Bin nur ein armer Teufel,« sagt er, »wäre ich aber noch ärmer, ich nähme nicht die Hälfte Deiner Millionen und ließe Dich in Ruh'. Hat mir Mühe genug gekostet, Dich zu finden, jetzt hab' ich Dich, und so lange wir leben, bleiben wir beisammen.«

Mit diesen Worten wendet er sich und verläßt die Bibliothek. Mr. Abbott geleitet ihn selbst zur Hausthüre und öffnet sie.

Die Nacht ist schwarz. Wind und Regen Peitschen gegen das Haus. Amos Sleaford beachtet es nicht, ohne weiteres Wort verschwindet er in der gähnenden Finsterniß.

* * *

Als Gottfried am folgenden Morgen nach dem Dorfe reiten will, um mit Miß Wilson nähere Vereinbarungen zu treffen, kommt sein Stiefvater in seltsam verlegener Weise auf ihn zu.

»Wenn ich neulich bei Tische rauhe Worte sprach, so kehre Dich nicht daran, Junge. Das Mädchen kann kommen, wenn Du willst.«

Gottfried blickt beinahe hochmüthig auf Mr. Abbot es ist einer seiner Fehler, daß er nicht fähig ist, leicht zu verzeihen.

»Es ist durchaus nicht von Belang, ob Emmy kommt oder nicht. Meinetwegen kann es unterbleiben.«

»Nein, mein Junge, das ist nicht wahr. Du wünschest, daß die Kleine komme, und Deine Mutter wünscht es auch. Es thut mir leid, daß – nun ja, vergiß, was ich neulich sagte, und bringe das Kind her.«

»Es sei,« erwidert Gottfried kurz und ernst.

Statt nach dem Dorfe zu reiten, schlägt er den Weg zur rothen Farm ein, und bald darauf erscheint Emmy in sonntäglichem Anzuge im Schlosse, ihre Erziehung zu beginnen. Mitleidsvoll, fast erschreckt, schaut Mrs. Abbott auf das verwahrloste Geschöpf. Draußen im Freien ist Emmy eine gewisse natürliche Anmuth eigen, hier im eleganten Gemach, in Gegenwart der vornehmen Damen steht sie scheu und stumm. Selbst der schwache Versuch, sie civilisirter erscheinen zu lassen, die Schuhe und Strümpfe, das nach rückwärts gekämmte, widerspenstige Haar, das frischgewaschene Gesicht tragen nur dazu bei, das Peinliche des Ungewohnten zu erhöhen. Miß Wilson, eine kleine, lebhafte, nicht mehr jugendliche Erscheinung ist zugegen und gleicht mit ihren runden, glänzenden Augen, dem braunen Wollkleide und der rothen Bandschleife am Halse einem fröhlichen Rothkehlchen.

»Mein Sohn erzählte mir, Du könntest singen,« sagt Mrs. Abbott wieder, »willst Du uns nicht etwas vortragen?«

Warum heißt sie das Kind nicht fliegen? es ginge am Ende ebenso leicht. Unbändiges Verlangen, davon zu laufen und sich für immer in der alten Mühle zu verbergen, erfaßt Emmy. Schweigend schüttelt sie das Haupt.

»Du kannst nicht?« lächelt Mrs. Abbott, »nun, das ist natürlich. Ich will Dich mit Miß Wilson allein lassen, vielleicht gehts dann leichter.«

Emmy athmet auf, als die Dame das Zimmer verläßt. All die Schönheit und Güte, all die Pracht haben ihr beinahe die Besinnung geraubt. Miß Wilson ist einfach in ihrer Erscheinung, sie benimmt Keinem den Athem. Das Fräulein tritt ans Klavier und spielt einen brillanten Walzer. Emmy horcht leuchtenden Auges.

»Nenne mir einige Lieder, die Du singst,« sagt Miß Wilson freundlich, »ich will Dich begleiten.«

Sie entscheidet sich für das »Waisenkind«. Alle Verlegenheit ist verschwunden. Die volle, wohlklingende Stimme singt in süßer Wehmuth:

»Durch die kalten, öden Straßen
Schleich ich armes, müdes Kind,
Hungernd wein' ich und verlassen,
Während Andere glücklich sind.

Finster sinkt die Nacht hernieder,
Ach, sie bringt nicht Brod, nicht Hort,
Regen peitscht die wunden Glieder,
Und ich zieh' von Ort zu Ort.«

Entzückt lauscht Miß Wilson dem ergreifenden Gesang, eine Strophe folgt der anderen, immer tiefer wird der Pathos, immer inniger die Wehmuth, die in der jungen Stimme sich ausdrückt. Mrs. Abbott steht im Garten unter dem geöffneten Fenster.

»Die Stimme allein genügte, sich des Kindes anzunehmen,« denkt sie, »und ach, es ist eine Waise.«

»Du hast eine reizende Stimme,« ruft Miß Wilson enthusiastisch, »nach kurzer Zeit, o da wirst Du sehen. Laß nun hören, was Du außerdem noch kannst.«

Außerdem kann Emmy blutwenig, sie liest ziemlich correct und schreibt ein wenig. Das ist Alles.

Hiermit endet der erste Besuch im Schlosse, und Emmy schreitet langsam durch den Park nach Hause. Plötzlich tritt ihr der Schloßherr entgegen und erfaßt ihren Arm.

»Du bist Emmy Sleaford?« fragt er.

Sie reißt sich los. Rohheit ist die Atmosphäre ihres Daseins, im Nu ist sie wieder die alte Emmy.

»Ist nicht wahr,« antwortet sie.

»Wer bist Du denn? lüge nicht, Mädchen.«

»Seht zu, daß Ihr nicht lügt, ich bin Sleafords Emmy.«

»Nun, und ist das nicht das Gleiche?«

»Nein, ich heiße nicht Sleaford!«

»Wie heißest Du denn?«

»Weiß nicht, geht mich nichts an. Sleafords Emmy thuts auch. Weshalb starrt Ihr mich so an?«

In Mr. Abbotts Zügen dämmert ein Ausdruck namenloser Bestürzung auf.

»Kind,« sagt er leiser, »ich bin Mr. Abbott, Du sollst mir einige Fragen beantworten. Wer bist Du, wenn Du nicht Emmy Sleaford bist?«

»Habs schon gesagt, ich weiß es nicht. Ich lüge Niemand 'was vor. Ihr glaubt es vielleicht nicht, aber wahr ists, ich lüge nie, das ist ja miserabel feig. Sleaford sagt, er habe mich auf der Straße aufgelesen, hätte mich lieber liegen lassen sollen, wär' besser gewesen, als bei ihm.«

»Wie alt bist Du?«

»Zwölf Jahre.«

»Und eh' Du zu Sleaford kamst, erinnerst Du Dich an nichts? weißt Du nichts von Vater und Mutter?«

Emmy schüttelt den Kopf.

»Hab' weder Vater noch Mutter, bin aus dem Boden gewachsen, wie es scheint. So, aber nun muß ich fort. Es wird spät.«

»Geh' denn,« sagt Mr. Abbott eintönig.

Er tritt zurück, wie ein Pfeil schießt das Mädchen dem Walde entgegen. Lange blickt der Schloßherr der kleinen Gestalt nach.

»Das hätte ich mir am wenigsten träumen lassen,« murmelt er, »für so verschlagen hielt ich den schwarzen Amos nicht. Alles Andere hätte ich eher gedacht, als das!«

Wieder schreckt die Tischglocke Mr. Abbott aus seinen Gedanken, er geht langsam dem Eingang zu. Still und sinnend bleibt er Tage lang. Fortan aber kommt Emmy täglich zum Unterricht nach Abbotsheim.

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