Am Rande des Abgrundes
Verlag: Verlag von J. Habbel
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Achtes Capitel. Emmy bezahlt die Schuld der Dankbarkeit.
Sie sitzen im matterleuchteten Gemach und lauschen der Geschichte, die Tony Sleaford zuerst mitgetheilt. Emmys Hand ruht in Mrs. Abbotts, Carolas Köpfchen auf ihrem Schoße. Gottfried erzählt. Kein Laut unterbricht ihn. Eine Thräne funkelt in dem dunkelen Auge seiner Mutter. Voll Staunen und Bestürzung lauscht Carola, – sie hört Alles zum ersten Male – aber auch sie schweigt. Ruhig, unendlich ruhig bleibt Carola und hört bis zu Ende. Selbst dann sagt sie nichts, es ist eben nicht leicht, was zu sagen wäre.
»O, wie konnte nur Papa …« schluchzt sie.
Des jungen Mädchens zärtliches Herz ist unvermögend, Jemand anzuklagen, dennoch wagt das thränende Auge weder die Mutter, noch die neugefundene Schwester, die Beide solch furchtbares Unrecht erlitten, anzublicken. »Schwester« – wie seltsam! entzückt von dem Gedanken schlingt sie den Arm um Emmys Nacken und küßt die edele Stirn. Wie imposant die Schwester erscheint, wie stolz sie auf dieselbe sein mag! und nun ist sie zur reichen Erbin geworden und Abbottsheim, das geliebte, unvergeßliche Abbottsheim mit all seiner Pracht gehört ihr als Erbgut.
So liebevoll Carola das Bild des heimathlichen Schlosses dort an der Seeküste im Gemüthe bewahrt, keine Regung des Neides macht sich fühlbar. Emmy verdient alles Glück, sie waren die Eindringlinge, sie hatten ihr Jahre lang vorenthalten, was ihr Eigenthum gewesen. Meine Schwester! wie tröstend, wie wohlthuend ist der Gedanke! bisher hatte sie keiner Schwester bedurft, Mama und Gottfried hatten ihr Alles ersetzt. Dennoch, welch' seltenes Glück, selbst spät noch eine Schwester zu finden.
»Deswegen also kam Alles, wie es eben gekommen, deshalb wechselte Mama Namen und Wohnort, und deswegen –« der Gedanke bleibt unvollendet, peinliches Erinnern an den Vater, an sein unseliges Ende überkommt sie. »Armer Papa! wie lieb hatte er seine Carola!«
Immer weiter wird das Gespräch geführt, weniger lebhaft zwar, immer horcht Carola den eigenen Gedanken. Endlich hebt Emmy liebevoll das dunkele Köpfchen von ihrem Schoß.
»Du weinst, Carola? weshalb? doch nicht weil ich Deine Schwester bin?«
»O Lieb, das ist ja gerade der einzige Lichtpunkt in all der Trübsal. Wie danke ich Gott, der mir diese Gunst gewährt. Ich liebe Dich, Emmy, aber ich denke an – ihn. Er hatte seine Carola so lieb!«
Und wieder senkt sich das thränennasse Gesichtchen in der Schwester Schoß.
»Wer sollte Dich nicht lieb haben?« fragt Emmy mit feuchtem Blick, »und sieh', wir lieben Dich noch inniger um dieser Thränen willen. Sie aber –,« sie legt die Hand auf Mrs. Lamares Arm, »mit welcher Seelengröße ertragen Sie das Geschick, das Sie betroffen. Ich bewundere Sie um so mehr, weil Sie früher doch –«
»So stolz waren,« ergänzt Mrs. Lamare, »so anspruchsvoll und hochmüthig. Sag' es nur, Emmy, weiß ichs denn nicht, daß ich die Lehre verdiente? Der Schlag allein war im Stande, mich zu demüthigen. Alles Andere, Reichthum, Armuth, selbst den Tod meiner Lieben hätte ich erdulden können, ohne gebeugt zu werden, das aber brach meinen Stolz. Freilich trug ichs anfänglich in Verzweiflung schier, im Aufruhr gegen Gott und Seinen Willen. Ich wollte nicht glauben, daß Schmach mich berühren könnte. Wochenlang lag ich an der Pforte des Todes, rebellisch gegen Gott, verlangte ich zu sterben. All das aber gehört der Vergangenheit an. Nun bin ich glücklich, völlig glücklich.«
Emmy berührt mit liebendem Kuß die feine, weiße Hand.
»Und nun,« sagt Gottfried heiter, »um aufs Practische zurückzukommen, nun bleibt Dir nichts zu thun übrig, als Deinen Besitz anzutreten, die Zügel der Regierung der weisen Verwaltung der Herren Black und Berth zu entnehmen. Das Gut wurde gewissenhaft verwaltet, Dein Vermögen muß sich gemehrt haben wie ein rollender Goldstrom. Welch reiches Mädchen Du auf einmal geworden bist, Emmy! und da sitzest Du und scheinst Dich kaum zu freuen.«
Emmy lacht.
»Was soll ich thun, meine Freude zu äußern? Zudem hat das Glück, das plötzlich mir aufgegangen, für mich etwas Herbes. Glaubst Du, es sei ein angenehmes Gefühl, daß die treuesten, besten Freunde, die ich als verkommenes Kind gefunden, gerade durch mich verkürzt werden sollen? das, Gottfried, benimmt Deinen Millionen allen Schimmer.«
»Ja, wenn Du es in diesem Lichte betrachtest,« meint Gottfried gelassen. »Natürlich wirst Du, als Weib, das Romantische und Unpraktische zuerst in Betracht ziehen. Bist Du damit fertig, so besieh' Dir auch die andere Seite der Medaille, Dein so lange verkümmertes Geburtsrecht. Und da unser Scheiden unumgänglich nothwendig wurde – denk' daran, welch Glück es ist, Dich, gerade Dich und nur Dich an unserer Stelle zu sehen.«
So schwindet nach und nach jedes peinliche Gefühl. Die Zeit hat ohnehin schon die Kanten der Vergangenheit abgestumpft, daß sie ohne Schmerz über Alles zu sprechen vermochten.
»Bisher blieb Carola die Sachlage ein Geheimniß,« fährt Gottfried fort, »hätten wir Dich nicht gefunden, wozu hätte eine Enthüllung gedient? jetzt muß Alles an die Oeffentlichkeit kommen, und je eher Du Dich in Abbottsheim niederlässest, um so besser. Welches ist Dein Plan für die Zukunft? auf mich kannst Du in allen Fällen rechnen, brauchst nur zu befehlen, ich bin Dir nicht weniger Bruder, als Carola Deine Schwester ist.«
»Mehr als Bruder, der treueste, beste Freund meines Lebens bist Du von jeher nur gewesen, Gottfried! ich brauche also nur zu befehlen?«
»Und ich gehorche.«
»In Allem?«
»Das versteht sich.«
»Gut, mein erster Befehl geht dahin, daß Du keinem Menschen die Sachlage mittheilst, die Curatoren des Gutes natürlich ausgenommen.«
»Das kann ich nicht thun.«
»Aber, liebster Gottfried, Du hast versprochen, mir zu gehorchen – ich befehle!«
»Und Emmy ist Herrin!« ruft Carola vergnügt, »was sie will, hat zu geschehen!«
»Nun, wenn es absolut sein muß, den Grund aber sehe ich nicht ein. Und Deine Pläne? das eben Gesagte gehört doch nicht dazu.«
»Meine Pläne sind einfach. Vor Allem verlasse ich die Bühne.«
»Das versteht sich von selbst.«
»Zweitens werde ich ein Weilchen bei Euch bleiben, wenn Ihr mich haben wollt.«
»Wenn wir Dich haben wollen!« wiederholt Carola entrüstet.
»Dann reise ich in Begleitung meines alten Lehrers, Professor Erichson, nach San Francisco und hole meine arme Mutter aus dem langjährigen Kerker.«
»Gutes Kind!« sagt Mrs. Lamare gerührt, »Du wirst sie wohl finden. Gottfried erhielt vor etwa vierzehn Tagen einen Brief von dem Arzte der Anstalt, er lautet befriedigend.«
»Nun, und dann?« fragt Gottfried.
»Dann – ja dann weiß ich nichts mehr. Bis dahin stehen meine Pläne fest, das Weitere wird die Zukunft lehren. Aber ach, durch die ganze seltsame Geschichte flicht sich wie ein Himmelsstrahl das unaussprechlich wonnige Gefühl, Euch zugehören, bei Euch sein zu können. Was hätte mir Reichthum genützt, hätte er mich im Zustande meiner früheren Verwilderung getroffen? wem anders aber als Euch verdanke ichs, daß ich in dem Sumpfe nicht zu Grunde ging, daß mein besseres Ich zum Leben erwachte? und Ihre Worte, Ihre Ermahnungen, liebste, beste Mrs. Lamare –«
»Nenne mich Mutter, Kind, nenne mich Du,« unterbricht Mrs. Lamare.
Emmy küßt innig und dankbar ihre Hand.
»Meine zweite Mutter, die ich so innig liebe, daß ich die leibliche Mutter nicht mehr lieben kann, ja, Deine Ermahnungen blieben lange fruchtlos, weil sie auf dürres Erdreich fielen, aber sie brachten den Keim, sie ermöglichten die Blüte und werden Frucht bringen.«
Thränen der Rührung, des Dankes fließen, glückliche Herzen schlagen unter dem Dach der Villa Lamare.
Die Nacht geht hin. Emmy sucht keine Ruhe. Sie ist zu aufgeregt, sie genießt das Alleinsein, das ungestörte Denken, das Denken an Livingstone. Vor ihr beherbergte ihn das Zimmerchen. Einiges erinnert noch an ihn. Ein Handschuh, einige welke Blumen. Morgen soll er mit seiner Cousine Olga kommen. Noch darf er nichts wissen, noch nicht. Im unbestimmten Gewebe der eigenen Zukunft, die nebelhaft vor ihrem Geiste sich entrollt, ist seine Gestalt nicht eingeflochten: sie versucht, ihn damit zu verbinden – unmöglich, er gehört nicht hinein. Eine Woche hat er in Carolas Nähe verlebt und schon strömt sein Name heiße Blutwellen in das holde verrätherische Gesichtchen. Steht es so um das junge Herz? und er? Carola ist die süßeste, zarteste Mädchenblüte, ein sanftes, zärtliches Herz, gerade das Geschöpfchen, das stummselig dem geliebten Gatten zu Füßen sitzt und keine Mängel an ihm zu entdecken vermag. Nein, im Bilde der eigenen Zukunft sieht Emmy Julius Livingstone nicht.
Am folgenden Tage erscheint er mit Olga. Doctor Lamare ist wenig zu Hause. Krankheit und Tod halten Heerschau in der Weltstadt und verlangen viele Opfer. Gottfried kämpft mit Selbstaufopferung gegen den Feind. Der Typhus aber greift weiter und weiter um sich. Heiß, dumpf und drückend brütet die Luft über den Häusern. Drinnen liegen sie zu Hunderten, die armen, todtmatten Kranken und siechen dem Grabe zu. Gottfried ist unermüdlich. Schon sieht er bleich und angegriffen aus. Die Mutter wird ängstlich und fleht, er möge sich schonen – umsonst.
Heute Abend kommt er heim, geistig und leiblich ermattet, die Erinnerung voll von Kranken- und Sterbescenen, voll Elend, Schmerz und Jammer, – da erscheint ihm eine Lichtgestalt. Im Wohnzimmer allein, vom scheidenden Sonnenstrahle übergossen, steht – Olga. Wie ein Schauer des Entzückens überkommt es ihn. Er hat nicht an sie gedacht, und da ist sie vor ihm wie ein Traumgebilde. Blaß, stumm, zur Statue entgeistert, bleibt er unbeweglich auf der Schwelle stehen. Sie aber kömmt ihm holderröthend entgegen, frohen Willkomm in Blick und Gebärde.
»Ja, ich bins leibhaftig. Reichen Sie mir die Hand, sich zu überzeugen. Wie bestürzt sie aussehen – und doch wußten Sie, daß ich käme.«
»Ich hatte es ganz vergessen.«
»Sehr schmeichelhaft, das muß ich gestehen! aber kommen Sie, Ihre Mutter wartet schon lange auf Sie.«
Doctor Lamare ist für den Augenblick frei und genießt das Glück, einige Stunden im Kreise seiner Familie zu verleben, mit wahrhaft kindlichem Vergnügen. Dennoch ist selbst dieses Glück nicht frei von Unruhe. Olgas Nähe ist solch namenlose Wonne, daß der daraus entspringende Ideengang fast zum Schmerze wird. Julius beschäftigt sich mit Carola. Mrs. Ventnor und Mrs. Lamare plaudern angelegentlich. Wie viel ist zu erzählen von den letzten fünf Jahren! Die Neuangekommenen sind im Hotel abgestiegen, die winzige Villa hat nur Raum für einen Gast. Emmy sitzt am Clavier und spielt so leise, daß keine Unterhaltung gestört wird. Julius bietet sich an, die Notenblätter umzuwenden.
»Ich spiele auswendig oder improvisire,« entgegnet sie lächelnd, »das ist so meine Art zu denken, und dabei bin ich am liebsten allein. Unterhalten Sie Carola, sie plaudert gern.«
Er gehorcht, und der Abend vergeht in angenehmster Weise.
Gottfried wird die Stunden nicht vergessen. Olga ist bei ihm … Emmy spielt so weich, so süß: ist sie glücklich? der Ausdruck ihrer Züge verräth nichts. Die Anderen sind glücklich, er selbst ists über alle Beschreibung. Draußen schreitet die Sommernacht mit leisem, thauigen Schritt, begleitet von Sterngeflimmer und Windeslispeln. Das Bild wird unauslöschlich in ihm sein bis zum Tode.
Miß Ventnor hatte dem Zusammentreffen mit Miß Wild voll Spannung entgegengesehen.
»Also, 's ist wirklich Emmy? wie ungeschickt, sie nicht sofort erkannt zu haben! aber sie hat sich sehr verändert.«
Nun plaudern sie miteinander wie alte Bekannte. Niemand in der ganzen Gesellschaft aber ahnt, in welchen Beziehungen Emmy zu Julius steht. Ihre Art mit ihm zu verkehren, ist durchaus freundschaftlich. Ihm ist nicht wohl bei der Sache, er drängt, die Verlobung zu offenbaren.
»Warten Sie – haben Sie Geduld!« entgegnet sie stets.
Die gleiche Antwort erhält auch Gottfried, als er bittet, den Ventnors ihre veränderte Stellung in der Gesellschaft mitzutheilen.
»Warten wir, wir haben ja Zeit.«
Man berücksichtigt ihr Verlangen, sie hat einen entschiedenen Willen, die sanfte Emmy, einen Willen, der sich fühlbar macht. Sie hat ihren Plan und geht nicht davon ab. Zeit und Weile helfen meist über die schwierigsten Lebensfragen hinweg.
Eines nur theilt sie mit: die Existenz der Mutter in San Francisco. Sie erklärt, sie werde nächste Woche abreisen, sie zu holen, herzubringen zu kurzem Besuch. Livingstone wirft einen raschen, fast ängstlichen Blick auf sie, begegnet aber einem Lächeln, wie ein solches nur Emmys Lippen verklärt. Sie hat überhaupt eigenthümlich sorglose Heiterkeit in ihrem Wesen die auf Alle ansteckend wirkt. Mrs. Ventnor ist von ihr entzückt, sie lauscht stundenlang, wenn Emmy singt.
»Ja, ja, Miß Wild, Sie haben Mama berückt,« lächelt Olga, »sie ist unterm Bann eines musikalischen Zaubers. Was doch Ihre Stimme Eroberungen macht! Sie stehlen unsere Herzen, indem Sie unser Ohr bewältigen.«
Olga macht der jungen Sängerin gleich den Uebrigen den Hof. Das ruhige, klare Antlitz, die feinen Umgangsformen, die Sirenenstimme des jungen Mädchens erregen wärmste Bewunderung.
»Hab' in meinem Leben nie solche Veränderung bei irgend Jemand bemerkt,« sagt Olga zu Julius, »selbst mich bezaubert das seltsame Wesen. Es ist unmöglich zu widerstehen. Weißt Du, woran es liegt, daß man ihr wider Willen zugethan sein muß?«
»Warum wider Willen, Olga?«
»Ja warum? Du weißt doch, wir waren von Alters her Gegner, aber Du siehst überhaupt nichts mehr, als Carolas hübsches Gesichtchen.«
»Carola!« ruft Julius mit geheimem Gewissensvorwurf, »was kann mir Carola sein?«
»Weiß nicht, was Dir Carola gegenwärtig sein mag, geht es aber so fort, so wird sie wohl bald Mrs. Livingstone werden. Und vor kaum zwei Monaten warbst Du um mich! welch vernichtender Schlag für meine Eitelkeit!«
Die Thüre öffnet sich, Carola erscheint in Emmys Begleitung. Livingstone tritt hastig und unwillkürlich erröthend zurück, während Olgas Augen von Uebermuth und Neckerei sprühen. Die Tage vergehen, Emmys Woche hat sich verdoppelt. Man hält die Wiedergefundene mit Gewalt zurück. Die Ventnors sind noch da, Livingstone kommt jeden Morgen, tagsüber in der Villa zu weilen. Doctor Lamare hat sich wieder völlig seinem Berufe hingegeben, sieht aber schlecht und krank aus. Mutter und Schwester beobachten ihn angstvoll. Was sie fürchten, tritt ein. Olgas Held sinkt ermattet unterm Schild, im Moment, wo der Feind besiegt und in die Flucht geschlagen ist.
Nun kommen Thränen, Kummer und Angst unter das friedliche Dach der kleinen Villa. Der glückliche Freundeskreis zerstreut sich. In dem Moment tritt Emmy vor, die Schuld der Dankbarkeit zu tilgen und sollte es mit dem Leben sein. Sie bleibt ruhig und gefaßt, wo Alle die Fassung verlieren.
»Gestern sprach ich mit Gottfried,« sagt sie, Livingstone beiseite drückend, gleich Jemand, dem Autorität gegeben; »er fühlte die Krankheit in den Gliedern und wußte, daß er sich auf mich verlassen konnte. Er sprach den Wunsch aus, ins Hospital gebracht zu werden, ich gab es nicht zu. Wir rathschlagten alsdann, was zu thun wäre? Sie müssen sich unserem Beschluß unterwerfen, Julius, und sofort mit Miß Ventnor, ihrer Mutter und Carola nach Lockport übersiedeln. New York ist nicht ohne Gefahr. Ich bleibe mit Mrs. Lamare hier. Doctor Morgan wird Gottfried behandeln. Durch schleunige Vollziehung unseres Wunsches allein können Sie uns behilflich sein, und mit Gottes Hilfe bleibt uns der Kranke erhalten.«
»Aber, Emmy, bedenken Sie, es könnte Ihr Tod sein!«
»Wenn es im Plane der Vorsehung liegt, allerdings. Ich glaube es jedoch nicht. Ich bin wohl und kräftig, war im Leben nie krank und fürchte mich nicht im Geringsten. Für Olga und Carola aber ist zu fürchten. Eilen Sie mit ihnen hinweg und kommen Sie nicht, bevor ich Sie rufe.«
»Ich will sie wegbringen. Mich aber selbst entfernt zu halten –« er vollendet den Satz nicht und wendet sich zum Gehen. Plötzlich kehrt er zu Emmy zurück und küßt ihre Stirne. »Gott segne Dich, Lieb! meine muthige, edele, großherzige Braut! Er mache mich Deiner würdig!«
* * *
Und so kommt es, Olga, ihre Mutter und Carola werden unter großem Protest und vielen Thränen seitens Carolas und stummem Schmerz von Seiten Olgas fortgebracht. Wie brennt ihr das Herz, wenn sie an Emmy denkt, an seinem Lager, auf dem Posten der Todesgefahr, während sie frei und sicher ein selbstsüchtig Leben führt. Aber sie verräth nichts, sie spricht wenig. Was wäre auch zu sagen? der jungfräuliche Stolz behauptet sein Recht in Olgas Brust. Bleich aber ist sie, wie ein Schatten wandert sie umher, ruhelos dem Bericht entgegenharrend, den Livingstone täglich bringt. Nach Lockport sind sie nicht gegangen, das wäre zu grausam, zu hart gewesen. So wird's möglich, daß Julius die Villa umkreist, dem Arzte auflauert, die Wärterin frägt, Emmys Blick zu erhaschen versucht. Emmy weicht nicht von der Stelle. Mit der Wärterin theilt sie Pflege und Nachtwachen. Sie gewährt sich kaum ein Stündchen Schlummer, während sie darauf besteht, daß Mrs. Lamare zur Ruhe geht. Keine Mutter, keine liebende Gattin hätte mehr zu thun vermocht.
Die Tage gehen hin, die langen, schwülen Sommertage, die Kunst des Arztes erschöpft sich, die Krankheit aber weicht. Es kömmt eine Nacht tödtlicher Unruhe und Angst, eine Nacht des Harmes und der Thränen, eine Nacht, die Olga erkennen läßt, daß mit Gottfried Lamare ihres Lebens Glück lebt oder scheidet, eine Nacht, in der Carola weint und betet und Julius ruhelos umherschweift. Und als die ersten Lichter aufsprühen im Osten und die Dämmerung erglüht, erscheint Emmy auf der Schwelle des Krankenzimmers, – bleich, wie ein Schatten des Jenseits, aber so selig im Ausdruck, so unendlich froh.
Julius eilt ihr entgegen, athemlos das Auge auf das verklärte Antlitz gebannt.
»Nicht näher!« sagt sie abwehrend, selbst im Augenblick höchster Erregung Vorsicht nicht vergessend, »gehen Sie, sagen Sie ihnen, sie sollen Gott danken, Gottfried wird genesen!«
Und er bringt die Kunde des Segens. Jubelnd empfängt sie Mrs. Ventnor mit Thränen der Freude Carola, Olga aber bleibt stumm und kalt. Ihr schwindelt. Mit Mühe erreicht sie ihr Zimmer. Auf den Knien, das Antlitz im Staube, dankt sie Gott in langem Gebete. Galt es Gottfried, galt es Emmy – wer vermöchte es zu sagen?