Am Rande des Abgrundes
Verlag: Verlag von J. Habbel
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Zweites Capitel. Emmy geht in die Welt.
Mama,« fragt Carola, »weshalb mag der Papa Emmy nicht?«
Mrs. Abbott ist mit einer großen Stickerei beschäftigt, und wählt zwischen Schattirungen. Sie blickt auf.
»Irrst Du Dich nicht, Kind? warum sollte Dein Papa Emmy nicht mögen?«
»Ich weiß es nicht. Mir gefällt sie, Papa aber mag sie nicht, und manchmal sieht er aus, als ob er sich vor ihr fürchte.«
»Unsinn!«
Der Schatten eines Lächelns dämmert in Mrs. Abbotts Zügen, während sie den langen, schimmernden Seidenfaden durch das Nadelöhr zieht.
»Vielleicht ists Unsinn,« entgegnet Carola ruhig, »dennoch bleibe ich dabei, daß Papa Emmy nicht leiden mag. Beobachte ihn, sobald er mit ihr zusammentrifft, und urtheile selbst.«
»Und wann soll das sein?« fragt Mrs. Abbott, offenbar belustigt.
Verwundert blickt Carola ihre Mutter an, plötzlich geht ihr ein Licht auf.
»Es ist wahr, sie sind nie beisammen. Wie das nur zugeht?«
»Beobachte es einmal, wie sind wir überhaupt aus dieses Thema gekommen?«
»Als Miß Wilson mich entließ, rief mich Papa, der in den Anlagen spazieren ging. Wir schritten die breite Allee hinab, Emmy kam uns entgegen. Sobald Papa sie erblickte, zog er mich in einen Seitenpfad und sprach: »Komm hierher, ich will jenem Mädchen nicht begegnen.« Dann sah er ihr mit solch eigentümlichen Ausdruck nach, ja, gewiß, Mama, als ob er sich vor ihr fürchte.«
»Nun, und warum fragtest Du Papa nicht? Du fürchtest ihn doch gewöhnlich nicht.«
»O, ich sagte auch: »Ei, Papa, wie sonderbar Du aussiehst, man möchte meinen, Du fürchtest unsere Emmy.« Da sah er mich an, Mama, mit einem Blicke, so böse, als er nur zuwege bringt. »Fürchten?« sprach er, »daß Dich – und unsere Emmy – warum soll sie unsere Emmy sein? Ich mag sie nicht, und mag nicht, daß sie hier aus- und eingeht, sie ist keine Gesellschaft für Dich.«
Und Carola ahmt Papas polternde Stimme nach. Mrs. Abbott lacht.
»Sonderbar ists doch,« fährt Carola fort. »Warum sollte Emmy keine Gesellschaft für mich sein? sie hat sehr gutes Benehmen und weiß mit Jedermann umzugehen.«
»Wenn sie will,« betont Mrs. Abbott, »Deine Freundin Olga scheint Papas Antipathie zu theilen.«
»Ja,« sagt Carola nachdenklich, »auch Olga mag Emmy nicht, das ist jedoch gegenseitig. Weißt Du aber, wer unsere Emmy lieb hat, mehr vielleicht als es seiner Mama recht wäre?«
»Nun?« forscht Mrs. Abbott, unwillkürlich beunruhigt.
»Hans Black, Miß Wilsons Neffe.«
»Hans Black kommt manchmal mit Julius zum Croquetspiel. Gewöhnlich lebt er in New York, wo er in einem Zeitungsbureau ist, allwöchentlich aber erscheint er in Lockport, um – seine Mama zu besuchen. So sagt er wenigstens,« lacht Carola.
»Und Du glaubst, er habe andere Gründe?«
»O, er kommt wegen Emmy. Du schickst immer Peterkins mit ihr, wenn es dunkel und spät wird, Hans aber lauert jedesmal und bietet Emmy den Arm. Peterkin geht hinterdrein, bis sie bei Sleafords sind.«
»Ich glaube, Du siehst allzuviel, mein Kind,« verweist die Dame, »fünfzehnjährige Augen und Ohren sollten weniger scharf sein.«
Carola erröthet.
»Hat Mr. Black gutes Einkommen?« fragt Mrs. Abbott nach einer Pause.
Vielleicht hält sie den jungen Mann für keine passende Partie für ihren Schützling.
»Fünfzehn Dollars die Woche, damit käme Emmy nicht aus, sie möchte ihn auch nicht.«
»Wie weißt Du das?«
»Sie behandelt ihn ganz abscheulich, schilt ihn, wenn er ihr entgegenkommt, und schickt ihn zuweilen weg. Er aber läßt sich davon nicht abhalten. Was wohl Miß Wilson dazu sagen würde? sie ist so stolz auf den Neffen.«
Leises Pochen ertönt, Miß Wilson erscheint, Carola aufzufordern, das Duett zu probiren, das sie diesen Abend mit Emmy singen soll. Das junge Mädchen folgt ihr, Mrs. Abbott aber sieht nachdenklich auf die Figuren, die unter ihren Fingern entstehen, und sinnt über das, was Carola erst jetzt entdeckte. Für sie ists eine alte Geschichte, daß Mr. Abbott Emmys Nähe scheut, unerfindlich aber ist ihr, aus welchem Grunde.
Schon mehrfach war ihr die Thatsache entgegengetreten. Seit dem Tage, wo Mr. Abbott sich dem Kommen des Mädchens widersetzte, hat er nie wieder ein Wort gegen »Gottfrieds Schützling«, wie man Emmy heißt, geäußert.
Während der ganzen fünf Jahre aber hat er sie vermieden gleich einer Schlange. Begegnet sie ihm zufällig, so kehrt er um, betritt sie das Zimmer, in dem er sich befindet, so verläßt er es, klingt von ferne ihre Stimme, so lauscht er, speist sie mit der Familie, wie das manchmal geschieht, so läßt er sich auf seinem Zimmer serviren. All das ist sehr seltsam. Noch seltsamer der Ausdruck seiner Züge, wenn er sie sieht. Das ist unbedingt Furcht.
Wer ist das Mädchen? wer sind die Sleafords? was sind sie ihrem Gatten? welch Geheimniß fesselt ihn mit dunkelen Banden an Amos Sleaford? Emmy ist sich offenbar ihres Einflusses auf Mr. Abbott nicht bewußt. Daß er ihr abgeneigt, blieb ihr natürlich nicht verborgen, das aber ist sie gewohnt: sie haßt ihn ebenfalls, und so sind sie quitt. Mrs. Abbott wünscht nicht den Schleier zu lüften, der ihres Gatten vergangenes Leben deckt, es graut ihr davor. Will sie mitunter, mit ihren Kindern allein bleiben, so behält sie Emmy in der Nähe. Unter diesen Umständen verschafft sie sich öfter das Vergnügen, Gäste auf Abbottsheim zu sehen, Emmys Gegenwart sichert sie vor der Pein des Gatten oft unzarte Aeußerungen im Beisein ihrer Freunde hören zu müssen. Längst hätte Mrs. Abbott das Mädchen ganz nach Abbottsheim genommen, wäre Amos Sleaford nicht entschieden dagegen gewesen. Die letzten fünf Jahre haben an dem Manne wenig geändert. Täglich, fällt er mehr dem Trunke anheim. Mr. Abbott läßt er meist in Ruhe, er braucht nichts von ihm. Seine Taschen sind immer gefüllt, seine Kinder elegant gekleidet, das alte Farmhaus gilt als der Sammelplatz der heitersten Gesellschaft. Man hat sich in Lockport nach und nach an Sleaford und seine Sippe gewöhnt und wundert sich nachgerade nicht mehr über sein Verhältniß zu Abbottsheim. Einem Millionär kann man leichter etwas Unerklärliches nachsehen. Ists nicht Mr. Abbott, der Lockport zu dem gemacht, was es geworden? er ist der Herr der Umgegend, ihm gehört die größere Hälfte des Ortes und das Hotel, in dem zur Sommerzeit so viele Badegäste absteigen, sich an Seeluft, Baden, Fischen und Schifffahren zu ergötzen.
Mrs. Abbott hat Emmy gern und interessirt sich für ihr Wohlergehen. Diese aber liebt, verehrt und bewundert ihre Wohlthäterin, umgibt sie mit einer Art Cultus und die edele Empfindung ist des armen Mädchens Rettung. »Es wäre Mrs. Abbott unangenehm,« ist der Gedanke, der sie von Manchem abhält, wozu die bösen Anlagen ihres Temperamentes sie veranlassen möchten. Mrs. Abbott hat versucht, den Samen der Frömmigkeit in das junge wilde Herz zu streuen, aber es hat viele Mühe gekostet, bis Emmys Gedanken sich, wenn auch nicht ohne gewisse Furcht, den erhabenen Wahrheiten der christlichen Religion zugewandt. Es gibt einen Himmel, und sie, Sleafords Emmy, kann ebenso gut in den Himmel kommen, wie Olga Ventnor. Diese Ueberzeugung hat sie gewonnen, sie thut ihr wohl, gibt ihr Selbstachtung und Eifer für das Bessere. Sie ist weniger heftig, hütet sich vor rohen Aeußerungen, sucht geduldig den Hohn, die Schimpfworte, die ihr zu Hause werden, zu ertragen, aber ach! welch mühsames Streben! immer wieder fällt sie in die alten Gewohnheiten zurück, in die alte Bitterkeit, die alte Verzweiflung. Neid, Haß und Rachsucht verzehren sie. Das abnorme Zwitterleben, das sie führt, macht sie namenlos unglücklich. Sie möchte zufrieden, gut, dankbar sein – und vermag es nicht. Gegen Alle, Mrs. Abbott ausgenommen, ist sie gleichgiltig, selbst gegen Gottfried und Carola. Nur einen Menschen liebt sie, und gerade das trägt zu ihrem Elend am meisten bei und erfüllt ihr Herz mit nagender, peinvoller Unruhe. Sie fühlt sich gottlos und hilflos und verlangt gut, edel und wahr zu sein. Gute und böse Engel streiten stets um Emmys Seele. Längst schon hat sie ihre erste Sünde gestanden, ihren Angriff auf Olga, mit niedergeschlagenen Augen und offenbarer Zerknirschung klagte sie sich dessen vor Mrs. Abbott an.
»Es ist gut, daß Du Dein Unrecht einsiehst, Emmy,« sagt Mrs. Abbott. »Wer einen Fehler bereut, thut den ersten Schritt zur Besserung. Dennoch halte ichs für nothwendig, daß Du Miß Ventnor um Verzeihung bittest.«
»O!« ruft Emmy erschrocken, »das ist ganz 'was Anderes.«
»Ich glaube dennoch, es ist angemessen. Du hattest ja das Kind beinahe getödtet. Miß Ventnor weiß nicht, wer es war, Du wirst sie hier oft treffen. Ich befehle Dir nicht, Abbitte zu leisten, ich überlasse es Deinem Gewissen.«
Ein Kampf zwischen Recht und Unrecht entstand in Emmys Seele, das Recht siegte. Als sie Miß Ventnor allein trifft, geht sie auf sie zu und stammelt ihre Beichte.
»Ich wars,« fährt sie ruhiger fort, »ich wollte Ihnen kein Leid thun, wollte Ihnen nur die Locken abschneiden. Es thut mir leid, und ich hoffe, Sie – Sie werden es mir verzeihen.«
»Sie waren es!« ruft Olga entsetzt.
Es ist, als erfasse die Todesangst jener Nacht sie aufs Neue. Schaudernd blickt sie auf Emmy und flieht. Diese bleibt stumm, unbeweglich. Eine halbe Stunde später, nachdem Olga den ersten Schrecken überwunden und sich desselben und ihrer Furcht schämt, kehrt sie zu Emmy zurück.
»Es thut mir leid,« spricht sie mit stolzer Haltung, »ich weiß nicht, warum ich weggelaufen, nehmen Sie es nicht für ungut.«
Zorn und Groll funkeln im Emmys schwarzen Augen.
»Ich werde es nie vergessen, nie so lange ich lebe,« ruft sie und weist die Hand zurück, die zögernd ihr geboten ward.
So endet Emmys erster Versuch, »gut« zu sein, so enden fast alle folgenden.
* * *
Lichter blitzen, Blumen blühen, heitere Gesichter zeigen sich überall auf Abbottsheim. Heute ist Carolas Geburtstag, all ihre Freundinnen von nah und fern sind zum Feste geladen. Der Wunsch, den sie dem Monde vertraut, ist erfüllt; es hat tagsüber geschneit, und nun liegt glitzernder Mondschein über der ruhigen, windlosen Nacht. Es ist keine grüne Weihnacht, mächtige Feuer lodern in den Kaminen, der Mispelzweig hängt von der Decke nieder, obgleich der alte Brauch, bei zufälligem Zusammentreffen unter ihm sich zu küssen, nur selten mehr Anwendung findet. Wände und Fensternischen, Treppen und Eingang sind mit blühenden Treibhauspflanzen geschmückt, die Gäste kommen, jung und alt in fröhlicher Stimmung.
»Komm' früh,« hatte Mrs. Abbott zu Emmy gesagt, »und bring' Deine schönste Stimme, Dein bestes Aussehen mit.«
»Mein Aussehen ist kaum von Belang,« entgegnet sie achselzuckend, »meine Stimme wird hoffentlich gut sein.«.
Sie weiß, daß sie um ihrer Stimme willen beim Feste zugegen sein soll.
Sie kommt früh und kleidet sich in einem Zimmerchen um, das eigens zu ihrem Bedarf eingerichtet worden. Zu Hause gibt es so viel Neid und Keiferei zwischen Lora und Bertha, daß sie ihre Sachen meist auf Abbottsheim läßt. Mrs. Abbott versorgt sie mit einfacher Toilette, einfach auf Emmys eigenen Wunsch.
Heute trägt sie ausnahmsweise ein dunkelblaues Seidenkleid, aber von solchem Schnitt, daß es schier undenkbar ist, wie sie weniger geputzt hätte erscheinen können. Das dichte röthliche Haar zu festen Flechten um das Haupt geschlungen, ein goldenes Kreuz an goldenem Kettchen ist ihr ganzer Schmuck.
»Sie sehen so gut aus wie eine Dame,« äußert Mrs. Hill, die Haushälterin, »Sie sollten nur eine rosa oder blaue Schleife ins Haar stecken.«
Emmy lacht.
»Rosaschleife zu rothem Haar, das wäre ja so häßlich, als wenn man Schneeglöckchen malen wollte.«
Von Eitelkeit ist Emmy nicht geplagt, das rothe Haar kümmert sie nicht im Geringsten.
»Ist Deine Stimme so schön wie Dein Gefieder,« lächelt Mrs. Abbott befriedigt, »so darf ich mir gratuliren.«
Carola trägt weiße Spitzen über cremefarbene Seide und Perlenschnüre im dunkelen Haar. Ihre braunen Augen leuchten, das hübsche Gesichtchen ist voll Freude und Leben.
Rasch füllen sich die Säle. Einige Gäste wohnen im Schlosse, andere kommen mit Olga und Julius von der Rosenvilla. Olga gleicht einer Lichtgestalt, einer Wasserfee in blaßgrün schimmerndem Gewande, das von Silbergaze überbauscht, mit rankenden Wasserpflanzen geziert ist. Das goldene Gelock, das klare Sternenantlitz, die königliche Haltung des schönen Hauptes erzwingen. Bewunderung. Selbst Emmy bleibt bei ihrem Anblick seltsam ergriffen stehen.
»Wie reizend!« äußert sie halblaut.
»Wie reizend,« wiederholt eine Stimme. Es ist Gottfried Lamare, seine Augen leuchten, einen Moment später ist er an Olgas Seite.
Julius schlendert auf Carola zu, seinen Glückwunsch ihr zu Füßen zu legen. Der bunte Schwarm mischt, entwirrt sich, Emmy sieht mit hundert Augen. Die Musik ertönt, Alles paart sich, Emmy allein bleibt unbeachtet, unter der Fülle von Mädchenblüten wird sie nicht bemerkt, viel weniger entbehrt. Auf ein Zeichen von Mrs. Abbott tritt sie ans Piano. Jetzt erst wird man ihrer gewahr, jetzt erst, wo ihre mächtige Stimme herausklingt über das Gesumme und Geschwirre der Paare, die zur Ruhe passende Plätze suchen. Sie singt erst allein, dann von Carola begleitet. Alle drängen sich um das Instrument und flüstern Bewunderung.
»Wer ist sie?« fragt Einer den Anderen, »wer ist das Mädchen mit dem seltsam düsteren Blick und der wunderbar ergreifenden Stimme?«
Julius kommt ihr entgegen, als sie sich erhebt, und reicht ihr die Hand.
»Ihre Stimme wird immer engelhafter, spricht er, »mir ist, als müßt' ich weinen, so wunderbar ergreift michs, wenn ich Sie singen höre.«
Die flüchtigen Worte zaubern Verklärung über Emmys Züge. Nur einen Moment weilt er an ihrer Seite, dann erspäht er Olga in einer Fensterbrüstung, eilt zu ihr und flüstert kosend ihr seine Huldigung zu: Es genügt, jeden Schimmer von Freude aus Emmys Antlitz zu verbannen. Finster wendet sie sich ab und verläßt den Saal. Wer möchte sie daran hindern? sind nicht Alle auf eigene Freude und Lust bedacht? sie tritt hinaus in die Winternacht. Der Musik schwellende Töne folgen ihr, der Tanz beginnt aufs Neue. Unter den laublosen Gerippen der hohen Alleebäume geht sie dem Eingange des Parkes zu. Gelehnt an die steinernen Pfosten des Portales blickt sie zurück auf die schimmernden Fenster des Herrenhauses. Ringsum hat Mondlicht sich ergossen, wehmüthiges Mondlicht auf silberne Schneeflächen.
Aus dem Dunkel der Bäume tritt eine Gestalt auf sie zu. Sie blickt auf, ohne Schrecken zu verrathen.
»Ah, Du bists!« sagt sie unfreundlich.
»Ja, ich bins; gehst Du schon heim?«
»Was willst Du hier?« forscht sie unwillig.
»Was ich will? Du weißt, ich kann nicht lange ferne von Dir bleiben, wenn ich einen freien Tag habe, hält mich nichts in der Stadt. Sei doch ein bischen freundlicher, Emmy, laß mich Dich begleiten.«
Sie schweigt. Hans Black liebt sie, das ist ihr lange klar geworden, bedingt in ihr aber keine beglückende Regung. So unschön sie den Meisten scheint, für Hans hat sie etwas unwiderstehlich Fesselndes. Jahrelang war er zu Sleafords gekommen, ohne für eine der hübschen Töchter des Hauses auch nur einen Funken Interesse zu fühlen, plötzlich aber erfaßt ihn namenlose Leidenschaft für Emmy, eine Leidenschaft, der er vergebens zu entrinnen sucht, weil seine Mutter unglücklich wäre über diese Wahl. Emmy behandelt ihn kalt, hochmüthig, lieblos selbst, und doch nimmt seine Neigung zu von Tag zu Tag.
»Kommst Du mit, Emmy?« fragt er zum dritten Male.
Sie wirft einen letzten Blick auf die lichten Fenster.
»Ich komme,« entgegnet sie trübe, »man vermißt mich drinnen nicht.«
Fröstelnd zieht sie den Shawl dichter um die Schultern.
»Es ist kalt, laß uns eilen.«
Hans plaudert heiter, er beachtet nicht, wie schweigsam sie geworden. Sie erreichen das Farmhaus, ohne Jemand zu begegnen.
»Gute Nacht, Hans, sei ein ander Mal nicht so thöricht, auf mich zu warten, was würde Deine Mutter dazu sagen?«
Er lacht.
»Meine Mutter glaubt natürlich, daß ich zu New York den Schlaf des Gerechten schlafe. Die Mütter brauchen nicht Alles zu wissen, wäre nicht gut für sie. Gute Nacht, Emmy!«
Er entfernt sich.
Das junge Mädchen sitzt noch lange angekleidet in ihrem Zimmer. Der Mond ist untergegangen, ein Stern nach dem anderen erlischt im grauen, kalten Dämmerlicht des Morgens. Drüben in Abbottsheim endet die Gesellschaft, freundliche Abschiedsgrüße mischen sich ins Klingeln der Schlittenglöckchen. Der dunkele Wintermorgen aber ist dunkeler nicht, als Emmy Sleafords Antlitz.