Am Rande des Abgrundes
Verlag: Verlag von J. Habbel
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Sechstes Kapitel. Die Familie Abbott.
In ungefähr gleicher Entfernung vom rothen Farmhause und der weißen Villa, dem Sommerneste der Ventnor, steht das stattlichste Gebäude der ganzen Gegend, der Stolz von Lockport. Des Meeres wallende Fluten rollen gegen die Dammmauer, welche das sanft ansteigende sandige Gestade schützt, darauf das Schloß thront. Es ist ein reizendes Gestade, seit Kurzem zu Badezwecken ausgebeutet, ist es der Welt bekannter geworden, als es zur Zeit unserer Geschichte war, wo Mode und Spekulation noch kein Auge darauf geworfen, wo es nur für Kenner malerischer Punkte zu bestehen schien. Der Strand von Lockport aber ist ein zauberhaft schönes Stück Erde. Tagelang magst Du im weißen Sande liegen und träumen, glücklich und sorglos die kleinen spielenden Wellen belauschen, die durchsichtig perlend zu Deinen Füßen zerrinnen. Und ists anderswo noch so heiß, hier weht es immer kühlend und immer wechseln die Bilder aus dem Busen der endlosen See. Geht das Meer aber hoch, so lehnst Du an der Dammbrüstung von Abbottsheim und blickst entsetzt auf den grausigen Tanz der grünlichen Titanen mit den Schaumkronen, die ihr Wasser Dir ins Gesicht sprühen und mit Sturm und Donner um die Wette dröhnen. Stundenlang magst Du hineinschauen in das Getöse und Getümmel, und nicht wissen, ob tosender Sturm den Ort reizender mache? Du magst ihn beneiden den glücklichen Besitzer von Abbottsheim mit seinem fürstlichen Schlosse, seiner bildschönen Frau, seiner lieblichen kleinen Tochter und dem kolossalen Vermögen, ihn, dem selbst der alte Ocean mit seinem Lächeln, seinem Zorn zu Füßen liegt.
Verrieth Mr. Abbott bei der Wahl des Grundstückes, auf welchem er sein Heim erbaut, Geschmack, so läßt die Architektur des Baues doch zu wünschen übrig. Einem Schlosse sieht derselbe eigentlich ebenso wenig ähnlich, als einem echten amerikanischen Landhause. Es ist ein großes Gebäude im Stile der Zeit Elisabeths mit Thurmvorsprüngen, spitzen Giebeln, seltsamen Steinpförtchen, um die wilde Reben sich schlingen, gemalten Fenstern und steinernen Wappenschildern. Es ist neu, scheint aber alt und wirft einen Schimmer seiner Größe und Antiquität auf den Besitzer. Und das ists gerade, was Mr. Abbott braucht, denn er ist entschieden neu, – so neu, daß es ihn schier genirt. Am liebsten hätte er auch Zugbrücken, Wallgräben, und Burgverließe angebracht, denn er ist unermeßlich reich, so reich, daß man fragen möchte, ob denn Jemand das Recht hätte, Millionen in Bankscheinen und Kassenanweisungen zu besitzen, ganze Stadttheile in New York und Philadelphia, von Lockport nicht einmal zu sprechen. Und die Möbel und Gemälde, die Statuen, wie sie sonst nur Fürsten erreichbar sind, die Pferde und Wagen, die Juwelen. Mrs. Abbott trägt sie zwar selten und nie in Lockport, aber sie hat sie, und Mrs. Abbott ist eine wunderliche Frau. Deshalb ist Mr. Abbott wohl auch ein wunderlicher Mann. Die Bedienten flüstern sichs zu, ganz Lockport sagt es, wenn er so dahinreitet, Beherrscher all dessen, was sein Auge erreicht. Oberst Ventnor zuckt die Achseln und theilt die öffentliche Meinung, er hält sich ziemlich fern von dem reichen Mann, obgleich sein Wein und seine Cigarren erhaben sind über den Schatten des Tadels. Die beiden Damen, Mrs. Ventnor und Mrs. Abbott, stehen zu einander, trotz der Kränklichkeit der einen und der – Wunderlichkeit der anderen.
Zeigt man einem Fremden mit gebührendem Stolz die ragenden Thürme von Abbotsheim und preist ihm dessen vielfachen Reize, so unterläßt man nie, die wunderbare Schönheit der Dame des Hauses zu erwähnen.
»Sie war Wittwe,« erzählen dann wohl die Lockporter, »Wittwe eines jungen Offiziers der Südstaaten, und hatte ein sechsjähriges Söhnchen, sonst aber nichts, als Schönheit und unbändigen Stolz auf ihre Abstammung. Um vom Stammbaum zu sprechen,« fährt der Lockporter fort, »kann man sich einen Begriff machen, wenn man den der Mrs. Abbott, früher Mrs. Lamore, betrachtet. Er geht bis Karl II. zurück, und Niemand weiß, wie lang er damals schon bestanden. Aber sie war arm und verlassen nach dem Kriege, und Mr. Abbott siedelte sich hier an, er ist unsäglich reich und so heirathete sie ihn.«
»Aber doch nicht deshalb?« meint der Tourist mit begreiflicher Entrüstung.
Warum nicht?« lautet die Antwort, »'s ist ein Grund wie ein anderer, nur geht es weniger gut als man wohl gewünscht hätte. Verstehen Sie? die Dame ist furchtbar stolz und er – – nun ja – – er – –«
Ein Achselzucken vollendet den Gedanken.
»Er ist es nicht, freilich nicht,« äußert der Fremde, »sonst hätte er nicht die nächstbeste Wittwe geheirathet, der er zuletzt nicht gut genug ist. Sie wird ihm wohl oft genug die Geister ihrer Ahnen citiren –«
»Durchaus nicht, bewahre, ist viel zu stolz: ihre Haltung allein genügt. Sie sagt kein Wort, sondern schreitet hinweg gleich einer beleidigten Majestät, und dann flucht Mr. Abbott.«
»Flucht?«
»Ja, und Mrs. Abbott sieht dann noch viel stolzer und verächtlicher auf ihn herab. Sie ist eine sehr fromme Dame.«
»Scheint so, Stolz und Frömmigkeit gehen ja gut zusammen,« spottet der Fremde, »die Majestät würdigt sich in der Dorfkirche zu erscheinen, neben Bauern und Landleuten zu knieen, in parfümirter Seide und Spitzen sich eine Sünderin zu nennen?«
»Bewahre,« spricht der Lockporter, »sie hat eine eigene Kapelle, einen Caplan, einen Altar und Kirchengewänder, Wachskerzen und Weihrauch und einen kleinen Messediener in rothseidenem Talar mit Spitzenüberwurf. Hochwürden Herr Lamb kommt jeden Samstag und bleibt bis Montag. Sie geht auch beichten, sagt man, Mr. Abbott sieht das gewiß ungern, aber sie ist so ultra – –«
»Anglikanisch! Die Capelle ist der heiligen Walpurgis geweiht und ist wahrlich ein Wunder. Müssen Sie sehen, das geschnitzte Holz kam von Belgien, die gemalten Fenster von München, die goldenen Altarleuchter von Paris. Die Kanzel ist ein Meisterstück und kostet allein ein Vermögen. Alle Künstler, die eigens deshalb hierher kommen, sind entzückt. Sie müssen das Alles sehen.«
»Das gedenke ich auch zu thun.«
Wahrscheinlich geht er hin. Der Park ist offen, er ist viele Morgen groß, mit grünen, schön bewachsenen Geländen, wo Rehe und Edelhirsche grasen, sonnigen Abhängen und weißen Marmorstatuen, die aus schattigen Nischen schimmern. Blitzende Wassersäulen sprühen aus Granitbecken empor, reizende Plätzchen laden neben duftenden Rosenterrassen zur Ruhe, und tiefer drüben zieht sich das Gehölz hin, die Ahorne, Buchen und Ulmen, die Hängeweide über dem murmelnden Bach, die stolze Kastanie, die zierliche Silberpappel. Ländliche Sitze, schattige Laubgänge finden sich überall. Unterm verschlungenen Geäste riesiger Linden wandelt der Besucher zum Spiegel eines brückenüberspannten Weihers, niedliche Gondeln und stolze Schwäne ziehen darüber hin, Gold- und Silberfischchen blitzen aus dem traumstillen Wasser. Sonntags steht der Park Allen offen, und Niemand ist vergnügter, als Mr. Abbott, wenn recht viele Besucher sich an all den Herrlichkeiten ergötzen, dann kommt er zuweilen mitten unter den Schwarm der festlich gekleideten Menge und zeigt sich herablassend und verletzend gütig.
Aus den gemalten Fenstern der Capelle ergießen sich Orgelklänge und, voll Aufmerksamkeit gegen die Dame des Hauses, wohnt Einer oder der Andere dem Nachmittagsgottesdienst bei. Dort mag er die Familie sehen. Gottfried Lamare, ein hübscher Jüngling von sechzehn Jahren mit glattgeschnittenem dunkelen Haar und sehr hochmüthigem Ausdruck, steht neben seiner Halbschwester, die im einfachen Mousselinkleidchen im Stuhle sitzt. Das schöne, dunkele Mädchen ist August Abbotts einziges Kind, und doch steht es ihm nicht näher, als jener Junge, der Sohn seiner Gemahlin, jener Sprößling der todten Lamares mit dem blauen Blut. Er wird Abbottsheim erben und die Hälfte der Millionen, denn er soll die Familiengröße fortführen, die Unscheinbarkeit des jetzigen Eigenthümers aufwiegen durch den Glanz der Lamare und ihn zum Stammherrn einer langen Reihe wohlgeborener, wohlerzogener und wohlvermählter Nachkommen machen. Jeder hat sein Steckenpferd, Mr. Abbott seines ist eben dies. Er ist ein Mann, der sich selbst emporgearbeitet, er verkündet das mit einer Art selbstgefälligen Stolzes, ein ungezogener Mann, das verräth sich von selbst, ein ungebildeter Mann, mit lauter Stimme, der gern trinkt und Händel sucht. Die Gäste seiner Gemahlin zucken leise die Achsel, wenn sie ihn sprechen hören, und in Folge dessen zieht Mrs. Abbott sich von der Gesellschaft zurück, ihr überreizter Stolz wird immer wieder verletzt durch den Mann, den sie Gatten nennen muß. Sie vergräbt sich in der Stille der Einsamkeit mit ihren Büchern, ihrer Musik und ihren Kindern. Mr. Abbott sieht sie so selten als möglich, jederzeit höflich, wie der Anstand es erfordert, fügt sie sich seinen Wünschen und fühlt sich namenlos unglücklich. Selbst ihre Frömmigkeit vermag sie nicht zu trösten und dennoch ist ihrs ernst damit.
» Dona nobis pacem!« tönt es wie ein Schrei der Verzweiflung von ihren Lippen, aber der Friede will nicht kommen, die Unruhe verläßt sie nicht. Sie verachtet den Gatten, sein gemeines, geldstolzes Wesen und läßt die eigene Seele verzehren von jenem Stolz, den die Gesellschaft gut heißt, den Ahnenstolz. Ach, daß sie der Worte gedächte: »Lernet von mir, denn ich bin demüthig – und ihr werdet Frieden finden für euere Seelen!«
Mr. Abbott sieht schärfer, als seine Gattin vermuthet, er weiß, daß sie trotz der eisigen Höflichkeit und stolzen Rücksicht, die sie an den Tag legt, ihn verachtet, ihn von jeher verachtet hat. Das zehrt an seiner Seele, denn er liebt sie, liebt sie leidenschaftlich. Wie verwundert würden jene großen, dunkelen, leuchtenden Augen blicken, wenn sie wüßte, mit welch stummer, verzweifelter Liebe er sie anbetet. Glücklicherweise hat sie es nie gewahrt – der Hohn ihrer Blicke triebe ihn zum Verbrechen, und dieser Hohn würde ihm begegnen, das weiß er.
Mr. Abbott mag ein geldstolzer Prahler, ein Parvenü sein, aber sein kraftvolles Leben gäbe er hin um seiner Gattin willen. Und daß sie kälter als Eis, fühlloser als Marmor, ist der eigentliche Grund all jener Ausbrüche flammenden Zornes, die sie verletzen und anwidern. Abbottsheim ist ein geräumiges Schloß, mehr als ein trübes Gespenst spuckt unter seinem Dache. Daß ein Geheimniß über dem Besitzer schwebe, wird allgemein gemunkelt. Vor Oberst Ventnor lüftete sich einst theilweise der dunkele Schleier, der die Vergangenheit des Millionärs umhüllt. Es war zur Zeit, als die Villa Ventnor gebaut ward. Mr. Abbott, des künftigen Nachbars froh, nahm sich thätig der Arbeit an und ersparte dem Oberst manchen Weg. Dieser fühlte instinctiv gewisse Abneigung gegen den Herrn von Abbottsheim, glaubte sich ihm aber, ob seiner Gefälligkeit, zu Dank verpflichtet.
An einem dunkelen, regnerischen Herbstabend verließen Beide den Bau und ritten den Fahrweg entlang. Mr. Abbott erzählte die Abenteuer, die er in San Francisco erlebt, als sein Pferd plötzlich vor einem Manne scheute, der unter einem Baume vorsprang.
»Teufel!« zürnte Abbott und drohte mit der Peitsche, »was fällt Euch ein?«
»Verzeiht,« antwortete der Mann mit frechem Grinsen, »hatte eben nichts Schlimmes im Sinn. Laßt die Peitsche beiseite, Sir, laßt sie beiseite, sonst möcht' es Euch gereuen.«
Er zog den zerlumpten Hut, der Abendschein fiel auf sein Gesicht. August Abbott wankte im Sattel, die Peitsche entfiel der Faust, fahle Blässe überzog sein Antlitz.
»Sleaford – so wahr mir Gott helfe!« stöhnte er.
Oberst Ventnor warf einen Blick auf ihn, einen zweiten auf den zerlumpten, unheimlichen Vagabunden.
»Ich werde voranreiten, Mr. Abbott,« sagte er ruhig mit dem Takt des gebildeten Mannes, »meinen Dank für Ihre Bemühungen mit den Bauleuten. Gute Nacht!«
»Bitte, warten Sie,« rief Mr. Abbott, und dunkeles Roth strömte in sein Antlitz zurück, »ich kannte diesen Menschen in Californien, pflegte ihm Arbeit zu geben, hab' durchaus nichts mit ihm zu schaffen, seinetwegen brauchen Sie nicht weiter zu eilen.«
»Gewiß nicht, da aber ein Gewitter im Anzug ist, glaube ich gut zu thun, baldmöglichst das Hotel zu erreichen. Ehe ich nach New York zurückkehre, spreche ich bei Ihnen vor.«
Er grüßte und ritt weiter, nicht ohne das rohe Gelächter des Vagabunden zu hören, der mit frechem Griff in Mr. Abbotts Zügel fiel.
Am folgenden Tage erwartete Abbott bereits den Obersten auf dem Bauplatz.
»Ein armer Bettler,« entschuldigte er mit großer Zungenfertigkeit den gestrigen Vorfall, »hab' ihn in San Francisco kennen gelernt, hat deren den Tausenden nach gegeben, ungewaschene, vagabundenmäßige Goldgräber, Spieler, unheimliche Gesellen. Was wollen Sie? bei meinen Geschäften hatte ich mit Leuten jeden Schlages zu thun, man muß zuweilen unsaubere Werkzeuge handhaben, um etwas zu fördern. Sleaford gehörte zu der Gattung, Amos Sleaford heißt er, eigentlich ein harmloser Bettler – Trägheit ist sein größtes Laster. Werde wohl, um alter Bekanntschaft willen, etwas für ihn thun müssen, hat eine Menge Kinder, wie ich höre. Wozu ist man reich, wenn man Niemandem Gutes thun will? Teufel auch! Einer soll dem Anderen aus dem Moraste helfen, das ist mein Grundsatz, und sehe ich einen armen Schlucker im Elend, so mache ich ihn wieder flott. Ich denke, ich überlasse dem Menschen das rothe Farmhaus, hat gutes Ackerland, wenn er nur arbeiten wollte. Der schwarze Amos war der Schlechteste nicht von all dem Gesindel draußen in San Francisco.«
Oberst Ventnor stimmte höflich bei, hatte aber seine eigenen Gedanken hinsichtlich des schwarzen Schützlings. Mr. Abbott bestieg sein Pferd und ritt, in Gedanken vertieft, dem rothen Farmhause zu. Damals sah es noch schmucker aus als jetzt. Der reiche Mann war ein tüchtiger Gutsherr und gestattete nicht, daß einer seiner Pächter Land oder Gebäude zu Schanden machte.
Die rothe Farm, von der Farbe der Steine und dem roth blühenden Ahorn so geheißen, war ein prächtiges Grundstück. Sleaford siedelte sich mit zwei Söhnen und drei Töchtern an. Das jüngste Kind war noch sehr jung, ein verwahrlost aussehendes, halbverhungertes Mädchen. Sleaford arbeitete nicht, sonst konnte man ihm nichts nachreden. Vom Anfänge an lachte er hell auf ob der Meinung, daß er das Land bestellen sollte. Seine Buben waren gleich den Wilden, fischten, jagten, legten Fallen auf Vögel und Kaninchen, stahlen Melonen, plünderten Obstgärten und waren allenthalben voll Unheil. Die Mädchen waren so ziemlich vom gleichen Schlage, lustige, zigeunerhaft hübsche Wesen, die gerne lachten und tanzten, sich putzten, aber nicht arbeiteten.
Verwundert fragten sich die Nachbarn, wie Mr. Abbott solches Gesindel auf die rothe Farm bringen, es dort dulden konnte? wie kam es, daß Amos immer Geld genug hatte, ohne die Finger zu rühren? Mancher fragte ihn selbst Amos aber lachte.
»Ja, warum er mir die rothe Farm verpachtet? das ist noch nichts; weiß der Kuckuck, was er nicht Alles für mich thäte, ich bin ihm wie ein Bruder. Ist ein reicher Mann, nicht wahr? hat eine wunderschöne Frau und ein herrliches Haus. Bin noch nicht dort gewesen bis jetzt. Wenn ich wollte, gäbe er mir das ganze Schloß, müßt' ihn nur ein wenig kirre machen.«
Die Lockporter wußten nicht, was sie aus der Geschichte machen sollten, sie flüsterten unter einander und warfen fragende Blicke auf den Millionär. Welches Geheimniß mußte Amos Sleaford hüten? er sah aus, als hätte er dunkele Reminiscenzen. Was würde Mrs. Abbot dazu sagen? sie aber ist zu erhaben in ihrer Atmosphäre, daß irgend welche Gerüchte sie zu berühren vermochten, der Name Amos Sleaford drang kaum je zu ihr.
So vergingen die Jahre. Das rothe Farmhaus ward zur Ruine. Die Familie Ventnor kam und ging und kehrte wieder. Die Zeit, die Alles würgt, verschönert Abbottsheim, die Gespenster in seinen hohen Räumen grinsen stumm. Da geschieht es, daß Olga Ventnor an einem Sommerabende sich verirrt, und ehe es zehn Uhr schlägt, ist ganz Lockport auf den Beinen, das Kind zu suchen.
* * *
»Vielleicht ist sie in Abbottsheim,« meint Julius Livingstone, »sie äußerte heute Nachmittag den Wunsch, hinzugehen.«
Das genügt. Oberst Ventnor gibt dem Pferde die Sporen und reitet 'gen Abbottsheim. Auf der Freitreppe des Schlosses steht Mr. Abbott und raucht eine Cigarre; verblüfft starrt er dem Oberst entgegen, der bleich und athemlos heranjagt.
»Olga? nein, sie ist nicht hier, war heute nicht im Schlosse. Verloren? gewiß nicht – wie sollte das zugehen?«
In fliegender Eile theilt Oberst Ventnor das Geschehene mit.
»Bei Jingo, armes Kind, will sogleich mitreiten. Der Französin soll man den Hals umdrehen! in einem Augenblick komm ich nach.«
Er thuts. Auf prächtigem Rappen jagt er dahin. Die ganze Nacht werden Wald und Haide durchstreift, der dämmernde Morgen aber hat die Verlorene nicht zurückgebracht.
Die Sonne erhebt sich, müde und abgehetzt sieht sich August Abbott vor der rothen Farm. Seit Sleaford dort haust, meidet er die Gegend. Einen bösen Blick wirft er aufs Haus und vergißt momentan, weshalb er gekommen. Niemand war es eingefallen, hier zu suchen, auch er denkt nicht daran. Eben will er umkehren, als sich die Thüre des Hauses öffnet und Amos Sleaford ungewaschen auf der Schwelle erscheint.
»Halloh!« ruft er rauh, »seid Ihrs? was führt Euch hierher zu dieser Tageszeit?«
»Wir suchen Oberst Ventnors Töchterchen,« antwortet Mr. Abbott seltsam höflich, »Ihr habt die Kleine doch nicht gesehen, nicht wahr?«
»Ich sie nicht gesehen? was könnt Ihr davon wissen? sie ist hier. Wollte, sie wär', wo der Pfeffer wächst, daß ehrliche Leute Ruhe hätten bei der Nacht. D'rin ist sie. Warum kommt der Papa nicht selbst?«
Eben erscheinen Leute aus Oberst Ventnors Villa. Man erfährt, daß Olga beinahe bewußtlos und sehr krank ist. Warum, kann Niemand sagen. Man hat sie ohnmächtig auf den Steinfliesen gesunden. Lora glaubt, sie sei in der Nacht aufgewacht, habe sich allein gesehen und sei, vor Angst schreiend, nach dem Gang gelaufen, wo sie sich am Treppenpfosten vielleicht gestoßen habe. Komme es nun von Verletzung oder Angst, jedenfalls befinde sie sich in bedenklichem Zustand. Auch Julius erscheint und drängt, daß man keinen Augenblick verliere und die Kleine heimbringe. Er nimmt die bewußtlose Cousine in die Arme und küßt sie mit aufrichtigen Reuethränen in den gutmüthigen Augen. Wäre er mit ihr gegangen, wie sie es gewünscht, so wäre all dies nicht geschehen. Und vielleicht war es das letzte Mal, daß sie ihm einen Wunsch äußern konnte.
Er trägt die scheinbar leblose Gestalt ins Freie, ein wild aussehendes kleines Geschöpf, einer lebendgewordenen Feldscheuche nicht unähnlich, schleicht vorwärts und sieht ihm drohend und knurrend nach.
»Allons, Emmy,« ruft eine der Töchter, »komm ins Haus und hilf aufräumen, im Augenblick sag ich Dir, wenn Du nicht noch eine Auflage von gestern haben willst.«
Langsam gehorcht das Mädchen, das Auge fortwährend auf Julius gerichtet, der, das fieberheiße Köpfchen Olgas an seiner Brust gebettet, weiter geht.
»Euer Kind?« fragt August Abbott herablassend, »wußte nicht, daß Ihr noch eine so junge Tochter habt.«
In der Rede liegt nichts, was zum Lachen Anlaß gäbe, die Tageszeit stimmt auch nicht zu ausgelassener Heiterkeit, Amos Sleaford aber öffnet auffallend den weiten Mund und stößt ein brüllendes Gelächter aus.
»Freut mich, daß Ihr mich witzig findet,« sagt Mr. Abbott verlegen, »oder seid Ihr alle Morgen so gut aufgelegt?«
Amos fängt von Neuem an zu lachen, daß er sich die Seiten hält, und Mr. Abbott wendet sich und reitet den Anderen nach.
»Euer Kind?« spottet Sleaford, als er allein ist, »wußte nicht, daß Ihr noch eine so junge Tochter habt! Herr meines Lebens! hab' ich doch lange nicht mehr so von Herzen gelacht. Ist wahrhaftig das Lustigste, was ich je gehört; verdammt, Wenns nicht so ist.«