← Zurück zur Startseite

Am Rande des Abgrundes

von Lina von Berlepsch

Verlag: Verlag von J. Habbel

Wenn Sie das Buch lieber in der Hand halten möchten, können Sie es hier erwerben:

Oder laden Sie das Buch kostenlos als E-Book für Ihren E-Reader herunter:

Wie verwende ich eine EPUB-Datei?
Kapitel 6

Fünftes Capitel. Sleafords Emmy.

Book illustration

Fünf Stunden früher war Emmy in wilder, verzweiflungsvoller Leidenschaft hinausgeflohen ins Dunkel der Nacht, wund geschlagen, das Herz voll Trotz, Rache und Haß. Freilich ist bei diesem Kinde das nichts Ungewöhnliches. Mißhandelt werden, hungrig bei Winterkälte im finsteren Kellerloch zu Ratten und Mäusen gesperrt werden, sind ziemlich alltägliche Vorkommnisse in Emmys Leben. Zur Arbeit gezwungen vom Morgengrauen bis Mitternacht, jeder Knochen ermüdet, barfuß im Schnee und Regen, schlechter gebettet und genährt als die Hunde, denn Hunde repräsentiren ein gewisses Capital, nichts hören, als Schimpfworte und Flüche, verhöhnt, verspottet, Lumpen statt Kleider, das war die Existenz des zwölfjährigen Mädchens. Sie entsinnt sich keiner anderen. Lora und Bertha sind hübsch gekleidet, singen und lachen, arbeiten oder thun nichts, wies ihnen eben gefällt. Ist ja doch Emmy da, das garstige rothhaarige Aschenbrödel, dem keine Pathin aus dem Feenland mit gläsernen Pantoffeln je zu Hilfe kommt.

Dem armen Mädchen ist das allerliebste Märchen nicht unbekannt, sie seufzt bitterlich beim bloßen Gedanken. Wohl mag es Feen geben in der Welt und glückliche Prinzessinnen, aber sie kommen nicht in ihre Nähe. Wer hätte auch je von einem Aschenbrödel mit fuchsigem Haar und Sommersprossen gehört? Solche oder ähnliche Gedanken drängen sich oft in ihrem Kopfe mehr oder minder deutlich, aber immer bitter. Amos Sleaford hätte sie besser im Graben verschmachten lassen, wo er sie vor zehn Jahren gefunden, als sie in solch wenig barmherziger Weise ins Haus zu nehmen. Er macht viel Aufhebens davon, daß er sich ihrer erbarmt, denn man wußte nicht einmal, wessen Kind sie sei.

»Das ist der Dank des elenden Fratzen«, heißt es bei jeder Gelegenheit, »aber was läßt sich von der Brut anders erwarten? ihre Mutter war jedenfalls eine nichtsnutzige Person.«

Amos Sleaford war Engländer, ist nun aber Kosmopolit geworden. Nach Vagabundenart hat er die Welt durchlaufen, und ist von den Nachbarn gemieden und gefürchtet. Die Farm, auf der er lebt, hat er weder gekauft noch gepachtet, und doch erfreut er sich ungestörten Besitzes. Er arbeitet nicht, er fischt, wildert, trinkt, spielt und flucht, hat Haufen Geldes, seine Töchter putzen sich, im Hause ist an Allem Vorrath. Alles in Allem genommen, ist er ein gefährliches Subjekt, ein Geheimniß scheint ihn zu umgeben, hie und da läßt er eine Rede fallen, wie er einen gewissen reichen Gutsbesitzer unterm Daumen halte. Roh und brutal gegen Alle, mißhandelt er die arme Emmy doch am grausamsten, und wenn er sie noch nicht zum Krüppel geschlagen, hat sie es nur den Töchtern und Söhnen des herzlosen Mannes zu verdanken.

Als sie fliehend das Haus verläßt, strahlt hell der Mond. Mit festverschlungenen Händen, zusammengebissenen Zähnen, die Augen voll Haß und Rache, die Schultern voll blutiger Striemen, schaut sie empor zu dem mild leuchtenden Gestirn. Gleich einer stummen Anklage sprüht der Blick hinaus zum Himmel, von dem sie nichts anderes weiß, als daß er ein Fluchwort. Langsam schlüpft sie weiter, sie weint nicht, – sie weint selten. Die Ruhe, die Kühle, die Schönheit der thauigen Nacht beruhigen sie. Auf wohlbekanntem Pfade, den ihr nackter Fuß gar oft betreten, schleicht sie ihrem Verstecke zu, ihrem »Schmollwinkel«, wie Sleafords Mädchen den Ort nennen. Es ist ein unheimlicher, trostloser Winkel, eine alte, ruinöse Mühle mit schlammgrünem Weiher daneben. Ein wilder Fleck Erde am hellen Tage, bei Nacht ein schauerlich düsterer Platz.

Eine Art Sympathie zieht Emmy dahin, gleich ihr selbst ist die zerfallene Mühle häßlich, einsam, gemieden. Man sagt, es spucke im schwarzen Grund, Irrlichter huschen über das Wasser, Stöhnen, Weheklagen lasse sich vernehmen, eine ganze Heerde Kobolde treibe dort ihr Wesen, Emmy aber fürchtet kein Gespenst.

Gespenster fluchen nicht, werfen ihr keine Blöcke an den Kopf, schlagen keine Beulen und Striemen, thun überhaupt nichts Unrechtes, und wenn sie in weißen Todtentüchern nächtlicher Weile über die schlummernde Erde wandeln, was liegt daran? das einzige Irrlicht, das Emmy je geschaut, war ein Johanniswurm, das unterirdische Stöhnen, das sie vernommen, der Ruf einer Eule. Geister sind ihr nie erschienen, zuweilen, wenn sie sich todteinsam fühlt, wünscht sie wohl die Gesellschaft irgend eines jener körperlosen Wesen, Geister aber scheinen nicht nach dem Umgang mit Menschen zu verlangen, und so hat es damit sein Bewenden. In Regennächten schläft Emmy in der Mühle. Manchmal, nach besonders grausamer Mißhandlung, bleibt sie tagelang dort, nährt sich von Beeren und sitzt mit stierem, düsteren Blick vor dem grünen Wasser, bis das Verlangen, all ihre Pein unter der Schlammdecke zu begraben, erwacht. Aber der Gedanke: »der alte Sleaford wäre froh darum«, hält sie zurück, ihm zum Trotze will sie leben. In dieser Nacht jedoch ist die Versuchung besonders stark, und Amos Sleaford ists nicht allein, der sie in die entsetzliche Aufregung versetzt, es ist Olga Ventnor. Tausend Dämonen sind beim Anblick der reichgekleideten, goldhaarigen Erbin in ihr erwacht.

Zu solchen Kindern kommt die Feenpathin, sie tanzen mit schönen Prinzen, werden Königinnen und sind glücklich ihr Leben lang. Und sie selbst? hätte es mit ihr nicht eben so sein können, und was ist sie? Schönheit, Reichthum, alle Güter der Erde gehören jenem lockigen Liebling der Götter, für sie ist die Hundepeitsche, der Schweinetrog, die Lumpen, das häßliche rothe Haar!

Sie hat den Mühldamm erreicht und setzt sich am Rande nieder. Es ist namenlos traurig und öde um sie her. Die Mondscheibe wallt hin durch die wolkenlose Mitternacht, schwarz liegt das Wasser zu ihren Füßen, schwarz und still, lange, unheimliche Schatten wirft die zerfallene Mühle darüber, kein Hauch regt sich, in der Tiefe nur läßt sich hin und wieder das Quaken eines Frosches vernehmen. In ihrer Lieblingsstellung mit aufgezogenen Knieen, das Kinn auf die Hand gestützt, sitzt sie und glotzt ins Wasser. Ein Gedanke nur beschäftigt sie: der Haß gegen die kleine Erbin mit dem rosig angehauchten Antlitz, dem goldigen Haar.

»Wenn ich sie nur tödten könnte. »Sie hat Alles – ich habe nichts.«

Das ist der stete Vorwurf gegen das Schicksal, das der Gedanke, der Königsthrone umgestoßen, die Erde mit Kommunismus erfüllt und bis zum Ende der Tage seine ohnmächtigen Schwingen regen wird.

»Ja, da droben ist Einer, der die Welt gemacht, Er aber kümmert sich nicht um Alles, was vorgeht, es gibt einen Himmel für schön gekleidete, elegante Herren und Damen und kleine Erbinnen, es gibt auch eine Hölle für Geschöpfe gleich ihr, für Arme und Verworfene, die in alle Ewigkeit gepeinigt werden.«

Das ist ihr Katechismus, ihr Credo, mehr weiß sie nicht.

Lange sitzt sie am Rande des schlammigen Wassers und brütet. Sie hätte jenem gelbhaarigen Mädchen etwas anthun mögen, etwas, das es verunstaltet, seine Schönheit vernichtet hätte und man hat sie daran verhindert. Julius Livingstone war nun wohl längst gekommen und hatte das Ventnormädchen heimgebracht. Julius ist auch eine Lilie des Feldes, ein hübscher Dandy, er aber erweckt keinen Haß in Emmys Herzen. Ihn muß man stumm bewundern, verehren als ein Wesen des Lichtes. Er ist ein Prinz, dem man aus der Ferne im Staube huldigt, den man nicht berührt, mit dem man nicht leichthin schwätzt. Freilich wundert sie sich zuweilen höchlich, wie er Lora in keineswegs prinzlicher Weise umherzerrt, und das blühende, kecke Mädchen sein schön gekräuseltes Haar zerzaust. Der Prinz selbst gibt auf den häßlichen Kobold nicht mehr acht, als auf das halbe Dutzend kläffender Hunde, die vor dem Hause Wache halten, er ahnt nicht, daß er der Gegenstand anbetender Bewunderung ist.

Endlich steht sie auf, fröstelnd in der feuchten Nachtluft. Sie ist so nackt, als der Zustand moderner Civilisation es zuläßt, die Lumpen wehren nur schlecht dem Winde. Warum sie nicht in der Mühle übernachtet, sie weiß es nicht, sie schreitet wieder der Farm zu.

Das Haus ist einsam und still. Die Hunde springen auf sie zu – ein Wort beruhigt sie. Auch sie kennen Emmys hexenhaftes Wesen. Albert Sleaford würde schwören, daß sie Nachts auf einem Besenstiel durch die Luft reite, wie der Nachtwind kommt und geht sie nach Belieben. Sie nähert sich dem Fenster des Besuchzimmers und drückt das Gesicht gegen die Scheiben. Ihre Augen sind scharf wie die eines Luchses.

»Da ist sie, sie ist da!« jubelt es in ihr, »sie ist nicht nach Hause gegangen, sie schläft und ist allein« – der Blick des wilden Mädchens sprüht im Dunkeln, »dort schläft sie allein, – – sie ist in meiner Macht!«

Sie drückt ein Seitenfenster auf und steigt ins Haus. Hunde, Waffen, Männer gibts genügend im Farmhaus, Diebe sind nicht zu befürchten. Leicht springt sie vom Gesimse auf den Estrich, geht in die Küche, langt vom Schlüsselbrett etwas, das wie Stahl blitzt, und gleitet lautlos ins Besuchszimmer. Anstatt gerade auf das Lager zuzugehen, kauert sie in der Ecke nieder, die Unthat nochmals zu überlegen, vielleicht auch die Folgen, die sie haben könnte. Es wird Schläge absetzen, – aber wird sie nicht immer mißhandelt und geschlagen?

Vielleicht schlägt Amos Sleaford sie todt, – was thuts, er wird dafür büßen müssen, sie werden ihn hängen, – – ja, wenn sie das gewiß wüßte, würde sie sich ohne einen Laut zu Tode peitschen lassen.

Die Uhr schlägt drei, – es ist Zeit, bald stehen die jungen Sleafords auf und kommen in die Küche. Unentschlossenheit bildet eben nicht den Grundzug ihres Wesens. Sie tritt ans Lager – bewaffnet. Scharf glänzend erhebt sie – die Scheere. Olga ist erwacht, sie starrt entsetzt auf die Feindin, darauf hat Emmy nicht gerechnet. Mit dem Schnarren eines bissigen Hundes vergraben sich der Waldhexe hagere Finger in die seidenweichen, goldigen Locken. In dem Moment rafft Olga sich empor, reißt sich lautschreiend los und stürzt nach der Thüre. Ein schwerer Fall, erschreckte Stimmen im oberen Gang, eilende Schritte auf der Treppe. Emmy schleudert die Scheere von sich, schwingt sich mit der Behendigkeit einer Katze zum Fenster hinaus und verschwindet im Dunkeln.

Book illustration