Am Rande des Abgrundes
Verlag: Verlag von J. Habbel
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Drittes Capitel. Verirrt.
Julius!«
Keine Antwort. Auf das sonnige Gras hingestreckt, den Strohhut tief im Gesichte, weilt Vetter Julius in dem lieblichen Lande der Träume.
»Julius! Vetter Julius! Julius Livingstone!« ruft Olga ungeduldig, »kein Wunder, daß er schläft, kam er doch erst um drei Uhr nach Hause. Julius! Julius! wache auf!«
Beschworen durch diese Worte, welche die Saffianspitze eines allerliebsten Füßchens noch deutlicher zu machen versucht, fühlt Julius sich bewogen, langsam und schläfrig die Augen zu öffnen.
»Endlich,« grollt Olga verdrießlich, »Du bist ärger, als ein Siebenschläfer. Schier eine Stunde warte ich, bis Du aufwachst, 's ist ganz abscheulich.«
»Abscheulich? inwiefern, liebe Lichtelfe? womit hat Dein unterthänigster Sklave Dein Mißfallen verdient? ist es Unrecht, im Grase zu liegen?«
»Aber Unrecht ists, nie vor drei Uhr morgens nach Hause zu kommen; wenn das Mama wüßte!«
»Wo bist Du nur gewesen?« fragt sie wohl.
»O, drüben im Dorfe.«
Immer dieselbe Antwort. Das Dorf aber ist langweilig, Julius anspruchsvoll und verwöhnt: die Sache scheint nicht zu stimmen. Olga glaubt Ursache zu haben, unzufrieden zu sein, ihr Vetter ist nicht mehr, wie er im vergangenen Jahr gewesen, er überläßt sie der Bonne und scheint sich ohne sie prächtig zu unterhalten. Tagelang bleibt er weg und Nachts, wenn Alle ruhen, öffnet sein Schlüssel sachte, sachte die Hausthüre, und sein Schritt schleicht auf den Marmorfließen hin. Olga liegt noch wach im Bettchen, sieht das Mondlicht durch die Scheiben fluten, hört den leisen Tritt und die kleine Schweizeruhr auf dem Kamine, die silbern die dritte Stunde verkündet. Drei Uhr Morgens – und er soll drüben im Dorfe gewesen sein? sonderbar! Bald aber löst sich dem Kinde das Geheimniß in unvermutheter, schrecklicher Weise.
Er richtet sich plötzlich auf und starrt sie verwundert an. Sie steht vor ihm schmollend, aber sehr, sehr hübsch. Die rosigen Lippen sind ärgerlich aufgeworfen, die goldenen Haare umgeben sie wie ein Schleier, entschlossen blickt sie unter dem Schatten des großen Florentiners zu Boden.
»Prinzeß Olga! was Du doch für ein reizendes Persönchen bist, ich muß eine Skizze von Dir machen. Die Sonne beleuchtet eben Dein blondes Haar und Dein weißes Kleid wunderbar. Halte Dich ruhig, in zehn Minuten ists geschehen.«
Julius und sein Skizzenbuch sind immer beisammen, er spitzt die Bleifeder und macht sich ans Werk.
»Ruhig gehalten, still gestanden! heißts im Liede; also Du hörtest mich heute Nacht heimkommen? wer sollte glauben, daß die kleinen Oehrchen so scharf sind.«
»Heute Nacht?« schmollt Olga, »Du willst wohl sagen, diesen Morgen halb vier, ich hörte die Uhr schlagen.«
»Glaube der Uhr nicht, sie verleumdet. Hast Du Mama davon gesagt?«
»Mama? ich bin keine Klatschschwester, Julius.«
Der junge Mann athmet erleichtert auf.
»Allergnädigste Prinzessin, neige Dein Haupt ein wenig nach links, so, das genügt. Ich war ein Bischen lange aus, das ist wahr, aber ich traf einige – einige – Kameraden, und da fingen wir ein Spiel an, weißt Du –«
»Warst Du drüben im Dorfe?«
»Ja, drüben im Dorfe! Lockport ist eigentlich ein Nest, man muß sich eben unterhalten, so gut man kann. Da fällt mir eben ein, daß ich auf fünf Uhr ein Stelldichein versprochen habe. Wie spät ists wohl? sieh' nach meiner Uhr, bitte.«
Sie gehorcht zögernd.
»Viertel vor fünf, Du sagtest aber –«
Eine Pause.
»Was sagte ich?«
»Du sagtest, eigentlich Du versprachst, daß Du mich heute zum Croquetspiel zu Carola Abbott fahren wolltest.«
»So?« sagt er ziemlich gleichgiltig, »nun heute mußt Du mich wirklich entschuldigen. Es thut mir leid, aber heute kann ich nicht mit, Papa wird Dich hinüberfahren.«
Rasch wendet sich Olga, die blauen Augen blicken thränenfeucht in die sich senkende Sonne, aber sie fallen nicht, die blitzenden Tropfen, ihr Stolz hält sie unter der Wimper zurück.
»Da ist das Bild,« sagt Julius nach kurzer Pause und reißt das Blatt aus dem Buche, »behalte es als Andenken. Wenn Du einmal eine bezaubernde junge Dame bist, mag Dichs interessiren, zu wissen, wie Du als angehendes Backfischchen ausgesehen hast. »Prinzessin Olga von ihrem gehorsamsten Sklaven« habe ich unter die Skizze geschrieben.«
Olga nimmt sie. Ihre Lippen sind fest geschlossen, den Verdruß nicht zu verrathen, der sich klar genug in den Augen spiegelt. Julius hätte es sehen können, wenn er gewollt hätte, aber er siehts lieber nicht, sieht überhaupt nicht gerne tiefer, als auf die Oberfläche der Dinge und hat eben an Anderes zu denken, als an die Launen seiner Cousine.
»Nun muß ich aber fort. Laß Dir was sagen, Olga, mache in Zukunft die Guckerchen zu, wenn Du zu Bette gehst, und schlafe wie ein braves Mädchen, sonst bekommst Du Runzeln und graue Haare, ehe Du fünfzehn Jahre zählst. Uebrigens will ich mich bessern und nicht mehr so spät nach Hause kommen. Lebe wohl, Herzensolly!«
Er lächelt dem ernsten Gesichtchen zu und eilt von dannen. Lange, lange blickt das Kind ihm nach und betrachtet dann seufzend die Skizze, die der Vetter von ihr gezeichnet. War sie wirklich so hübsch wie das Bild?
»Madame läßt Mademoiselle fragen, ob sie nicht will spazieren gehen vor dem Souper?« ertönt die Discantstimme der französischen Bonne, die sich inzwischen genaht. »Mademoiselle wird dann besseren Appetit haben.«
»Gut, Jeanette, ich gehe, trage das auf mein Zimmer und komme nach.«
Langsamen Schrittes wandert die Erbin aller Ventnors dahin. Sie ist zuweilen etwas altklug in ihrer Redeweise, gewöhnlich aber bricht das fröhliche, jubelnde Kind bald durch, und dann singt und lärmt und klettert sie mit Vögeln und Eichkätzchen um die Wette.
Momentan freilich ist ihr Gemüth umdüstert. Vetter Julius hat sie verletzt, getäuscht: er sagt nicht, wohin er geht, und was er die lange, lange Zeit thut. »Im Dorfe drüben« ist doch gewiß keine Antwort. Und sein Versprechen, sie zu Carola Abbott zu fahren, hat er auch nicht gehalten. Mit Versprechen ist er sehr freigebig, das Halten aber läßt auf sich warten. Derlei Gedanken beschäftigen Olga, machen ihren Schritt weniger leicht und elastisch, als gewöhnlich. Ein glänzender Schmetterling aber lockt zur Jagd, und wie ein Pfeil fliegt sie dahin über Kies und Rasen. Dort drüben flimmert die flammenfarbige Ungarnelke in dichten Büscheln, sie macht einen Umweg, den Platz zu erreichen, findet nun gar einen Himbeerstrauch und pflückt und nascht, über ihr die heiße Sonne, die in einem See geschmolzenen Goldes dem Westen zusinkt.
Im Waldesdunkel ist Kühle und Schatten, Wohlgeruch und Vogelgesang und jenes tausendfache Schwirren und Tönen der Waldeinsamkeit.
Ein Lüftchen erhebt sich.
Weiter und weiter wandert Olga, singend, hüpfend, Vögel und Schmetterlinge, wilde Kaninchen und Eidechsen verfolgend. Plötzlich hält sie inne. Wo ist Jeanette? eine Stunde ist sicherlich verstrichen, die Gegend ist Olga unbekannt, der Tag neigt sich, sie ist müde, Bäume und immer wieder Bäume umgeben sie, nirgends ein Haus, nirgends ein menschliches Wesen – o, wo ist die Bonne?
»Jeanette! Jeanette! wo bist Du, Jeanette?«
Die schrille, angstvolle Kinderstimme tönt durch das Dickicht über Feld und Moor. Doch nur das Rauschen der Bäume gibt Antwort, immer stiller, immer einsamer, immer düsterer wirds im Walde.
»Jeanette! Jeanette! Jeanette!«
Entsetzt tönt die junge Stimme, der Hauch der Dämmerung trägt sie weiter, bringt aber keine Antwort zurück. In den Zweigen nur säuselt es leise und die Vögelein im Neste zirpen ihr eintönig Abendlied.
Plötzlich wird dem Kinde die entsetzliche Wahrheit klar. Sie hat sich verirrt. Verirrt im Walde, bei fallendem Dämmerdunkel, jeder menschlichen Wohnung fern. Jeanette war nicht sogleich nach gekommen, und Olga unbedacht vorwärts geeilt. Nun ist sie allein, allein, verirrt im einsamen, dunkelen, raschelnden, furchtbaren, öden Walde! Sie blickt um sich. Ueber ihr der graue Abendhimmel, westwärts goldumsäumt der Horizont, zwischen den Baumkronen ziehen leuchtende Sterne auf. Im Wald ists bereits finster, auf der Lichtung, auf die sie hinausgetreten, weilt noch des scheidenden Tages schwaches Licht. Rechts dehnt sich der flüsternde Föhrenwald hin, links eine Strecke dürres Haideland, unabsehbar und grau im Dämmerschein. Kein Haus, kein lebendes Wesen nah und fern.