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Am Rande des Abgrundes

von Lina von Berlepsch

Verlag: Verlag von J. Habbel

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Kapitel 3

Zweites Capitel. Eigentlicher Anfang.

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Das Dörfchen Lockport war vor zehn Jahren in den heißen Sommermonaten ein beliebter Aufenthaltsort, damals sah Olga Ventnor es zum ersten Male. Ein zartes, schwächliches, einziges Kind, eine schlankgegliederte, in Mousselin und Spitzen gehüllte Elfe, angebetet von den Eltern, verwöhnt von Freunden, Lehrern und Dienern, eine kleine Fürstin, begabt mit Reichthum, Rang und Schönheit – das war Olga Ventnor mit zwölf Jahren.

Trotz aller Mühe, die man sich zu geben schien, das Kind zu verwöhnen, eine Mühe, die bei Tausenden nicht fruchtlos geblieben wäre, war Olga ein einfaches, liebes Kindergemüth, voll sprühenden, lachenden, sonnigen Lebens. Um ihretwillen hatte Oberst Ventnor den Gletschern der Schweiz, den reizenden Ufern des Comersees, den Ausbrüchen des Vesuvs entsagt, hatte sich eine prächtige Villa in Lockport gebaut und war mit seiner hübschen, kränklichen Frau, seinem einzigen Kinde und einem Troß Diener die Sommermonate über hinausgezogen in die würzige Gebirgsluft. Der Oberst war ein sehr reicher Mann, der Sprosse einer vornehmen Familie, deren Söhne meist hohe Würden bekleidet hatten. Er war der Letzte des einst weit verzweigten Geschlechtes und schien unter einem glücklichen Stern geboren.

* * *

»Schade, daß Olga kein Knabe ist, in etwa sechs Jahren aber soll sie Julius Livingstone heirathen, dieser muß dann den Namen Ventnor annehmen.«

So ist im Familienrath beschlossen, und hat man den Ukas auch nicht der Zukunftsbraut vorgelesen, so wird er doch dem erkorenen Bräutigam, einem hübschen, schlanken Jüngling von etwa zwanzig Jahren, in aller Form Rechtens kund gethan. Julius lächelt sorglos, als seine Mutter ihn glückstrahlend in die Arme schließt und unter Freudenthränen ihm mittheilt, daß er erkoren sei, die Erbin aller Ventnors zum Altare zu führen.

»Nun brauchst Du Dein Leben nicht mit Pinsel und Palette zu fristen, mein Herzensjunge, Olgas Vermögen ist unerschöpflich.«

»Gut,« lacht Julius, »und wann solls sein? heute oder nächste Woche? oder soll ich am Ende gar warten, bis sie erwachsen ist? ich bin immer bereit, Mama, Du brauchst mich nur zu rufen, so erscheine ich auf dem Schauplatz.«

»Das ist kein Thema zum Scherzen, Julius,« verweist Mama, »vor sechs Jahren ist nicht daran zu denken. Sei Du aber inzwischen so liebenswürdig als möglich gegen Deine Cousine, Eindrücke, die man im zarten Alter aufnimmt, halten meist lebenslang.«

Julius wirft das Haupt zurück und lacht nach Herzenslust.

»Hätte mirs in meiner sentimentalsten Knabenzeit nicht träumen lassen, daß für mich eine Braut eigens herangezogen werden sollte. Wenn Dus aber wünschest, Mama, will ich nächste Woche nach Lockport gehen, meiner Zukünftigen huldigen und mit ihr Schmetterlinge um die Wette fangen.«

Und Julius begibt sich in die Villa, die ganz in Duft und Blüten eingebettet liegt, und findet herzlichen Willkomm von Allen. Niemand aber jubelt froher ihm entgegen, als Olga. Was Gold verschaffen kann, gehört ihr, aber auch des Reichthums Macht hat seine Grenze, er vermag keinen Gespielen dem Kinde zu schaffen. Im Sonnenschein der Elternliebe fühlt Olga sich einsam, Mama liegt beinahe beständig auf dem Sopha, Papa ist viel abwesend, die Bonne hat keine Lust zu spielen, und so stößt Olga bei Julius Erscheinen einen Ruf des Entzückens aus und fliegt dem Vetter an den Hals.

»O wie froh bin ich, daß Du gekommen bist,« jauchzt sie, »ich habe die Tage gezählt, nicht wahr, Mama?«

Mama lächelt, Julius hebt die zierliche, goldhaarige Elfe in die Höhe, küßt sie, setzt sie auf die Schulter und rennt mit der frohzappelnden Bürde dem Garten zu, um Fangemaus zu spielen.

Alles geht nach Wunsch. Die Woche, welche Julius in Lockport verleben wollte, zögert sich tief in den September hinein. Die lauschigen, kühlen Uferplätzchen am blitzenden Wiesenbach üben seltsamen Zauber auf das sorglose, träumerische Künstlergemüth des jungen Mannes, manchen Morgen verbringt er dort mit Angel und Leine in Gesellschaft seiner kleinen Cousine. Er ist der liebenswürdigste, aufmerksamste Vetter der Welt, malt ihr Bild, singt ihr Lieder, lehrt sie angeln und tanzen, und erzählt ihr während der herrlichen Spaziergänge durch den Wald die fürchterlichsten Räuber- und Gespenstergeschichten, die menschliche Phantasie jemals erfunden.

All das ohne die geringsten Gedanken an die Pläne seiner Mutter, die ihm zu bunt sind. Er liebt Olga, weil sie ein reizendes, liebliches Wesen ist und er überhaupt für Kinder schwärmt, aber sie in sechs Jahren heirathen! in sechs Jahren! Im Alter von zwanzig Jahren scheinen sechs Jahre eine lange, lange Zeit.

Der Winter kommt. Mit dem ersten Herbstwind, der die Ahornbäume entlaubt, verlassen die Sommervögel das Nest und flattern heim gen New York in die stattliche Familienbehausung der Ventnors. Die Villa aber mit den Rosen und Veranden, der Sonnenuhr und dem Conservatorium bleibt einem alten Beschließer überlassen, bis zur Zeit, wo Gaisblatt und Flieder wieder blühen. Julius besucht die Akademie der schönen Künste und im Laufe des kalten Winters die immergrünen Gefilde Floridas.

Die Zeit vergeht. Wieder begibt sich die Familie Ventnor nach Lockport, und im Laufe der Begebenheiten erscheint dort auch Julius Livingstone. Das Jahr aber ging nicht spurlos an ihm vorüber. Leichter Flaum ziert seine Oberlippe, er ist viel abwesend und nimmt Olga nur selten mit. Wie verbringt er die Zeit? Niemand weiß es, Niemand außer Olga kümmert sich darum. Sie ist verletzt und ärgerlich, und doch zu stolz, sichs merken zu lassen.

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