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Hamlet ohne Souffleur
§§§Entlassen! Ohne jede Pension entlassen!« sprach Schnepfe, als er einige Tage nach Besichtigung des Landgutes heimkehrte und seine Mappe in die Ecke warf.
»Aber weshalb?« fragte Bernhart verwundert.
»Weshalb? Nun, kann es denn ein fluchwürdigeres Verbrechen geben, als einen Senator dieser Stadt in die Nase zu schneiden? Ich muß ja froh sein, daß ich mit dem Leben davonkomme und nicht dem Halsgericht verfalle. Mein Prinzipal hat mich aus reiner Todesangst entlassen, weil er den Senator sah und außerdem der alte Jost nach mir fragte. Er meinte, der Diener des Senators wolle mich wahrscheinlich zum Gericht holen, ich solle durchbrennen und nach Altona oder Kiel gehen. Ich denke aber, ich warte ab, was kommt. Schinden können sie mich nicht. Ich werde mich hier in St. Pauli nach einer Kondition umsehen, sonst geht es schlimm«, sprach Schnepfe.
Bernhart war seiner Meinung, glaubte aber, daß es nichts schaden würde, wenn er einige Wochen Ferien mache. Er sei im Anfang von Schnepfe durchgeschleppt worden und werde ihn nun wieder durchschleppen. Er könne auch die Verwalterstelle auf dem Gut annehmen.
Schnepfe schützte seine Unkenntnis der Landwirtschaft vor und wollte vor der Hand lieber in der Stadt bleiben und riet Bernhart, das Gut zu verpachten. »Ja, wenn du es in Dessau bei unserer Ziegelscheune hättest – Teufel noch mal! Hm – hm!«
Hier versank Schnepfe in tiefe Gedanken und saß eine halbe Stunde sinnend still, dann nahm er plötzlich seinen Hut und lief davon, ohne ein Wort zu sagen.
Er ging nach dem Schiffspavillon hinunter, wo große Ziegelsteinhaufen lagen. Er betrachtete diese mit vielem Interesse, fragte nach den Schiffen, die sie brachten, und kroch darauf herum, wobei er die Preise und Bezugsorte erfuhr. Dann suchte er den Ziegelhandel in der Stadt auf und trieb sich bei den Bauplätzen umher. Überall aber, wo er etwas Rotes schimmern sah, untersuchte er die Größe der Steine, die Qualität und interessierte sich ganz außerordentlich für sein väterliches Geschäft, das ihm die Jugenderinnerungen ins Gedächtnis zurückriefen.
Er sah im Geist die Figuren der Ziegelstreicher – feine Kerlchen, wenn auch nicht für lackierte Stiefel geeignet, weil ihre Füße beim Lehmtreten etwas breit werden und mit der Zeit in Entenlatschen ausarten. Er sah das lustige Feuer im Ziegelofen bei Nacht seinen Schein im Wasser abspiegeln, während bei Tage der Rauch darüber hinstrich, und dachte, daß ein Ziegelofen am Ende doch romantischer sei als eine Barbierstube.
Das Barbieren war ihm seit dem Geburtstag des Senators ganz verleidet worden. Er hätte seine Messer in die Elbe werfen mögen, an der er jetzt tagelang umherlungerte, bis er am Ufer fortschreitend endlich nach Neumühlen kam, wo er stundenlang in den Weidenbüschen versteckt lag und den Garten des Senators beobachtete. Er sah nach dem Pavillon, »ob das Fenster klang«. Der Garten war wie ausgestorben. Kein Mensch zeigte sich, und Schnepfe schlich abends betrübt nach der Stadt zurück.
Eines Vormittags wollte er wieder zur Beobachtung in die Weidenbüsche ausrücken und packte eben einigen Proviant zusammen, der ihm als Mittagsmahl dienen sollte, denn die Diners und Soupers der jungen Leute wurden sehr frugal eingerichtet, als sich Schritte auf der Treppe hören ließen, die sich dem Zimmer näherten. Man klopfte stark an die Tür, was Bernhart die Vermutung aussprechen ließ, daß dies einer sei, der was haben wolle.
Es war jedoch nicht so, denn zur Verwunderung der Freunde trat der alte Jost herein, der freundlich schmunzelte. Er setzte sich und zog ein paar Flaschen Wein aus den Taschen, die er auf den Tisch stellte. Dann rieb er die Hände auf den Knien hin und her und fragte lachend:
»Na, Sie wissen es wohl schon vom Pomadenbuttje?«
»Einige unbestimmte Worte habe ich von Spickmann erfahren«, sprach Schnepfe.
Jost schlug sich auf die Schenkel und rief lachend: »Eine herrliche Geschichte! Ich wüßte nicht, was mir seit zehn Jahren so viel Spaß gemacht hätte. Doch erst das Geschäft und dann das Vergnügen. Übermorgen fährt ein Auswandererschiff hinunter. Sie sollen auf Ihren Posten gehen. Schiffsdoktor bleiben Sie, aber mit dem Barbieren ist es aus.« Dann erzählte er das Erlebnis im Pavillon.
Schnepfe fragte nach den Mädchen. Der alte Jost zuckte mit den Achseln und sagte: »Die armen Dinger verkriechen sich, seitdem der Drache durchgebrannt ist, und weinen den ganzen Tag. Sie lassen sich vor keinem Menschen sehen und stecken meistens im Gewächshaus. Nur bei Tische leisten sie dem Alten Gesellschaft. Aber Geduld, Geduld! Es wird sich schon wieder machen. Der alte Jost ist jetzt da, und der Pomadenbuttje zum Teufel.« Damit ging Jost und ließ neue Hoffnung im Herzen der Freunde zurück.
Kurz nach seiner Entfernung trat Scapin ein und zeigte den jungen Leuten an, daß der Tag der Rache für Direktor Behrens gekommen sei, der heute abend die Schändlichkeit begehe, den Hamlet spielen zu wollen. Die beiden Freunde fanden sich pünktlich in der Theatergarderobe ein. Sie waren sehr neugierig auf den Racheplan Scapins und bereit, ihm jede Hilfe dabei zu leisten. Als sie eben eine kleine Treppe nach der Garderobe hinaufsteigen wollten, hörten sie oben einen Mordslärm, worauf die Tür geöffnet ward, aus der ein kleines Männchen flog und polternd die Stufen hinabkollerte, während ihm eine Menge Papierhefte und ein Hut nachflogen. Es war merkwürdig anzusehen, mit welcher Geschicklichkeit das Männchen die nebenher fliegenden Gegenstände im Hinunterpurzeln fast in der Luft auffing, die Hefte unter den Arm nahm, den Hut aufsetzte und fortging, als sei sein Abgang so ganz in der Ordnung.
»Der Mann muß das Hinauswerfen und Treppenherunterfallen gewohnt sein. Ist vielleicht ein Weinreisender, der es darin zu einer Virtuosität gebracht hat«, bemerkte Bernhart lachend. In der Garderobe angekommen, erkundigte er sich nach dem Abgegangenen und erfuhr, daß es der Theaterdiener war, der den Schauspielern die Rollen in die Garderobe statt in die Wohnungen brachte und für dieses Verbrechen, wie für alles was er tat, an die Luft gesetzt wurde. Nach jedem solchen Abgang lief er zum Direktor und verlangte Genugtuung, die ihm dieser dadurch gewährte, daß er ihn ebenfalls hinaus warf, worauf er in eine Kneipe ging, sich betrank und seine üble Laune dann an den Gästen ausübte, bis er, auch dort hinausgeworfen, für den Abend genug hatte.
Scapin gab diese Erklärung, während er ein Kostüm von sehr schäbigem schwarzen Sammet anlegte, in dem er die Rolle des bösen Königs spielen sollte. Er war ein so ausnahmsweise böser Onkel Hamlets, daß er schwur, dieser solle heute den fünften Akt gar nicht erleben, sondern schon im ersten zugrunde gehen. »Ich habe die Mittel dazu bei der Hand,« sprach er leise. »Hier nehmt das zu euch und bleibt hinter den Kulissen. In der fünften Szene hole ich euch zur schwarzen Tat.«
Bernhart betrachtete mit Verwunderung einen großen Sack, den ihm Scapin gab, und sprach:
»Du willst doch um's Himmel willen deinen Direktor nicht in diesen Sack stecken?«
»Ich würde dies ganz gewiß tun, wenn es möglich wäre. Leider kann ich ihm aber nicht unbemerkt beikommen, deshalb stecke ich sein Gedächtnis hinein. Wartet nur ab, bis der Geist kommt, dann erkläre ich euch die Sache schon. Jetzt geht es los.« Mit diesen Worten führte er die Freunde auf einen Platz hinter die Kulissen, wo sie unbemerkt alles beobachten konnten.
Das Stück begann mit den beiden Schildwachen, denen der Geist die Zeit etwas vertreibt. Dann trat Scapin als König auf und sprach mit versteckter Bosheit zu Hamlet, die fast an den Tag erinnerte, als er ihn bat, nicht nach Wittenberg zurückzukehren, worauf er mit dem Gefolge abging, sich von ihm wegschlich, seinen Königsmantel über ein Versatzstück warf und die beiden Freunde eine dunkle Treppe hinabzog, die unter das Podium führte. Hier machte er ihnen leise die Mitteilung, daß er den Souffleur in den Sack stecken und wegschleppen wolle. Sei dieser aus dem Kasten verschwunden, so werde Behrens ohne Gnade steckenbleiben und umwerfen. Er zeigte ihnen dann einen fernen Lichtschimmer, in dem sie die Beine des Souffleurs erkannten und bat sie, hübsch gleichzeitig hüben und drüben anzupacken und festzuhalten, damit er den Sack gut über den Kopf ziehen könne, worauf man den Einbläser in einen dunkeln Winkel schleppen wolle.
Der Direktor führte seine Rolle nach alter Schule durch und hatte sie Scapin abgenommen, weil dieser viel zu natürlich spielte. In der Szene, wo er dem Geist folgt, kam er, zögernd und vorsichtig, mit der Degenspitze den Boden sondierend, daher, bis er erklärte, nicht mehr weiter gehen zu wollen. Diese Art, einem Geist zu folgen, hielt der Direktor für höchst gemein und unklassisch. Er stellte diese Szene nach der alten guten Schule dar, in der es unabänderliches Gesetz war, den Degen mit steifem Arm vor sich geradeaus zu halten, etwa in der Höhe, als habe man eben den Hut eines Gegners angespießt und hebe ihn von seinem Kopf. Die linke Hand wurde dabei geballt hintenaus gestreckt. Der Haupteffekt lag aber im Schritt, den die neue Schule ganz vernachlässigt, indem sie beinahe einherläuft, wie es gewöhnliche Menschen tun. Die alte gute Schule hatte den Grundsatz, daß auf der Bühne alles so sein müsse, wie es im gewöhnlichen Leben gar nicht vorkommt. Die Perücken, die Kleidung, die Sprache, der Gang mußten außer dem Theater nirgends zu finden sein.
Ein solcher dramatischer Genuß ward jetzt dem Publikum durch das boshafte Kleeblatt verdorben, das sich unter dem Podium in der schändlichsten Absicht zu dem arglosen Souffleur heranschlich. Dieser fühlte sich plötzlich hüben und drüben von Bernhart und Schnepfe gepackt und von seinem Sitz geschleppt, während ihm Scapin den Sack über Kopf und Arme zog und unten fest zuband. Sein Hilfegeschrei verhallte ungehört im Sack, und die Bösewichter ließen ihn in einer dunkeln Ecke liegen.
Scapin beging außerdem die Schändlichkeit, das Buch wegzunehmen und dafür den Tell hinzulegen, den er zu diesem Zwecke aus der Bibliothek mitgenommen hatte. Er rechnete sehr richtig darauf, daß sich der befreite Souffleur später, kurz vor Anfang des neuen Aktes, nach seinem Platz begeben und bei Aufgang des Vorhanges erst die Verwechslung gewahren würde, worauf das Unglück wieder fertig war.
Die Wirkung vom Verschwinden des Souffleurs trat oben sofort ein und befriedigte Scapin vollkommen. Sobald Behrens die Worte nicht mehr von unten erschallen hörte, die er nachsprechen sollte, blickte er in den Kasten hinab und machte, nebst einer Pause, ein so verblüfftes und entsetztes Gesicht, daß das Publikum glaubte, er suche den Geist dort und erwarte, dieser werde aus dem Souffleurkasten hervorkriechen. Die Schildwachen, die Hamlets Hinabstarren bemerkten, guckten nun gleichfalls hinunter und wurden durch das Verschwinden ihres guten Geistes so verwirrt, daß sie kein Wort ihrer Rolle mehr wußten und samt ihrem Freund so glänzend steckenblieben, daß der Vorhang unter furchtbarem Tumult und Gelächter fallen mußte.
War vorn Tumult, so war hinten noch größerer Spektakel. Bernhart und Schnepfe hatten sich nach Verübung ihrer Untat sogleich gedrückt. Scapin war wieder auf der Bühne und schrie mehr als jeder andere über die Schändlichkeit des Souffleurs, seinen Platz so zu verlassen. Der Direktor rannte mit dem Degen umher, ohne den Schritt der alten Schule beizubehalten, und schrie in einemfort: »Ich spieße ihn auf. Wo ist er? Ich spieße ihn auf!« Dabei lief man mit Laternen und Lampen in die Unterwelt, wo man endlich den unglücklichen Souffleur fand, der hier eine Art verzweifeltes Sackhüpfen spielte und dabei mit dem Kopf an das Balkenwerk rannte.
Als er dann den Überfall erzählte, schrie Scapin fortwährend: »Schändlich! Schändlich!« und wußte durch allerlei Bemerkungen den Verdacht auf den Theaterdiener zu lenken, worauf dieser Unglücksvogel in den nächsten acht Tagen so viele Treppen hinuntergeworfen wurde, daß er dabei eine Strecke im Flug zurücklegte, die nach mäßiger Berechnung der Entfernung des Mondes von der Erde gleichkam.
Direktor Behrens wagte aber vor der Hand nicht, sich dem Publikum in einer tragischen Rolle zu zeigen und strafte es für seine Niederlage dadurch, daß er eine Zeitlang keine klassischen Stücke gab. Das gefühllose Publikum merkte die Strafe gar nicht und war sogar sehr zufrieden damit.
Durch die Vernachlässigung des Dramas am Aktientheater gewann Scapin Zeit, den Millionären seine Verachtung mehr als bisher zuzuwenden, während er der schönen Julie exzentrische Huldigungen darbrachte. Da er sparsam, mäßig und infolgedessen immer bei guter Kasse war, so konnte er manchen guten Spaß ausführen, zu dem Geld gehörte.
Eines Tages erschien in der Theatergarderobe ein Händler mit sehr schön gearbeitetem Theaterschmuck, worunter sich Brillantringe befanden, die den echten so ähnlich sahen, daß man in geringer Entfernung getäuscht wurde. Nur waren die falschen Brillanten von einer mißtrauenerweckenden Größe, die den Wert von ein- bis zehntausend Talern repräsentierte, wenn die Steine echt gewesen. Scapin kaufte davon für etwa hunderttausend Taler dem Ansehen nach, wofür er etwas über drei Taler ausgab.
Scapin bemerkte, daß die schöne Julie fast täglich eine Spazierfahrt auf der Elbe machte, wobei sie stets allein war, da ihre Schwester sie mied. Er beschloß, der jungen Dame, mit der er dort oft zusammentraf, einen Begriff von seinem Reichtum beizubringen, da ihm Schnepfe ihre Leidenschaft dafür verraten hatte. Zu diesem Zweck brachte er am Gehänge seiner Uhrkette zwei Ringe mit den größten Diamanten an, die jemals auf Ringen gesehen worden, und fuhr in einem Boote mit seinem treuen Diener nach Neumühlen, in dessen Nähe er Julie auf der Elbe traf.
Um einen Anknüpfungspunkt zur Einleitung einer Intrige war Scapin nie verlegen. So lag er auch jetzt im Stern des Bootes und las in Schillers Gedichten, die er beiseite legte, als er Julie erblickte und ihr die ausgewähltesten Schmeicheleien sagte. Julie fragte, was er so eifrig gelesen, worauf Scapin das Buch bei dem Zeichen aufschlug und den Ring des Polykrates fand. Er machte sie dann auf die Schönheiten des Gedichts aufmerksam und begann, es ihr mit seiner tiefen, klangvollen Stimme vorzulesen, wobei er Bemerkungen einflocht, wie sie ein regierendes Haupt beim Lesen dieses Gedichtes machen würde. Er las:
»Er stand auf seines Daches Zinnen
Und schaute mit vergnügtem Sinnen
Auf das beherrschte Samos hin.«
Hier machte Scapin die Bemerkung, daß es allerdings ein großes Vergnügen sei, über ausgebreitete, blühende Ländereien zu blicken, von denen man sagen könne: »Dies alles ist mir untertänig.«
Der treue Jean erlaubte sich hier die schüchterne Bemerkung, daß das Vergnügen der Bewohner dieser Ländereien noch größer sein müsse, wenn sie zu einem Herrn emporblickten, »der so glücklich mache, wie –«
»Jean«, sprach Scapin streng. »Wer hat dir erlaubt, dich in ein Gespräch zu mischen, das ich und eine Dame führe, die, wenn sie will, dich sofort zu ihrem Sklaven machen kann? Jean! Steig aus! Sofort aussteigen!«
Der arme treue Jean zitterte am ganzen Leibe, denn das Aussteigen, und zwar das sofortige, war mit einigen Unannehmlichkeiten verknüpft, weil man sich mitten auf der Elbe befand. Da der strenge Herr jedoch nochmals den Befehl gab, so stand er mit einer verzweifelten Miene auf und streckte langsam einen Fuß über Bord.
»Halt! Um Gottes willen, lassen Sie den armen Mann im Boote! Er hat ja gar nichts Unrechtes getan, und wir sind mitten im Fluß«, bat Julie.
»Meine Diener sind alle ausgezeichnete Schwimmer«, sprach Scapin. »Er mag jedoch bleiben, da so schöne Lippen für ihn bitten, denn Ihr Wille ist mir Befehl. Bedanke dich, Jean, daß du trockengeblieben bist.«
Jean küßte der Dame die Hand, worauf er die seines Herrn erfaßte und sie gleichfalls küßte.
Scapin las nun das Gedicht weiter und sprach über das Glück der Menschen, d. h. der Menschen, die über dem gemeinen Haufen ständen; denn nur auf das Glück solcher könnten die Götter neidisch sein, da er die übrige Menschheit als eine Herde von Nutztieren betrachte. Eine Theorie, die später der geistreiche und gemütliche Fürst Windischgrätz glänzend durch die Worte: »Der Mensch fängt erst bei dem Baron an!« feststellte. Vom Glück im allgemeinen kam er auf das Glück im besonderen, von denen er für das größte halte, einer Dame wie Fräulein Julie seine Huldigung darbringen zu können. Dies Glück sei so groß, daß die Götter neidisch werden müßten, weshalb er ein Opfer, gleich dem Polykrates, weihen wolle, um zu sehen, ob er auch solches Glück habe und die Fische noch so galant seien wie damals.
»Jean,« wandte er sich an diesen, »du kennst ja meine Pretiosen. Welches sind die kostbarsten?«
»Euer Gnaden, das sind der Pic al jempelterke, für den der Amsterdamer Juwelier, bei dem Sie kürzlich einen Schmuck bestellten, zwölftausendfünfhundert Taler, und der Gibbel il prinzkewicke, für den er elftausenddreihundert Taler bot. Außerdem aber der große Nori al hipra, der auf achtzigtausend Taler taxiert ist und eben in ein Kollier gefaßt wird. Gnaden tragen beide ersteren Diamanten seit einigen Tagen als Berlocken.«
»Ah, diese also?« sprach Scapin gleichgültig, indem er sie losmachte und betrachtete. »Schöne Steine – Wasser und Feuer. Sind mir allerdings die liebsten von allen. Nun denn, damit ihr mir das Glück nicht mißgönnt, in der Nähe dieser Göttin zu weilen – hier! Ihr Götter und Fische, habt ihr sie.«
Damit warf er beide Ringe plötzlich weit in die Elbe, während Julie einen Schreckensschrei ertönen ließ und Jean die Absicht zeigte, sich nachzustürzen.
»O Gott, die schönen Diamanten!« jammerte Julie, in das Wasser blickend.
»Waren recht nette Dinger«, bemerkte Scapin gleichgültig. »Der eine besaß jedoch nur Feuer, der andere nur Wasser. Der große Nori, den ich eben fassen lasse, hat beides, Sie sollen nächstens selbst darüber urteilen.«
»Aber um's Himmels willen nicht auf dem Wasser!« rief Julie.
»Wo Sie nur wünschen. Ihr Wunsch ist mir Befehl«, sprach Scapin leise, ihr die Hand küssend, worauf er sich verabschiedete und nach Altona zurückrudern ließ, während Julie noch lange in den Strom blickte, wohin der Verschwender für sechzigtausend Mark Diamanten warf, die sie so gern gehabt hätte.
Scapin hatte von Schnepfe die ganze Geschichte Spickmanns und jenes Abends unter dem Apfelbaum erfahren. Da er außerdem ein guter Menschenkenner war, so entdeckte er sehr bald in Julie die herzlose Kokette und machte sich gar kein Gewissen daraus, sein Spiel mit ihr zu treiben. Er bestellte zu diesem Zweck bei dem Schmuckhändler ein Kollier mit einem besonders großen Diamanten, über dem eine Grafenkrone angebracht sein mußte, deren falsche Perlen von ziemlicher Größe waren. Außerdem noch Ohrgehänge, eine Brosche und zwei Armbänder, alles mit Brillanten übersät und so gut und täuschend wie möglich gearbeitet. Der Händler versprach, einen Schmuck zu liefern, der selbst einen Kenner abends in der Nähe im Anfange täuschen solle und den dieser durch das Opernglas auf 200 000 Taler taxieren müsse. Scapin sollte dafür jedoch die ungeheure Summe von sechzehn Talern bar bezahlen, was er versprach.
Am Tage nach dem »Ring des Polykrates« war bei Spickmanns große Gesellschaft, zu der Scapin eine Einladung erhielt. Die Gelegenheit zu einer so ausgedehnten Millionärverachtung war zu günstig, um sie vorübergehen zu lassen. Er fand sich deshalb, von seinem treuen Jean begleitet, in der Villa an der Alster ein und leistete im Fache der Verachtung Außerordentliches gegen Schröpfer und Kompagnie nebst Konsorten, während Hanf- und Eisenmölke so wenig von ihm bemerkt wurden, wie Infusorien in einem Glas Wasser. Dagegen bemerkte Hanfmölke plötzlich Jean unter den übrigen Dienern der Millionäre und fand, daß er eine merkwürdige Ähnlichkeit mit einem beliebten Komiker des Aktientheaters in St. Pauli habe. Hanfmölke wohnte dort und ging sehr oft in das Theater, weshalb er den Komiker kannte, da dieser gewöhnlich in seiner natürlichen Figur spielte, während Scapin auf der Bühne stets eine solche Maske anlegte, daß ihn seine eigene Mutter nicht erkannt hätte.
Der treue Jean stand gerade im Vorzimmer und bestätigte gegen Spickmann jun. die Ringgeschichte, die dieser durch die Bootsführer am Morgen erfahren hatte. Hanfmölke sah ihn eine Weile staunend an und fragte ihn endlich, ob er mit dem Komiker verwandt sei.
Jean nickte kummervoll mit dem Kopf und sprach, indem er ihn hängen ließ: »Leider, leider habe ich einen Bruder, der unter den Schauspielern und am Aktientheater ist. Er war immer der Taugenichts der Familie und hat uns Geschwistern und den Eltern viel Kummer gemacht. Es ist schrecklich, solche Verwandte zu haben, und ich schäme mich seiner so, daß ich ihm hier noch niemals begegnet bin. Ich hoffe, Sie schenken mir Ihr Mitleid, meine Herren«, wandte er sich an die übrigen Diener.
Diese murmelten, es sei allerdings schlimm, aber er solle sich die Sache nicht so zu Herzen nehmen. Wer könnte für seine Verwandten stehen usw., bis ihm endlich der Diener Spickmanns reelleren Trost in einer Flasche alten Rheinweins zukommen ließ.
Der junge Spickmann machte sich aber an Scapin und warnte ihn dringend vor Julie, was diesen ungemein belustigte, während er behauptete: »Spaß, nichts als Spaß!«
Einige Tage nach dieser Gesellschaft befand sich Scapin in der Theatergarderobe und war mit Ankleiden beschäftigt, als ein paar Schauspieler hereinkamen und ihm meldeten, daß ihn zwei Herren zu sprechen verlangten, die nicht zur Farbe gehörten, »und wenn einen Schauspieler Publikumer sprechen wollen,« fuhr einer fort, »so sind es gewöhnlich Gläubiger. Wir haben deshalb vorsichtig gesagt, wir glaubten, daß Sie nicht anwesend seien und wir erst nachsehen wollten. Wenn's also Gläubiger sind, dann –«
»Ich habe keine Gläubiger!« sprach Scapin.
»Kehrt sich denn der Gang der Natur um? Wächst das Gold auf den Kirschbäumen und die Kirschen tief im Schacht der Erde? Er ist ein Schauspieler und hat – keine – Gläu–bi–ger? – –«, schrie der eine Kollege. »Und ich behaupte, es sind doch welche. Er hat Gläubiger, ohne daß er es weiß. Mag das Schicksal über ihn kommen!« Mit diesen Worten gingen die Kollegen ab, worauf sich nach kurzer Zeit die Tür öffnete und zwei Herren eintraten, von denen einer erstaunt stehenblieb und Scapin durch eine Lorgnette anstarrte.
»Äh – äh seehr!« Das war alles, was das Kalb herausbringen konnte, als es den Millionärverächter halb angekleidet erblickte.
Scapin sah mit einiger Verwunderung Spickmann jun. und Schwarz vor sich stehen, den er nicht kannte. Er hätte eigentlich alle Ursache gehabt, in große Verlegenheit zu kommen. Ein solcher Zustand war jedoch bei der Weltansicht, zu der er es gebracht, bei der souveränen Verachtung aller Menschen, die nicht durch geistige Größe hervorragten, bei ihm unmöglich. Die schlimmsten Verhältnisse, in die ein Mensch kommen kann, insofern sie nicht die persönliche Sicherheit betreffen, konnten ihn höchstens in Verwunderung bringen. Verlegenheit befällt nur kleine, beschränkte Geister.
Scapin geriet also nicht im geringsten in Verlegenheit, als er Spickmann erblickte. Er ward nur etwas krummer, im Gesicht urplötzlich um zehn Jahre älter und zog ein anderes Sprachregister, so daß Spickmann erstaunt zurückfuhr, als er ihn fragte, was er wünsche.
Das Kalb stand verblüfft und sah bald ihn, bald Schwarz mit offenem Munde an. Schwarz ergriff endlich das Wort und fragte: »Wir haben die Ehre, Herrn Krabitsch vor uns zu sehen?«
»Krabitsch, zu dienen. Ganz und gar Krabitsch. Was wünschen die Herren?« entgegnete Scapin fast demütig.
»Haben wir vielleicht auch die Ehre, zugleich Herrn von Scapin zu begrüßen, der so galant war, Diamantringe von ungeheurem Werte in die Elbe zu werfen?« fuhr Schwarz sarkastisch fort.
Scapin sah etwas verwundert um und hinter sich, ob noch jemand neben ihm stehe, den Schwarz meine.
»Herr von Scapin? Habe nicht die Ehre, ihn zu kennen. Wie kommt es, daß Sie den Herrn hier suchen?«
»Äh! äh! – Aber Herr von Scapin. Sehen heute zwar merkwürdig älter aus. Ist auch nicht Stimme. Ist aber doch«, sprach Spickmann auf die Worte Scapins.
»Wie kommen Sie dazu, einen solchen Herrn hier zu suchen?« fragte dieser. »Wer ist denn Herr von Scapin und wer sind Sie, wenn ich fragen darf?«
Das Kalb sah sich etwas verblüfft nach Schwarz um, der Scapin scharf betrachtete. In diesem Augenblick kam der Kollege, der treue Jean, herein und grüßte die Fremden so unbefangen, als hätte er niemals einen von beiden gesehen. Spickmann war bei seinem Anblick vollständig perplex und murmelte nur: »Jean – bei Gott, Jean!«
»Diese Herren suchen einen Herrn von Scapin. Ist Ihnen ein solcher bekannt?« wandte sich der Millionärverachter an den Eingetretenen.
»Allerdings. Sonderbares Zusammentreffen. Sie haben keine Ahnung, daß gerade Sie einige Ähnlichkeit mit diesem Manne besitzen. Ich habe einen Bruder, eine gemeine Bedientenseele, der stets einen kriecherischen Charakter zeigte. Dieser Elende ist seit langer Zeit Diener bei diesem Grafen Scapin-Hünenfels, der sehr reich ist und große Güter in Dänemark besitzt. Wie kommen aber die Herren darauf, den hier zu suchen? Der ist viel zu stolz, um hierher zu kommen«, entgegnete der Kollege.
»Wie wir darauf kommen, den Herrn hier zu suchen?« bemerkte Schwarz. »Nun, aus dem Grunde, weil wir ihn von Neumühlen aus beobachteten und folgten, wobei sich seine Spur jedesmal in diesem Theater verlor. Wir wollten diesen Herrn vor einer gewissen Dame warnen, im Fall er sich ernstlich mit ihr verbinden will, weil die Dame einen abscheulichen Charakter besitzt. Da wir aber nicht fanden, was wir suchten, so bitten wir um Entschuldigung. Vielleicht ist der Herr so gut und läßt den Grafen durch seinen Bruder warnen«, schloß Schwarz, sich lächelnd an Scapins Kollegen wendend.
»Ich treffe niemals mit dieser gemeinen Bedientenseele zusammen«, sprach er verächtlich.
»Dann bitten wir um Entschuldigung wegen der Störung und empfehlen uns.« Mit diesen Worten ging Schwarz und zog den noch immer verblüfften Spickmann zur Tür und zum Tor hinaus.
Die beiden Schauspieler sahen sich eine Weile stumm an und brachen dann in ein Gelächter aus. »Man ist uns also nachgeschlichen«, höhnte Scapin. »Ah, man hat aber nur den Bruder des treuen Jean gefunden. Der strohbärtige Kerl, der Spickmann, glaubt jetzt steif und fest, daß ich ein anderer bin, und sein Begleiter kennt mich nicht. Wir haben sie schön abgeführt. Wir werden indes trotz der Warnung unsere reellen Absichten auf die Dame nicht fallen lassen. Wir kennen den Apfelbaum, und da morgen der Schmuck kommt, so wird der treue Jean die Bracelets und Ohrgehänge bei Sonnenuntergang hinaustragen und sie vor Dunkelwerden leuchten lassen, wobei er meldet, daß der Herr Graf das Kollier mit dem Ausbund aller Diamanten und die Brosche später selbst bringt, da sie noch nicht eingetroffen waren.«
»Durchl–«
»Jean«, rief Scapin streng und beide brachen wieder in ein schallendes Gelächter aus.
Der Theaterjuwelier hielt Wort und lieferte einen Schmuck, dessen Wertlosigkeit nur ein Kenner auf den ersten Blick entdecken konnte. Bracelets und Ohrringe lagen in einem, Brosche und Kollier in einem zweiten Etui von rotem Samt.
Jean legte die höchste Galatracht an, die die Theatergarderobe hergeben konnte, und brachte das Etui mit den Bracelets und Ohrringen zu gut berechneter Zeit nach Neumühlen, damit die Juwelen noch im Tageslicht leuchten konnten, während doch die junge Dame nicht viel Zeit übrig behielt, um eine genaue Prüfung dabei anzustellen.
Jean meldete das unendliche Bedauern seines Herrn, daß nicht der vollständige Schmuck zur Ansicht der Dame geschickt werden könne, da der Juwelier nicht abgeliefert habe. Der Herr werde sich jedoch wahrscheinlich selbst das Vergnügen machen, noch heute den großen Diamanten zur Ansicht zu bringen. Als Julie noch in der Betrachtung des Schmuckes versunken war und endlich zögernd den Versuch machte, ihn wieder in die Hände Jeans zu geben, war dieser spurlos verschwunden. Sie mußte das Etui behalten und trug es in ihr Schlafzimmer, wo sie die blitzenden Steine beim letzten Tageslicht mit funkelndem Auge betrachtete. Die Dämmerung brach herein, der die Dunkelheit bald folgte. Die Lampe in Juliens Schlafzimmer wurde angezündet, und die falschen Steine glänzten um so prachtvoller in die falschen Augen, da ihnen die Nacht, die Freundin alles Falschen, zu Hilfe kam. Julie ließ sie im Licht spielen und bewunderte sie, bis ihre Blicke mit einer wahren Gier daran hafteten. Sie legte die Ringe um den Arm und heftete die Glocken in die Ohren, wonach sie sich im Spiegel betrachtete, aus dem ihr die Strahlen der Steine entgegenleuchteten, als sei ihr Nachtnegligé mit den Sternen des südlichen Kreuzes besetzt. Plötzlich entfuhr ihr ein leiser Schrei, denn im geöffneten Fenster blitzte und funkelte es, als habe sich der ganze Sternenhimmel herabgelassen. Scapin saß auf der Brüstung und hielt das Kollier herein, dessen großer Stein wie eine Sonne glänzte. Er hatte den Weg über den Apfelbaum gefunden und stieg jetzt ganz ungeniert in das Zimmer. Julie stand wie festgebannt, die Augen auf die Steine gerichtet, von denen sie bezaubert wurde, wie vom Blick einer Klapperschlange. Scapin ließ sich, ihr das Etui darbietend, auf ein Knie nieder und sprach leise:
»So hat mich noch kein sterbliches Weib gesehen, denn alle, die ich kenne, lagen mir zu Füßen. Der weiblichen Schönheit höchste Potenz wirft mich aber vor dir nieder, herrliches Weib! Ich lege meinen Stolz von mir und frage dich: willst du diese Grafenkrone tragen? Willst du mein sein und soll Graf Scapin von Hünenfels morgen mit deinem Vater sprechen? Laß dir noch sagen, daß ich dir Millionen zu Füßen legen könnte, wenn ich sie einer Erwähnung wert hielte und sie nicht gründlich verachtete! Sieh«, hier ließ er die Steine im Lampenlicht spielen, »willst du diese Grafenkrone tragen?«
Julie faßte, wie bezaubert, nach dem Schmuck und hielt ihn fest, indem ihre Augen in Entzücken strahlten. Scapin trat leise an das Fenster, schloß es und ließ den Vorhang herab.
Die Sonne stand am nächsten Morgen ziemlich hoch, als Julie im Garten erschien, um Kaffee zu trinken. Ihre Schwester saß schon lange sinnend dort und schaute auf den Strand. Sie hoffte, Schwarz zu erblicken, den sie in der letzten Zeit einigemal hier bemerkte, der jedoch stets verschwand, sobald sie sich sehen ließ. Er wandte sich jedesmal finster ab, wenn sie ihn in der Stadt traf, wobei ihr das Herz zerspringen wollte, denn die Arme liebte ihn grenzenlos. Als sie den suchenden Blick einmal auf ihre Schwester wandte, die sich stumm an den Kaffeetisch setzte, sah sie betroffen auf. Im Gesicht Juliens lag etwas so Eigentümliches. Ein stolzer Triumph und doch eine gewisse Angst. In den Augen loderte bald ein hervorbrechendes Feuer, bald hingen sie mit Spannung auf dem Wege, der von der Stadt daherführte. Sie dachte daran, daß der Graf mit ihrem Vater sprechen wollte, und erinnerte sich, ihn seit Wochen nicht gesehen zu haben. Der Graf hatte versprochen, noch am Vormittag mit dem Vater oder ohne ihn zu kommen. Er mußte kommen, davon war sie überzeugt, und sie hoffte, jetzt seine Gestalt jeden Augenblick zu sehen, um das strahlende Geheimnis ihrer Grafenkrone vor der Welt leuchten zu lassen.
Es kamen jedoch nur die Gestalten von Lotsen und bekannten Sommergästen daher. Endlich eine ungewöhnliche Figur. Ein Groom in Livree, der sich nach Fräulein Julie Stubborn erkundigte und ihr ein Billett, mit einer Grafenkrone gesiegelt, übergab. Sie ergriff es hastig und sah den Groom nicht an, der in den Weidenbüschen verschwand und sich dort zur Verwunderung einiger Lotsen auf den Kopf stellte, worauf er den Sand aus den schwarzen Haaren schüttelte und das lachende Gesicht Jakobs zeigte.
Julie riß den Brief auf und fand ein Logenbillett, in ein duftendes Blatt gewickelt, auf dem nur die Worte standen: »Graf S. von Hünenfels. Heute abend im Aktientheater zu St. Pauli.«
»Aktientheater in St. Pauli?« sprach Julie erstaunt. »Sonderbar. Der Graf gibt mir dort ein Rendezvous? Hm. Er hat den Vater jedenfalls nicht getroffen. Das Theater ist abgelegen und man ist dort unbeobachtet. So wird es sein. Ich komme, Graf!« Mit diesen Worten barg sie Brief und Billett. Dann verfiel sie in tiefes, unruhiges Sinnen und blickte wohl hundertmal nach der Stadt hin. Es kam jedoch kein Graf, denn Scapin mußte den Lord in »Sie ist wahnsinnig« spielen, und zwar zu seinem großen Bedauern, da er nicht wußte, wie lange der Schmuck seinen Wert für die Dame behalten würde.
Direktor Behrens hatte den Versuch mit der alten Schule aufgegeben und Scapin das Feld wieder überlassen, dessen Glanzleistung im naturalistischen Fach der Lord war, den er vortrefflich spielte und wobei er so wenig Maske anwandte, daß ihn nur die Abwesenheit der Millionärschaft im Aktientheater vor dem Erkanntwerden rettete.
Vor Anfang des Stückes stieg Julie verschleiert aus einem Wagen und trat in das Theater, wo sie ihr Billett vorzeigte. Ein Logenschließer führte sie mit tiefen Verbeugungen in eine Loge, die ein Herr ganz allein genommen habe, wie er erzählte. Ein feiner, generöser Herr, der ihm fünf Taler Douceur gegeben. Wer konnte dies anders sein, als der Graf? Julie nahm den Fauteuil ein, den ihr der Logenschließer vorn bot, während hinten nur zwei Stühle reserviert waren.
Sie wartete mit der größten Spannung auf die Öffnung der Logentür und sah nur mit einem flüchtigen Blick nach der Bühne, als das Stück begann. Dann wandte sie sich wieder der Tür zu. Plötzlich aber schlug ein Ton an ihr Ohr, bei dem sie erstaunt herumfuhr und wie festgebannt auf die Spielenden blickte. Der Lord war aufgetreten. War das nicht die Stimme des Grafen? War er es nicht selbst? Diese Fragen stürmten wie ein Heer böser Geister auf sie ein. Es begann alles um sie her zu schwirren. Das Publikum, die Logen, die Lampen, alles fuhr wild durcheinander, nur der Graf, der schreckliche Graf blieb felsenfest dort stehen und trat immer deutlicher, unverkennbarer, fürchterlicher hervor. Sie starrte wie eine Statue nach der Bühne und bemerkte nicht, daß zwei Herren hinter ihr Platz genommen hatten, bis ein anderer Ton sie rückwärts blicken ließ.
»Äh! äh! seehr! Der Krabitsch ausgezeichnet. Famoser Kerl. Sollen ihn erst mal Grafen Scapin von Hünenfels spielen sehen, und wie kann klettern, auf Apfelbaum. Äh!«
Es war die Stimme Spickmanns. Es war wiederum nicht mehr das Kalb, sondern ein böser Dämon wie damals auf der Düne. Julie geriet in einen lethargischen Zustand und lag starr im Fauteuil. Die Lampen und das Publikum schwirrten fort, aber sie dachte und hörte jedes Wort.
Julie fuhr plötzlich auf, denn eine andere ihr schreckliche Stimme klang wie die Posaune des Gerichts. Es war die Stimme von Schwarz, der begann:
»Oh, Sie sollten Krabitsch in der neuen Rolle sehen, wo er einen Brief von einer herzlosen Kokette erhält, in der sie seine Hand zurückweist. Ich habe die Rolle zufällig hier und kann Ihnen eine Stelle aus dem Briefe vorlesen. Hören Sie.«
Schwarz las am Ohre Juliens, die immer noch im regungslosen Banne lag, aus dem Briefe seines unglücklichen Bruders:
»Ich verlange von meinem künftigen Manne vor allen Dingen eine glänzende Equipage und Dienerschaft. Kannst du mir beides bieten? Nein!
Ich verlange den ausgedehntesten Kredit bei Mode- und Putzhändlern sowie bei Juwelieren, um in jeder Mode der Saison mit den prachtvollsten Stoffen glänzen zu können. Kannst du mir jährlich nur fünfzehntausend Mark dafür aussetzen? Nein!
Ich will jeden Sommer ein Bad besuchen. Kannst du mir zehntausend Mark dafür anweisen? Nein!
Ich will eine glänzende Wohnung haben, worin ich prachtvolle Diners, Bälle und Konzerte gebe. Ich will eine Loge in jedem Theater und eine Villa an der Alster haben. Ich bedarf Summen zu Ausgaben, die mein Mann nicht zu wissen braucht. Kannst du mir dies alles außer den Mitteln zum gewöhnlichen Haushalt bieten? Nein, und abermals nein!«
»Äh! äh! seehr – gut. Dann muß Mann wie Grafen Hünenfels heiraten, kann dann alles das haben. Ha – ha! Auf Theater. Alles von Pappendeckel«, lachte das Kalb.
»Alles so echt wie die Berliner Brillanten und ihre Seele«, sprach Schwarz, indem er mit Spickmann die Loge verließ.
Julie erwachte bei diesen Worten aus ihrer Lethargie. Sie starrte noch fortwährend auf die Bühne, wo der Lord dem Doktor erklärte, daß sie wahnsinnig sei. »Ich! Ich!« flüsterte Julie. »Ich werde es!« Damit sprang sie auf und lief in dumpfer Betäubung hinaus und an der Elbe hin, bis sie halb besinnungslos in ihrem Schlafzimmer ankam.