Anzeige. Gutenberg Edition 16. 2. vermehrte und verbesserte Auflage. Alle Werke aus dem Projekt Gutenberg-DE. Mit zusätzlichen E-Books. Eine einmalige Bibliothek. +++ Information und Bestellung in unserem Shop +++
Heimkehr von Neuwerk
Schwarz stieg aus den Watten am einsamen Deich Neuwerks empor, er hörte eine Stimme und stand plötzlich vor zwei alten Herren, die im kurzen Gras lagen und von denen der eine dem andern aus einem Manuskript vorlas.
Der Vorleser sprang in die Höhe, als der Schatten des Fremden über sein Buch fiel. Er stand da, mit dem kupferfarbigen Hut, dem schwarzen Frack, der Messingbrille und barfuß, wie ihn die Jäger voriges Jahr in Duhnen erblickten, genau so, als hätte er sich gar nicht ausgezogen. Er sah den Fremden an, als sei er ein Junge, der zu spät in die Schule komme, und sprach nach einer Weile: »Ich habe Sie hier schon gesehen.«
Der Zuhörer des Schulmeisters war ein alter Herr mit weißem Haar und mit von einer tropischen Sonne braun gebranntem Gesicht. Er stand auf, legte die Hand auf die Schulter des Ankommenden und sprach leise fragend: »Schwarz? Ja, Sie sind's. Ganz wie Ihr armer Vater vor vierzig Jahren.«
Schwarz ergriff die Hand des Fremden und sagte: »Ich brauche wohl nicht erst zu fragen, ob ich unsern alten Buchhalter Kern vor mir habe. Ich kenne Sie nicht mehr, denn das Bild, das mir von Ihnen aus der Jugend vorschwebt, stellt einen andern Mann dar, als ich ihn jetzt vor mir sehe.«
»Glaub's«, sprach der Buchhalter mit leisem Lächeln. »Die Zeit hat mein schwarzes Haar gebleicht und die Sonne das helle Gesicht gedunkelt. Das Unglück hat es mit Furchen durchzogen und hätte mich bald als Leichnam hier an den Strand geworfen. Das wäre allerdings denen, die mich seit Jahren gehetzt, willkommen gewesen. Der Himmel hob mich aber noch ein Weilchen auf, um das Versprechen zu erfüllen, das ich Ihrem Vater gab. Es ist eine Wohltat für meine alten Augen, daß ich Sie vor mir sehe. Seien Sie mir herzlich gegrüßt.« Hierbei umarmte der wiedererstandene Buchhalter den jungen Schwarz, und die Männer gingen nach dem Turm.
Sobald hier eine Mahlzeit genossen war, bat Schwarz den Buchhalter Kern, ihm die längst ersehnten Mitteilungen über seine dunklen Verhältnisse zu machen. Beide gingen den Deich entlang und setzten sich an einer Stelle nieder, die eine freie Aussicht auf die Watten bot. Kern schwieg eine Weile und sah in Gedanken verloren hinaus, als wollte er den langen Weg überblicken, der ihn in die Ferne und wieder an diesen Strand geführt, dann fragte er Schwarz: »Wieviel Briefe haben Sie von mir bisher erhalten?«
»Nicht einen!« war die Antwort.
Kern nickte. »Also von etwa zwanzig Schreiben keins an die Adresse gelangt? Hm. Es lag ihnen natürlich zu viel daran. Haben Sie denn, um's Himmels willen, auch von dem Lotsen Nielsen die wichtigen Papiere nicht erhalten, die ich ihm bei meiner Abreise anvertraute?«
»Oh! Auch dieser Lotse scheint ein Schuft wie alle andern«, sprach Schwarz traurig. »Ich habe einen Brief gelesen, in dem er Stubborn die Papiere für eine Kapitänstelle anbietet. Ich bin irre an dem Mann. Nun, Gott vergeb's ihm und schenke ihm die ewige Ruhe, denn er ist mit dem Schiff Stubborns untergegangen, auf dem er und mein armer Bruder nach Indien gingen.«
Schwarz erzählte Kern nun alles, was bisher vorgefallen war, worauf er ihm die Briefe seines Bruders und den von Stubborns Tochter zu lesen gab.
Der Buchhalter schüttelte den Kopf und war erstaunt über die Schlechtigkeit Stubborns und Tricks. Er sprach mit einem kummervollen Blick auf Schwarz: »Ich habe den beiden nie getraut und sie stets für Geschäftsleute gehalten, bei denen jeder Vorteil gilt; daß sie aber solche furchtbare Schufte sind, setzt mich in Erstaunen und rechtfertigt meinen Verdacht, den ich schon damals gegen Stubborn faßte und der durch ein Gerücht entstand, dem ich keinen Glauben schenken wollte. Sie wissen ja wohl, mein lieber Herr Schwarz, daß Ihr armer Vater von den Franzosen erschossen wurde, weil er mit den Russen im Einverständnis war.«
Schwarz nickte stumm.
»Eine Zeit vorher erhielt er Nachrichten, daß Davoust sein Augenmerk auf ihn gerichtet habe und ihn wie viele andere auszuplündern beabsichtige. Um dies unmöglich zu machen, sprach er von großen Verlusten und verkaufte endlich sein Haus und Geschäft an Stubborn, der damals eine unbedeutende Erbschaft machte. Der Kauf war –«
»Soll ich Ihnen jetzt meine Erzählung von Störtebeker oder die Naturgeschichte der Gespenster vorlesen?« fragte plötzlich der Schulmeister, indem er den Deich hinaufstieg und ein Manuskript sehen ließ. »Ich sah Sie vom Turm aus hier sitzen und hielt es für meine Pflicht, Sie auf dieser langweiligsten der Inseln ein wenig zu unterhalten.«
»Lieber Herr Stylken«, fiel Herr Kern aufstehend ein, »wir sind jetzt nicht in der Stimmung, Ihre Geschichten zu hören, da wir gerade von wichtigen Geschäften sprechen wollten.«
Der Schulmeister wußte, daß ihm seine Opfer nicht entgehen konnten, denn die Flut war eingetreten und der Deich rings von Wasser umgeben, aber gerade dieser Umstand trug dazu bei, die Flüchtlinge aus den Händen des Autors zu retten.
Hansen war der Weisung gemäß mit dem Boot nach Duhnen gekommen und segelte, als die Flut das Watt fahrbar machte, nach der Insel hinüber. Er lief gerade an den Deich, als Schwarz und Kern daherkamen. Schwarz nahm ihm das Boot ab, ließ ihn am Deich zurück und segelte mit Kern nach der Schaarhörnbake hinaus, wo er das Segel einzog und das Fahrzeug ruhig nach Cuxhaven aufwärts treiben ließ. Der Schulmeister stand am Ufer und sah ihnen trübselig nach. Dann blickte er Hansen forschend an, um zu sehen, ob dieser zum Opfer tauglich sei. Da dies nicht der Fall schien, so trabte er mit seinem Manuskript nach dem Turm zu, um von dort das Boot zu beobachten und seine Rückkehr zu erwarten. Schwarz konnte seinem Schicksal nicht entgehen, denn kein Fremder, der nach Neuwerk verschlagen wurde, war dem Manuskript entronnen.
Sobald das Boot weit genug von der Insel fort war, um einsam auf der Flut zu treiben, überließ es Schwarz dem Strom und setzte sich neben Kern, der in seinen Mitteilungen fortfuhr:
»Der Kauf, den Stubborn mit Ihrem Vater abschloß, war nur ein Scheinkauf, als welcher er vor mir und einem Freund Ihres Vaters abgemacht wurde. Dieser zweite Zeuge war ein bedeutender Advokat und setzte sogleich einige Dokumente auf, die Stubborn unterschreiben mußte und worin er erklärte, daß Geschäft und liegende Güter Eigentum Ihres Vaters und seiner Erben bleiben, er, Stubborn, das Ganze nur während der Zeit der Franzosenherrschaft zu verwalten habe. Der Advokat nahm die Papiere an sich, und Davoust war um die Beute geprellt, nach der er schon die Finger ausstreckte, denn Stubborn stellte sich sehr gut zu den Franzosen, um das ihm Anvertraute zu sichern, wie er sagte.
In dieser Zeit kam Trick plötzlich in das Geschäft. Er war, wie ich bestimmt glaube, ein englischer Spion, der aber ebenso gut den Russen und Franzosen diente. Ich kümmerte mich scheinbar um keine Politik und tat so unschuldig wie möglich, denn ich bemerkte, daß mich Stubborn und Trick scharf beobachteten.
Eines Abends ging ich den Steinweg hinab und fühlte, wie mir jemand im Gedränge an der Fuhlentwiete ein Papier in die Hand steckte. Ich sah einen Jungen verschwinden und schob meine Hand in die Tasche. Zu Hause angekommen, las ich das Billett. Es war vom Advokaten, der mir mitteilte, daß er in voriger Nacht von einem Trupp Franzosen in seiner Wohnung überfallen worden sei, die ihn festgehalten und mit einer Laterne alle seine Papiere durchsucht hätten. Nachdem sie etwa zwei Stunden lang alles umgewandt, aber nicht gefunden, was sie gesucht, seien sie fluchend abgezogen. Er glaube ganz gewiß, daß Stubborn in französischer Uniform dabei gewesen, was er bemerkt, als ein Strahl der Laterne auf den eifrigsten Sucher fiel, der ohne Zweifel nach den Papieren, die er wegen des Scheinkaufes unterschrieben, suchte. Der Advokat war jedoch so klug, in jener Zeit alle wichtigen Papiere außer seinem Hause zu verbergen und bat mich, ihn in einem Keller zu treffen, wo mich der Wirt auf ein Losungswort in eine Gesellschaft ehrlicher Leute führen würde, in der wir alles Weitere besprechen wollten.
Ich verbrannte das Billett und ging hin, worauf ich im hintersten Weinkeller mehrere bekannte Hamburger fand, die bei einem matten Licht ihre Klagen und Hoffnungen austauschten. Der Advokat war unter ihnen und teilte mir mit, daß er sich an mich gewandt, weil es unmöglich, Ihrem Vater unbemerkt beizukommen, denn dieser wäre Tag und Nacht von Spionen umgeben. Ich solle ihn warnen, sich in nichts einzulassen und weder Stubborn noch Trick zu trauen. Diesem gar nicht, denn man wisse zwar, daß er auf englischer Seite stehe, dies könne aber nur Maske sein. Der Mann wäre zu verdächtig. Er bat mich dann, alles anzuwenden, um Ihren Vater zur möglichst schnellen Flucht zu bewegen, denn er fürchte das Schlimmste. Auf alle Fälle zeigte er mir den Ort an, wo die wichtigen Papiere lagen und beschwor mich, Ihrem Hause ein treuer Freund zu sein, es möge kommen wie es wolle.
Ach, es kam leider bald sehr schlimm, denn Trick hatte Ihren Vater bereits in Sachen verwickelt, die sein Unglück wurden. Noch ehe ich ihn warnen konnte, brach es herein, und unser Haus wurde von Soldaten besetzt, die Ihren Vater und Trick festnahmen und beide fortschleppten. Trick entsprang durch den nächsten Hof und entging einigen Kugeln, die man ihm nachsandte, als er längst um die Ecke war. Er verschwand, Ihr armer Vater aber, den man festhielt, wurde in der Nacht erschossen. – Die Leute flüsterten sich zu, daß Stubborn derjenige sei, dem er dies zu verdanken habe, da dieser die Franzosen von seinem Einverständnis mit den Russen in Kenntnis gesetzt habe.«
Ein Geräusch, das die Ruhe unterbrach, ließ die einsamen Schiffer aufblicken. Ein großer Dampfer, der seewärts kam, war in ihrer nächsten Nähe und eine Stimme vom Bord schrie eben »Boot ahoi!« da dieses gerade ins Fahrwasser des Schiffes trieb. Schwarz ergriff ein Ruder und wrickte das Boot etwas beiseite, worauf der Dampfer auf einige Schritte an ihnen vorbeifuhr. Die Mannschaft stand an der Reeling und sah herab. Einem davon entfuhr beim Anblick des Bootes ein lauter Ausruf, er verschwand jedoch hinter dem Radkasten, ehe Schwarz und Kern ihn noch gesehen, und das Schiff dampfte stromauf weiter, worauf sich die Kiel- und Radwellen nach und nach legten und die alte Ruhe eintrat.
Schwarz saß wieder neben Kern auf der Bank und sah sinnend und mit zusammengezogenen Brauen über den Bug in die See hinaus.
»Was wurde aus meiner Mutter?« fragte er finster.
»Hm, die Arme! – Sie starb kurz darauf bei der Geburt Ihres Bruders in Armut, denn alles Geld war mit dem Vater verschwunden. Stubborn wurde Vormund über die Kinder und ließ sie im Hause. Ich blieb als scheinbar gleichgültiger Geschäftsmann im Geschäft und wachte über Sie. Der Advokat war nach Ihres Vaters Unglück aus der Stadt entwichen und schrieb aus England an Stubborn, daß er die Papiere mitgenommen habe, um sie zu sichern. Er werde sie zu passender Zeit an mich gelangen lassen. Dies war ein Grund für Stubborn, mich im Geschäft zu behalten und zu bewachen. Ich besaß die Papiere aber schon längst und hütete sie wie einen Schatz, den ich für Sie heben wollte, sobald die Zeit da war.
Am letzten Mai 1814 zog General Bennigsen endlich in die Stadt ein, und die französischen Raubhorden verschwanden. Die alte Ordnung der Dinge kehrte zurück, und die ausgeplünderten Bürger waren wenigstens ihres Lebens sicher und faßten frischen Mut.
Trick kam mit den Russen zurück und gebärdete sich als Märtyrer. Er trat sofort wieder in das Geschäft ein und machte mehrere Reisen nach England, die, wie ich erfuhr, den Zweck hatten, die Papiere aus dem Nachlaß des dort verstorbenen Advokaten an sich zu bringen. Da sie sich nicht fanden, wurde ich von Stubborn und Trick unausgesetzt beobachtet und sah meine Sachen oft durchsucht. Die beiden Schurken glaubten die Papiere in meinem Besitz und wollten sich ihrer um jeden Preis bemächtigen. So war einige Zeit hingegangen, als es nötig wurde, daß jemand aus dem Geschäft nach Buenos Aires hinüberging. Man trug mir dies auf, und da ich keine Lust dazu zeigte, stellte mir Stubborn die Wahl, entweder zu gehen oder meine Stelle aufzugeben. Was sollte ich tun? Zog ich das letztere vor, so kam ich aus der Verbindung mit Ihrem Hause. Ich ging also und dachte so schnell als möglich zurückzukommen. Noch am letzten Tag trug ich voll großer Sorge die Papiere, die Ihnen den Besitz Ihres Vermögens sicherten, zu meinem alten Freunde, dem Lotsen Nielsen nach Neumühlen. Hier waren sie so sicher aufgehoben, wie es nur irgend möglich sein konnte. Ich machte ihn gar nicht mit dem Wert der Papiere bekannt, sondern besprach mit ihm, daß er sie nur mir oder dem brieflich von mir Bezeichneten aushändigen, sie gut verwahren und gegen niemand davon sprechen solle.
Ich reiste ab und mußte, kaum in Buenos Aires ans Land getreten, sofort ein großes Stück in das Innere eilen, wo mich unser Agent hinschickte, um eine bedeutende Summe einzutreiben. Als ich einige hundert Meilen durch Wälder und Wüsteneien gezogen, kam ich ohne Geld und ganz abgerissen an meinem Bestimmungsorte an und wollte meine Wechsel einkassieren. Man lachte mich aber aus, denn die Firma, an die ich gewiesen war, existierte gar nicht, und ich saß nun von allem entblößt mitten im Lande. Ich schrieb sofort an unsern Agenten und forderte Auskunft und Gelder. Da aber die Postverbindung sehr imaginär war und ich leben mußte, so nahm ich, in Ermangelung jeder andern Beschäftigung, die Stelle eines Aufsehers über die Herden eines Gutsbesitzers an, weshalb ich wieder eine Woche lang ins Land reiste. Ich war nun, kurz gesagt, vom Buchhalter zum Viehhirten avanciert, denn ich erhielt ein Pferd, eine wollene Decke, Büchse, Messer und Sporen und wurde, der sonst nur auf dem Kontorbock gesessen, ein Reiter, der von Sonnenaufgang bis zur Nacht im Sattel saß. In den ersten vierzehn Tagen glaubte ich sterben zu müssen, so schmerzten meine Glieder. Meine Kollegen lachten und hoben mich jeden Morgen in den Sattel und abends wieder heraus. Endlich machte sich aber das Ding, die Schmerzen, die mir das Reiten verursachte, verloren sich und ein Unterleibsleiden, an dem ich früher laborierte, verschwand gleichfalls. In vier Wochen war ich ein ganz anderer Mensch und imstande, Hals über Kopf in die Ochsenherden hineinzusprengen und sie fortzutreiben. Ich wartete von Woche zu Woche auf Briefe, bekam aber keine. So vergingen gegen fünf Monate, bis ich endlich den Entschluß faßte, durchzubrennen und nach Buenos Aires zurückzureiten.
Ich versah mich mit Lebensmitteln und trabte eines Morgens ab. Nachdem ich über vierzehn Tage geritten, kam ich dort an und erfuhr, daß unser Agent schon vor langer Zeit samt allen meinen Sachen verschwunden sei.
Ich schrieb sogleich an Stubborn, wobei ich ihn um Ordre für mein weiteres Handeln und Gelder zur Rückreise bat. Unter der Zeit nahm ich eine Stelle an und erwartete die Antwort. Diese kam denn auch in Gestalt von einigen Gerichtsdienern, die mich eines Tages abholten und nach dem Gerichtshaus führten, wo mir mitgeteilt wurde, daß mich mein Hamburger Prinzipal wegen Unterschlagung bedeutender Summen und Einverständnisses mit dem Agenten verhaften und so lange gefangen halten lasse, bis ich die fehlenden Summen von über 100 000 Mark herbeischaffe. Meine Verteidigung half mir nichts, denn man steckte mich ohne weiteres in ein Gefängnis und kümmerte sich nicht mehr um mich, ich konnte machen was ich wollte. Ich saß hier gegen zwei Jahre fest, bis es mir nebst einigen anderen gelang, zu entkommen und auf einem alten Boot in See zu gehen, wo wir ein Schiff zu treffen suchten. Dies gelang uns sehr bald, aber leider gerieten wir auf einen amerikanischen Walfischfänger, der in die Südsee ging, und hatten die freudige Aussicht, uns etwa zwei Jahre auf See umherzutreiben. Das Leben unter dem Schiffsvolke war mir zuwider und wurde es noch mehr, als wir erst einige Fische fingen und alles nach Tran zu stinken begann, wobei es keinen Platz im Schiffe gab, der nicht von Tran getränkt und beschmiert war. Der Geruch wurde mir unerträglich, und als wir von Hawai Proviant einnahmen, brannte ich eines Nachts durch und verkroch mich auf der Insel, bis das Schiff wieder fort war. Es wurde mir nicht schwer, hier einen Platz zu finden, der mir den Lebensunterhalt sicherte, und ich hoffte ein Hamburger Schiff ankommen zu sehen, das mich mit nach Hause nehmen sollte. Es kam aber keins, und da es bei meinem Verdienst nicht möglich war, mir etwas zu sparen, so saß ich sechs lange Jahre auf dieser entlegenen Insel. Es gelang mir endlich, einen Platz auf einem Schiff zu erhalten, das nach Batavia ging, von wo aus ich eher nach Hamburg zu kommen hoffte, da auf keinen meiner Briefe Antwort eintraf. In Batavia angelangt, entsann ich mich einer Adresse, an die oft Briefe von uns abgingen, deren Inhalt ich nicht kannte. Ich fand den Mann nach vielem Suchen. Es war eine Art Agent, offenbar ein Malaie, und hatte ein unheimliches Wesen, denn er betrachtete mich mit seinen brennenden, kohlschwarzen Augen mißtrauisch, als ich ihm sagte, daß ich Buchhalter bei Stubborn sei, und schien große Lust zu haben, mich mit einem Dolche abzufertigen, der neben ihm auf dem Tisch lag. Er ließ sich auf nichts ein, und ich war auch zu vorsichtig, ihm zu sagen, wie ich augenblicklich mit Stubborn stand. Da ich hier keine Nachrichten von Hamburg erhielt, so wandte ich mich an Landsleute und erkundigte mich zugleich nach den Geschäften des Agenten, die jedoch niemand kannte. Einige zuckten die Achseln, andere gaben mir den Rat, mich von ihm fern zu halten. Ich erhielt geheimnisvolle Andeutungen und Winke, die mir zwar keinen sicheren Aufschluß verschafften, mich aber doch zu dem Glauben brachten, daß Stubborn und Trick die Hände zu furchtbar schuftigen und verbrecherischen Unternehmungen boten und daß ihr Agent in Batavia mit den malaiischen Seeräubern in der Sundastraße in Verbindung stehe. Ich besaß nur keine Gewißheit darüber –«
» Die kann ich euch in vollem Maße geben!« sprach eine Stimme am Stern des Bootes.
Schwarz und Kern fuhren erschrocken in die Höhe und drehten sich nach rückwärts. Schwarz ergriff ein Ruder und hielt es schlagfertig bereit, während er halb entsetzt nach hinten blickte, wo ein wassertriefender Mann, die Arme auf den Rand des Bootes gelegt, hereinsah und ihm grüßend zunickte. Beiden Männern im Fahrzeug lief ein Grauen über die Haut, als sie länger hinschauten und das Gesicht erkannten. Die Haare stiegen ihnen langsam aufwärts und Schwarz fragte, nachdem er sich, wie eine Erklärung suchend, rings umgesehen: »Bist du ein Schatten, den Tiefen des Meeres entstiegen, oder bist du nur ein Phänomen meiner Phantasie? Sehen Sie es?« wandte er sich nach der Erscheinung zeigend an Kern.
»Nielsens Geist!« sprach dieser leise.
»Nielsens Geist?« erwiderte die Erscheinung des Lotsen. »Nielsens Geist? Ja, Gott sei Dank, aber auch sein Leib dazu! Ja, seht mich nur erstaunt an. Es gibt wunderbare Fügungen des Zufalls, oder wie ihr das Ding sonst nennen wollt. Ich war so sicher dem Verderben geweiht wie alles auf den ›Gebrüdern‹. Ich mußte aber lange vorher bei den Südseeinsulanern schwimmen lernen wie ein Fisch, um mich zu retten. Ich muß in der Mündung der Elbe die zwei Leute in einem Boot treffen, die ich am nötigsten brauche und unbemerkt vom Dampfer Abschied nehmen, um ihnen nachzuschwimmen. Dies muß wunderbarer Weise an dem unheilvollen Tag geschehen, an dem Ihr armer Bruder vor einem Jahr den Brief von Stubborns Tochter erhielt, der ihn übers Meer und in den Tod jagte, denn wir haben heute den fünften Mai!«
»Den fünften Mai?« rief Kern zurückfahrend. »Das ist ja der Tag, an dem Davoust vor seinem Abzug Ihren Vater erschießen ließ – oder wo ihn vielmehr der Schuft Stubborn beiseite schaffte.«
»Und seine Tochter setzt das Geschäft fort!« sprach Schwarz in höchstem Grimm.
»Dieser Stubborn samt seinem Trick sind eine Mordbande, die ihre Schiffe versichern und sie dann den malaiischen Seeräubern in die Hände liefern, die sie mit Mann und Maus in den Grund bohren. Ich will jenen aber das Geschäft legen. Damit ihr nun seht, daß ich kein Geist bin, so packt mich mal ein wenig am Kragen und zieht mich an Bord.« Mit diesen Worten und der Beihilfe der Männer kletterte der Lotse in das Boot, wo er sich wie ein Pudel schüttelte und das Wasser aus seinen Kleidern drückte.
Schwarz sah ihn staunend und finster an und fragte endlich: »Sagt mir, wie ist das mit dem Brief, den Ihr an Stubborn geschrieben habt und in dem Ihr ihm unsere Papiere anbietet, wenn Ihr die Kapitänstelle dagegen erhaltet? Ich habe den Brief gesehen.«
»Und haben auch geglaubt, daß Nielsen einen solchen Brief an Stubborn schreibt, he? Und glauben es vielleicht noch? – Dann tun Sie mir leid, und ich danke für Ihr Boot!« sprach der Lotse und wollte mit aller Seelenruhe wieder ins Wasser steigen.
Schwarz packte ihn jedoch und hielt ihn fest, indem er rief: »Nein, nein! Bleibt nur hier, alter Freund. Ich wollte Euch nur mit dem Dasein dieses Briefes bekannt machen und hegte längst schon die Vermutung, daß er gefälscht war. Nach dem, was ich gehört, bin ich fest überzeugt, daß die Mordbande von dem Vorhandensein der Papiere Kenntnis erhielt und Euch fortschaffte, um in ihren Besitz zu gelangen. Was habt Ihr mit den Papieren gemacht?«
»Es war mir unmöglich, sie vor meiner Abreise aus dem Hause zu bringen. Ich hoffe jedoch, daß sie dort noch in ihrem Versteck zu finden sind«, sagte der Lotse.
»Hofft dort nichts mehr zu finden,« sprach Schwarz kopfschüttelnd, »doch erzählt uns, wie Ihr gleich dem fliegenden Holländer daherkommt.«
»Jawohl, wie der fliegende Holländer, denn der Unfall mit Jörs wird mich wieder forttreiben«, sprach Nielsen traurig.
»Ah! Ihr wißt ja nicht, daß Jörs sich ganz wohl befindet, von Stubborn in Euer Haus gesetzt und sich als Euren Erben betrachtet. Seinetwegen braucht Ihr nichts zu fürchten«, tröstete Schwarz.
»Jörs lebt? Und in meinem Haus?« schrie der Lotse voller Erstaunen. »Nun, jetzt wird mir der Plan der Schurken immer klarer. Oh, wie sich die Umstände aneinanderreihen und verbinden, um ein Ganzes zu bilden!«
»Erinnern Sie sich noch, wie wir am Kehrwieder standen und Trick beobachteten, als er aus Laarsens Keller kam und in den Lumpenkeller zum alten Wolf hinunterkroch, wohin ich dann ging, um herauszukriegen, was er dort suche? Oh, hätte ich es doch damals erfahren und nicht erst, als wir hinter dem Kap bei flauer Brise segelten. Hätte ich doch nur eine Ahnung bekommen, daß Trick alle Glasscherben gekauft, die der alte Wolf aufbringen konnte, und daß dieselben Glasscherben als feine böhmische Glaswaren zur Fracht der ›Gebrüder‹ gehörten und für den Grund des Meeres bestimmt waren!«
»Aber das Unheil soll auf euch zurückkommen, ihr mörderischen Bösewichte!« rief der Lotse, mit der Faust nach Hamburg zu drohend. »Es ist teilweise schon über Stubborn selbst gekommen, denn sein Sohn ist mit der betrügerischen Fracht untergegangen!«
»Sein Sohn?« sprach Schwarz erstaunt.
»Er kam an Bord, als wir bei Cuxhaven vor Anker lagen und gab vor, er sei von Stubborn abgeschickt, um mit uns zu segeln und in Singapore zu bleiben. Erst im Atlantischen Ozean gestand er uns, daß er Schulden halber von Hamburg durchgegangen und für seinen Vater und sich zugleich das Geschäft zu Singapore in die Hand nehmen wolle.
Wir hatten von Kapstadt aus stets gutes Wetter und sehr flaue Brise, so daß wir trotz allen Leesegeln nur langsam vorwärts kamen. Da fiel es Ihrem armen Bruder ein, einen von den Flügeln heraufzuholen, die wir für Singapore führten, um ihn in der Kajüte festzustellen und die Langeweile zu vertreiben. Wir machten deshalb die Luke auf und hißten eine Kiste herauf. In der Kajüte schlugen wir Krampen ein und machten Blöcke zurecht, um das Instrument festzulegen und freuten uns alle auf die Musik.
Als wir die Kiste öffneten, schlug Ihr Bruder die Hände über dem Kopf zusammen. Wir Seeleute wußten nicht weshalb, denn wir verstehen nichts von den Klavieren. Ihr Bruder erklärte uns aber, daß das Ding im Kasten ein altes spinnebeiniges Instrument sei, das seine vierzig Jahre auf dem Rücken habe und mit zwanzig Talern zu teuer bezahlt werde, während es ein neuer Konzertflügel für vierhundert Taler sein sollte.
Jedenfalls habe der Lieferant Stubborn damit betrogen und vielleicht noch mehr solche alte Kasten eingepackt. Wir öffneten noch zwei Kisten und fanden darin ebensolche und noch viel schlechtere Klapperkasten.
Es drang sich uns nun die Überzeugung auf, daß der Berliner Lieferant Stubborn betrogen habe und vielleicht nicht mehr zu finden sei, wenn Nachricht über den Betrug nach Hamburg gelange. Mir wollte jedoch dabei der Gedanke nicht aus dem Kopf, daß Trick mit drunterstecken könnte. Eine Ahnung, daß irgend etwas mit unserer Ladung nicht in Ordnung sei, beschlich mich immer stärker, so daß ich endlich, da wir fortwährend gutes Wetter hatten, einige Kisten des Glaszeuges heraufholen und öffnen ließ. Wir fanden Scherben – nichts als Scherben, soviel Kisten wir auch aufschlugen.
Ich sah jetzt deutlich vor mir, was Trick beim alten Wolf im Keller gesucht, und meine Ahnung trat plötzlich als die Gewißheit hervor, daß unser Schiff bestimmt war, den vorigen Schiffen Stubborns zu folgen. Ich beriet mich mit Ihrem Bruder und beschloß, mich in Batavia, wohin wir zuerst beordert waren, nicht an den Agenten, sondern an den Hamburger Konsul zu wenden und ihm den Stand der Dinge zu offenbaren, denn ich vermutete, daß der Agent in Batavia dafür sorgen würde, daß wir auf dem Wege von dort nach Singapore verlorengehen sollten.
Der Wind kam der Ungeduld zu Hilfe, mit der ich nach der Küste von Java blickte. In der Sundastraße fiel er jedoch wieder in die alte, flaue Brise zurück und wir kamen trotz allen Segeln nur langsam vorwärts.
Als wir so zwischen Sumatra und Java segelten, kreuzte ein kleiner Schoner gegen uns an, wie man sie für die Küstenschiffahrt braucht. Das Ding erregte unsere Aufmerksamkeit durch sein vortreffliches Segeln, denn es lief dem Winde geradezu in die Zähne, umkreiste uns wie eine Ente und verschwand dann hinter uns, indem es seine braunen Segel einholte und nur ein Stückchen Tuch zum Treiben hielt. Am Steuer dieses Fahrzeuges stand ein Malaie und auf der Luke saß ein Mann mit einer holländischen Tonpfeife, der, wie ich durch mein Fernrohr sah, unser Schiff mit seinen glühend schwarzen Augen betrachtete und ohne sich umzukehren, dem Mann am Steuer Befehle gab.
Ein alter Matrose, der am Rad stand, rief mir zu: »Kapitän! Sobald das Ding wieder in unseren Weg kommt und gegen den Wind umlegt, will ich ihm auf den Leib rennen und eins versetzen, daß alle Mann, die unten stecken, die Pumpe nicht lenz kriegen!«
»Mach kein Unheil, Jan!« schrie ich. »Der Schoner kann ein Holländer sein, der eine Lustfahrt macht. Er ist ja viel zu klein für einen Piraten.«
»Ich wette darauf, daß der Kerl so einige zwanzig Mann im Raum stecken hat. Wir werden ja sehen,« brummte der Matrose.
Gegen abend war das Fahrzeug ganz verschwunden und meine Befürchtungen verloren sich. Wir segelten ruhig weiter. Nach Mitternacht trieb mich jedoch die Unruhe aus der Kajüte, ich fand auch richtig die Seewache bei der Ankerwinde schlafend, während der Mann am Ruder nicht weit vom Einschlummern war.
Ich gab der Wache einen kleinen Rippenstoß. Zu gleicher Zeit wurde er jedoch durch ein Alarmgeschrei vom Steuer her erweckt, das die ganze Mannschaft auf die Beine brachte.
»Purre! Purre! Purre! Ahoi!« erklang es – ein Notruf, der jeden Seemann aus dem tiefsten Schlaf aufschreckt. Der Ruf wurde kaum gehört, als sich auch schon eine Menge schattenhafter Gestalten von beiden Seiten auf das Verdeck schwangen, während auch von vorn und hinten welche über Bord kletterten. Wir waren von vier kleinen Fahrzeugen angegriffen, die sich lautlos und unsichtbar an uns machten.
Wie es meinen armen Kameraden und den Passagieren erging, weiß ich nicht, denn ich geriet in ein fürchterliches Handgemenge mit den Piraten, die über das Bugspriet hereinkletterten. Ich weiß, wie schnell die Schufte mit ihren Dolchen bei der Hand sind, und da ich gehörige Kräfte besitze, so packte ich jeden, der mir zu nahe kam, an beiden Armen, preßte sie ihm an den Leib und hob ihn in die Luft, worauf ich ihn über Bord schleuderte. Als ich dies mit einem halben Dutzend getan, wichen sie von mir. Einen Augenblick darauf erschien jedoch ein riesenhafter Kerl auf der Back, wo ich mich verteidigte. Er warf seinen Dolch zu Boden, krümmte seine Krallen und wollte sich mit einem Sprung auf mich stürzen. Ich bin aber ein zu guter Ringer, um mich von einem solchen Athleten erst packen zu lassen, weshalb ich angriff und ihn ausheben wollte. Der Schuft war jedoch ein noch besserer Ringer als ich, denn da ich unvorsichtig angriff, so fühlte ich plötzlich seine Arme um meinen Leib geschlungen und wäre in der nächsten Sekunde auf den Rücken geworfen worden, wenn ich nicht für solche Fälle das Gegenmittel kannte. Ich streckte also beide Arme gen Himmel und drehte mich blitzschnell und heftig herum, wodurch ich den Feind auf den Rücken bekam. Indem ich mich nun bückte, flog der Riese notgedrungen über meinen Kopf weg und über Bord, wobei er mich mitriß, denn obgleich er die Arme von mir getan, hielt er sich doch krampfhaft an meinem Hemd fest und wir stürzten beide ins Meer.
Schon in der Luft ließ er mich los, und ich war so glücklich, auf ihn zu fallen und ihn unter Wasser zu drücken. Ich packte nun noch unter Wasser von hinten seine Handgelenke und klammerte mich mit meinen Beinen um die seinigen. So hatte ich ihn in der Gewalt, und da ich so gut tauche wie schwimme, so ersäufte ich den Hund in einer halben Minute, worauf ich erst Luft schöpfte und dann wieder nach meinem Schiff schwimmen wollte.
Dieses war indes samt den daran liegenden Piratenfahrzeugen vorwärts gesegelt. Eine schreckliche Stille lag auf ihm, und ich bemerkte, daß die dunklen Gestalten verschiedenes in ihre Fahrzeuge schafften – wahrscheinlich den Proviant und die Instrumente, denn die Ladung war ihnen jedenfalls nur zu wohl bekannt.
Bei dem ruhigen Wasser war es mir möglich, mich in der Nähe des Schiffes zu halten und es zu erreichen, wenn die Piraten davon abließen, nachdem sie es ausgeplündert. Ich hoffte die Besatzung vielleicht noch am Leben und gebunden in den Kajüten eingesperrt zu finden, obgleich dies bei solchen Überfällen ein seltener Fall ist. Die Fahrzeuge der Seeräuber blieben aber eine ewig lange Zeit an der Seite des Schiffsrumpfes liegen. Endlich stießen sie ab, entfernten sich jedoch nur ein Stück vom Schiff und trieben mit ihm weiter. Sie beobachteten es offenbar, wobei mich die Ahnung erfaßte, daß es angebohrt sei und man sein Sinken abwarte. Stubborns Agent war zu vorsichtig, um das Fahrzeug treiben und vielleicht auffinden zu lassen. Ich bemerkte, wenn mich das Wasser etwas hob, mit Schaudern, daß der Rumpf des Schiffes tiefer und tiefer sank, endlich legte es sich etwas auf die Seite und verschwand dann plötzlich in der Flut.
Ich hätte mit versinken mögen, als ich die letzte Rahe untertauchen sah. Als ich mich allein im Meer sah, berechnete ich die Möglichkeit einer Rettung und zog vor allen Dingen alle Kleider vom Leibe, die mich im Schwimmen hindern konnten. Ich vermochte recht gut die Nacht und einen Tag lang zu schwimmen und konnte mit der Flut in die Nähe der Küste von Java gelangen, wenn mich, was mir jetzt einfiel, die Haifische nicht fraßen. So trieb ich einsam im weiten Meer, bis die Morgendämmerung anbrach, in deren glühendem Licht ich die Berge von Java sah. Sobald die Sonne heraufstieg, erblickte ich zu meinem unendlichen Trost auch noch einige Schiffe, die aus der Straße segelten, wovon eins gerade auf mich zu hielt. Auf Rufweite herangekommen, legte ich beide Hände an den Mund und brüllte »Schiff ahoi!« so laut, wie ich es in meinem Leben nie geschrien habe.
Gott sei Dank, man bemerkte mich, wie ich an den Leuten sah, die in die Wanten liefen, um besser nach mir auszugucken, während der Mann am Steuer das Schiff direkt auf mich zu hielt und man beilegte. Der Kapitän schaute verwundert zu mir herunter und fragte:
»Hallo, Mann! Wo kommt Ihr da her?«
»Den Piraten aus dem Rachen entwischt! Halt, Jungens, laßt das Boot oben, ich komme schon an Bord!« rief ich hinauf.
Man warf mir ein Tau zu, das ich faßte und daran an Bord kletterte.
»Sie erlauben doch?« fragte ich den Kapitän in einem Anflug von guter Laune, die mich überkam, da ich mich gerettet sah.
»O bitte, genieren Sie sich nicht«, sprach der Kapitän lachend, wurde aber sofort wieder ernst, als er mich nackt und bloß stehen und trübselig über das Meer blicken sah.
Ich erzählte, wie wir überfallen wurden und bat, mich an die Küste zu setzen, damit ich zum Hamburger Konsul gelangen und die Sache verfolgen könne. Der Kapitän schüttelte mit dem Kopf und sagte, er sei in Gesellschaft von den drei Schiffen, die wir sahen, von Batavia ausgesegelt, um gegen die Piraten sicher zu sein; meinetwegen könne er nicht zurückbleiben, und ich müsse jetzt mit nach Australien, wohin sein Schiff gehe. Vor allen Dingen solle ich aber hinunterkommen und mich aus seiner Garderobe bekleiden, um dann zu frühstücken.
Es blieb mir nichts anderes übrig, als mit dem Schiff zu segeln. Ich tat deshalb Steuermannsdienste, um nicht ganz umsonst zu leben, und diente auf der englischen Bark, bis ich Gelegenheit fand, ein Schiff nach Europa zu bekommen, was mir nur auf großen Umwegen möglich war.
Heute seht ihr mich nun angelangt. Das Geheimnis der Stubbornschen Geschäfte ist nur unter uns. Was tun wir gegen ihn? Soll ich die ganze Geschichte anzeigen?«
»Laßt uns sofort hinauf und die Schufte in die Hände des Gerichts bringen!« schrie Schwarz ergrimmt.
»Halt!« sprach Kern, »das hilft uns gar nichts. Bleibt mir mit euren Gerichten vom Leibe, denn sobald wir die Sache anzeigen, legt man Beschlag auf Stubborns Vermögen, und hat ein Gericht einmal ein Vermögen in den Händen, dann geht es im Tintenfaß unter. Nein, erst laßt uns die Sache anpacken. Erst muß heraus, was Schwarz gehört. Das ist eigentlich alles, was er in den Händen hat, und wir werden das schwerlich kriegen. Ich denke jedoch, einen guten Teil für Schwarz müssen wir retten. Dann mag Stubborn das Gericht in die Hände nehmen und Trick dazu. Wenn ihr damit einverstanden seid, so ist es aber nötig, daß Nielsen noch so lange verschwunden bleibt, bis wir unsere Geschäfte mit Stubborn abgemacht haben. Was meint ihr dazu?«
»Kern hat recht!« sagte der Lotse. »Ich warte und treibe mich indes auf meinem Ewer herum, der ja doch hoffentlich noch existiert.«
»Er ist sogar diesen Augenblick in Cuxhaven«, bemerkte Schwarz.
»Dann habe ich doch ein Stück Heimat in der Nähe und kann nun unbemerkt beobachten. Ich werde mich versteckt halten, bis ihr mit eurer Abrechnung fertig seid. Dann kommt meine Rechnung, und ich denke, wir machen ihnen ein Exempel, an das sie denken sollen«, erwiderte Nielsen.
»Denken sollen?« sprach Schwarz finster. »Ich hoffe und schwöre hier bei Luft und Meer, daß sie nicht viel Zeit zum Darandenken behalten sollen. Wenn ich es möglich machen kann, sollen sie mit Haut und Haar bezahlen, was sie an uns getan. Ich will sie in Armut und Verderben hetzen und in die Netze jagen, die sie sich selbst durch ihre Schurkerei gestrickt haben. Da wir jedoch mit schlauen Verbrechern zu tun kriegen, so müssen wir vorsichtig sein und alles genau überlegen, was wir unternehmen wollen. Wir brauchen noch Gehilfen, die Stubborn und Trick bewachen. Ich habe schon einige, aber wir müssen mehr haben, um etwas ausführen zu können, wenn das Gericht etwa zu langsam ist. Ich frage nichts danach, ob das Geld, welches wir Stubborn entreißen, für mich verloren ist und in die Taschen unserer Helfer fließt, laßt's ihnen, aber mir laßt meine Rache – vollständige, erbarmungslose Rache für die Gemordeten. Wollt ihr mir dazu helfen?«
»Das wollen wir!« sprachen beide und gaben ihm die Hände.
Die Ebbe war während der Zeit eingetreten und das Boot, das bis über die Kugelbaake aufwärtsgetrieben, schwamm jetzt wieder gen Neuwerk hinab. Die Männer darin besprachen die Maßregeln, die sie nehmen wollten, worauf Kern vollends erzählte, wie er von Batavia nach Nordamerika gekommen, wie er von dort aus vergeblich an Schwarz geschrieben und endlich von Müller erfahren habe, daß er hinübergeschickt worden sei, um ihn beiseite zu schaffen. Wie er dann mit Müller herüber segelte und dieser bei dem Schiffbruch sein Leben verlor.
Das Boot trieb jetzt an die Insel. Auf dem Deich stand der Schulmeister und wartete seiner Opfer. Er trug das Manuskript unter dem Arm, erstaunte aber nicht wenig, als er Nielsen mit seinen nassen Kleidern erblickte und interessierte sich so sehr für dessen Erscheinen, daß er seine Vorlesung ganz vergaß. Noch größer war jedoch das Erstaunen und die Verwunderung des Schiffers, als dieser seinen Herrn so plötzlich wiedersah. Er war im ersten Augenblick, gleich Schwarz und Kern, geneigt, ihn für einen Geist zu halten und wollte vor Schreck davonlaufen, bis ihm Nielsen seine Ankunft erklärte. Er konnte sich selbst noch nicht beruhigen, als die ganze Gesellschaft mit nächster Flut nach dem Ewer fuhr, um mit diesem aufwärts zu gehen. Sein Herr kam ihm vor wie der fliegende Holländer.