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Der Kampf um den »Seehund«
Wenn sich große und kleine Schiffe schon seit langer Zeit lustig auf dem Wasser herumtummelten, so fehlte der »Seehund« gewiß nicht unter ihnen. Dieses vortreffliche Fahrzeug war von seinem Kapitän in den ersten schönen Frühlingstagen flottgemacht und aus seiner Gefangenschaft auf der Werft befreit worden, wo es den Winter trocken gestanden und die Zeit in Gesellschaft einiger Boote verträumt hatte.
Sobald Schnee und Eis verschwanden, erschien Meister Wöllers mit Krischaan, der verschiedene Schrupper, Lappen und einen Eimer trug. Der »Seehund« erhielt nun eine Generalwäsche, nach der sich der Meister als Künstler zeigte, indem er Pinsel und Farbe zur Hand nahm und das Fahrzeug anmalte. Außen schön schwarz und innen strohgelb; das Deck grau und das Kajütendach weiß, damit die Sonnenstrahlen abprallen konnten und die Hitze unten nicht zu groß würde. Da Takel-Jan so rücksichtsvoll war, die Wanten und das Stag im Winter nicht zu holen, sondern lieber auf das laufende Tauwerk wartete, das er im Sommer bequemer herausziehen konnte, so wurde die stehende Takelage von einer kundigen Hand hübsch steif gemacht, und Krischaan strich sie mit Teer an, wodurch der »Seehund« ein stattliches Aussehen bekam und um zehn Jahre jünger aussah, wie Wöllers bemerkte, als er ihn von weitem mit schief geneigtem Kopfe betrachtete.
Da der Meister samt Krischaan nun ganze Tage auf dem Wasser zubrachte, um den Kutter aufzutakeln und »seefähig« zu machen, worauf Segelstudien mit dem alten Steuermann folgten, so begann der Meisterin die Galle allgemach überzulaufen. Daß ihr Mann samt dem Lehrjungen unter jene unverbesserlichen Subjekte gehörte, von denen sowohl laute Ermahnungen wie stille Verachtungen spurlos abglitten, die nur durch peremtorische Maßregeln in das ruhige Gleis eines bürgerlichen Daseins gelenkt werden konnten, davon war Madame Wöllers bereits überzeugt und schwankte nur noch zwischen dem Entschluß, ob sie ein entschiedenes Auftreten allein oder mit Hilfe ihrer Verwandtschaft ausführen solle.
Indem sie alle Mittel erwog, die den pflichtvergessenen Gatten wieder in ihre Hände bringen konnten, fiel ihr ein, daß es am besten sein würde, das Übel an der Wurzel anzugreifen, und diese Wurzel war in ihren Augen kein anderer als Schünnemann, der unglückliche Gevatter Schünnemann, der Sündenbock des »Seehundes«.
Der arme Gevatter befand sich nach jeder Partie des Meisters auf einer steten Flucht vor dessen Frau, während ihn Wöllers unablässig quälte, mit auf das Wasser zu kommen. Der »Seehund« verbitterte ihm auf diese Weise das Leben so, daß er daran dachte, das Ungetüm des Nachts einmal in die Luft zu sprengen oder anzuzünden, um nur der Sache ein Ende zu machen.
An einem Sonnabend erklärte ihm Wöllers, er müsse morgen mit nach den Vierlanden segeln, und wenn er mit Gewalt an Bord geschleppt werden solle. Der arme Schünnemann riß deshalb schon vor Tage aus und verkroch sich in einer Wirtschaft am Köhlbrand, wo Küche und Keller verschiedene gute Sachen zu liefern imstande waren und er sich vor der Wöllersschen Familie sicher glaubte. Er saß hier in behaglicher Ruhe mitten im Grünen und genoß eben ein zartes junges Huhn mit noch zarterem Spargel, wobei er über die Elbe nach Altona und noch weiter hinabblickte, als ihm der Bissen im Munde steckenblieb, denn lag dort nicht am Strande der verwünschte »Seehund«? Und kam nicht eben Wöllers mit Krischaan lachend heraus und setzte sich zum Gevatter, wobei er schwur, Schünnemann müsse mit dem »Seehund« zurück.
Es sollte aber noch schlimmer kommen, denn als er sich kaum erholt und mit dem Meister eine Flasche Rotwein gemütlich vertilgte, stand plötzlich, wie aus dem Boden gewachsen, Madame Wöllers vor beiden, stemmte die Arme in die Seite und war so entrüstet über den wortbrüchigen Gevatter, daß sie ihren Gefühlen vor der Hand nur durch ein unheilvolles Kopfschütteln Ausdruck gab, während ihre Augen Krischaan suchten, um das Fluidum ihres Zornes auf ihn zu entladen. Krischaan war jedoch verschwunden und machte unten im Kutter alles zur augenblicklichen Abfahrt klar, im Falle eine solche gewünscht würde.
Als die Meisterin endlich Worte fand, schlug sich der schändliche Wöllers rücklings in die Büsche und überließ den unschuldigen Schünnemann seinem Schicksal. Er behielt indes doch noch so viel Mitleid für ihn übrig, daß er einem Kellner den Auftrag gab, seiner Frau die Botschaft zu bringen, es warteten einige Damen im Haus, die eben angekommen wären und sie zu sprechen wünschten. Es sei wichtig, mußte der Lügenbote hinzusetzen, worauf Madame Wöllers, in der Hoffnung, noch mehr Indizien gegen die Herumtreiber zu sammeln, nach dem Hause ging, welchen Augenblick Schünnemann zum Bezahlen und Entwischen auf den Kutter benutzte, der seine Segel aufzog und hinterlistig das Weite suchte, was die Meisterin für die Krone aller Schändlichkeit erklärte, die jemals von Störtebeker oder irgendwem auf der Elbe ausgeübt worden.
Schünnemann ging diesen Abend mit Bangen vor den kommenden Tagen zu Bett und erschrak nicht wenig, als am nächsten Morgen gegen elf Uhr an seine Tür gepocht wurde, in der Meister Wöllers erschien, der beide Arme voll Pakete hatte, während Krischaan hinter ihm herkam und zwei Seegrasmatratzen schleppte, wie sie die Auswanderer mitzunehmen pflegen. Zuletzt kam noch ein Mann, der mit wollenen Decken und Blechzeug beladen war, so daß Schünnemann die Augen verwundert über diesen Aufzug aufriß.
»Morgen, mien Jung«, sagte Wöllers, indem er alles niederlegte. »So, nun geht und holt das andere. Du, Krischaan, besonders den Kompaß und was dazu gehört und Ihr das beim Krämer und den Wein. Marsch! Vergeßt das Heu nicht!« rief er den beiden noch auf die Treppe nach, worauf er sich an den Gevatter wandte.
»Heu?« fragte dieser erstaunt. »Ja, Wöllers, was ficht dich an? Hast du nun etwa zu dem verdammten Kutter gar ein Pferd gekauft?«
»Hest du 'n Knall?« sagte Wöllers lachend. »Nee, mien Jung, du sast di wunnern! Ick bün mal as Mann opstahn, un hev mien Ollsch bewiest, dat ick Herr in't Hus bin!«
»Swerenot noch mal! Wo is denn dat togahn?« entgegnete Schünnemann verwundert.
»Gestern abend,« fuhr Wöllers fort, »als wir nach Hause kamen, hatte meine Alte noch Licht. Ick dachte mir nichts Gutes, und ließ den Krischaan vorweggehn, damit der das erste Donnerwetter kriegen sollt. Es schlug aber gleich ein, denn meine Ollsch hatte den armen Kerl kaum gesehen, als sie schrie: Warte, du Strömer, ick will dich lehren, Elbbuttje spielen, und damit fuhr sie ihm in die Haare und ohrfeigte ihn wie 'ne Dampfmaschine. Na, der arme Kerl is immer als Blitzableiter for mich gewesen. Aber meine Ollsch machte es doch zu arg, so daß ich ihr den Krischaan aus der Hand riß und dabei wie ein Löwe schrie: Nu is't all goot! Ruhe! Watt! brüllte mien Ollsch, du wullt ook noch reden? Du olle Schutenföhrer! Du Fletenkieker, du Waterbuttje! So ging es ein halb Stündchen fort, bis sie mir endlich sogar verbieten wollte, jemals wieder auf die Elbe zu gehen. Da trat ich aber auf, sagte zu ihr: Datt geiht di gar nix an! schmiß die Tür zu, daß es krachte, und ging zu Bett!«
»Dunnerslag«, sagte Schünnemann lachend. »Ick dach, du harrst ehr wenigstens den Hals umdreiht!«
»Dat deiht keen nobeln Mann«, entgegnete Wöllers mit Würde. »Ick will se wohl kriegen, pass' man op. Also hüüt morgen, Klock soß bi'n Kaffee, güng de Dübel wedder los. Junge, da gung mi aber de Geduld ut, ick hau mit de Fuust oppn Disch, dat de Kaffeetassen rümflogen un sä: Teuf! nu sast du sehn, dat ick Herr in'n Huus bün. Dann zog ich mich an, steckte fünfhundert Taler ein und will nu vier Wochen gar nich nach Haus kommen! Dunner! Ich denke, die Ollsch soll dann wohl merken, wer was zu befehlen hat und mürbe werden.«
Schünnemann schaute verwundert drein, denn obgleich er den Entschluß des Meisters bewunderte, so wollte es ihm doch mit der Herrschaft im Hause kurios vorkommen. Er fragte Wöllers, ob er sich bei ihm einquartieren wolle. Dieser schüttelte jedoch mit dem Kopf und gab die Absicht kund, auf dem Kutter zu bleiben und ein recht lustiges Junggesellenleben zu führen. Er erwartete jeden Augenblick sein kleines Boot. Nach einer halben Stunde erschien Krischaan damit, während ein Mann einen ganzen Viktualienkeller schleppte und zwei Hausknechte unter der Last eines ungeheuren Flaschenkorbes ächzten. Es ward gleich alles ins Boot geschafft und nach dem Kutter gebracht, wo es in die Vorratsschränke, die Flaschen zwischen Heu verpackt und Krischaan als Wächter dazu gesetzt wurde. Wöllers wollte sogleich einen Einzugsschmaus feiern. Schünnemann war jedoch durchaus nicht dazu zu bringen, den Fuß auf den Kutter zu setzen. Er blieb am Lande. Der Meister war viel zu sehr mit seiner Ausrüstung beschäftigt, um lange in ihn zu dringen. Er fuhr deshalb nebst dem Manne mit seinem Boote nach Altona, von wo er bald mit verschiedenem Tauwerk und dergleichen zurückkehrte, den Kutter losband, Schünnemann zum Abschied winkte und langsam mit dem Strom hinuntertrieb, um bei der Werft von Marbs anzulegen, wo der »Seehund« repariert werden und eine Ankerwinde erhalten sollte, denn Meister Wöllers hatte verwegene Pläne im Kopfe. Es mußten sogleich alle Mann anfassen. Die Miniaturankerwinde war bis zum Abend hergestellt. Der Kutter, mit dem Hochwasser auf den Strand gezogen, stand bei der Ebbe trocken, wurde untersucht und gut befunden, sodaß er mit der nächsten Flut fertig war, mit Hilfe zweier Sachkundiger hinausgeschafft wurde und gegenüber Altona zwischen den Torfewern vor Anker ging. Meister Wöllers hatte den ganzen Tag hundert verschiedene Gegenstände herbeigeschleppt, die er für nötig hielt, um sich das Leben auf dem Wasser angenehm zu machen. Er lag nun auf dem Bauch an Deck, während er aus einer langen Tonpfeife rauchte und seelenvergnügt in den schönen Abend und auf den belebten Strom hinaussah, worin sich die untergehende Sonne spiegelte. In der Kajüte rumorte Krischaan und braute ein Abendessen und einen Punsch zusammen, wobei ihm die Studien auf den früheren Fahrten zustatten kamen. Nachdem man gespeist hatte, machte man das Lager zurecht und begab sich zur Ruhe, um die erste Nacht auf dem Wasser zu verbringen.
Madame Wöllers war aber über das Ausbleiben des Meisters und Lehrjungen bis zum Abend sehr erbost und hatte eine Schwägerin und zwei Tanten, die bei solchen Gelegenheiten stets als Hilfstruppen erschienen und Wöllers in die Flanke fielen, zum Tee eingeladen, um einen Hauptangriff auf ihn zu machen. Es war ein Glück für den Meister, daß er nebst Krischaan schon längst sanft auf dem Wasser schlummerte, als man noch Kriegsrat wegen des Angriffs bei seinem Erscheinen hielt. Wäre es dem Meister schlecht gegangen, so wäre Krischaan wenigstens geschunden worden, denn er hatte stets einen Eifer gezeigt, wenn es an eine Wasserpartie ging, der ihm von der Meisterin nicht vergessen wurde. Der Kriegsrat saß bis zwölf Uhr beim Tee und mußte endlich, da kein Feind ankam, auseinandergehen, was noch bei weitem schlimmer war, als ein ungünstiges Gefecht. Madame Wöllers wartete noch ein Weilchen, um wenigstens einige Chargen mit der Elle auf Krischaan zu machen. Sie mußte jedoch zu ihrem größten Verdruß ohne Kampf ins Bett gehen, wo sie noch eine Weile wie ein Käse mit offenen Augen lag und dann einschlief, indem sie murmelte: »Na, warte nur! Morgen früh!«
Die Elbe lag indes im silberhellen Mondschein da, und nur an den Bügen der Schiffe und den Ankerketten rauschte das Wasser leise, sonst war alles mäuschenstill. Wöllers wachte von Zeit zu Zeit auf, da ihn die Neuheit seines Schlafzimmers und der Lage nicht fest schlafen ließ. Er hörte dann das leise Gurgeln und Plätschern des Wassers, das ihn wie ein Wiegenlied wieder einsang. Eben im Begriff, sich so einschläfern zu lassen, hörte oder empfand er vielmehr einen leichten Stoß, den das Fahrzeug empfing, worauf es klang, als würde ein Tau angebunden. Wöllers war sofort auf den Beinen, schlich auf den Strümpfen vorsichtig nach der Luke, und steckte langsam den Kopf hinaus, worauf er sich plötzlich einem anderen Kopf, Nase an Nase, gegenüber befand; einem struppigen, rotnasigen, bartstacheligen Kopf, der luchsartig hereinschaute. »Holla!« brüllte Wöllers, halb erschrocken, den Strolch an, so daß dieser beinahe gleichfalls vor Schreck aus seinem Boote gefallen wäre. »Holla! Wat deist du hier? Wollt Ihr etwa wieder Wache halten? Ihr Störtebeker! Ihr Seeräuber! Ihr!!« Diese letzten Titel schrie er dem Strolch nach, der blitzschnell sein Boot losgemacht hatte und mit dem Strome bald zwischen den Schiffen verschwand, ohne nur einen Laut von sich zu geben.
»Wat givvt dat dor vorn Spektakel?« fragte eine starke Stimme von der anderen Seite, und Wöllers erblickte drei Männer, die in einem Boote herankamen.
»Wer seid ihr?« fragte er mißtrauisch.
»Hafenrunde!« war die Antwort, die dem Meister sehr gelegen kam. Er erklärte den Beamten, was für ein Subjekt ihm einen Besuch zugedacht hatte und gab eine genaue Beschreibung des Kopfes, worauf der am Steuer Sitzende lachend sagte: »Das war Takel-Jan, den wir eben suchen, weil er um diese Zeit immer die lüttjen Schiffe und Ewers abtakelt, um das Takelwerk beim Lumpenhändler zu verkaufen und so in Rum zu verwandeln. Wo is er denn hin?«
Wöllers gab ihnen die Richtung an, worauf das Boot durch die Nacht dahinschoß und verschwand.
Schünnemann wunderte sich nicht wenig, als jemand zu früher Morgenstunde an seiner Tür zu hämmern begann. Er sprang aus dem Bett und war nicht wenig erschrocken, als er die Meisterin erblickte. Da er keinen Schlafrock anhatte, so retirierte er, ohne ein Wort zu sagen, in sein Schlafzimmer. Die Meisterin, die glaubte, er wolle Wöllers warnen oder verstecken, lief ihm nach, wobei sie schrie: »Teuf! du Spitzbube, ick will dich woll kriegen!« wobei sie in und unter das Bett, in den Kleiderschrank und alle Ecken guckte und alles umstöberte, worunter sich möglicherweise jemand verstecken konnte. Schünnemann war erst geneigt, sie für wahnsinnig zu halten, und hatte große Lust davonzulaufen und sie einzuschließen, bis er endlich auf die Idee kam, daß sie ihren Mann suchen könnte. »Wo ist er?« fuhr ihn die Meisterin an, nachdem sie alles durchsucht hatte. »Geben Sie ihn heraus, oder es geht nicht gut!« Schünnemann beteuerte, daß er ihn seit gestern nicht gesehen habe, verriet jedoch durch sein schnelles Eingehen auf ihre Frage, daß er von ihm wisse, und ward dabei von der Meisterin festgehalten, die ein strenges Examen anstellte und dem Gevatter das Geständnis der Wahrheit Zoll für Zoll herauspreßte.
Als sie das Geheimnis der Reederschaft erfuhr, schlug sie die Hände über dem Kopfe zusammen und erklärte sich für das unglücklichste Weib auf Gottes Erdboden und ihren Mann für das Tollhaus vollständig reif. Hierauf wollte sie wissen, wo er mit dem Kutter steckte, und als ihr dies Schünnemann nicht sagen konnte oder wollte, verschwor sie sich, ihn aufzufinden und wenn sie von Hamburg bis Cuxhaven die Elbe absuchen sollte. Da Madame Wöllers eine resolute Frau war, so machte sie sich sofort ans Werk.
Als sie Schünnemann verließ, trat sie in den Bogen und blickte über das Wasser nach dem »Seehund« umher. In der Nähe befand sich jedoch nichts, und in die Ferne konnte sie der großen Schiffe wegen nicht blicken. Als sie so vergeblich suchte, stieg neben ihr ein alter Bootsmann, mit einer Flasche in der Hand und einer, offenbar aus dieser gefärbten, sehr roten Nase im Gesicht, in ein altes Boot und nahm dann seinen Morgenschluck, etwa ein halbes Liter, ein. Die Meisterin sah dies und fragte ihn, ob er ihr vielleicht über ein Fahrzeug Auskunft geben könnte, wofür er die Flasche wieder gefüllt erhalten sollte. Takel-Jan, denn dieser war es, konnte allerdings beinahe über alle Fahrzeuge berichten, die auf der Elbe lagen, denn er spekulierte den ganzen Tag herum, wo er des Nachts etwas holen könnte, und ließ kein Fahrzeug, weder groß noch klein, aus den Augen. Als daher Madame Wöllers nach dem »Seehund« fragte, stutzte er und machte unmerklich sein Boot los, damit er gleich ausreißen konnte, wenn es nötig sein sollte. Er tat, als hätte er die Meisterin nie gesehen und besinne sich auf ein solches Fahrzeug, wobei er murmelte: »Seehund? Seehund? Ach ja, ein lüttjer Kutter oder so was?« sagte er, als fiele es ihm plötzlich ein. »Und weshalb fragen Madame danach?« forschte er weiter. Die Meisterin kannte ihn nicht. Sie gab ihm zu verstehen, daß es bei ihrem Manne nicht ganz richtig im Kopfe sei und er sich gestern der Aufsicht der Familie entzogen, und wie sie wisse, auf dem Kutter verkrochen habe, um dort »Kapitän« zu spielen. Sie fürchte jedoch, er könne mit dem Schiff ein Unheil anrichten und am Ende ins Wasser fallen und ertrinken. Da sie nun die Polizei nicht gern zu Hilfe rufen wolle, weil er beim Anblick eines Polizeidieners zu rasen anfange, so möchte sie seiner auf dem Privatwege habhaft zu werden suchen. Nach dieser Eröffnung fragte die Meisterin den Bootsmann, ob er gegen ein Honorar von zehn Mark wohl imstande wäre, ein paar gute Freunde zu besorgen und mit diesen ihren Mann mit Güte oder Gewalt vom Kutter weg und an den Strand zu schaffen, wo sie mit einer Droschke warten wolle.
Takel-Jan fand dies Unternehmen ganz nach seinem Geschmack und glaubte ein paar Freunde zu finden; nur wollte er wissen, was mit dem »Seehund« geschehen sollte, der doch nicht ohne »Aufsicht« bleiben könne. Als ihn die Meisterin bat, diese Aufsicht gegen eine billige Entschädigung zu übernehmen und seine Bedingungen zu wissen verlangte, rieb er sich schmunzelnd die Hände und war bereit, sich des Kutters um den billigen Preis von täglich zwölf Schillingen anzunehmen, »wenn ihm Madame die Lebensmittel überlassen wolle, die sich an Bord befänden«. Die Meisterin, die keine Idee von dem Viktualien- und Weinlager hatte, das im Bauche des »Seehunds« steckte, während dem alten Spitzbuben keine Flasche und kein Bissen, die an Bord geschafft wurden, entgangen waren, als er zwischen den Schiffen versteckt auf die Takelage des Kutters spekulierte, gab dies gern zu, und da Takel-Jan in seinem Leben kein besseres Geschäft in Aussicht gehabt hatte, so konnte er es kaum erwarten, den Kutter in seine Gewalt zu bekommen, den er in einen abgelegenen Elbarm bei Steinwärder oder Wilhelmsburg zwischen das Schilf oder die Weiden zu schaffen und da ein stilles und beschauliches Leben zu führen dachte, so lange die Vorräte reichen würden. Er bat deshalb die Meisterin, so schnell wie möglich eine Droschke nach dem Pferdeborn zu bringen, wo er sie mit den Freunden erwarten wolle.
Während die Meisterin dies tat, ruderte er nach der alten Werft, wo stets eine Versammlung von teerhosigen, tabakkauenden Buttjes zu finden war, die immer auf irgend etwas, zu Lande oder zu Wasser Kommendes, lauerten, was sich in Rum oder Kümmel verwandeln ließ. Takel-Jan legte dort an und blickte unter der Gesellschaft umher. Dann nahm er seine Flasche zur Hand und zeigte mit dem Stöpsel nach der Elbe, worauf zwei recht hoffnungsvolle junge Männer, mit alten Glanzledermützen auf dem Haupte, aber keineswegs solchen Schuhen an den Füßen, langsam herabkamen und sich zu ihm ins Boot setzten. Da er ihnen die Flasche anbot, so merkten sie sofort, daß etwas Fettes im Winde sein mußte, denn Takel-Jan ging sonst nicht gastfrei mit diesem Geschirr um. »Wat is los, Jan?« fragte einer, dessen Segeltuchhosen nach oben zu ins Kastanienbraune spielten, weil dort verschiedene Teerlasuren übereinander lagen. »Is't en Ked?« »Nee,« lachte Jan, »dat is 'n verrückten Snieder, an den köhnt Ji fiev Mark in tein Minuten verdeenen!« »Wat Dübel! En Snieder? un wonehm?« »Wi söhlt em von Boord holen, von den lüttjen Kutter, de buten bi de Ewers liggt, un em an Land setten, dat is allns!« »Hest du de fiev Mark all?« fragte der andere Freund. »Sien Fro betahlt gliek in vorrut«, erwiderte er, »wöhlt Ji?« Natürlich wollten sie, und nachdem sie noch ein paar Bootshaken geholt, machte sich das Kleeblatt davon.
Am Pferdeborn hielt eine Droschke, in der Madame Wöllers eben angekommen war. Takel-Jan ging hinauf und half ihr höchst galant heraus, wobei er ihr leise mitteilte, daß er zwei zuverlässige Freunde mitgebracht habe, daß aber bei solchen Geschäften Pränumerando-Zahlung Brauch sei. Die Meisterin befahl dem Kutscher zu warten und gab Jan vier blanke preußische Taler, die er grinsend einsteckte, um sie gleich darauf mit den Freunden zu teilen. Madame wurde eingeschifft und das Boot von einem Buttje nach dem »Seehund« gerudert, während Jan und der andere mit Bootshaken bereit standen, um zu entern. In diesem Augenblick erschien der Meister, von Krischaan geweckt, auf dem Deck. »Dor is hee!« schrie die Meisterin, »halt't ihn fest, Jungens, und ins Boot mit ihm!« Wöllers sah mit Erstaunen auf die Gesellschaft im Boot. Als er jedoch bemerkte, daß man entern und die Meisterin sich seiner bemächtigen wollte, lief ihm die Galle über, und er drohte, jeden niederzuschlagen, der die Hand an den »Seehund« legen würde. Die Bootsleute lachten und meinten: »Wi ward doch 'n Snieder fangen können«, während die Meisterin schrie: »Hee is püttjerig! he hett 'n Knall. Drauf, Jungens!«
Als nun Jan und sein Freund das Boot an den Kutter hakten und der Dritte, von der Meisterin angefeuert, an Bord klettern wollte, um Wöllers zu fassen, ergriff dieser die Handspake, die zum Ankerspill gehörte, und schlug ihn damit so nachdrücklich und mit solchem guten Willen vor den Kopf, daß er ins Boot zurücktaumelte und auf der andern Seite über Bord fiel, wobei ihn die Meisterin begleitete, da er gegen sie antaumelte. Krischaan war im selben Augenblick mit dem Teekessel auf Deck erschienen und goß das heiße Wasser dem Jan so plötzlich über die Hände, daß dieser brüllend den Haken fahren ließ. Da der andere Freund nach den beiden über Bord Gegangenen faßte, so trieb das Boot mit dem Strome fort und der Angriff war für diesen Augenblick abgeschlagen.
Während Jan den im Wasser liegenden bewußtlosen Buttje beim Rockkragen festhielt, hatte der andere vollauf mit der Meisterin zu tun, die ihn beinahe über Bord zog. Endlich gelang es ihm, sie nach dem Hinterteil zu bringen, wo er ihr die Arme über den Stern zog, daß sie vorläufig in einer Stellung am Boot hing und in dieses sah, als ob sie zu einem Fenster herausschaute. Der Bootsmann ließ sie so und sprang Jan zu Hilfe, der sich abmühte, den duseligen Kameraden in das Boot zu ziehen. Als dieser geborgen war, wandte man sich wieder zur Meisterin, die noch immer über den Stern hereinschaute.
Madame Wöllers wog ohne jede kostümelle Zutat ihre zweihundert Pfund und war nun, mit der Garderobe wie ein Schwamm voll Wasser gesogen, so schwer, daß alle Bemühungen, sie in das Fahrzeug zu bringen, scheiterten. Jan legte ihr deshalb ein Tau um die Taille und band dies am Achterstevenring fest, worauf man dem Lande zu ruderte, und zwar zum allgemeinen Jubel der sämtlichen Seeleute. Sobald die Meisterin Grund fühlte, ließ sie sich losbinden und watete an das Ufer, wo sie dem Strome wie eine sehr korpulente Flußgöttin oder wie Venus dem Meere entstieg und in die Droschke kletterte, um nach Hause zu fahren. Takel-Jan und sein Freund führten den verwundeten Kameraden in ein benachbartes Wirtshaus, wo sie ihm den Kopf mit Branntwein wuschen und ihn dann inwendig damit behandelten, bis er wieder ziemlich hergestellt war, worauf der Branntwein nicht mehr als Arznei, sondern als Erfrischungsmittel angewandt wurde. Dabei besprach man den mißlungenen Feldzug und faßte den Beschluß, der Madame Wöllers eine Extra-Kriegskostenrechnung zu machen und die Feindseligkeiten gegen den Kutter fortzusetzen.
Der plötzliche Überfall, den der »Seehund« erfahren hatte, machte unter der Ewerflotte kein geringes Aufsehen. Wöllers erklärte seinen Nachbarn die Umstände und wer Takel-Jan sei, worauf sich jeder eines verschwundenen Taues oder dergleichen erinnerte, so daß es für Jan jetzt nicht ratsam gewesen wäre, sich hier blicken zu lassen.