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Meinungsverschiedenheiten
Dicht neben Laarsens Keller an den Kajen saß Schwarz auf einem Haufen alter Ketten; er war so in der Betrachtung des Hafens und seines starken Verkehrs versunken, daß er die Ankunft eines dicken, behäbigen Mannes nicht bemerkte, der auf ihn losschritt und ihm plötzlich auf die Achsel schlug.
Der so Berührte fuhr herum und starrte den Mann eine Weile an, worauf er kurz fragte: »Was gibt's?«
»Geben wird es nicht viel«, sagte der andere lächelnd und ein Papier unter mehreren anderen heraussuchend. »Aber genommen ist was. Da ist das Verzeichnis, das ich bei allen Händlern herumtragen muß. Wenn Euch also einer vorkommt, der einen eisernen Geldkasten mit Gold und englischen Banknoten zum Verkauf bringt, so haltet ihn nur so lange fest, bis Ihr mich geholt habt. Es gibt zweitausend Mark Belohnung.«
Über das Gesicht des jungen Mannes fuhr ein trübes Lächeln. »Wird schwerlich bei uns angeboten werden. Kaufen weder Gold noch Geldschränke, nur Lumpen, Lumpen!« murmelte er.
»Denke auch so,« lachte der andere, »bin deshalb auch zuletzt hierhergekommen, denn ich laufe schon seit neun Uhr früh umher. Denke jedoch, daß keiner den Schrank gleich losschlägt. Wiegt schwer und hat fünfzigtausend Mark im Magen. Möchte nur wissen, wie sie ihn fortgebracht haben.«
»Fünfzigtausend Mark?« schrie der junge Mann aufspringend. »Nettes Geschäftchen, Herr Stork! Bei Gott, famoses Geschäftchen! Und mit wem haben denn die Spitzbuben das gemacht?«
»Mit wem?« sagte Herr Stork, den jungen Mann eigentümlich anblickend. »Mit wem? Hm, wird Sie interessieren, Herr Schwarz! – Mit Stubborn und Kompagnie!«
»Mit Stubborn?« schrie Schwarz, indem er aufsprang und den Polizeibeamten mit einem Gesicht anblickte, das diesen zurückfahren machte. »Mit Stubborn? Ha, ha, ha! Ausgezeichnet!« und hier lachte er so laut, daß einige Vorübergehende sich verwundert nach ihm umdrehten.
»Dachte mir wohl, daß es Sie interessieren würde«, murmelte der Beamte. »Haben ihn noch auf dem Strich, weil er Sie damals des Diebstahls beschuldigte und Sie so aus dem Engrosgeschäft in den Lumpenhandel trieb. Wurde zu Weihnachten schon einmal total ausgeraubt und jetzt wieder total. Sonderbar, höchst sonderbar.«
»Habe ihn noch auf dem Strich!« sagte Schwarz, indem seine Augen wie Kohlen glühten und das grimmige Lächeln wieder sein Gesicht überzog. »Haha! Werde ihn auf dem Strich behalten, bis ich ihn am Bettelstab sehe und seine Tochter am –«
Das letzte Wort zischte der junge Mann zwischen den zusammengebissenen Zähnen auf eine unverständliche Art hervor, die selbst dem Polizisten ein kleines Grauen beibrachte. Dieser langte, um ihn zu beruhigen, seine Schnupftabaksdose hervor und bot ihm eine Prise an, indem er dabei murmelte: »Na, na, wissen ja alle, daß Sie unschuldig waren. Die Herren Kaufleute nehmen freilich keine Rücksicht darauf. Bedaure Sie, daß Sie als Klerk hier beim alten Wolf stecken. Stehen aber bei uns deshalb in großer Achtung. Ist besser als 'rumbummeln«, schloß er, indem er ihm mit einer Protektionsmiene auf die Schulter klopfte und seiner Wege ging.
Schwarz setzte sich wieder auf die Ketten und sah nach dem Wasser hinaus, wobei das grimmige Lächeln von Zeit zu Zeit wie ein Wetterleuchten auf seinem Gesicht erschien.
Als Herr Stork um die Ecke war, kam ein Schiffsmann daher, der hinter einem Kran stehend mehrmals nach Schwarz blickte, als er mit dem Beamten sprach. Es war Hansen, der fragte, ob er morgen hinunter wollte.
»Ich segle morgen mit dir hinunter, denn ich bin jetzt hier ziemlich im klaren. Leg indes nur immer nach St. Pauli hinaus, ich komme dort an Bord. Denke dir, Stubborn ist schon wieder bestohlen worden. Ich glaube, der Schuft bestiehlt sich selbst. Nun, wir werden ja bald hinter seine Schliche kommen. Hier sind zwei Taler, besorge Proviant dafür.«
»Goddamn«, schrie hohnlachend eine Stimme hinter beiden. »Goddamn! Seht mal, was Schwarz jetzt für großartige Geschäfte macht!«
»Un mit wat for fine Kerrels!« bemerkte eine andere höhnisch.
Ein Gelächter folgte hierauf, und der Klerk war nebst dem Schiffer von einigen jungen Leuten umgeben, die ihrer Garderobe nach zu der Elite des Handelsstandes gehörten.
Das Gesicht des jungen Mannes nahm ein unheildrohendes Aussehen an, und der Schiffer suchte sich offenbar einen von den Spottvögeln aus, den er niederschlagen könnte. Er besann sich jedoch eines Bessern und ging, ohne ein Wort zu sagen, davon.
»Das muß wahr sein, du spielst eine schöne Figur hier in dem Kram!« begann wieder einer der übermütigen jungen Leute. »Ein feines Kerlchen bist du geworden nach deiner Geschichte mit Stubborn. Warst sonst so 'n hochmütiger Bengel, dem unser Klub der fidelen Seehunde nicht nobel genug war, und nun sitzest du im Keller als Kellerklerk!«
»Was wollt ihr eigentlich von mir?« fragte Schwarz, einen nach dem andern finster anblickend. »Ich habe euch schon einmal gesagt, ihr sollt mir meinen Weg nicht kreuzen. Ihr seid mir immer noch zu schlecht und werdet mir zu schlecht bleiben, um mit euch umzugehen. Schert euch zum Teufel!«
»He is woll Hoffleberant von'n Kaiser von Marokko worrn, darop is he so stolz«, sagte ein junger Mann ernsthaft. »Er wird wohl aber die Gnade haben, uns ein paar Taue zu verkaufen, denn wir wollen morgen mit unserem Vereinskutter nach Blankenese, um unsere Winterkasse totzuschlagen. Tausend Mark werden morgen alle gemacht. Leider nur tausend! Der Champagner soll in die Elbe laufen, Ihr könntet drin schwimmen, wenn Euch die fidelen Seehunde früher gut genug gewesen wären. Einen Lumpenhändler können wir aber nicht brauchen. Das wollten wir Euch nur sagen.«
Ein rohes Gelächter folgte diesen Worten. Schwarz hatte jedoch nicht halb auf den Schluß gehört, sondern nach dem Ewer geblickt, den er schon lange im Auge gehabt. Dieser begann sich in Fahrt zu setzen und schwamm nach dem Blockhaus hin.
»Ihr braucht was zu eurer Fahrt«, sagte er zerstreut. »Wartet!« Damit verschwand er in Wolfs Keller.
Die jungen Leute sahen sich verwundert an und einige traten etwas zurück, weil sie daran dachten, ob Schwarz nicht vielleicht einen Stock holen könnte, um ihnen zum Fest etwas Appetit zu machen.
Dieser kam jedoch mit einer Anzahl Stricken zurück, an denen er Schlingen gemacht hatte. Er warf ihnen diese verdächtigen Instrumente vor die Füße und sprach:
»Da habt ihr Tauwerk, das euch fehlt! Hängt euch morgen damit an die Bäume draußen, das wird für euch, die Welt und die Kassen eurer Prinzipale am besten sein.«
»Goddamn, haut ihn!« schrie ein junger Mann, kirschrot vor Zorn, während ein paar andere, vor Ärger blaß geworden, auf ihn zutraten.
Schwarz zog die Augenbrauen zusammen und ergriff ein paar Ruder, die an der Kellertreppe lehnten. »Wer den Hirnschädel eingeschlagen haben will, der strecke die Hand nach mir aus«, sagte er ruhig, aber so finster, daß sich die jungen Männer, ohne nur noch ein Wort zu sagen, davon machten.
Schwarz sah sich indes gar nicht nach ihnen um, sondern stieg die Wassertreppe hinab und in sein Boot, das er sofort zwischen den Ewern hindurchschob und damit nach dem Blockhaus zufuhr. Er holte den Torfewer ein und wechselte einige Worte mit dem Schiffer, worauf er an verschiedenen Schiffen mit den Steuerleuten sprach und dann nach den Kajen zurückruderte.
Als er dort ankam, fand er seinen Prinzipal, den »alten Wolf«, der auf der Kellertreppe saß und durch eine große Messingbrille den Zettel studierte, den der Beamte gebracht hatte.
Schwarz kümmerte sich um den Herrn des Geschäftes indes nicht mehr als um den alten eisernen Ofen, der neben ihm stand, sondern ging in den Keller und zog dort einen anderen Seemannsrock über. Dann setzte er eine schottische Mütze auf und zündete sich eine neue Zigarre an, worauf er sich zum Weggehen fertig machte.
Der alte Wolf hatte ihn bei alledem über die Brille scharf beobachtet, ließ dann seine Augen über die Straße gleiten und sagte grinsend, indem er mit dem Finger auf das Papier tippte: »Ein gutes Geschäftchen! Wahrhaftig sehr gut! Ob sie denn den Schrank aufkriegen!« Hier sah er plötzlich seinem Klerk scharf ins Gesicht.
Dieser zuckte mit den Achseln und sagte lakonisch: »Weiß nicht. Glaube gar nicht, daß er gestohlen worden ist.«
»Doch, doch!« schrie Wolf eifrig. »Er ist wahrhaftig gestohlen.«
»Habt Ihr ihn vielleicht?« erwiderte Schwarz, sich plötzlich nach seinem Prinzipal umdrehend.
Dieser sah ihn ein Weilchen über die Brille an und schüttelte mit dem Kopfe.
»Wenn ich ihn hätte, würde ich Euch nicht danach fragen«, erwiderte er.
»Bin überzeugt davon«, nickte Schwarz. »Ich will einmal danach ausgehen, um auf die Spur zu kommen. Vielleicht können wir die zweitausend Mark verdienen.« Er zeigte auf das Papier. »Behüt' Euch der Teufel indessen!« Mit diesem frommen Wunsche ging er von dannen, ohne sich weiter um den Prinzipal zu kümmern.
Dieser streckte seinen Hals wie ein Storch empor, um mit dem Kopf in die Straßenhöhe zu kommen, dabei legte er die Hand an den Mund und rief mit gedämpfter Stimme in den Keller:
»Jakob!«
Das Kostüm des Jungen, der jetzt in der Kelleröffnung erschien, erregte einiges Erstaunen. Er stak nicht nur in den Hosen, sondern auch in den Stiefeln und dem Rock eines erwachsenen Mannes. Diesen Rock hatte man indes rücksichtslos bei der Taille abgeschnitten, so daß er einem verwünschten Rock glich, den ein Zauberer auf ein Jahrhundert in eine Jacke verzaubert hatte.
Er diente, seit Schwarz im Keller war, gegen diesen als Spion für Wolf, der ihm leise zurief: »Nach, nach! Er ist nach der Hohen Brücke Hohe Brücke, Verbindungsbrücke zur Neustadt, wird zuerst 1260 erwähnt, und führt ihren Namen von dem hohen Bogen, in dem sie über das Flet führt, was früher, als noch das Flet zwischen Neueburg und Catharinenstraße den Niederhafen bildete, nötig war. zu. Acht Schillinge, wenn du mir Rapport bringst.« Damit gab er dem Jungen einen Faustpuff in den Rücken, der ihn zum Keller hinausschleuderte, worauf dieser so schnell an den Häusern hinhuschte, wie ihm dies seine übermäßig großen Stiefel erlaubten.
Es gelang ihm gerade noch, auf der Spur von Schwarz zu bleiben, den er nicht aus den Augen ließ, denn dieser blieb bald da, bald dort stehen, sah sich verschiedenes an und schien unschlüssig zu sein, wohin er seine Schritte wenden solle.
Als er beim Schaarmarkt um die Ecke schoß, fühlte er sich plötzlich an der Kehle gepackt, die ihm so zugedrückt wurde, daß ihm die Augen aus dem Kopfe traten. Er befand sich in den Händen von Schwarz, der ihn schon lange beobachtet und hier abgefangen hatte.
Schwarz schleppte ihn bis zu einem Grogkeller, der sich in der Nähe befand. Der Gefangene versuchte zwar, unterwegs einige Male Hilfe zu schreien und strampelte furchtbar mit den Stiefeln. Schwarz ließ ihn jedoch nicht los und warf ihn, beim Keller angekommen, ohne Umstände vor sich die Treppe hinunter.
Unten packte er ihn von neuem und schleppte ihn hinter einen Tisch, wo er ihn in die Ecke klemmte.
»Du verdammter Halunke, willst mir also nachschleichen!« fuhr er ihn nun an.
»Gott, was Se denken, Herr Swärz!« sagte Jakob unschuldig. »Ich war doch nur uf'n Geschäftsgang.«
»Drei Glas Grog!« rief Schwarz der Wirtin zu und wandte sich dann an Jakob, dessen Augen bei der Bestellung funkelten. »Versuche nicht, gegen mich zu lügen, sonst gieße ich dir die Stiefel bis oben voll heißen Grog.«
»Oh, Herrgott!« jammerte dieser. »Ich will ihn lieber trinken.«
»Was gibt dir Wolf, wenn du ihm sagst, wohin ich gehe, mit wem ich spreche und was ich tue?« fragte Schwarz streng.
»Ne, Herr Swärz, was Sie denken!« jammerte Jakob.
»Was gibt er dir?« fragte dieser, indem er ihm ein Glas Grog hinstellte.
»Acht Schillinge«, jammerte Jakob.
»Acht Schillinge?« sagte Schwarz hohnlachend. »Der alte Esel! Acht Schillinge und mir so einen Kerl nachzuschicken, den man auf zwei Stunden sieht. Zu dumm!«
»Willst du mir dienen?« fuhr er den Jungen streng an.
Jakob wußte nicht gleich, was er sagen sollte, denn er merkte, daß er im Begriff sei, zwischen Tür und Angel zu kommen.
»Hier hast du für die acht Schillinge einen Taler«, sagte Schwarz, ihm ein solch glänzendes Geldstück hinlegend, das Jakob mit einer Schnelligkeit verschwinden ließ, die dem Geber ein Lächeln ablockte.
Der Taler war in den Stiefel des Empfängers gewandert, der diesem anstatt einer Tasche diente, denn dieses Eingeweide war bei der Amputation des Rockes mit verschwunden.
»Willst du mir also dienen?« fragte Schwarz nochmals, den Jungen grimmig anblickend.
»Ja,« sagte dieser bestimmt, indem er mit der Faust auf den Tisch schlug, »ich tue es. Aber nur unter einer Bedingung.«
»Welche?« fragte Schwarz.
»Daß Sie mir einen andern Anzug schaffen,« erwiderte Jakob, »ich mag nicht mehr als Vogelscheuche 'rumlaufen und mich ›Stiefel‹ schimpfen lassen.«
»Gut. Am Montag sollst du einen haben. Doch auch ich mache eine Bedingung. Wenn du mich im geringsten hintergehst,« sagte Schwarz leise und ihn dabei fest anblickend, »so erdrossele ich dich und werfe dich ins Flet. Jetzt sage mir, kennst du Stubborn?«
Jakob nickte und bemerkte: »Ein finsterer alter Kerl!«
»Wo hast du ihn gesehen?«
»Wolf hat mit ihm zu tun. Ich bin ihm viele Male nachgeschlichen.«
»So? Hat er dich bemerkt?«
»Nein, aber ich habe bemerkt, daß beiden ein Kerl, ich glaube er heißt Trick, nachspürt.«
»Gut, sehr gut! Du bleibst jetzt hinter diesen drei Halunken und berichtest mir alles, was du hörst und siehst. Für deine Spionage heute sollst du indes deine Strafe haben«, sprach Schwarz. »Wieviel Gläser Grog kannst du trinken, ohne liegen zu bleiben?«
»Hm,« schmunzelte Jakob, »so viel Sie mir geben, das heißt,« sagte er, ängstlich nach seinem Stiefel greifend, » Sie bezahlen ihn natürlich.«
Schwarz nickte und bestellte nun ein Glas Grog nach dem andern, die der Junge mit dem größten Behagen hinuntergoß. Eine Portion saurer Aal machte eine kleine Unterbrechung, worauf Jakob wieder frischen Durst bekam.
»Der Junge hat keinen Grund und Boden«, murmelte Schwarz verwundert, als Jakob beim siebenten Glase war. Endlich wurden jedoch die Augen des kleinen Zechers gläsern und er begann Symptome der Betrunkenheit zu zeigen.
»So, jetzt geh zu Wolf,« sagte Schwarz, »und merke dir: – du hast mich verloren und dann in verschiedenen Kneipen gesucht. Wenn dir Wolf nicht glauben will und weiter fragt, so schlag ihn mit dem alten Teekessel, der an der Tür steht, auf den Kopf, und nun marsch, nach Haus!«
Schwarz bezahlte und schleppte Jakob die Treppe hinauf, drehte ihn nach dem Schaarmarkt zu hin und ließ ihn los.
»Mit 'n Teeketel auf 'n Kopp«, lallte der Spion Wolfs. »Pumps!« fuhr er schmunzelnd fort, indem er einen imaginären Teekessel auf Wolfs Kopf entzweischlug. Bei dem Schlag stolperte er aber und wäre ohne Zweifel zu Boden gefallen, wenn seine Stiefel die Beine nicht aufrecht erhalten hätten wie ein paar Blechleuchter ein Licht.
Schwarz stand an der Ecke des Schaarmarkts und sah lächelnd zu, wie Jakobs große Stiefel diesen scheinbar gewaltsam fortschleppten und hin und her führten.
Es war schon starke Dämmerung eingetreten, als Jakob vor dem Keller an den Kajen ankam. Der alte Wolf war in der Tiefe beschäftigt, Licht anzuzünden, weshalb er Jakobs Ankunft nicht bemerkte. Als er dann aber ein Geräusch an der Treppe vernommen hatte, ging er mit der Lampe vor und leuchtete hinauf, wobei er sofort Jakobs Stiefel entdeckte, die von der Mauer herunterbaumelten. Als er höher stieg, bemerkte er, daß Jakob ihn auf eine wunderliche Weise anglotzte und den Finger an die Nase legte.
Wolf vermutete etwas Besonderes, stellte die Lampe in den Keller und stieg die Stufen hinauf, um sich vorsichtig umzuschauen. Dann fragte er Jakob leise: »Wo ist er?«
Der Spion spitzte den Mund und machte einen mißlungenen Versuch zu pfeifen, dabei fuhr er mit der Hand in einem Bogen durch die Luft und wollte so pantomimisch andeuten, daß Schwarz »weg« sei.
»Wo ist Schwarz?« fragte Wolf nochmals verwundert.
Jakob wiederholte die Pantomime.
Wolf wußte nicht, was er denken sollte. Er sah sich nochmals vorsichtig um, packte dann plötzlich Jakob beim Kragen und zerrte ihn in den Keller. Der Junge wurde durch solche Behandlung störrisch und noch mehr in seiner Teekesselidee bestärkt. Wolf hatte ihn deshalb kaum losgelassen und seine Frage wiederholt, als er nach der Tür wankte, den fraglichen Teekessel beim Henkel ergriff und damit auf seinen Prinzipal zuging. Dieser sah ihm mit offenem Munde zu und hatte keine Ahnung davon, daß der Junge den Kessel erheben und ihn damit auf den Kopf schlagen würde, welches Manöver er so plötzlich ausführte, daß der Prinzipal gewiß schlecht weggekommen wäre, hätte Jakob nicht einen so starken Rausch gehabt, daß er eine große Tischlampe für Wolf ansah und diese in Stücke schlug.
Wolf erkannte jetzt die wahre Sachlage und schrie ergrimmt: »Dieser infame Bengel hat sich betrunken!« worauf er einen Strick ergriff und Jakobs Rücken damit bearbeitete, während dieser mit dem Teekessel um sich schlug und den Prinzipal einigemal vor die Schienbeine traf.
Wolf entriß ihm endlich den Kessel und schob ihn zum Keller hinaus, indem er ihm einige Rippenstöße versetzte und in die Ohren schrie: »Warte nur, Kanaille, morgen sprechen wir weiter! Jetzt fort, nach Hause!«
Der alte Wolf gehörte zu jenen Leuten, die, soviel sie auch haben mögen, doch stets den Schein der Armut um sich verbreiten. Er war gleich Stubborn ein geldgieriger Geizhals, dabei aber gewinnsüchtig und im höchsten Grad auf gutes Essen und Trinken erpicht, wenn er dies auf Kosten anderer erlangen konnte. Mit der Aufhebung seiner Spielbank und der Einsperrung Tricks ging ihm eine große Verdienstquelle verloren. Hätte er eine Ahnung von der Absicht gehabt, in der ihn Stubborn den Wechsel an seinen Buchhalter verkaufen ließ, er würde auf das Geschäft nicht eingegangen sein, denn er schloß sehr richtig, daß er sich dadurch um große Summen gebracht und Trick die ferneren Mittel zum Spielen abgeschnitten habe. Als der schlaue Fuchs jedoch sah, daß mit dem Buchhalter nichts mehr zu machen sei, warf er sich sofort auf den Prinzipal und zwang diesen, indem er eine geheimnisvolle Anspielung auf »Glasscherben« auch hier von großer Wirkung fand, mit ihm in Geschäftsverbindung zu treten. Stubborn geriet zwar darüber in Verzweiflung, daß schon wieder ein neuer Kompagnon auftauchte, wo er den alten kaum beseitigt glaubte, er hoffte aber, mit diesem bald fertig zu werden, weil er nicht soviel wußte und nicht so schlau wie Trick zu sein schien. Vor der Hand tat er, als sei ihm Wolfs Vorschlag sehr lieb, indem er durch den Diebstahl fast alle Barschaften eingebüßt habe, aber Wolf mit schlauem Lächeln vorschlug, die noch vorhandenen in Wechselgeschäftchen zu 100 Prozent anzulegen und ihn als Agenten zu benutzen, wobei er beschloß, die sicheren Geschäfte mit eigenem und die unsicheren mit Stubborns Geld zu machen. Da dies seine Zeit sehr in Anspruch nahm und er den Lumpenhandel, der einen ganz hübschen Gewinn abwarf, nicht aufgeben wollte, so engagierte er Schwarz um ein Spottgeld als Kommis, wobei er noch eine Chance mehr gegen Stubborn zu haben glaubte, während Schwarz seinerseits den Keller Wolfs als eine günstige Operationsbasis gegen Stubborn und Trick betrachtete.
So standen die Sachen an dem Tage, als Herr Stork die Anzeige nach den Kajen brachte, daß Stubborn wiederum bestohlen sei, woran sowohl er selbst als auch Schwarz zweifelten.
Es war aber dennoch so, und Wolf, der es schon am Vormittag gewußt, warf den Verdacht zunächst auf Schwarz, weil er es für natürlich hielt, daß sich dieser so an Stubborn rächen wollte. Er hoffte, durch Jakob auf eine Spur zu kommen und war sehr ärgerlich, daß sein Spion zurückkehrte wie eben berichtet.
Nachdem er zu Laarsen hinabgestiegen und sich auf Tricks Lieblingsplatz hinter dem Pfeiler gesetzt, schlürfte er seinen Genever in zerstreuten Gedanken, bis er plötzlich die Ohren spitzte, denn er hörte die Stimme des Herrn Trick.
Dieser kam in Begleitung von zwei Männern und kaufte zwei Dutzend Flaschen alten Portwein, die er seinen Begleitern, die Wolf für Zimmerleute hielt, übergab, worauf er dem Wirt zwei Souverains Souverains (richtiger Sovereign geschrieben) = 1 Pfund Sterling, als geprägtes Goldstück so benannt. hinlegte und sich herausgeben ließ.
Wolf verschlang die Goldstücke mit den Augen und murmelte: »Gold – englisches Gold. Ho, ho! Freund Trick, das ist sehr leichtsinnig von dir. Wenn ich von der Polizei wäre, würde ich sofort wissen, wo ich Stubborns Geldkasten fände, d. h. wenn ich dich zu finden wüßte. Warte Herzchen, müssen doch sehen, wo du steckst, da du nicht mehr im Winserbaum wohnst.«
Mit diesen Worten schlich er hinter Trick her, sobald dieser die Kellertreppe hinaufging und in der nun vollständigen Dunkelheit verschwand.
Laarsen sah ihm nach und nickte mit dem Kopf: »Einer hinter dem andern – gleich und gleich gesellt sich gern«, murmelte er.