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Die Finkenwärder Elbpiraten
Herr Stubborn hatte allerdings einen guten Schachzug getan, als er während Tricks Wechselhaft sein Geschäft und seine Kapitalien verschwinden ließ. Bei dem Fundament von Betrug, auf dem sein ganzer Besitz aufgebaut war, sorgte er schon seit langer Zeit dafür, diesen so beweglich zu machen, daß er leicht jedem Angriff entzogen werden konnte. Der Verkauf des Grundstückes war zu einer Zeit geschehen, in der sich Trick einmal in England befand. Er ahnte nichts davon und glaubte zwanzig Jahre lang ein gutes Pfand auf sein »Halb und halb« gegen Stubborn daran zu haben.
Dieser mußte einige Male laut lachen, als er seinen Kompagnon so abgeführt hatte. Er war natürlich selbst der Dieb gewesen, der angeblich seine und dabei wirklich Tricks Papiere und Barschaften geraubt. Die Wechsel wurden von ihm sofort verbrannt und der übrige Wert in einem verborgenen eisernen Wandschrank seiner neuen Wohnung untergebracht, während ein großer, am Boden festgeschraubter Geldkasten eine eiserne Kassette in sich schloß, in der etwa gegen fünfzigtausend Mark bares Geld lagen. Da Stubborn seinem Buchhalter keineswegs traute, so verabredete er mit einigen Hausbewohnern ein Hilfssignal im Falle einer Überrumpelung, glaubte sich aber sonst ziemlich gesichert, da er drei Stock hoch wohnte.
Trick hielt eine lange Besprechung mit den Zimmerleuten ab, die an einer einsamen Stelle des Grasbrooks auf ihn warteten und sich dann zerstreuten, während er nach dem Haus am Rödingsmarkt zurückging und dem Besitzer einen Besuch machte. Er beklagte sich hier über die schlechte Beschaffenheit der Fensterrahmen, daß der Wind durchzöge und er dies bei seinem Rheumatismus unmöglich vertragen könne. Wenn er nichts dagegen habe, wolle er die Sache auf seine Kosten ausbessern lassen und die Maurer und Zimmerleute bestellen. Der Hauswirt freute sich ungemein, einen so kulanten Mietsmann gefunden zu haben und bat ihn lachend, sich nicht zu genieren, worauf er ihm die Schlüssel zum Speicher gab, damit die Arbeiter die Taue zum Gerüst von oben herablassen konnten.
Kaum war die Sache in Ordnung, so suchte Herr Trick den riesigen Zimmermann auf, der am Burstah wartete und sprach einige Worte mit ihm. Dann ging er nach der Holzbrücke und suchte eifrig unter den Fischewern, bis er Peter Wübbe auffand, der ihm einen sehr ergrimmten Blick zuwarf, denn er gedachte seiner noch zu gut!
Herr Trick sah ihn aufmerksam an, klopfte einige Male an die Nase und sprach: »Ah, lieber Freund, seid Ihr nicht der, dem sie damals so schändlich seine Kette vom Deich gestohlen?«
Der Finkenwärder drehte ihm den Rücken zu und knurrte etwas.
»Nur Geduld, Alter!« flüsterte Trick. »Mich hat dieselbe Bande betrogen und bestohlen, und ich bin imstande, Euch den alten Halunken in die Hände zu liefern, bei dem ich damals diente.«
Peter Wübbe drehte sich um und besah den Sprecher sehr aufmerksam. Dann machte er einen spitzen Mund und sagte: »Mich kriegt Ihr nicht zweimal.«
»Nein, nein, Ihr sollt ihn kriegen. Hier sind zehn Taler, Freundchen, die gebt Ihr mir wieder, wenn Ihr ihn in der Kniep gehabt – wollt Ihr?«
Peter Wübbe nahm vor allen Dingen erstaunt die zehn Taler und fragte: »Wie kommen wir an ihn?«
Trick stieg in die kleine Kajüte des Fischewers und bemerkte dann: »Es ist hier drin vollkommen Platz genug, um einen oder zwei Männer einige Stunden eingesperrt zu halten. Ihr kennt die Kanäle und das Schilfdickicht Neumühlen gegenüber, da legt den Ewer hinein. Morgen gegen Abend kommt Stubborn dort hinaus, um mit einem Zollbeamten ein Geschäftchen abzumachen, was drüben im Schilf geschieht. Er wird fünfzig bis hundert Taler bei sich haben. Packt ihn dann und steckt ihn bis um Mitternacht in den Ewer, das wird ihn zahm machen. Wenn Ihr ihn recht lange zappeln laßt, so lege ich noch zehn Taler zu und Ihr braucht mir das Geld gar nicht wieder zu geben, aber zappeln muß er, bis der Tag graut und bis er hundert Taler blecht, eher laßt ihn nur nicht 'raus. Er mag vorgeben, was er will – mag Mord und Raub schreien – es hört ihn dort niemand.«
Peter Wübbe brach mit Trick in ein Gelächter aus und war sofort bereit, die Sache zu besorgen – das gab ein gutes Geschäftchen und einen Spaß dabei. Der Finkenwärder war entzückt von der Aussicht, den Hamburger in die Hände zu bekommen und eigene Gerichtsbarkeit an ihm auszuüben. Er beschloß, ihn wegen der Schute und Kette tüchtig zu pfeffern und ging sofort unter Segel nach Haus, um alles Nötige vorzubereiten.
Trick fuhr mit ihm bis Neumühlen, wo er ausstieg und den Zollbeamten aufsuchte, den er am Strande in der Sonne liegend fand. Jörs war in sehr guter Laune, halb betrunken, und nickte deshalb dem Buchhalter zu, wobei er etwas grunzte, was ebensogut ein Fluch wie ein Gruß sein konnte. Trick setzte sich neben ihn und fragte: »Wie geht das Geschäft?«
Jörs grunzte abermals, woraus man schlecht oder gut schließen konnte. Dann zog er eine Rumflasche hervor und bot sie Trick an, der, einen Schluck daraus nehmend, mit der Zunge schnalzte, sinnend nach dem Himmel blickte und dann die Meinung abgab, daß es alter Jamaika sei.
»Das glaube ich«, knurrte Jörs. »Habe ein Faß davon gekauft um ein Spottgeld, hält vier Eimer, das sind zirka vierhundert Flaschen. Kostet mich siebzig Taler. Wenn ich aus jeder Flasche zwanzig Gläser schenke und für das Glas zwei Schillinge nehme, so kriege ich vierhundert Taler heraus. Dann habe ich noch zwei Eimer Genever, einen Kognak und einen Arak. Oh, es wird ein prächtiges Geschäft geben!«
Trick sah ihn verwundert an und glaubte, er müsse betrunkener sein, als er aussehe. Dann lachte er und fragte: »Ihr wollt wohl am Ende gar hier 'ne Gastwirtschaft anlegen? Etwa in den Weidenbüschen? Natürlich alles verzollt! Muß Euch aber sagen, daß Herr Stubborn vorher kurios mit Euch abrechnen wird.«
Der Zollbeamte setzte sich in die Höhe und blickte Trick fragend an.
»Ja, ja,« fuhr dieser fort, »Ihr habt da oben in Nielsens Haus greulich gewirtschaftet und alles abgerissen. Morgen kommt Herr Stubborn heraus und will mit Euch Abrechnung halten. Er will alles wieder in den alten Stand gesetzt haben. Da könnten wohl Eure Fässer wieder draufgehen und mit der Gastwirtschaft ist es Essig. Habt Ihr etwa die Fässer hier liegen? Dann macht weiter damit.«
»Verflucht!« brummte Jörs. »Was fällt Eurem Prinzipal ein, daß er jetzt auf einmal nach dem Lotsenhaus fragt? Alle Teufel! Könnt Ihr's ihm nicht ausreden, daß er gerade morgen 'rauskommen will? Wenn er erst in vier Wochen käme – dann wär' mir's recht.«
»Tut mir leid«, meinte Trick achselzuckend. »Kann bei Stubborn nichts mehr tun, da ich schlecht mit ihm stehe – total auseinander. Bin nur 'rausgekommen, um Euch als guter Freund zu warnen und ihm einen Possen zu spielen. Deshalb seht, daß Ihr morgen Urlaub kriegt und Euch drückt.«
»Ich sag' es ja, Herr Trick – wenn er erst in vier Wochen käme. Habe dann meinen Abschied und sitze in Seeland bei Kjöbbenhafen, wo ich mir ein kleines Wirtshaus angeschafft habe«, rief Jörs ärgerlich.
»Sieh mal, und wo habt Ihr denn das Geld dazu her?« fragte Trick.
Jörs sah ihn von der Seite an und brummte: »Erbschaft – will aber doch morgen auskneifen – will in die Stadt gehen, während er herauskommt – brauche keinen Urlaub.«
»Tut das, denn er muß Sonntag oder Montag nach London, dann habt Ihr ihn vom Halse. Ich habe Euch gewarnt«, schloß Trick, indem er aufstand.
»Ich mache mich morgen davon«, schrie Jörs, gleichfalls aufspringend und ein Stück mit Trick am Strande hingehend, wobei ihn dieser noch ermahnte, die Fässer fortzuschaffen.
Trick ging nach Altona in einen Keller, wo er sich Schreibzeug geben ließ und mit verstellter Hand einen Brief an Stubborn schrieb, in dem er ihn im Namen des Zollbeamten am nächsten Tage zu einer dringenden Besprechung wegen Abwendung von Gefahren ersuchte, die ihm durch den schuftigen Buchhalter Trick drohten. Er bemerkte im Brief, daß, wenn Jörs nicht sogleich am Strand gegenwärtig sei, Herr Stubborn ein wenig Geduld haben und einen Mann erwarten sollte, der ihn zu Jörs führen würde, da es dieser für notwendig hielt, so vorsichtig wie möglich zu Werke zu gehen und die Zusammenkunft am liebsten auf dem gegenüberliegenden hannoverschen Ufer zu halten, weil der schuftige Trick (hier wollte sich der Briefschreiber vor Lachen ausschütten) jetzt draußen herumspioniere.
Diesen Brief gab Trick in Altona auf die Post und glaubte nun seinen Streich gegen Stubborn auf das beste eingerichtet zu haben, weshalb er nur noch einige Strandleute aufsuchte, mit denen er eifrig konferierte und dann etwas für seinen Durst tat.
Am nächsten Morgen lauerte er hinter den stets herabgelassenen Vorhängen seiner Fenster, von wo aus er Stubborns Zimmer überblicken konnte und beobachtete ihn scharf. Er sah, wie er den Brief erhielt, und daß dieser eine Wirkung ausübte, die deutlich zeigte, er werde der Einladung folgen. Dann sah er ihn das Fenster öffnen, sich scharf in der Nachbarschaft umblicken und auch Tricks Fenster betrachten. Da sich aber dort nie etwas rührte, so hielt er das Quartier für unbewohnt und beachtete es nicht weiter. Trick sah zu seiner Verwunderung nun den alten Wolf erscheinen, der mit Stubborn lange Zeit Papiere, »Wechsel« murmelte Trick, durchsah, Geld empfing und Geld auszahlte, wobei die Augen des Lauschers hinter dem Vorhange gierig funkelten, denn er bemerkte, wie die eiserne Geldkiste auf- und dann sorgfältig wieder zugeschlossen wurde.
Endlich ging Stubborn aus. Trick lief gleichzeitig die Treppen hinab und verbarg sich, nachdem er einem am Brückengeländer lehnenden Mann ein Zeichen gegeben, hinter einigen Fässern neben der Tür, aus der sein Prinzipal kurz darauf kam. Er zeigte auf ihn, und der Mann folgte Stubborn wie sein Schatten, während Trick nach dessen Wohnung hinauflief und die mit Eisenstangen und Schlössern verwahrte Tür betrachtete. In dieser Beschäftigung wurde er durch Schritte gestört, die die Treppe heraufkamen. Er bog sich weit über das Geländer und sah den Briefträger. Einen Augenblick überlegend, zog er ein Bund Schlüssel aus der Tasche und tat, als ob er eben das letzte Schloß zumache. Der Briefträger sah ihn verwundert an. Er kannte ihn und drückte sein Erstaunen aus, ihn wieder bei Stubborn zu sehen.
»Was will er ohne mich machen?« sprach Trick lachend. »Es gibt noch so viele Geschäfte abzuwickeln, daß er mich haben muß. Er kommt allein nicht durch – möchte es freilich gern aus purem Geiz – kann aber nicht, da doch alles durch meine Dispositionen eingeleitet ist. Briefe?« schloß er fragend, die Hand ausstreckend.
»Nur einer – Batavia«, sprach der Briefträger, den Poststempel lesend.
»Stecken Sie ihn hier in den Briefkasten in der Tür«, sprach Trick gleichgültig. »Ich kriege den Prinzipal heute nicht mehr zu sehen, sonst würde ich ihn mitnehmen.« Damit ging er nach seiner Wohnung hinüber, von wo er aufmerksam nach dem Flet hinabsah, in dem eine Schute mit Holzwerk unter seinen Fenstern lag.
Die Leute darin hatten sich ausgestreckt und schliefen, bis nach etwa zwei Stunden der Mann wieder auf der Brücke erschien, der Stubborn als Schatten gefolgt war. Der riesige Zimmermann kam mit ihm und man begann aus dem Holzwerk ein Gerüst zusammenzusetzen, wie es die Maurer und Maler brauchen. Gleichzeitig wurden zwei Balken mit Blöcken auf den Dachboden von Tricks Haus geschafft und aus den Bodenluken gesteckt. Nachdem man die Taue durch die Blöcke gezogen, hißte man das schwebende Gerüst hinauf, und ein Maurer begann eifrig an Tricks Fenstern zu putzen, während der Zimmermann das Holzwerk in Ordnung brachte.
Die Dunkelheit brach inzwischen herein und die Arbeiter machten Feierabend. Man schob die Balken mit den Blöcken jetzt noch ein Stück weiter hinaus und befestigte das Gerüst an den Fensterstöcken Tricks. Das Flet zwischen der Deichstraße und dem Rödingsmarkt war eines der schmalsten und nur so breit, daß sich gerade zwei Schuten darin ausweichen konnten; sobald deshalb das Gerüst von Tricks Fenstern losgebunden war, hing es infolge der weit herausgeschobenen Tragbalken unmittelbar vor Stubborns Fenstern, was auch bei stärkerer Dunkelheit geschah, worauf es einigemal zwischen den Häusern hin und her gezogen wurde und mehrere Männer durch ein geöffnetes Fenster in Stubborns Wohnung krochen. Herr Trick war selbst mit dabei und holte vor allen Dingen den Brief aus dem Briefkasten, worauf er zur Geldkiste ging. Man fand, daß sie an dem Boden so befestigt war, daß ein Fortschaffen ohne große Anstrengung und Zeitverlust unmöglich sei. Herr Trick wollte deshalb verzweifeln, da der massive Deckel einer Aufsprengung zu spotten schien. Der Zimmermann lachte jedoch und bemerkte, daß gerade das Festmachen am Boden ein günstiger Umstand sei, da man sonst genötigt wäre, den ganzen schweren Kasten zum Fenster hinaus zu schaffen. So aber sei das ein Kinderspiel. Er griff dann auf das Gerüst und holte eine Wagenwinde herein, die er gegen den Boden und Deckel stemmte, worauf er die Kurbel drehte und so die Riegel mit langsamer, aber unwiderstehlicher Gewalt aus ihren Fugen drängte, ohne ein besonderes Geräusch dabei zu machen. Sobald die Kiste offen stand, griffen zehn Hände begierig hinein und hoben die eiserne Kassette heraus, die sich als Inhalt zeigte. Man setzte sie vorsichtig auf das Gerüst, zog dieses nach Tricks Fenstern hinüber und hob sie dort hinein. Hierauf schloß man Stubborns Fenster und ließ das Gerüst in die Schute hinab, wohin bald Taue und Balken folgten. Nach einer Viertelstunde wurde die erbrochene Kassette dort verborgen, nachdem man den Inhalt geteilt, und die Schute ging noch vor Mitternacht mit Hochwasser aus dem Flet in den Binnenhafen, wo man den eisernen Kasten über Bord warf.
Herr Stubborn war während dieser Vorgänge mit verschiedenen Befürchtungen nach Neumühlen gegangen, da er nicht wußte, was Trick gegen ihn vorhabe. Von seiner Freilassung in Kenntnis gesetzt, zitterte er vor ihm und glaubte, daß er einen besonderen Plan gefaßt haben müsse, wegen dessen er sich in Neumühlen aufhalte. Die Sorge trieb ihn hinaus, wobei er zugleich der väterlichen Pflicht, sich einmal nach seinen Töchtern zu erkundigen, nachkam, da diese seit ein paar Monaten draußen lebten, ohne ihn gesehen zu haben. In Neumühlen angekommen, bemerkte er nicht das heitere Frühlingswetter und die erwachende Natur, sondern trat finster in das Landhaus, nachdem er mit den Blicken Strand und Hügel nach Trick oder Jörs durchforscht. Er bot den Töchtern kaum einen Gruß und fand Berta von stillem Kummer niedergedrückt, während Julie ihn so entschieden mit einer Flut von Vorwürfen wegen seiner knauserigen Dispositionen betreffs ihrer Person überfiel, daß er ganz verblüfft war. Er versuchte zwar, seine Autorität geltend zu machen und schob zugleich den großen Diebstahl vor, der ihn betroffen. Julie wurde aber darüber fast wild und sagte ihm geradezu, daß sie nicht daran glaube und durch seinen Geiz hier ein schändliches Leben führen müsse. Da Herr Stubborn nach nochmaligem Versuch seine Autorität gänzlich scheitern sah, so ergriff er seinen Hut und entfloh aus dem Landhaus, um nach Jörs zu suchen, weil ihm die Geschäfte wichtiger waren als die Familienangelegenheiten.
Die Sonne neigte sich aber ihrem Untergang zu, und noch war Jörs nirgends zu sehen. Stubborn ging ungeduldig am Strand hin und her, bis seine Aufmerksamkeit nach einem Boote gelenkt wurde, das vom gegenseitigen Ufer herüber kam. Der Bootsmann, der es ruderte, ließ es auf den Strand laufen und setzte sich dann auf den Rand, wobei er Stubborn schweigend anblickte. Dieser kam näher.
»Wullen Se villicht röber?« fragte der Schiffer.
»Hinüber?« fragte Stubborn. »Was soll ich drüben?«
»Dat is en wunderscheunen Platz to'n Spazierngahn. Ick heff vor en halbe Stünn erst en Akzismann 'röberfahrt, de noch dröben spaziern geiht un op Eenen teuft. De Akzismann heet Jörs!« antwortete der Bootsmann leise, indem er sich vorsichtig umblickte.
Stubborn nickte stumm und stieg ohne weiteres in das Boot. »Macht, daß Ihr hinüberkommt«, sprach er dann. »Ich muß vor Dunkelwerden wieder in der Stadt sein.«
Der Bootsmann stand mit dem Gesicht nach vorn und ruderte, indem er die Riemen von sich stieß, wie dies die Hamburger Jollenführer tun. Stubborn konnte deshalb sein Gesicht nicht sehen, sonst würde er sich über die Anstrengung gewundert haben, womit der andere ein Gelächter unterdrückte. Das Boot hielt auf einen Wasserarm zu, der sich in das Weiden- und Schilfdickicht zog und verschwand bald darin.
»Wo ist Herr Jörs?« fragte Stubborn ungeduldig, nachdem der Schiffer um mehrere Windungen gebogen und sich immer tiefer in den Sumpf verlor, ohne daß man eine Spur von einem Menschen erblickte.
Der Bootsmann ruderte schweigend weiter, bis er, das Boot durch altes gelbes Rohr stoßend, in ein Wasserbecken kam, in dem ein Ewer lag.
»Hier!« sagte der Schiffer und bedeutete Stubborn, auf das Verdeck zu steigen, worauf er mit dem Haken auf die Kajüte pochte und das Boot vom Ewer abschob. Die Lukenklappe öffnete sich, und Herr Stubborn sah mit grenzenlosem Schreck und Erstaunen Peter Wübbe, Vater und Sohn, und noch zwei Finkenwärder daraus emportauchen und ihn mit ungeheuer freundlichem Schmunzeln begrüßen. Der Mund blieb ihm vor Schreck offen stehen, denn er erkannte sofort seine Lage in den Händen dieser Elbpiraten.
Der alte Stiefelmann, der damals die Verhandlungen wegen der Schute geführt, war auch heute wieder dabei und begrüßte Stubborn mit – »Joo. Dat freit uns ganz bannig, dat Se uns beseukt!«
Stubborn sah sich halb entrüstet, halb ängstlich um und fragte: »Wo ist Herr Jörs?«
»He is en beten opp de Wildaantjenjagd gahn un kümmt gliek wedder. Se köhn ünner de Tied recht good dat Geschäft wegen de Schut mit uns afmaken, wat wi damals nich farrig kregen hefft. Vör de Schut kriegt wi foftig Daaler«, sprach der Stiefelmann.
»Joo!« sagten die andern.
»Vör de Keed mutt Peter Wübbe twintig Daaler hebben, hett's em sülm kost – is nich so?« fuhr er fort.
»Joo!«
»Dunn hett hee sien Ewer damals herleehnt. Datt kann hee nich ünner fief Daaler doon. Versaapen hefft wi dree Daaler, un de Jung, de vör Angst krank worrn is, hett twee Daaler an Dokter un Avtheker betohlt. Makt tosaam tachentig Daaler, de uns de goode Herr opp de Stell utbethalen deit. Freuer lat wi em nich rut«, schloß der Sprecher, indem er sich mit der Faust in die andere Hand schlug.
»Ihr Räuberbande, denkt mich wohl hier auszuplündern!« rief Stubborn wütend.
»Stopp, min Jung! Hol di jo ni opp! Ji hefft Ju Gerechtigkeit binn', wenn Ji uns in de Stadt hefft, un wi hefft unse buuten, wenn wi Ju buuten hefft. Ick will verdammt sien, wenn Ji ihrer vom Buurd kaamt, bitt Ji betaalt hefft. Wat?« wandte er sich an seine Kameraden.
»Joo!« schrien diese.
»Ich gebe nicht einen Schilling heraus«, rief Stubborn ergrimmt.
»Hier, min goode Jung, upp den Lukendeckel kannst du de tachentig Daaler uptelln. Wi wölt di dabi nicht störn.« Dies sprechend, stieg der Stiefelmann mit seinen Kameraden in das Boot und verschwand damit in den Weidenbüschen.
Herr Stubborn war kaum allein, so untersuchte er den Ewer und seine Umgebung, um zu sehen, ob er nicht entwischen könne. Da jedoch alle Ruder entfernt waren und er ringsum nur Wasser und Sumpf sah, so mußte er bleiben. Sobald er sich jedoch von diesem Umstand überzeugt hatte, erhob er seine Stimme und ließ ein heiseres Hilfegeschrei erklingen, um irgend jemand dadurch herbeizurufen.
Es hatte aber weiter keine Wirkung, als daß die Finkenwärder wieder erschienen und ihn freundlich fragten, ob er mit dem Aufzählen fertig sei. Er antwortete mit einem neuen Hilfegeschrei. Die Schiffer kletterten, ohne ein Wort zu sagen, an Bord, packten ihn und steckten ihn in die Kajütluke, die sie zuklappten und mit einem Vorlegeschloß befestigten. Ehe sie die Luke ganz zumachten, sagten sie ihm noch, daß sie in zwei Stunden wiederkommen und sehen wollten, ob er zahm geworden sei, worauf sie hohnlachend wegruderten und den Gefangenen in der kleinen Kajüte toben und schreien ließen so viel er wollte.
Stubborn machte seinem Zorn durch einige Wutausbrüche Luft und drohte den Elbpiraten die schrecklichste Rache. Nachdem er eine Weile in der engen Kajüte umhergetobt und durch den darin herrschenden Teergestank halb betäubt war, bemerkte er erst, daß er sich wirklich allein befand. Er horchte an dem Deck und an den Wänden und versuchte ein Loch zu finden, durch das er hinausblicken konnte, aber vergebens. Die Kajüte war zu gut verschlossen. Dann schrie er wieder und horchte darauf. Es blieb alles still und dabei begann es finster zu werden, was er durch ein prismatisches Glas im Deck bemerkte. Nun überfiel ihn eine fürchterliche Angst, weil er den Verdacht faßte, daß man ihn aus der Stadt gelockt habe, um dort etwas gegen ihn zu unternehmen. Er stemmte sich jetzt mit aller Gewalt gegen die Luke, um sie aufzusprengen. Sie rührte sich nicht. Er stemmte die Beine gegen die Seitenwände der Kajüte, um sie zu durchbrechen, aber der Ewer war zu fest gebaut.
Nun brüllte er wieder und schrie fürchterliche Flüche und hohe Versprechungen, bis er endlich halb ohnmächtig zusammenbrach und liegenblieb.
Wie lange er gelegen haben mochte, wußte er nicht.
Er erwachte von einem frischen Luftzug, der durch die geöffnete Luke hereinstrich, und setzte sich. Sobald er wieder seiner Sinne mächtig wurde, schnellte er aus der Luke empor und wollte über Bord springen. Die Schiffer hielten ihn abermals fest und drohten, ihn von neuem zwei Stunden in die Kajüte zu stecken, wenn er nicht vernünftig sei. Stubborn griff in seine Taschen und schleuderte seine Börse auf das Deck. Dann sprach er heiser und ächzend: »Da ist alles, was ich bei mir habe. Vielleicht fünfzig Taler. Aber fort, fort! Setzt mich ans Land oder beim Teufel, ich klage euch als Räuberbande an, wenn bei mir zu Haus etwas passiert ist. Fort! Fort!«
Die Finkenwärder, die eine Laterne angezündet, begannen jetzt das Ding von einer andern Seite zu betrachten, besonders da sich der Bootsmann spurlos verloren, der ihnen Stubborn brachte und sie selbst an und von Bord setzte. Sie kratzten sich verlegen am Kopf und schafften den Ewer in die freie Elbe, wobei Stubborn übermenschlich mit einer Stange arbeitete, dann setzten sie nach dem Neumühlener Ufer über, welches der Ewer kaum mit dem Kiel berührte, als Stubborn mit einem Riesensatz hinaussprang und ohne Hut, den er dabei verlor, nach Hamburg davonrannte.
Es mochte gegen ein Uhr sein, als er dort ankam. Er stürzte fast zusammen und erreichte atemlos das Millerntor. Als er in seiner Hast durchlaufen wollte, wie ihm dies in Altona gelungen, wo ihn der Sperrbeamte mit Verwunderung durch das einfache Tor springen sah, packten ihn die Beamten und hielten ihn fest. Der gute Mann hatte in seiner Angst ganz vergessen, daß er im Begriff war, in eine freie Stadt zu treten, wo das Entree nach zwölf Uhr eine Mark Courant betrug. Stubborn wollte rasend werden, als er sich hier wieder festgehalten und wegen seines fehlenden Hutes gar für einen Betrunkenen angesehen sah. Er trug keinen Pfennig Geld mehr bei sich, setzte sich zur Wehr, um loszukommen und wurde deshalb in die Wache geschleppt, wo man ihn zwei Wächtern zum Weitertransport nach dem Stadthaus übergab. Er stellte seine Lage und die Befürchtung eines Einbruches vor und bat die Wächter, ihn erst nach seinem Quartier zu begleiten. Diese waren aber zu gute Bürger einer Handelsrepublik und rechneten viel zu sehr auf die Prozente, die ihnen von den »fünf Mark vierzehn« für jeden auf das Stadthaus Abgelieferten sicher waren, als daß sie Stubborns Vorteil vorgezogen hätten. Er wurde nach dem Stadthaus geführt, um hier vor allen Dingen zu fünf Mark vierzehn Schilling verdammt zu werden; das war einmal die unumstößliche Regel der Republik. Es gelang ihm jedoch, wenigstens von hier aus ein paar Beamte zur Begleitung zu erlangen. Da Herr Stork gerade zugegen war, schloß er sich an, weil er seit der Spiel- und Diebstahlsgeschichte ein großes Interesse für Stubborn fühlte.
Bei diesem angekommen, fand sich die Tür unversehrt. Herr Stork betrachtete sie auf und ab beim Schein einer Laterne und tat dann den trostreichen Ausspruch, daß hier kein Einbruch verübt worden sei. Man schloß auf und trat in das Vorzimmer. Auch hier war alles in Ordnung. Nun nahm Stubborn den Beamten die Laterne aus der Hand und ging im zweiten Zimmer nach der Stelle, wo sich der verborgene Wandschrank befand. Er ließ das Licht darauffallen und sah zu seinem Trost, daß sich keine Spur einer Öffnung fand. Als er sich jedoch nach der eisernen Geldkiste herumdrehte und deren Deckel offen stehen sah, entfuhr ihm ein Schrei und er griff sich verzweifelt in die Haare, da er die Kasse leer fand.
Herr Stork untersuchte sofort mit der Laterne die Fenster und Türen, um den Weg zu entdecken, auf dem die Diebe eingedrungen waren. Er sah zu den Türen hinaus und herein – öffnete die Fenster, hielt die Laterne hinaus und betrachtete die nächste Umgebung, sah dann im Finstern hinaus, blickte über und unter sich, zu beiden Seiten und gegenüber, horchte, erwog alle Umstände und erklärte endlich, er wisse im Augenblick nicht anzugeben, wie die Diebe hereingekommen seien, wobei er Herrn Stubborn halb schlau, halb mißtrauisch ansah. Dann untersuchte er die Kasse. Er betrachtete die von einer großen Gewalt etwas zurückgebogenen Riegel, einen Eindruck am Eisenrand des Deckels und einen tieferen im Fußboden, zu dessen Seiten sich zwei noch tiefere Löcher zeigten. Hierauf stand er auf und sagte zu seinen Kollegen sehr entschieden nur das Wort »Wagenwinde«, worauf diese mit »Wagenwinde« zustimmten und Stubborn ansahen, als hätten sie ihm sein Geld nun wiederverschafft.
Stubborn bat, es möchte ein Mann zur Wache dableiben, im Fall es den Räubern etwa einfalle, nochmals zu kommen.
»Oh!« rief Herr Stork lachend. »Deshalb können Sie ruhig bei offenen Türen schlafen. Die kommen heute sicherlich nicht wieder. Morgen wollen wir weiter untersuchen, bis dahin schlafen Sie wohl!«
Die Beamten gingen die Treppe hinab und ließen Stubborn allein, der sich einriegelte und angekleidet auf ein Sofa warf, nachdem er sein Dolchmesser zur Hand gelegt. So lag er die Nacht über und hörte auf jedes Geräusch und jedes Knacken des Holzwerkes in dem alten Hause. Er schlich nach der Tür und horchte und steckte oft den Kopf zum Fenster hinaus, um in das schwarze Flet hinabzublicken. Er sah über sich den dunklen Hausgiebel mit einem Kranbalken in die Nachtluft ragen und dachte daran, ob vielleicht die Diebe von dort herabgekommen seien. Indem er so in die Nacht hinaushorchte und schaute, erschien plötzlich drüben an einem Vorhang der stets verschlossenen Fenster ein schwacher Lichtschimmer und ein Schatten, der aber sofort wieder verschwand.
Stubborn starrte hinüber und konzentrierte alle Aufmerksamkeit auf die Fenster. Er hielt sie bisher für unbewohnt und sah jetzt Licht. Der Schatten erweckte eine dunkle Erinnerung an etwas, was ihm oft vorgekommen. Er konnte aber nicht herausbekommen, ob an einen Besen, einen Zaun oder Busch. Er zermarterte sich den Kopf, bis der Tag anbrach und die Häuser bleich und grau aus der Dunkelheit hervortraten, bis die höchsten Giebel von der Morgensonne vergoldet wurden.
Da bewegte sich der Vorhang und ward in die Höhe gezogen. Die Augen Stubborns wollten fast aus den Höhlen springen, als sich das Fenster öffnete und die Ursache des borstigen Schattens ihm plötzlich klar wurde, denn im Fenster erschien – Herr Trick mit unendlich vergnügtem Lächeln und emporgestrichenen Haaren, eine Reveille auf seiner Nase trommelnd und vergnügt herübernickend, wobei er, einen Brief in die Luft schwenkend, lustig rief:
»Morgen, Herr Kompagnon! Nachrichten aus Batavia. Will sie Ihnen vorlesen. Passen Sie auf! Halb und halb! Ich will es gleich ins Deutsche übersetzen!«
Hierauf bog er sich aus dem Fenster, wobei er das Hinabstürzen riskierte und so laut las, daß man es auf der Brücke hören konnte:
»Herren Stubborn & Co., Hamburg. Batavia, 15. März. Obgleich wir unserm Übereinkommen wegen des Schiffes ›Die Gebrüder‹ prompt nachgekommen sind und es in der Sundastraße –«
»Halt! Sie verfluchter Schuft! Halt!« schrie Stubborn aus seinem Zimmer, in das er etwas zurückgetreten war, damit ihn die Nachbarn nicht sehen konnten.
»Gut,« sprach Trick, den Brief zusammenbrechend und einsteckend, »wenn Sie ihn lieber selbst lesen wollen, er steht Ihnen für eine mäßige Summe zu Diensten.«
»Ich werde Sie verhaften lassen, Sie Räuber!« zischte Stubborn hinüber.
»Ah, und den Brief hier natürlich mit«, sprach Trick lachend, indem er auf die Tasche klopfte, in der er steckte.
Stubborn rannte mit einem Fluch vom Fenster, denn man klingelte an seiner Tür. Herr Stork mit noch einem Beamten trat ein und folgte ihm in das Zimmer, wo er verblüfft nach Trick hinübersah, der in seinem Fenster lag und herüberblickte.
»Ist das nicht Ihr Buchhalter?« fragte er Stubborn.
Dieser bejahte und warf einen finstern Blick hinüber.
»Seit wann wohnt er dort drüben?« forschte der Beamte.
»Seitdem mich Herr Stubborn aus der Wechselhaft entließ und hier einquartierte, damit ich sein Quartier bewachen sollte. Nun schickt er mich gestern gegen Abend noch nach Harburg hinüber, von wo ich soeben komme, und behauptet jetzt, er sei indes bestohlen worden. Ich glaube es aber nicht! Ich glaube eher, es ist hier mit meinem Herrn Prinzipal nicht mehr recht richtig!« schrie Trick, mit dem Finger auf die Stirn deutend. »Es ist nicht mehr mit ihm auszuhalten. Sie können mir's glauben«, sprach er zu den Beamten.
Herr Stork blickte Stubborn etwas bedenklich an und nahm eine Prise. Dann fragte er ihn, nach Trick hinüberblickend: »Haben Sie keinen Verdacht?«
Trick klopfte mit einer Hand an die Nase und mit der andern auf den Brief in seiner Tasche.
»Nein«, sprach Stubborn grimmig.
»Hm, hm. Es ist gestern hierherum ein Gerüst aufgezogen worden. Sollte sich da vielleicht eine Spur finden lassen?« bemerkte Herr Stork.
»Von dort müßte der Herr Prinzipal selbst in sein Fenster gestiegen sein, denn es wurde aufgezogen, um meine Fenster auszubessern, und Herr Stubborn sah dabei so lange zu, bis das Gerüst wieder unten und fort war. O nein, auf solche Sachen geben wir gut acht, lieber Herr, damit fängt uns keiner! Nicht wahr, Herr Prinzipal?« rief Trick lachend.
»Nein, nein«, murmelte Stubborn verzweifelt, denn er mußte sich erzählen lassen, wie man ihn bestahl und durfte diese Entdeckung nicht benutzen.
»Wahrhaftig!« bekräftigte Trick. »Stubborn & Co. werden doch nicht extra ein Gerüst aufziehen lassen, um sich selbst zu bestehlen! Ha, ha, ha! Seit dem letzten Diebstahl sind wir vorsichtiger geworden. Sie haben mir übrigens noch gar nicht gesagt, was Ihnen gestohlen sein soll«, wandte er sich an Stubborn.
Dieser griff sich in die Haare und versuchte sich zu skalpieren, ohne Antwort zu geben, wobei er Trick den Rücken wandte.
Trick zog die Augenbrauen in die Höhe und spitzte den Mund gegen die Beamten, während er mit dem Zeigefinger bedeutungsvoll nach der Stirn zeigte und dann, den Kopf schüttelnd, pantomimisch zu verstehen gab, daß Herr Stubborn hoffnungslos übergeschnappt sein müsse, woran die Beamten jetzt selbst zu glauben anfingen.
»Was soll denn nur um's Himmels willen drüben gestohlen worden sein?« rief er dann ärgerlich.
»Fünfzigtausend Mark aus der Geldkasse«, brummte Herr Stork.
»Fünfzig – Unsinn!« schrie Trick in höchstem Erstaunen. »Soviel Geld haben wir ja seit dem großen Diebstahl niemals in der Kasse gehabt. Ganz unmöglich!« schloß er kopfschüttelnd und nochmals auf seine Stirn deutend.
Stubborn ächzte, als sei er schwer verwundet worden, und fiel erschöpft auf ein Sofa. Der gräßliche Kompagnon heftete sich wieder an seine Fersen. Eine schreckliche Wut erfaßte ihn. Es wirbelte in seinem Kopf und er konnte nur einen festen Gedanken fassen: Mord – Mord – Mord – durch den Trick beseitigt werden mußte.
Herr Stork sprach indes: »Hm – hm – hm«, schnupfte und bemerkte, daß bei so bewandten Umständen die Anhaltsgründe fallen zu lassen und eine einfache Diebstahlsanzeige zu machen sei. Das wäre vorderhand das einzige. Damit empfahl sich Herr Stork nebst Kollegen und tauschte mit diesem die Meinung aus, daß dort oben weder fünfzigtausend, noch fünfzighundert, noch fünfzig Mark gestohlen worden, sondern Herr Stubborn jedenfalls den Knall habe und an der fixen Idee leide, von Zeit zu Zeit bestohlen zu werden. Herr Trick, der ihm bald folgte, war derselben Meinung und hielt es sogar für geraten, den Herrn Prinzipal ein wenig im Auge zu behalten, damit er keinen zu großen Schaden anrichte, wenn sich sein Zustand verschlimmere. Er wäre überzeugt, daß Stubborn in einem Raptus die Kasse selbst aufgesprengt, das Geld herausgenommen und irgendwo versteckt habe. Sobald sich weitere Anzeichen von Geistesstörung bei ihm zeigten, werde er die Beamten davon benachrichtigen. Damit trennte sich der Buchhalter, tief bekümmert über den Zustand seines Prinzipals. Auch der alte Wolf schüttelte den Kopf, nachdem er bei Stubborn erschienen war und die Sachlage betrachtet hatte. Er glaubte zwar an den Diebstahl. Aber ganz überzeugt war er nicht, da Stubborn Herrn Trick mit keiner Silbe erwähnte.