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V.
Der Auszug der Clarissinerinnen

Der lang gefürchtete und entscheidende Schlag war endlich geschehen. Joseph hatte muthig, die Gefahr kennend, aber sie nicht fürchtend, Den Kampf mit seinen gefährlichsten Feinden begonnen, er hatte der Priesterschaft den Fehdehandschuh hingeworfen, und hatte mit demselben sogar den Stuhl des heiligen Petrus zu Rom getroffen.

Der erste Schlag, den er führte, traf die geistlichen Oberhirten in seinen Landen, die Bischöfe. Sie sollten von nun an Unterthanen sein des Kaisers, wie alle übrigen Unterthanen. Unabhängig und frei von dem Papste sollten sie als Staatsbürger dem Kaiser allein gehorsam sein, und keine Bulle und kein Befehl des Papstes sollte zur Ausführung kommen, bevor nicht der Kaiser dazu seine Erlaubniß ertheilt. Die Bischöfe sollten in ihre alten Rechte wieder eingesetzt werden, und die angemaßte Befugniß des Papstes, daß Er allein in katholischen Landen Dispensationen in Ehesachen, Ablässe und Strafen gebieten könne, sollte aufhören und in die Hände der Bischöfe übergehen.

Aber dies war nur der erste Schritt, den der Kaiser gegen das erzitternde Rom that. Frei wollte er sein Volk haben und selbstständig, und auch die Priester und Geistlichen zählte er zu seinem Volk.

Deshalb entband er alle geistlichen Gemeinden und Ordenshäuser in den österreichischen Erbstaaten von aller Verbindlichkeit und allem Zusammenhang mit auswärtigen Obern, Provinzen und Klöstern, und der Ordensgeneral zu Rom durfte den österreichischen Ordensgeistlichen keine Gesetze mehr auferlegen, nur die einheimischen Bischöfe hatten das Recht dazu. Kein Geld durfte mehr von den Klöstern und Brüderschaften außer Landes gesandt werden, keine geistliche Verordnung durfte ohne Landesfürstliche Genehmigung verbreitet werden.

Diese Verordnungen brachen indeß nur den Machteinfluß, den Rom sich in Oesterreich angemaßt, sie betrafen nur Roms Einfluß auf den Clerus, aber sie erschütterten noch nicht den Machteinfluß, den der Clerus auf das Volk bis dahin ausgeübt. Diesen indeß zu brechen, sein Volk frei zu machen von der Vormundschaft der Priester, die Gewissen zu erlösen von den Banden der Bigotterie und des Aberglaubens, das war das große Ziel, welches der Kaiser sich selber gesteckt, darnach wollte er ringen und streben, unbeirrt von den ängstlichen Mahnungen seiner Freunde, von den wüthenden Drohungen, seiner Feinde.

Das Volk sollte frei werden von den Priestern und dem Aberglauben.

Hinweg also mit dem Ablaßkram, den Amuletten, den Wallfahrten und Prozessionen. Die Religion sollte gereinigt werden von dem Flitterstaat und dem Aufputz, den Hochmuth, Unwissenheit und Eitelkeit ihr seit Jahrhunderten angeheftet, die Priester sollten wieder die Diener der Kirche, nicht mehr ihre Herren sein, und anstatt das Volk, wie sie bisher gethan, zu verdummen, sollten sie dasselbe aufklären. Deshalb befahl der Kaiser, daß sie selber gehalten sein sollten, sich Kenntnisse zu erwerben und gründliche Studien zu machen, deshalb gründete er Seminarien, in denen die angehenden Priester erzogen werden sollten zur Toleranz, zur Liebe und zur Freiheit.

Aber dieses Alles war doch nur die Vorbereitung zu dem großen Schlag, mit dem der Kaiser endlich dieses ganze Gebäude der Priesterherrschaft und des Monachismus zerschmettern und in Staub legen wollte.

Dieser letzte entscheidende Schlag war die Aufhebung der Klöster.

Die Klöster sollten nicht mehr eine Zufluchtsstätte sein für die Trägheit, die Arbeitsscheu, die Genußsucht und Bequemlichkeit. Arbeiten und nützlich sein sollten die Mönche sowohl wie die Nonnen. Ein heiliges und gottseliges Leben, der Drang nach Einsamkeit und Stille, um in heiliger Zurückgezogenheit die Hände zu müßigen Gebeten zu falten, das sollte nicht mehr die Aufgabe der Mönche und Nonnen sein, und deshalb erließ der Kaiser ein ganz neues, nie geahntes Gesetz. Alle die nutzlosen Klöster sollten aufgehoben werden und die Bewohner derselben sollten in das Leben, in die Wirksamkeit, zu der Arbeit um das tägliche Brod, zurückkehren.

Und jetzt ging ein Schrei des Entsetzens durch alle österreichischen Lande, aus den Klöstern tönte er hervor und fand seinen Widerhall in allen Hütten und allen Palästen, und Alles schrie und jammerte und klagte: der Kaiser will die Religion vernichten! Der Kaiser greift sie an in ihren heiligsten Satzungen, der Kaiser ist ein Ungläubiger, ein Ketzer, und er will auch sein Volk zu seinen Gesinnungen bekehren, und er will auch sein Volk mit hineinziehen in das Verderben, mit dem eines Tages die Rache des Himmels ihn selber zerschmettern wird.

So sprachen und wehklagten die Priester, und das Volk sprach und wehklagte es ihnen nach. Die Religion, klagte man, sei gefährdet, die heilige Kirche sei bedroht von dem ungläubigen Kaiser.

Joseph hörte wohl dies Geschrei, aber er lächelte dazu. Wenn die Priester aufhören werden zu schreien, wird mein Volk die Stimme der Vernunft hören und mir danken für das, was ich thue, sagte er. Und wenn sie sehen, daß der Himmel nicht einstürzt an dem Tage, an welchem die faulen Mönche und Nonnen ihre Klöster verlassen und wieder eintreten müssen in die Welt, oder sich zum Dienst in nützlichen Klöstern bequemen, wenn sie sehen, daß Gott keine Blitze sendet, mein ruchlos Haupt zu zerschmettern, so werden meine guten Unterthanen doch zur Besinnung kommen, und sie werden einsehen, daß ich sie frei gemacht von einer schlimmen Geistesfessel! Ich will ja nur das Beste meines Volkes, und es wird mich gewiß einst dafür lieben und mir danken!

Aber noch freilich war das Volk nicht zu dieser Einsicht und Erkenntniß gekommen, noch entsetzte es sich vor diesem freigeistigen Kaiser, der mit seinen räuberischen Händen die Pforten der Klöster öffnete, die frommen Bewohner hinausstieß in die Welt, und von den Altären, und aus den Schränken der Sacristeien die heiligen Kirchenschätze nahm, um sie in Geld zu verwandeln und dasselbe zu seinen nützlichen Zwecken zu verwenden.

Aber der kaiserliche Befehl ward nicht zurückgenommen, trotz Priesterwuth und Volksgeschrei, und der zwölfte Januar 1782 war der Tag, an welchem das kaiserliche Decret über die Klosteraufhebungen zur Ausführung kommen sollte.

Zu ganzen Schaaren stürzte daher das Volk von Wien nach dem Königskloster, aus welchem die heiligen Clarissinerinnen heute ihren Auszug halten sollten, und dessen Klosterschätze man zugleich in öffentlicher Auction versteigern wollte.

Tausende von Menschen füllten die Straßen und starrten hinüber nach den Pforten des Klosters, vor denen die Commissarien des Kaisers in voller Uniform sich aufgestellt hatten, um von der Priorin des Klosters im Namen des Kaisers die Schlüssel in Empfang zu nehmen.

Unweit davon sah man die Beamten der öffentlichen und gerichtlichen Auctionen ihre Tische aufschlagen und ihre Papiere und Schreibgeräthe in Bereitschaft setzen, und neben ihnen hatte sich ein Schwarm jüdischer Handelsleute aufgestellt, welche das Kloster begierdevoll wie Raben umschwärmten.

Seht sie an, die Söhne der Finsterniß, murmelte der Priester, der sich da drüben unter den dichtesten Volkshaufen gemischt hatte, seht diese Juden, welche der Kaiser frei gegeben hat, daß sie heute sogar hierher kommen dürfen, um die heiligen Klosterschätze zu kaufen, die der Herr Kaiser verauctioniren läßt! Der Jude wird die herrlichen Monstranzen und Weihkessel kaufen, welche Eure Priester zum Dienste Gottes gesegnet hatten, und er wird sie einschmelzen und Geld daraus machen zu niedrigem Handel und Wandel. Der Jude wird die kostbaren alten Nachtmahlskelche kaufen, aus denen Eure Priester Euch den Segen zugetrunken, er wird daraus trinken, wenn er den Schabbes feiert und den Christen flucht. Der Jude wird die goldgestickten Tiaren Eurer Priester kaufen, und er wird seiner Frau daraus Kleider machen, mit denen sie im Tempel und auf der Straße einherstolziren kann. Der Jude darf das Alles thun, denn der Kaiser hat es ihm erlaubt, der Kaiser hat den Juden frei und den Christen unfrei gemacht, der Kaiser hat dem Juden erlaubt, zu thun, was er will, und es dem Christen verboten, denn unsere frommen Brüder und Schwestern dürfen dem Herrn nicht mehr dienen, sie werden ausgetrieben aus ihren Tempeln und die Juden werden hereingelassen, damit sie schachern und handeln in den heiligen Räumen, in denen sonst nur fromme Lieder und inbrünstige Gebete erschallt sind.

Das Volk hatte sich dicht um den Priester gedrängt, in athemloser Andacht mit flammenden Blicken und finstern Mienen hatte es den leisen Worten desselben zugehört, und als er jetzt schwieg, lief durch die dichtgedrängten Haufen ein drohendes Gemurmel, wie das Rollen eines nahenden Unwetters hin, und manche Faust hob sich empor und mancher wüthende Blick richtete sich hinüber nach den Juden, die da standen und lachten und plauderten, und des Moments harrten, wo sie »Geschäfte« machen könnten.

Wir werden es nicht erlauben, Ehrwürden, rief ein junger Bursche mit wüthenden Mienen und drohend gehobenen Armen, wir werden es nicht erlauben, daß die Juden die heiligen Schätze kaufen, und ihre Weiber die Kleider unserer Heiligen anziehen.

Nein, wir werden das nicht erlauben, schrie und heulte der ganze Haufe.

Ihr werdet es erlauben müssen, sagte der Priester, denn der Kaiser hat es befohlen, und Ihr seid dem Kaiser allein Gehorsam schuldig, nicht mehr dem heiligen Vater zu Rom, auch nicht mehr Euren Seelsorgern und Geistlichen. Der Kaiser allein ist Euer Herr, ihm allein habt Ihr zu gehorchen, und wenn er das heilige Gebäude dort den Juden verkaufen will, so dürft Ihr nicht murren, wie auch die frommen Clarissinerinnen nicht murren dürfen, die der Kaiser heute austreibt aus ihrer heiligen Heimath, die sie sich erkauft haben mit ihrem Gelde und den Gelübden ihres Herzens, welche sie Gott dargebracht. Ihr Geld behält der Kaiser, und von ihren Gelübden gegen Gott entbindet sie auch der Kaiser, und stößt die armen Lämmer des Herrn hinaus in die Welt und macht sie zu Märtyrern. Oh, wir Alle werden unter diesem freisinnigen Kaiser, der die Heiligen verspottet und die Priester verhöhnt, Märtyrer werden müssen unsers Glaubens. Aber wir werden es dulden in freudiger Begeisterung, denn wir werden dulden für Gott und unsere Kirche. Seht nur, da kommen sie einher gewallt, die frommen Märtyrerinnen der neuen Zeit! Seht nur die Dulderinnen, denen man verbieten will, ihrem Gott zu dienen.

Und mit weit ausgebreiteten Armen, das Antlitz von Thränen überfluthet, deutete der fanatische Priester hinüber nach dem Kloster. Die Pforten desselben hatten sich eben geöffnet, und in feierlichem Schweigen verließen die Nonnen das Kloster, dessen Pforte sie nun nie wieder überschreiten sollten. Voran schritt die Priorin, in ihrem weißen Ordenskleid, das Haupt umweht von dem langwallenden Schleier, das von Thränen überfluthete bleiche, vom Alter durchfurchte Antlitz gen Himmel gewandt, die Hände, welche das große goldene Crucifix hielten, fest an die Brust gedrückt. Paarweise folgten ihr die Nonnen, voran die alten, im Dienst des Herrn ergrauten, hinter ihnen die jungen, und dann die Novizen. Es war ein langer feierlicher Zug, der unter dem Schweigen der tiefen Rührung des Volks, aus dem Kloster hinaus trat auf die Straße, um sich selber die letzte Ehre zu erzeigen, und sich selber zu begraben.

Vor den kaiserlichen Commissarien machte der Zug Halt. Eine athemlose Stille trat ein. Mit gefaltenen Händen, mit von Thränen verdüsterten Blicken schaute die Menge auf die ehrwürdige Priorin, welche jetzt, dem grausamen Befehl gemäß, die Schlüssel ihres Klosters und das große Kreuz der Priorin in die Hände des kaiserlichen Commissarius niederzulegen hatte.

In tiefem Schweigen, mit Thränen in den Augen, schaute die Menge ihr zu, hier und da sah man die Frauen die Kniee beugen und die Hände falten zu stummen Gebeten, sah man die Männer drohende Blicke auf die Commissarien schleudern, oder mit der geballten Faust hinüber deuten nach der nahe gelegenen Kaiserburg; dann wieder wandten sich Aller Augen auf die ehrwürdige Priorin und ihre Nonnen hin.

Die Priorin war vor dem Commissarius stehen geblieben und hatte mit fester Hand ihm den Schlüssel der großen Hauptpforte des Klosters dargereicht. Ihre Hand hatte nicht gezittert, als sie das that, ihr Auge hatte nicht einen Moment sich vom Himmel abgewandt. – Aber jetzt sollte sie auch das heilige Kreuz, das Zeichen ihrer Würde, dahin geben, und dies Opfer schien die Kräfte der frommen Frau zu brechen. Sie streckte die Hand aus, um dem Commissarius das Kreuz darzureichen, aber wie er es fassen wollte, zog sie dasselbe zurück und drückte es fest an ihre Brust. Dann hob sie es empor an ihre Lippen, und indem sie es küßte, fielen ihre Thränen darauf nieder und schmückten es wie mit funkelnden Brillanten.

Die Menge erbebte von tiefem Mitgefühl, lautes Schluchzen allein unterbrach das tiefe Schweigen, selbst die Drohungen waren verstummt und nur noch von Rührung erfüllt waren ihre weichmüthigen Herzen.

Nun hob die Priorin mit beiden Händen das Kreuz empor, hoch über ihrem Haupt, und wie sie das that, hoben auch die Nonnen die Arme auf zum Himmel, weinend, mit leisen Gebeten auf den zitternden Lippen.

Vielleicht hatten sie immer noch gehofft, Gott werde sich ihrer erbarmen, er werde ein Wunder thun und den Frevel verhindern.

Aber Gott blieb stumm, und also mußte man sich dem Befehl des Kaisers unterwerfen.

Die Priorin ließ ihre erhobenen Hände sinken, und zitternd, das Haupt auf die Brust gesenkt, reichte sie den Commissarien das Kreuz dar. Aber als sie es jetzt mit einem raschen Griff ihren Händen entwanden, da hob sie mit einer drohenden Geberde ihr Haupt wieder empor, da öffnete sie die bleichen Lippen und mit lauter Stimme rief sie: Wehe! Wehe!

Wehe! Wehe! riefen die Nonnen ihr nach, und wie von einer schmerzlichen Verzweiflung erfaßt, jammerte und wehklagte die Menge: Wehe! Wehe!

Das Opfer war vollendet, dem kaiserlichen Befehl genügt. Die Priorin hatte den Schlüssel und das Kreuz hingegeben, und damit waren sie und die Nonnen ihres heiligen Gelübdes entbunden, damit waren sie ausgestoßen aus dem Kloster in die Welt.

Schwankend, ihre ganze Gestalt von frommen Schauern durchbebt, wandte die Priorin von den Commissarien sich ab, um nun hineinzugehen in die Welt, die sie nicht mehr kannte, in der sie keine Heimath, keine Freunde mehr hatte, in der sie eine Fremde war.

Aber der Kaiser hatte es befohlen, und man mußte gehorchen.

Das Haupt gesenkt, die Hände auf der Brust gefaltet, ging die Priorin vorwärts, und gleich ihr, mit gesenktem Haupt und gefalteten Händen, folgten die Nonnen. Ihr Auge schaute nicht auf den Weg, sie wußte nicht, wohin sie ging, wohin sie ihre Schritte lenkte. Sie ging nur vorwärts, vorwärts, gerade hinein in das dichteste Gewühl der Menge, die sich vor ihr auseinander theilte, wie das Meer vor dem Kiel des stolzen Schiffes und ihr einen Weg frei gab. Unwissend dessen, was sie that, schritt die Priorin hinein in die Gasse, gerade hinein in den seufzenden, weinenden, klagenden Volkshaufen, und hinter ihr her schritten die Nonnen, angestaunt von den Blicken der Männer und verschämt vor ihnen die Augen senkend.

Der Priester, der vorher zu dem Volk geredet, hatte sich jetzt durch die Haufen durchgedrängt und mitten im dichtesten Gewühl begegnete er der Priorin.

Wohin willst Du, meine Tochter? fragte er mit lauter Stimme.

Sie hob ihr Haupt empor und blickte ihn mit ernsten, thränenlosen Augen an. In die weite, weite Welt, sagte sie trostlos.

Weshalb thust Du das? fragte er wieder. Hast Du nicht Deinem Gott und dem Papst zu Rom geschworen, dem Herrn zu dienen und ihm treu zu sein bis an Deinen Tod? Haben nicht Gott und der Papst Dein Gelübde empfangen?

Gott und der Papst haben mein Gelübde und das meiner frommen Schwestern empfangen, aber der Kaiser hat uns unserer Gelübde entbunden. Der Kaiser will nicht, daß wir Gott dienen, daß wir beten und uns kasteien, und in frommen Bußübungen uns vorbereiten auf den Tod.

Der Kaiser will, daß Ihr nützliche Mitglieder der menschlichen Gesellschaft werdet, rief eine mächtige Stimme mitten aus dem Menschengewühl hervor. Der Kaiser will, daß Ihr beten sollt mit guten Handlungen, und daß Ihr, statt in Unthätigkeit ein nutzloses Dasein zu führen, gute Frauen, tugendhafte Mütter werden, und dem Staat Kinder geben und erziehen sollt, denn das ist der Beruf, den Gott selber dem Weibe gegeben.

Ein drohendes Gemurmel durchlief die Menge, und Aller Augen richteten sich nach jener Seite hin, von woher die Stimme gekommen. Aber vergebens suchten die wüthenden Blicke des Priesters Den zu erspähen, der so dreiste Worte gesprochen; es war unmöglich, ihn in der Menge ausfindig zu machen.

Die Priorin hatte wieder ihr Haupt gesenkt und wollte weiter schreiten, aber noch einmal hielt der Priester sie auf. Aber wo werdet Ihr denn jetzt wohnen? fragte er. Wovon werdet Ihr leben? Hat man Euch Euer Vermögen wiedergegeben, was Ihr dem Kaiser geschenkt, als Ihr in dasselbe eintratet?

Das Kloster mit seinen Schätzen gehört jetzt dem Kaiser, sagte die Priorin sanft. Der Kaiser hat Alles zu seinem Eigenthum gemacht, aber Jeder von uns giebt er eine Pension von zweihundert Gulden.

Aber man kann nicht leben von zweihundert Gulden! rief der Priester erzürnt.

Man kann davon leben, wenn man durch Arbeit sich Etwas dazu verdient, rief die mächtige Stimme von vorhin. Fragt diese braven Leute, sie, die immer gearbeitet, immer Gott mit ihrem Fleiß gedient haben, fragt sie, ob Jeder von ihnen sich nicht glücklich preisen würde, wenn er eine Pension von zweihundert Gulden erhielte? Was haben denn die faulen Nonnen für Verdienste, daß sie mehr haben wollen, wie die fleißigen Arbeiterinnen? Und wenn ihnen die Pension nicht genügt, warum treten sie denn nicht ein in die nützlichen Klöster der Ursulinerinnen und Elisabethinerinnen, wie der Kaiser es ihnen freigestellt? Diese beiden Klöster wird der Kaiser niemals aufheben, denn die frommen Ursulinerinnen und Elisabethinerinnen dienen Gott und dem Kaiser, indem sie Kranke pflegen und Kinder erziehen. Warum, da Ihr so große Furcht habt vor der Welt, tretet Ihr denn nicht in die Klöster und dient dem Herrn, indem Ihr Euch Euren Mitmenschen nützlich macht?

Ja, warum thut Ihr das nicht? fragten hier und dort einzelne Stimmen, und immer lauter und lauter ward die Frage: warum thut Ihr das nicht? Warum geht Ihr nicht zu den Elisabethinerinnen und Ursulinerinnen, die unsere Kinder erziehen und uns pflegen, wenn wir krank sind?

Stimmt ein heiliges Lied an und zieht schnell von dannen, murmelte der Priester rasch, indem er von der Priorin zurücktrat.

Und jetzt erhob die Priorin ihre Stimme und mit mächtigem Laut stimmte sie an: Cujus animam gementem, contristantem et dolentem pertransivit gladius!

Pertransivit gladius! fielen die Nonnen mit schmetternden Stimmen ein, indem sie rascher vorwärts schritten, unaufgehalten von dem Volk, in dessen Augen die Thränen getrocknet waren, und dessen Rührung sich bei den Worten, welche jene unbekannte Stimme zu ihnen gesprochen, abgekühlt hatte.

Während die Nonnen so unbehindert und unaufgehalten weiter zogen, blieb das Volk ruhig auf seinem Platz stehen und begann allmälig seine Blicke von den Nonnen ab und wieder dem Kloster zuzuwenden. Nur drei Männer, die Hüte tief über die Stirn gedrückt, die Rockkragen hoch über ihr Antlitz emporgezogen, machten sich Bahn durch die Menge und folgten in einiger Entfernung den Nonnen.

Ihr seht, meine Freunde, sagte der Eine von ihnen, das Volk ist immer gelehrig und gut. Ein paar verständige Worte genügten, um alle die Machinationen jenes fanatischen Priesters zu zerstören, der durchaus das Volk aufhetzen wollte.

Und dem es auch gelungen wäre, wenn Ew. Majestät –

Still, um Gottes willen, Lacy, verrathen Sie uns nicht, flüsterte der Kaiser. Wir sind ehrsame Arbeiter, mein Freund, weiter nichts!

Und weiß Gott, wir haben als ehrsame Arbeiter mit unsern Händen und Ellenbogen zu thun gehabt, um uns durchzudrängen, brummte Lacy. Es war in der That ein gefährliches Unternehmen von Ew. – von Ihnen, hierher zu gehen.

Ich mußte hier sein, um das Volk zu betrachten, um den Eindruck zu studiren, den dieser Auszug der Nonnen auf die Gemüther machte, und um meine schlauen Feinde in ihrem eigenen Kriegslager zu beobachten. Denn als die Frau Priorin mich ersuchen ließ, ihr und den Nonnen freien, feierlichen Abzug aus dem Kloster zu gestatten, ahnte ich sogleich, daß sie irgend einen geheimen Zweck mit dieser Bitte verbanden. Deshalb verweigerte ich es ihnen auch nicht, damit meine hochmüthigen und mächtigen Feinde nicht etwa vermeinten, ich hätte Furcht vor ihnen, aber deshalb mußte ich auch mit zur Stelle sein, um zu sehen, was sie beabsichtigten und welchen Plan sie entworfen. Und sagen Sie selbst, Lacy, war es nicht gut, daß wir da waren? Habe ich nicht diesen Schwarzröcken eben durch List eine Schlacht abgewonnen? Wollten sie nicht die gutmüthige, gerührte Menge zu einer Empörung aufreizen? Wiegelten sie nicht mit ihrer frommen und vortrefflich gespielten Komödie mein gutes Volk auf, daß es im Begriff war, sich wider mich zu empören?

Es ist wahr, sagte Lacy, es hatte ganz den Anschein, als wolle das Volk zu wildem Zorn sich aufstacheln lassen von dieser frommen Komödie.

Oh, ich kenne ja meine verschmitzten Feinde! rief der Kaiser. Man muß immer auf der Huth vor ihnen, und immer auf einen hinterlistigen Angriff gefaßt sein. Nun, diesmal habe ich sie mit ein paar Worten aus dem Felde geschlagen. Aber sie werden sich vielleicht an einer andern Stelle wieder sammeln. Gehen wir nach der Nicolai- und nach der Seilergasse, wo die zwei andern Clarissinerinnen-Klöster auch aufgehoben werden. Sehen wir, was sich dort begiebt.


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