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V.
Die Kaiserin und ihr Herr

Bleich, mit flammensprühenden Augen, mit übereinandergeschlagenen Armen saß Potemkin da, und seine Blicke schienen mit ihren zornigen Blitzen diese Frau zerschmettern zu wollen, die scheu, athemlos vor ihm zurückbebte, und nicht den Muth hatte, um Hülfe zu rufen, nicht die Kraft, nur mit einem Wort den unerwarteten Besuch zu begrüßen.

Auf einmal erhob sich Potemkin von dem Divan, und seine stolze, colossale Gestalt richtete sich in ihrer ganzen majestätischen Höhe empor.

Katharina erbebte und wich scheu zurück. Aber Potemkin ging grade an ihr vorüber und schritt durch das Cabinet nach der Thür hin, durch welche Katharina eben eingetreten war. Mit einer raschen Bewegung seiner Hand drückte er die Thür zu, verschloß sie, zog den Schlüssel heraus, und steckte ihn in seine Tasche.

Katharina, welche ihm mit entsetzten Blicken nachgeschaut hatte, zuckte zusammen im tödtlichen Schreck, und ließ ihre Blicke suchend, hülfeflehend im Zimmer umherschreiten! Nirgends ein Ausweg, eine Rettung, jeder Weg zur Flucht abgeschnitten! Sie war allein mit Potemkin, ganz allein!

Kein Wort war bis dahin von ihnen gesprochen worden, und grauenvoller und entsetzlicher, als alle Worte es vermocht hätten, sprach dieses Schweigen zu dem Herzen der Kaiserin, und mehr beängstigte es ihre Seele, als die lautesten Vorwürfe es vermocht hätten.

Aber jetzt brach Potemkin dieses Schweigen und diese fürchterliche Stille. Sich der Kaiserin grade gegenüber stellend und sie anstarrend mit seinen zornigen Blicken, sagte er mit lauter, höhnischer Stimme: »Wenn Potemkin den Frieden Ihres Gemüthes stört, befehlen Sie, und er soll augenblicklich verschwinden, und Sie sollen nie wieder von ihm hören!«

Oh, rief Katharina entsetzt, er hat gehorcht, er weiß Alles!

Ja, er weiß Alles, sagte Potemkin lachend. Dank dem Schlüssel, den Katharina mir gegeben, kam ich hierher, und hinter der Tapete da verborgen, hörte ich Alles, hörte ich, wie Orloff der Kaiserin seine Henkersdienste anbot. Warum nahmst Du sie nicht an? Warum willigtest Du nicht augenblicklich ein, mich verschwinden zu lassen? Du hast das Beil in seine Hand gelegt, mit welchem er mich treffen soll, warum ließest Du es nicht sogleich niederfallen?

Er war zu ihr herangetreten, und so dicht näherte er sein flammendes Antlitz dem ihrigen, daß sie den Athem seines Mundes wie eine glühende Kohle auf ihrer Stirn brennen fühlte.

Ich frage Dich noch einmal, rief er, wüthend mit dem Fuß auf den Boden stampfend, warum ließest Du das Beil Deines Henkers nicht niederfallen auf mein Haupt? Antworte mir, ich will es! Antworte mir!

Als Katharina immer noch schwieg, streckte er den Arm empor und seine Faust hob sich drohend gegen ihr Haupt auf.

Potemkin! schrie Katharina, entsetzt zurückweichend. Willst Du mich zerschmettern?

Und wenn ich es thäte? rief er zähneknirschend. Wäre es nicht eine wohlverdiente Strafe für Deinen Verrath und Deinen Treubruch! Bin ich nicht berechtigt, das Weib zu richten und zu strafen, der ich mein Leben, meine Seele, mein Herz geopfert habe, und die mich dafür verrathen, verleumdet und beschuldigt hat, nicht in's Gesicht, nicht Stirn an Stirn, wie es großen Seelen geziemt, sondern hinter meinem Rücken, heimlich und im lichtscheuen Dunkel. Aber zittre, Du treuloses, verrätherisches Weib, die Stunde des Gerichts ist gekommen, und ich bin Dein Richter! Und ich will Dich zerschmettern mit meinem Zorn, und ich will Rache nehmen für alle Qualen, die Du mich da, hinter dieser Tapete, in einer Viertelstunde hast erdulden lassen. Antworte mir also, ich will es, ich befehle es Dir, warum hast Du das Beil nicht niederfallen lassen, das Du Deinem Henker Orloff in die Hand gegeben? Sieh mich an und antworte mir, ich will es, ich befehle es!

Wieder stampfte er wild mit dem Fuß auf den Boden, und wie Donner rollte seine Stimme durch den Raum.

Katharina, wider ihren Willen »seinem Befehl« gehorchend, hob ihren Arm zu ihm empor, und schaute in sein glühendes Antlitz. Sie sah diese hohe umwölkte Stirn, diese großen wetterleuchtenden Augen, diese grollenden purpurrothen Lippen, diese hohe, athletische Gestalt, und ein Gefühl grausigen Entzückens, seltsamer Wonne überkam sie. Vergessen war ihre Angst, ihr Entsetzen, ein süßes Beben durchschauerte ihre ganze Gestalt, und nicht achtend der drohenden Faust, die sich gegen sie erhoben, rief sie laut: Oh Alexandrowitsch, wie schön Du bist! Wie ein zürnender Gott stehst Du vor mir, und ich bete Dich an in Deiner Mannesschönheit!

Und strahlend vor Entzücken legte Katharina ihre beiden Arme um Potemkins mächtige Gestalt und lehnte ihr Haupt an seine Brust.

Potemkin stand noch immer da mit erhobenen Armen, drohend und zornerfüllt.

Warum läßt Du Deine Arme nicht niederfallen, flüsterte Katharina, warum zerschmettert mich nicht Deine Riesenhand? Sieh, ich fürchte mich nicht, ich bin bereit, den tödtlichen Schlag zu empfangen! Oh, es muß süß sein, Gregor, süß, von Deinen Händen zu sterben. Es wäre das letzte Entzücken, welches Du Deiner Katharina bereitest, und sie würde Dich segnen, indem sie stürbe! Schlag doch zu, Gregor Alexandrowitsch, zerschmettere das arme Weib, das, wenn Du ihr zürnst, nichts weiter wünscht, als zu sterben!

Potemkin ächzte tief auf, und mit einem heftigen Ruck sich von Katharinens Arm befreiend, wich er scheu, entsetzt immer weiter von ihr zurück. Auf einmal stieß er einen lauten Schmerzensschrei aus, und beide Hände vor sein Antlitz schlagend, brach er in ein lautes Weinen und Schluchzen aus.

Warum weinst Du, Potemkin? fragte Katharina, zu ihm hineilend.

Warum ich weine? fragte er mit bebender Stimme. Ich weine über mein eigenes Verbrechen! Ich weine, weil die Verzweiflung mich fast zu dem fürchterlichsten Verbrechen verleitet hat! Oh warum verdorrt sie nicht, diese tempelschänderische Hand, die sich frevelnd eben gegen das Allerheiligste erhoben hatte! Warum sendet Gott nicht einen seiner Blitze hernieder und zerschmettert den Verbrecher, der in der Raserei seines Kummers zum Hochverräther ward an seiner Kaiserin!

Ganz in Verzweiflung und Schmerz stürzte Potemkin zu Katharinens Füßen nieder, und ihre Kniee umklammernd, rief er: tödte mich, Katharina, habe Erbarmen, tödte mich, damit ich nicht wahnsinnig werde vor Reue und Schmerz!

Katharina neigte sich zu ihm nieder und versuchte ihn sanft empor zu ziehen. Nein, sagte sie leise und lächelnd, Du sollst leben, leben für mich!

Nein, rief Potemkin leidenschaftlich, richte mich nicht auf, laß mich hier zu Deinen Füßen liegen, wie der Sünder zu den Füßen des Altars liegt, und um Verzeihung fleht und seine Sünden beichtet. Ich bin ein Schuldiger, ich bin ein Verbrecher, aber es ist die Verzweiflung, welche mich dazu gemacht hat. Als ich da hinter der Tapete stand, und hörte, wie Deine Lippen mich anklagten, da fühlte ich, wie der Wahnsinn mit kalten Gespensterfingern zu meinem Hirn emporkroch. Oh, Katharina, daß Du mich anklagen konntest, Du, die ich liebe wie meine Gottheit, der ich huldige, wie meinem verkörperten Ideal, daß Du an mir irre werden konntest, das ist es, was mich zur Verzweiflung getrieben, das ist –

Er vermochte nicht weiter zu sprechen, Schluchzen erstickte seine Stimme, und sein Antlitz an Katharina's Kniee lehnend, weinte er laut.

Katharina, tief ergriffen von seinem Schmerz, die Augen von Thränen umdüstert, neigte sich zu ihm nieder, ihn mit zärtlichen Worten anflehend, aufzustehen und sich seinem Schmerz nicht hinzugeben.

Laß mich hier zu Deinen Füßen, sagte er, und laß mich weinen! Ach, ich weine jetzt nicht mehr über mich, sondern über Dich, Katharina, Dich, den schönsten Stern meines Lebens, den sie von ihrer Höhe herabziehen, dessen Glanz sie verlöschen wollen! Und es wird ihnen gelingen, denn sie haben mit ihren giftigen, gehässigen Worten das Ohr meiner Herrin schon getroffen, sie haben sie umgarnt mit ihren Ränken und Kniffen, und die große, die arglose Katharina ist in ihre Schlingen gegangen und wird darin ihre Füße verwirren, daß sie fällt, und dann ist sie verloren!

Wer ist es, von wem redest Du? fragte Katharina angstvoll.

Ich rede von meinen Feinden, welche darum meine Feinde sind, weil ich nicht mit ihnen gemeinschaftliche Sache machen wollte, weil ich ihre Hände, die sie mir darreichten angefüllt mit Gold und Brillanten, weil ich diese Hände nicht annehmen, nicht zum Verräther werden wollte an meiner angebeteten Kaiserin. Oh, sie haben mir glänzende Versprechungen gemacht, sie wollten mich herüberziehen mit Ordensbändern und Ehren, mit Verheißungen und Schmeicheleien. Aber ich hörte nicht auf sie! Was kümmerten mich die Versprechungen einer goldenen Zukunft, was kümmerte mich der Zorn des Großfürsten Paul, ich sah nur Dich, dachte nur Dich, und mehr galt mir die Größe Deiner Gegenwart, als die Sicherstellung meiner Zukunft. Ich bin Dir treu geblieben, und das ist mein Verbrechen, und darum senden sie jetzt einen der Verschwornen zu Dir, um mich anzuklagen, um mich zu verderben, denn sie wissen es wohl, daß ich ihnen auf ihrem Wege stehe, und daß sie erst über meine Leiche schreiten müssen, um zu Dir zu gelangen.

Katharina hatte ihm abermals in höchster Spannung zugehört. Seit er den Großfürsten genannt, hatte ihr Wesen sich verwandelt, war der weiche, zärtliche und gerührte Ausdruck ihrer Züge einem harten, finstern Ausdruck gewichen. Sie war jetzt nicht mehr das Weib, sondern die strenge Kaiserin.

Potemkin, sagte sie gebieterisch, und mit einer stolzen Bewegung ihrer Hand, ich befehle Dir, aufzustehen, und mir zu antworten auf meine Fragen.

Potemkin erhob sich mit der Schnelligkeit und dem Gehorsam eines Sclaven, und sagte unterwürfig: frage mich, Gebieterin! Ich schwöre es bei dem Grabe meiner Mutter, daß ich Dir die Wahrheit sagen werde!

Was sagtest Du von dem Großfürsten? Was hat er vor? Wer sind die Feinde, von denen Du sprichst? Welches sind ihre Pläne, ihre Zwecke?

Ich sage von dem Großfürsten, daß er es überdrüssig ist, länger in der Dunkelheit und Abhängigkeit dahin zu leben, während er sich berechtigt glaubt, die Krone zu tragen, welche er auf dem Haupt seiner Mutter sieht.

Katharina stieß einen Schrei des Zorns aus, und legte unwillkürlich ihre Hand an die Stirn, als wolle sie da die Krone festhalten, welche ihr Sohn bedrohte.

Er wird diese Krone nicht haben, und sollte ich mit ihm um dieselbe kämpfen von Angesicht zu Angesicht. Oh, ich will doch sehen, ob er den Muth hat, seine verbrecherische Hand auszustrecken nach dem Haupt seiner Mutter!

Er wird Hände dingen, welche den Muth dazu haben, denn Du weißt wohl, Katharina, das Verbrechen, vor dem man selber zurückscheut, das überträgt man seinen Verschworenen, und sie führen es aus.

Katharina schauerte in sich zusammen, und ein leichter Schatten flog über ihr Angesicht. Ja, ich weiß es, murmelte sie leise, und daß ich das weiß, das nimmt mir den Schlaf meiner Nächte und die Ruhe meines Gewissens.

Und der Großfürst hat Verschworene, Katharina. Nicht Einen, nicht Zwei, halb Rußland ist sein Verschworener, halb Rußland sagt, daß die Krone der Kaiserin Katharina seit seiner Volljährigkeit dem Thronfolger, ihrem Sohne, gehöre. Und dieses halbe verschworene Rußland hat seine Anführer und Feldherren; sie strecken ihr Lager bis zu den Füßen Deines Thrones, und indem sie sich den Anschein geben, Dir zu huldigen, legen sie immer enger das Netz um Deine Füße und umgarnen Dich. Und weil sie da neben Dir den treuen Wächter Deiner Sicherheit und Deiner Ruhe sehen, weil sie wissen, daß sein Auge und sein Ohr immer offen sind, daß er jede ihrer Bewegungen überwacht, so wollen sie dieses lästigen Wächters Deiner Ruhe sich entledigen. Sie sind also zu ihm gegangen und haben versucht, ihn für sich zu gewinnen, und als an seiner Treue und Liebe zu Katharinen ihre Bestechungsversuche wie ohnmächtige Pfeile an einem goldenen Schild abgeprallt sind, da sind sie zu der Kaiserin gegangen, um das Gift ihrer Verleumdungen gegen den Wächter von Katharinens Sicherheit auszuspritzen. Oh, und Katharina hat ihnen ein willig Ohr geschenkt, Katharina hat den armen Potemkin, ihren einzig Getreuen, verrathen und aufgegeben, sie hat sich von ihm gewandt und ist freiwillig hineingegangen in die Netze, mit welchen ihre Feinde sie umstellt haben. Oh, Katharina, mein Engel, meine Heilige, hüte Dich vor Deinen Feinden, hüte Dich vor dem Großfürsten, der niemals vergessen hat, wie sein Vater gestorben, und daß es seines Vaters Krone ist, die auf Deinem Haupte strahlt! Hüte Dich vor Orloff, der Dich haßt, seit Du um meinetwillen ihn verstoßen hast, und der heute, bevor er zu Dir kam, im Palast des Großfürsten mit ihm und Panin eine geheime Zusammenkunft hatte, eine Zusammenkunft, welcher auch der preußische Gesandte, Graf Görtz, beiwohnte. Oh, meine Katharina, Sonne meiner Augen, laß Deinen Glanz nicht erlöschen, strahle mächtig und segenbringend weiter über dieser Deiner Welt, die Du geschaffen, verjage die dunklen Wolken, welche langsam heranrauschen, um Dich unter ihren mächtigen Schleiern zu verhüllen. Laß es ihnen nicht gelingen, das boshafte Werk der Nacht, bleibe die Sonne, als welche Potemkin Dich geliebt hat, und wirf zuweilen einen Strahl der Erinnerung auf das einsame Grab des Mannes, dessen Herz gebrochen, weil Katharina ihm mißtraute, und der das Leben von sich warf, weil es für ihn keinen Werth mehr hatte! Und jetzt lebe wohl, mein Engel, lebe wohl! Lebe weiter zum Segen Deines Volkes! Führe die großen Pläne aus, die wir gemeinschaftlich ersonnen, und wenn Du alsdann auf dem Gipfel Deiner Größe stehst, so wende Dein Auge rückwärts, und gedenke des Freundes, der gestorben vor Schmerz um die verlorene Liebe seiner Kaiserin! Lebe wohl!

Er stürzte vor ihr nieder und küßte mit einer leidenschaftlichen Gluth ihre Füße und den Saum ihres Kleides. Dann sprang er empor, und einen letzten schmerzlichen Blick auf die Kaiserin werfend, eilte er der Thür zu.

Aber Katharina sprang ihm nach, wie eine gereizte Tigerin; mit einem hastigen Griff packte sie ihn am Arm und starrte ihn mit flammenden Blicken an. Wo willst Du hin, Potemkin? fragte sie laut.

Ich will zu Gregor Orloff gehen, sagte er feierlich, ich will vor ihm niederknieen und sagen: die Kaiserin hat Dir das Beil in die Hand gegeben. Hier ist mein Haupt, zerschmettere es, denn die Kaiserin hat es gewollt, und ich will ihr gehorchen und treu sein bis zum letzten Hauch meines Lebens.

Nein, Gregor, Du wirst bleiben, rief Katharina, weinend vor Rührung und Angst zugleich. Du wirst Deine Katharina nicht verlassen, sie nicht unbeschützt der Wuth ihrer Feinde dahin geben.

Sie legte ihren Arm um seinen Hals und wollte ihn von der Thür zurückziehen, aber er wandte sich sanft von ihr.

Laß mich hingehen und sterben, Katharina, rief er, ich mag nicht mehr leben nach Dem, was ich heute gehört habe! Oh, zu denken, daß Deine Lippen es waren, welche Potemkin verlästerten und anklagten! Laß mich sterben, Katharina!

Du sollst leben, Potemkin, um diese Lippen Dein begeistertes Lob singen zu hören, sie Dir zulächeln zu sehen vor dem ganzen Hof, vor allen Deinen Feinden!

Das wirst Du heute thun, und morgen wirst Du mich wieder verrathen! Morgen wirst Du wieder Dein Ohr den Verleumdungen Gregor Orloff's erschließen und wirst es dulden, daß er Potemkin einen ehrgeizigen Verschwender, einen Verräther Rußlands nennt.

Nein, ich werde das nicht mehr anhören, rief Katharina heftig, immer noch bemüht, Potemkin von der Thür zurückzuziehen, ich werde das nicht mehr anhören, denn ich werde Gregor Orloff nicht mehr diese Schwelle überschreiten lassen. Der Zufall hat Euch Beiden denselben Vornamen gegeben, aber damit Niemand sich täusche, welcher Gregor der Auserwählte der Kaiserin ist, darf es hier nur einen Gregor geben, das ist Gregor Potemkin!

Wie, Katharina, Du willst mir Orloff opfern? fragte Potemkin erstaunt.

Ich opfere ihn Dir, sagte sie lächelnd, es wird nur noch einen Gregor an meinem Hof und meinem Herzen geben! Gregor Potemkin!

Du schwörst es mir, Katharina?

Mein kaiserliches Wort darauf, Potemkin. Wirst Du jetzt bleiben? Wirst Du bei Deiner Katharina ausharren und sie beschützen?

Ich werde bleiben, sagte Potemkin, von der Thür zurücktretend, ich werde bleiben, um Deine Feinde zu schrecken und sie zu bekämpfen, wenn ich es noch vermag! Es soll nicht gesagt werden, daß ich geflohen bin in dem Augenblick, wo Dein edles und stolzes Haupt von Gefahren bedroht wird! Ich werde also bleiben, denn die Gefahr ist groß.

Mein Gott, Gregor, mein Herz erbebt vor Deinen Worten, sagte Katharina scheu und ängstlich. Welche Gefahren sind es denn, die mein Haupt bedrohen?

Du fragst es noch, Katharina, und Du weißt, daß der Großfürst lebt, und daß Orloff und Panin seine Vertrauten sind, und daß Preußen sein Bundesgenosse ist?

Nein, nein, Gregor, Du gehst zu weit, rief die Kaiserin lächelnd. Ich glaube Dir, daß mein Sohn Paul mich haßt, daß er mit meinem Minister und den Großen meines Reiches conspirirt, aber ich glaube Dir nicht, daß Preußen mit ihnen im Bunde ist. Der König von Preußen ist viel zu klug und viel zu weise, um nicht zu berechnen, daß es mehr in seinem Vortheil liegt, mit mir in Freundschaft zu leben, als mit meinem Sohn! Oh, König Friedrich wünscht ja sehr meine Freundschaft, und er wird nicht so unüberlegt sein, in einem Moment wider mich zu conspiriren, wo ihm Alles darauf ankommen muß, mit mir in bestem Einvernehmen zu stehen, weil das Schutz- und Trutz-Bündniß, das wir mit einander auf acht Jahre abgeschlossen hatten, zu Ende geht, und der König dessen Erneuerung wünscht! Du siehst also, Gregor, Deine zärtliche Besorgniß führt Dich zu weit, Preußen conspirirt nicht mit meinem Sohn, sondern es hält zu mir.

Oh Du edle, arglose Kaiserin, rief Potemkin gerührt, Du, welche immer nur das Große und Erhabene will und fühlt, Du hast keine Ahnung von der kleinlichen Berechnung, dem kalten Egoismus der Welt. Du glaubst, Preußen stehe treu an Deiner Seite? Nun wohl, ich sage Dir, der König von Preußen, welcher, wie Du sagst, Dein Leben wünscht, denkt zugleich sehr lebhaft an Dein Sterben und macht seine Speculationen auf Deinen Tod!

Die Kaiserin erblaßte und ein glühender Zorn blitzte in ihren Augen auf. Beweise mir das, sagte sie gebieterisch.

Potemkin verneigte sich und zog aus seinem Busen ein Papier hervor, das er der Kaiserin überreichte. Ein Brief des Königs von Preußen, den ich heute Morgen durch seinen Gesandten empfing. Lies!

Katharina nahm das Papier und las es hastig, und immer tiefere Falten legten sich auf ihre Stirn, immer düsterer ward der Ausdruck ihres Gesichtes.

Viel Schmeicheleien und viel Versprechungen, sagte sie dann. Die letzteren verstehe ich nicht ganz. Was bedeuten diese letzten mysteriösen Zeilen hier?

Das fragte ich den Grafen Görtz auch, Majestät, und er hatte die Güte, es mir zu erklären. Diese Zeilen bedeuten, daß der König von Preußen mir, wenn ich bei meiner Kaiserin seine Interessen und die Erneuerung des abgelaufenen Bündnisses verfechte, dafür seine Stimme für das Herzogthum Kurland bewilligt, mir, wenn ich es wünsche, eine deutsche Prinzessin zu meiner Gemahlin anwerben will, und endlich, daß er, im Fall des Todes der Kaiserin, mir den neuen Kaiser Paul, den jetzigen Großfürsten, so geneigt machen will, daß er mich in meinen Würden und meinen Besitzthümern beläßt!

Das ist nicht möglich, rief Katharina außer sich, das sind willkürliche Deutungen, Worte, die in der Luft verflattern!

Ich habe dafür gesorgt, daß sie es nicht thun! sagte Potemkin lächelnd.

Wie meinst Du das?

Ich bat den Grafen Görtz, mir diese Versprechungen des Königs von Preußen, die er mir mündlich gegeben, schriftlich zu wiederholen.

Und er hat es gethan? Und Du kannst mir auch dieses Papier geben?

Der Graf Görtz sagte mir, daß er Dich um eine Audienz gebeten habe, um Dir ein Schreiben seines Souverains zu überreichen, und daß Du ihm dieselbe bewilligt habest. Er kam zu mir, um mich mit all' diesen Versprechungen zu verlocken, daß ich Dich bereden sollte, gleich heute den neuen Allianztraktat mit Preußen abzuschließen. Ich versprach's und machte nur noch die Bedingung, daß, wenn Graf Görtz hierher komme zur Audienz, er mir die schriftliche Aufzeichnung der königlichen Versprechungen mitbringen möge.

Die Kaiserin warf einen raschen Blick auf die Uhr, welche da drüben auf dem Kamin stand. Es ist zwei Uhr, die Stunde, die ich dem Gesandten bewilligt habe, sagte sie. Er muß schon im Vorzimmer sein.

Wenn Ew. Majestät erlauben, gehe ich zu ihm und fordere von ihm das Papier.

Die Kaiserin nickte rasch mit dem Haupt; Potemkin zog jetzt wieder den Schlüssel hervor und schloß die Thür auf, welche in die Empfangsäle führte.

Katharina schaute ihm nach, wie er durch die Säle dahin eilte; ein tiefer Seufzer entrang sich ihrer Brust, und ganz leise flüsterte sie: es ist kein Entrinnen mehr! Er schwebt über mir, wie das unabänderliche Verhängniß, dem man in Gehorsam sich beugen muß!

Nach wenigen Minuten schon kehrte Potemkin zurück, und mit einem triumphirenden Lächeln reichte er der Kaiserin das Papier dar.

Jetzt werden Ew. Majestät nicht mehr zweifeln, daß ich die Wahrheit gesagt habe, rief er. Es ist die schriftliche Wiederholung der Versprechungen, die mir Graf Görtz mündlich im Namen seines Königs gemacht!

Katharina überflog das Blatt mit eiligen Blicken. Du hast Recht, sagte sie, der König von Preußen denkt an meinen Tod, und in Bezug auf Dich ist es mir lieb, daß er es thut, denn Deine Zukunft ist dadurch gesichert, und wenn ich dereinst sterbe, wird die Sorge und Angst um Dich nicht die Ruhe meiner Todesstunde trüben. Das danke ich dem König durch dieses Blatt. Nimm es, Gregor, und bewahre es wohl auf; einst, wenn ich nicht mehr bin, wird es Dein Freibrief sein!

Potemkin nahm das Papier aus den Händen der Kaiserin, und es heftig in mehrere Stücke zerreißend, warf er diese zu Katharinas Füßen nieder.

Potemkin, Du zerreißest dieses kostbare Papier, das Dir ein Schutzbrief bei dem zukünftigen Kaiser sein soll? fragte Katharina erstaunt.

Er sah sie mit flammenden Blicken an. Ich mag nicht mehr leben, wenn Katharina nicht mehr da ist, meinem Leben Sonnenschein, Wonne und Glanz zu verleihen, sagte er, ich wünsche, daß Paul mich tödten und vernichten möge, weil ich Dich und nur Dich geliebt habe, ich werde jauchzend sterben als ein Märtyrer meiner Liebe und meiner Treue!

Oh, Gregor, das ist ein Wort, dessen ich gedenken werde, so lange ich lebe, rief die Kaiserin, ein Wort, das Dir zu jeder Zeit alle Thüren meines Palastes öffnen soll, und mit dem Du Deine Feinde immer in die Flucht jagen sollst! Du hast mir heute viel geopfert, Gregor, aber ich will es Dir lohnen, mein kaiserliches Wort darauf! Du hast mir die Sicherheit Deiner Zukunft geopfert, ich will Dir wenigstens dafür die Gegenwart glänzend machen, und Deine Feinde sollen zu ihrer bittern Pein sehen müssen, daß sie nur dazu beitragen, Dein Schicksal noch herrlicher zu gestalten! Möge der Großfürst zittern vor einem unbedachten Wort, einer unüberlegten Handlung; Sibirien öffnet seine Steppen sowohl dem Fürsten als dem Bauern, und jeder Verräther, sei er der Großfürst oder der Leibeigene, ist vor den Stufen des Thrones gleich strafbar. Möge auch Panin sich hüten! Ich kenne ihn genau und weiß, daß die Worte Redlichkeit und Offenheit, welche er immer im Munde führt, nur der Schleier sind, mit dem er seine Intriguen verhüllt. Bei dem geringsten Schritt, den er unverhüllt thut, werde ich ihn zur Rechenschaft ziehen!

Und Preußen? fragte Potemkin mit einem feinen Lächeln.

Katharina lächelte auch. Ich kann dem König von Preußen nicht zürnen, sagte sie, denn was für Absichten er auch dabei gehabt haben mag, jedenfalls war es doch sein Bestreben, Dich groß und mächtig zu machen und Dich zu sichern vor der Zukunft, die Dich bedroht in der Gestalt meines Sohnes! Das ist edel und schön von dem König von Preußen, und dafür werde ich ihn immer achten und lieben!

Und der Allianztractat, der jetzt abgelaufen ist? fragte Potemkin düster. Wollen Ew. Majestät diesem weisen, berechnenden König den Triumph gönnen, daß dieser Tractat erneuert werde?

Darauf kann ich Dir erst dann antworten, wenn ich den preußischen Gesandten empfangen und gehört habe, welche Anträge er mir von seinem König zu machen hat! Bleibe hier, Gregor, und warte. Ich werde den Gesandten dort in dem zweiten Zimmer empfangen, und Du kannst also Alles hören, was gesprochen wird.

Die Kaiserin nickte Potemkin lächelnd zu und begab sich in den anstoßenden Salon. Potemkin ließ die Portière hinter sich zufallen, und einen Fauteuil neben dieselbe hinrollend, setzte er sich gravitätisch in demselben nieder, wie ein Richter, der bereit ist, die Anklage eines Delinquenten zu vernehmen und ihm das Urtheil zu sprechen.


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