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IV.
Die Gräfin Baillou

Die schöne Gräfin Baillou gab heute in dem Hôtel, das sie sich auf der langen Straße zu Wien gekauft hatte, ihr erstes Fest. Sie hatte dazu Einladungen an die ganze hohe Aristokratie von Wien gesandt, und überall waren dieselben angenommen worden.

Und doch lebte die schöne Gräfin erst seit einigen Wochen in Wien, doch war sie mit Niemand von der hohen Aristokratie verwandt, und niemals hatte man in diesen hohen Kreisen früher ihren Namen vernommen. Aber sie war nach Wien gekommen, ausgestattet mit zwei Dingen, welche ihr die Salonthüren der hohen Aristokratie geöffnet hatten, ausgestattet mit Empfehlungsbriefen und Gold. Ihre herrliche Equipage, ihre Lakayen in den goldbetreßten Livreen, ihre eigene glänzende Toilette, und endlich ihre große Schönheit hatten die Augen der vornehmen Welt schon gefesselt, noch bevor die Gräfin ihre Empfehlungsbriefe abgegeben.

Man hatte im Augarten ihre glänzende Equipage bemerkt, man hatte Abends im Theater das Flimmern ihrer Brillanten und ihrer wundervollen schwarzen Augen gesehen, und die ganze Schaar der jungen Cavaliere des ersten Ranges richtete von ihren Logen aus ihre Perspective auf die fremde, glänzende Dame, die da mit so viel Grazie und vornehmer Unbekümmertheit in dem Fauteuil ihrer einsamen Loge lehnte. Plötzlich sahen sie die Thür dieser Loge sich öffnen, ein junger Mann trat ein und näherte sich der schönen Fremden, die ihn mit einem Lächeln empfing, welches zwei Reihen blendend weißer Zähne blicken ließ. Ein Ausruf der Ueberraschung ertönte von den Lippen der Cavaliere, die da drüben in der großen Loge versammelt und deren Perspective noch immer auf die Fremde gerichtet waren. Sie Alle erkannten jetzt den jungen Mann, der zu der Dame eingetreten.

Es war der Graf Podstadzky Liechtenstein, der schönste, reichste, übermüthigste Cavalier des Kaiserhofes, von dessen Verschwendung, Leichtfertigkeit und Unwiderstehlichkeit ganz Wien sich die wunderbarsten Dinge erzählte, und der, seit einigen Monaten von großen Reisen zurückgekehrt, in Wien seinen Aufenthalt genommen. Seitdem war der junge Graf Podstadzky, der einzige Sohn einer der vornehmsten Aristokratenfamilien, der einzige Erbe des alten Grafen Podstadzky, welcher beim jungen Kaiser in hohem Ansehen stand, das bewunderte Vorbild aller jungen Cavaliere geworden, und Alle hatten sich bestrebt, ihm nachzueifern. Als sie daher den jungen Mann jetzt in die Loge der Fremden eintreten sahen, stand es bei ihnen Allen fest, daß es nothwendig sei, die Bekanntschaft der geheimnißvollen Dame zu machen, welcher Graf Podstadzky eben mit so viel Ehrfurcht und Aufmerksamkeit begegnete, daß er es nicht wagte, neben ihr Platz zu nehmen, sondern in ehrfurchtsvoller Haltung vor ihr stehen blieb, während sie auch nicht einen Moment um seinetwillen ihre nachlässige, bequeme Stellung aufgegeben hatte.

Als der Graf Podstadzky endlich die Loge der Dame verlassen, eilten die jungen Cavaliere aus ihren Logen, um dem Grafen zu begegnen, um ihn mit glühender Neugier über den Namen, den Stand und die Verhältnisse der jungen Fremden auszufragen.

Graf Podstadzky gab ihnen auf alle ihre stürmischen Fragen genügende Auskunft. Er erzählte ihnen, daß er die Gräfin Baillou vor einem Jahre in Rom kennen gelernt habe, wo sie mit ihrem Gemahl, einem achtzigjährigen Greis, an den die Habgier ihrer verarmten Aeltern sie verkauft hatte, ein glänzendes Haus gemacht und die Zierde der hohen, so exclusiven und strengen Aristokratie des alten Roms gewesen. Er erzählte ferner, daß man sie in Rom nicht blos wegen ihrer Schönheit, ihres Geistes, und ihres Reichthums bewundert habe, sondern mehr noch wegen ihrer stolzen unnahbaren Tugend, die an der Seite eines alten, verhaßten Gemahls, und umringt von einem Heer junger schöner Anbeter, um so merkwürdiger gewesen. Aber selbst die größte Wachsamkeit der neidischen und eifersüchtigen Damen Roms habe an der jungen Gräfin keinen Makel finden und nicht einer ihrer Anbeter habe sich verrühmen können, von der Gräfin jemals nur eine kleine Bevorzugung, ein kleines Zeichen ihrer Gunst erhalten zu haben. Daher habe man die Gräfin immer nur la Contessa del cuore freddo genannt. Ferner erzählte der Graf Podstadzky, daß er selber die glühendste Liebe zu dieser wunderbaren, kaltherzigen Schönheit empfunden habe, und in Verzweiflung gebracht von ihrer Grausamkeit, um ihretwillen Rom verlassen habe. Jetzt aber, da er sie so unerwartet hier wieder gefunden, habe er der Versuchung nicht widerstehen können, sie zu begrüßen, und habe mit heimlichem Entzücken von ihr vernommen, daß sie seit einigen Monaten Wittwe, Erbin der ungeheuren Reichthümer ihres Gemahls und Willens sei, eine Saison in Wien zu verleben.

Natürlich bestürmten die jungen Cavaliere den glücklichen bevorzugten Grafen Podstadzky, sie der wunderbaren, schönen Contessa del cuore freddo vorzustellen, damit sie gleich ihm selber versuchen dürften, ihr kaltes Herz endlich zu rühren, und die Liebe der jungen Wittwe zu gewinnen.

Graf Podstadzky begab sich in die Loge der Gräfin, um ihr den Wunsch der Cavaliere mitzutheilen, kehrte aber bald mit der unwillkommenen Nachricht zurück, die Gräfin Baillou empfange keine Herren, welche ihr nicht von irgend einer namhaften und angesehenen Dame der Gesellschaft vorgestellt worden.

Diese Weigerung machte die Cavaliere nur noch begieriger auf die Bekanntschaft der stolzen spröden Frau, und als sie am andern Tage in ihrer von vier herrlichen Rappen gezogenen Equipage ihre Promenade im Augarten machte, folgte ihr ein ganzer Cortège vornehmer, junger Reiter, welche Blicke voller Neid auf den jungen Grafen Podstadzky Liechtenstein warfen, welcher beneidete, glückliche Sterbliche neben dem Wagen ritt.

Einige Tage später machte die Gräfin Baillou ihre Antrittsvisiten, das heißt, sie fuhr bei den Hôtels der größten und angesehensten Familien vor, und ließ durch ihren von goldenen Tressen strotzenden Lakayen ihre Karte und Empfehlungsbriefe abgeben, ohne indeß persönlich eine Visite machen zu wollen.

Die Empfehlungsbriefe waren sämmtlich von den ersten Fürsten- und Grafenfamilien Roms ausgestellt, die Colonna's und Orsini's hatten die Gräfin Baillou ihren Bekannten und Freunden in Wien mit solcher Wärme empfohlen,, daß diese sich beeiferten, diesen Empfehlungen zu genügen. In den nächsten Tagen sah man daher vor dem Gasthof, in welchem die Gräfin abgestiegen war, ein ununterbrochenes Vorfahren von Equipagen der hohen österreichischen Aristokratie, deren Damen aus eigener Neugierde, und gedrängt von den Wünschen ihrer Gatten, Brüder und Freunde, welche ja nur durch die Damen zu der Ehre gelangen konnten, der Fremden vorgestellt zu werden, kamen, der Gräfin Baillou ihren Gegenbesuch zu machen.

Allein die Gräfin Baillou nahm in ihrem Gasthof die Besuche der Damen eben so wenig an, als sie in ihrer Loge die Besuche der Herren hatte annehmen wollen. Nun schrieb sie an alle diese Damen Entschuldigungsbriefe, und aus allen diesen Briefen, von welchen keiner dem andern glich, obwohl sie doch alle dasselbe Thema der Entschuldigung behandelten, sprach ein solch hoher, feingebildeter Geist, so viel Liebenswürdigkeit und Zierlichkeit, daß selbst die anspruchvollsten und stolzesten Damen sich davon überwunden fühlten, und erklärten, die Gräfin Baillou müsse eine sehr geistreiche und liebenswürdige Frau sein, und es verlohne wohl der Mühe, ihre Bekanntschaft zu machen. In ihren Briefen dankte die Gräfin den Damen für die große Zuvorkommenheit, mit welcher diese, nicht Dank dem Verdienst der Gräfin, sondern Dank den Empfehlungsbriefen ihrer Freunde in Rom, die Fremde aufgenommen, indem sie sogar sich herablassen wollten, sie in den elenden Zimmern eines Gasthofes zu besuchen. Aber diese Zimmer seien nicht würdig, so hohen Besuch zu empfangen, und deshalb verzichte die Gräfin auf das Glück, die jungen Damen kennen zu lernen, bis zu dem Moment, wo sie so glücklich sein dürfe, sie in ihrem eigenen Hôtel empfangen zu können. An der Einrichtung desselben werde bereits gearbeitet, und sobald sie vollendet, werde die Gräfin die Damen ersuchen, durch ihr liebenswürdiges Erscheinen ihr Haus zu weihen, und ihr, der Fremden, großmüthig eine Heimath zu geben.

Nach diesen Briefen hatte man wenig mehr von der Gräfin Baillou gesehen; selbst im Theater war sie nicht mehr erschienen, nur im Augarten begegnete man zuweilen ihrer Equipage, aber die Fenster derselben waren heraufgezogen, und die Contessa del cuore freddo schien sich hinter diese glänzenden Wände vor den neugierigen Blicken der ihr fremden Cavaliere nicht allein, sondern auch vor den Unterhaltungen des Grafen Podstadzky geflüchtet zu haben. Vergebens suchte dieser sich ihr zu nähern, vergebens ritt er dicht an ihren Wagen heran, um sie zu begrüßen. Die Gräfin Baillou schien seine ehrerbietigen Verbeugungen kaum zu bemerken, und nicht Einmal ließ sie die Fenster niedergleiten, um dem Grafen die so sehnlichst gewünschte Unterredung zu gestatten.

Aber wenn man wenig mehr von der Gräfin Baillou sah, hörte man doch desto mehr von ihr. Sie hatte sich auf der Graben-Gasse, der fashionablesten Straße der Wiener Altstadt, ein ganzes Hôtel gemiethet, und mit wahrem Neid hatten seine jungen Freunde von dem Grafen Podstadzky vernommen, daß er das Glück gehabt, der Gräfin Baillou bei dem Aufsuchen einer passenden Wohnung behülflich zu sein, und daß er sie begleiten durfte, als sie das von ihm vorgeschlagene Hôtel besichtigte. Von der glänzenden Einrichtung dieses Hôtels, das nun für den Winter die Residenz der schönen Gräfin sein sollte, fing man bald an, sich in Wien die größten Wundermährchen zu erzählen. In den Magazinen der ersten Kaufleute hatte die Gräfin Baillou so außerordentliche und verschwenderische Bestellungen gemacht, daß dieselben Anstand genommen haben würden, dieselben auszuführen, hätte der Ruf ihnen nicht schon von den enormen Reichtümern der Gräfin erzählt, und wäre sie nicht außerdem bei ihrem ersten Erscheinen in den Magazinen von dem jungen Grafen Podstadzky Liechtenstein begleitet gewesen, den Jedermann kannte, und dessen Begleitung für die schöne Fremde eine genügende Bürgschaft sein konnte.

Die Besitzer der großen Magazine beeilten sich daher, ihre kostbarsten geschnitzten und ausgelegten Meubles, ihre Stoffe von goldgesticktem Sammet und schwerem Seidenbrokat, ihre Lustres von Bergcrystall, ihre persischen Teppiche, ihre Venetianischen Spiegel, ihre Marmorvasen und Statuen, kurz Alles, was zu einer noblen und glänzenden Einrichtung nothwendig war, zur Verfügung zu stellen. Die Goldarbeiter empfingen von der Gräfin Baillou die Bestellungen zu den schweren massiven Tafelaufsätzen und goldenen und silbernen Couverts, und die Juweliere schätzten sich glücklich, der Gräfin Baillou einige ihrer auserlesensten und kostbarsten Schmucksachen verkaufen zu können.

Die Gräfin hatte aber auch eine Eigenschaft, welche die Kaufleute mit Entzücken erfüllte. Sie bezahlte Alles baar, zwar nicht mit klingender Münze, aber doch mit guten österreichischen Banknoten, ihr Haushofmeister hatte von seiner Herrin die strenge Ordre erhalten, keine Sendung der Kaufleute und Fabrikanten anzunehmen, ohne nicht zugleich den Betrag für dieselben auszuzahlen, und diese strenge Ordre der Gräfin war es, welche die Lieferanten entzückte, und sie mit wahrer Bewunderung für die schöne Fremde erfüllte.

Und endlich jetzt war die Ausschmückung und Einrichtung des Hôtels fertig, und die Gräfin, wie gesagt, wollte heute ihr erstes Fest geben, zu welchem sie an alle die vornehmen Familien, an welche sie Empfehlungsbriefe gehabt, ihre Einladungen gesandt hatte, die von Allen bereitwillig acceptirt worden waren; denn Jedermann war begierig, dieses Feenschloß zu sehen, und mehr noch die geheimnißvolle Fee aus den Schleiern ihrer Verborgenheit hervorrauschen zu sehen.

Es war aber auch in der That ein Feenschloß, dieses Hôtel der Gräfin Baillou, und die lange Reihe dieser Prunkgemächer und Säle war mit einem Luxus ausgestattet, welcher an die verschwenderische Pracht des alten Roms erinnern konnte. Da sah man Säle, ganz zusammengesetzt aus Marmor, Bronze und Spiegeln, die Fußböden ausgelegt mit den seltensten und kostbarsten Holzarten, die einen köstlichen Duft von Cedern und Rosen ausströmten, und über deren glänzende Spiegelfläche die tanzenden Füße wie beschwingt dahingleiten mochten. Da waren Zimmer mit den herrlichsten Gemälden, den auserlesensten Kunstgegenständen, die in anscheinender Nachlässigkeit hier und dort auf marmornen Tischen und goldenen Gueridons umherstanden, während die kostbarsten Divans und Fauteuils zum Niedersitzen einladeten, um alle diese herrlichen Sachen beim Schein der hunderte von Wachskerzen, die von goldenen Armleuchtern und Wandleuchtern und von den Lustres der Decke ihr Licht ausströmten, bewundern zu können. Aber wem dieses Meer von Licht, von Gold, Crystall und Spiegeln die Augen verblendete, der mochte sich zurückziehen in die kleinen, reizenden Boudoirs, die von Zeit zu Zeit an der Seite der Säle und Prunkgemächer sich öffneten, und in denen ein süßes Schweigen, ein sanftes Dämmerlicht herrschte, und wo man auf schwellende Polster hingestreckt, in behaglicher Ruhe dem Treiben der glänzenden Gesellschaft, die sich da in den Gemächern bewegte, zuschauen konnte. An diese Reihe der Zimmer, Säle und Boudoirs schloß sich das Gewächshaus an, eine neue Reihe von Sälen, in denen aber die herrlichsten Blumen aus allen Ländern und Zonen, die wundervollsten Palmen, die von den grünen Zweigen der Orangen und Lorbeerbäume herniederhängenden Früchte die Pracht des Goldes, des Marmors, und der Spiegel ersetzten, wo in vergoldeten Käfigen oder in schaukelnden Reifen die buntgefiederten Vögel der südlichen Zonen, von dem Kakadu bis zu den kleinen Colibri's sich wiegten, wo in Bosquets, aus blühenden Myrthen und Rosengesträuchen gebildet, künstliche Rasenbänke zum Sitzen einluden, um dem Murmeln und Plätschern der kleinen Cascaden und Springbrunnen zuzuhören, die ihr herrlich duftendes Wasser in marmorne Becken ergossen.

Noch war die Gesellschaft nicht eingetreten in diese prachtvollen Räume, aber alle Vorbereitungen zu dem Empfang der Gäste waren beendet, die Kerzen der Lustres, Armleuchter und Gueridons brannten schon und verbreiteten Tageshelle durch diese Säle, deren tiefes Schweigen zugleich etwas Schauerliches und geheimnißvoll Feierliches hatte.

Die Gräfin Baillou selbst war noch nicht in dem ersten der Säle erschienen, in welchem sie ihre Gäste empfangen wollte, sie hatte noch ihr Toilettenzimmer nicht verlassen, und die Säle in ihrer Vollendung und Pracht, zum heimlichen Aerger ihres Haushofmeisters, noch gar nicht in Augenschein genommen.

Aber endlich öffnete sich da drüben die Thür, endlich verließen ihre Dienerinnen das Toilettenzimmer, und der Anzug der Gräfin war vollendet. Der Haushofmeister stand noch immer in dem Empfangssaal, nach welchem das Toilettenzimmer der Gräfin ausmündete und erwartete ihr Kommen. Und jetzt flog die Thür auf, und diese hohe wundervolle Frauengestalt in dem weißen Atlasgewande, mit dem Diadem von Brillanten in dem schwarzen Haar, mit den Armbändern von Brillanten um die blendend weißen üppigen Arme, das war sie, die schöne Gräfin Baillou. Wie eine Feenkönigin schwebte sie daher, ein Meer von Glanz, Licht und Farben um sich her verbreitend, bewunderungswürdig in ihrer Schönheit, ihrer Würde und Hoheit, die allen Glanz der Brillanten und Edelsteine noch überstrahlte. Ihre Gestalt hatte zugleich etwas von der Venus und der Juno, sie war zugleich üppig und hoheitsvoll, imponirend und reizend; es war die Gestalt dieser reizenden Frauen Roms, welche bei aller Gluth und Ueppigkeit der Italienerin doch nie vergessen, daß sie die Töchter der ewigen Roma sind, und daß diese Abkunft ihnen einen ewigen unvergänglichen Adel verleiht. Ihr Haupt, das sich auf einem schlanken Halse wiegte, war umringt von Locken, die schwarz wie Ebenholz zur Seite ihres Antlitzes niederrollten, und ihr durchsichtig blasses Gesicht, dessen klassisches Oval an den Kopf der Venus von Milos erinnerte, wie mit einem Rahmen umgaben. Und in diesem bleichen edlen Antlitz mit dem energischen Mund, der kühnen, leicht gebogenen Nase, der hohen, majestätischen Stirn leuchteten zwei Augen von so unergründlicher Tiefe, so intensiver Gluth, als hätte ein Strahl von der brennenden Sonne des Südens sich in ihre Tiefe gesenkt.

Die Gräfin ging, oder schwebte unhörbaren Schrittes bis in die Mitte des Empfangsaales, und ihr schönes Haupt seitwärts wendend, warf sie einen einzigen langen prüfenden Blick durch die Reihe der Gemächer, die sich da vor ihr aufthat. Dann wandte sie sich an ihren Haushofmeister, der in athemloser Spannung einem Wort von ihr entgegenharrte.

Nicht übel, mein Freund, sagte sie mit ihrer sonoren, melodischen Stimme. Ich bin mit Ihnen zufrieden, und ich danke Ihnen. Sie haben Alles, wie es scheint, gut und glänzend arrangirt.

Wollen mir die Frau Gräfin nicht das Glück gönnen, Sie durch diese Säle geleiten zu dürfen, und von Ew. Gnaden zu erfahren, ob ich Alles Ihren Anordnungen gemäß arrangirt und placirt habe? fragte der Haushofmeister.

Wozu das, mein Freund? sagte die Gräfin gleichgültig. Ich bin im Voraus überzeugt, daß Sie meinen Befehlen genügt haben, und daß Alles gut arrangirt ist. Für mich selbst aber hat dieses Bischen Flittertand und diese Decorationenpracht gar keinen Werth und ich bin gar nicht neugierig es zu sehen. Sorgen Sie nur dafür, daß auch die Küche ihre Schuldigkeit thue, und daß meine Gäste die auserlesensten Speisen, die seltensten Weine und Alles, was den Gaumen der üppigsten Schwelger reizen und erfreuen kann, hier finden mögen.

Ich hoffe, Ew. Gnaden werden zufrieden sein, denn die beiden Köche, welche ich aus Paris verschrieben habe, scheinen wirklich große Künstler zu sein, und werden gewiß Herrliches leisten. Der Eine von ihnen verrühmt sich, von dem Prinzen Soubise, dem großen Mäcen der Kochkunst selber, gebildet zu sein, der Andere behauptet, von dem Herzog von Richelieu einige eigenhändig geschriebene Recepte zu Pasteten von der Erfindung des Herzogs erhalten zu haben.

Lassen Sie sie also nach diesen Recepten kochen, sagte die Gräfin müde, lassen Sie sich den Glanz meines Hauses angelegen sein, und vergessen Sie nie, daß es nicht Ihre Aufgabe ist, irgendwie Ersparungen machen zu wollen, sondern vielmehr Alles so glänzend als möglich einzurichten.

Sie entließ den Haushofmeister mit einem kaum merklichen Kopfnicken, und ließ sich langsam und mit einem tiefen Seufzer in einen Fauteuil niedergleiten.

Aber kaum hatte der Haushofmeister das Zimmer verlassen, kaum hatte die Thür des Vorsaals sich hinter ihm geschlossen, als die Gräfin sich mit einer raschen Bewegung aus ihrem Fauteuil erhob. Auf einmal war jetzt das müde, stolze, hoheitsvolle Wesen verschwunden, und Alles an ihr athmete Leben, Feuer und Gluth. Mit einem raschen Blitz ihrer Augen schaute sie umher, als müsse sie sich noch einmal vergewissern, daß sie allein sei, dann, als sie sich überzeugt, daß wirklich Niemand da sei, der sie belauschen könne, durchschritt sie hastig den Saal und trat in das anstoßende Gemach ein. Ihre Augen, die mit flammenden Blitzen hierhin und dorthin flogen, schienen Alles sehen, Alles prüfen zu wollen, und je mehr sie sahen, desto höher blitzten sie auf, desto schneller ward der Schritt der Gräfin.

Ein wunderbares Bild war es, diese hohe majestätische Gestalt zu sehen, die da wie Sternenglanz durch die einsamen, schweigenden Säle blitzte, überall in ihren funkelnden Brillanten das hundertfache Licht der Kerzen auffangend, und ihren eigenen Glanz wiederspiegelnd und verdoppelnd in den hohen Spiegeln, an denen sie vorüberschwebte. Wer sie so gesehen, der hätte sie für die verzauberte Mährchenkönigin halten mögen, die nach tausendjährigem Schlaf erwachte, und in ihren hermetisch verschlossenen Räumen vergeblich nach Menschen, nach Leben, nach einem Menschenwort suchte, aber von dem bösen Geist, der sie beherrschte, verdammt war, in der Fülle der Pracht einsam und elend zu sein, bis sie sich entschließen wolle, ihm zu dienen und ihm gehorsam zu sein.

Hatte die Gräfin Baillou schon diesen Entschluß gefaßt? Wollte sie dem »bösen Geist«, der sie in diese einsamen Säle gebannt, gehorsam sein und ihm dienen?

Zuweilen, während sie durch die Säle ging, flog ein Ausdruck triumphirenden Hohns über ihr schönes bleiches Angesicht, zuweilen, wenn sie eben an irgend einem prächtigen Meuble, einem auserlesenen kostbaren Schmuck der Säle vorüberging, tönte ein helles, spöttisches Lachen von ihren Lippen, und die schweigenden Säle schienen zu erzittern vor diesem Lachen, das unheimlich und drohend klang, wie das Triumphlied des »bösen Geistes.«

Auf einmal aber ward die Stille dieser Säle durch das Geräusch nahender Schritte unterbrochen. Die Gräfin, von deren Lippen eben erst wieder ein lautes triumphirendes Lachen ertönt war, nahm jetzt wieder ihre ernste, hoheitsvolle Miene an, und wandte langsam ihr Haupt jener Seite zu, von woher das Geräusch der Schritte gekommen.

Es war ein junger hochgewachsener Mann, der da eben eiligen Schrittes daherkam, die lächelnden Blicke unverwandt auf die Gräfin gerichtet, die ihm durch die Säle entgegenschritt.

Grade in der Mitte des großen Tanzsaals, grade unter dem großen Kronleuchter von Bergcrystall trafen sie mit einander zusammen. Die Gräfin reichte ihm ihre Hand dar, er schloß sie fest in der seinen, und schaute ihr mit einem tiefen langen Blick in das bleiche reizende Angesicht. Sie erwiderte diesen Blick und sah ihn fest, mit großen flammenden Augen an.

So standen sie Hand in Hand einander gegenüber in dem festlichen Saal, festlich geschmückt sie selber, Hand in Hand, ernst, schweigend und feierlich, als ständen sie eben vor dem Altar und empfingen die Weihe zu dem Bunde ihrer Herzen. Nur daß kein Priester da war, diesem Bunde die Weihe zu geben. Oder war der »böse Geist« unsichtbar da, und schlang unauflösliche Fesseln um die Hände dieses Paars, und verfluchte sie zu ewigem Bunde?

Vielleicht hatte die Gräfin die verfluchenden Worte des bösen Geistes vernommen, denn ihre schwellende Oberlippe hob sich zu einem spöttischen Lächeln, und ihre schwarzen Augen flammten höher auf.

Herr Graf Carl von Podstadzky Liechtenstein, sagte sie spöttisch, bist Du ein Mann, und zitterst doch?

Ich bin ein Mann, und zittere doch, sagte er ernst. Ich zittere nicht für mich, sondern nur für Dich, Arabella. Wie ich Dich eben so schön, so erhaben und reizend vor mir sah, da durchlief ein Grausen mein ganzes Blut, und es war mir, als schrie etwas in meinem Herzen: »habe Erbarmen mit ihr! Schone dieses Weibes mit der engelgleichen Schönheit. Ihr steht Beide an einem fürchterlichen Abgrund, rette sie wenigstens, schleudere sie mit Gewalt von demselben zurück, bevor Du selber hinein stürzest!«

Die schöne Gräfin zuckte leicht die Achseln. Deutsche Empfindsamkeit, sagte sie verächtlich. Wenn der Graf Podstadzky uns von dieser deutschen Empfindsamkeit unter die Karten mischt, so ist unser Spiel verloren.

Unser Spiel heißt Va banque! seufzte der Graf.

Es heißt Va banque, rief sie triumphirend. Va banque! Aber wir werden es sein, welche die Bank sprengen. Höre, was ich Dir sagen will! Es ist wahr, wir stehen Beide an einem fürchterlichen Abgrund, aber man muß mit festem Auge hinunter schauen, dann verliert sich der Schwindel, und der Blick gewöhnt sich an die Tiefe, ohne zu erschrecken. Wir stehen aber auch Beide vor einer wunderherrlichen reizenden Landschaft, und zu ihr hin wollen wir den Blick wenden, nach ihr wollen wir streben. Wovor willst Du mich retten, Freund? Ich will gar nicht gerettet sein, ich will muthig meinen Weg vorwärts gehen, und keine Abgründe sollen mich schrecken.

Gieb mir von Deinem Muth, Deiner Entschlossenheit, seufzte der Graf. Laß mein Auge Stärkung finden in Deinem Anschauen, Arabella, mein Engel!

Du nennst mich einen Engel? fragte sie mit einem höhnischen Lächeln. Nenne mich wenigstens einen gefallenen Engel, das klingt schöner und ist die Wahrheit. Ich bin wirklich aus allen meinen Himmeln auf die Erde niedergefallen, und ein Glück war's, daß ich beim Niederfallen grade den schönen, reichen, jungen Grafen Podstadzky Liechtenstein bereit fand, mich in seinen Armen aufzufangen. So zerschmetterte ich mir wenigstens nicht die Glieder, und ruhte aus in Deinen Armen von dem großen Sturz. Aber still, sprechen wir nicht von der Vergangenheit und von verlornen Himmeln. Du siehst, Carlo, Dein gefallener Engel ist Dir treu und was ich Dir in Rom gelobte, das halte ich! Ich bin da, und will Dir helfen, Deinem Schicksal ein Paroli zu bieten, und will Deiner Seele Muth einblasen und Energie. Ich bin da, um Dir beizustehen, Deine und meine Rache zu nehmen an dem Schicksal! Wende Deinen Blick nicht auf die Abgründe, Carlo, sondern auf die Höhen, vor denen wir stehen, und denke daran, daß wir nur nöthig haben, diese Höhen zu erklimmen, um sicher zu sein. Ich fühle mich schon jetzt sicher! Fühle meine Hand, sie ist warm, fühle meinen Puls, er geht ruhig und gleichmäßig, ich habe keine Furcht, ich zittere vor keinem Schreckniß.

Du bist ein Heldenweib, Arabella, sagte der Graf, Du kennst in der That keine Furcht, und als ich vorhin hier eintrat, war mir's sogar, als ob ich Dich lachen hörte.

Du hast Recht, ich lachte auch, sagte sie. Und mußte ich nicht lachen, lachen vor Freude und stolzer Lust, wenn ich daran dachte, zu welcher Misère mich das Schicksal eigentlich verdammt hatte und in welchen Glanz und in welche Pracht ich mich selber vor dieser Misère gerettet habe? Oh, ist es nicht ein wundervolles, stolzes Gefühl, sich sagen zu können, daß man selber seines Glückes Schmied ist, daß man sich selber Alles zu verdanken hat? Wir Beide, Carlo, wir haben nicht nöthig, uns an Gott zu wenden und ihn um Glück zu bitten und ihm zu danken, wir schaffen uns unser Glück selber und bedanken uns dafür bei uns selber.

Und werden uns auch eines Tages bei uns selber für unser Unglück zu bedanken haben, sagte der Graf leise.

Mag sein, sagte sie achselzuckend. Dann aber erinnere Dich, daß das Unglück eigentlich schon bereit war, uns zu verschlingen, und daß wir ihm doch wenigstens einige Jahre des Glückes abgezwungen haben! Hinweg, mein Freund, mit dieser empfindsamen Furcht, sie paßt nicht zu Dir und zu den Wegen, die Du wandelst.

Du hast Recht, Arabella, sagte er hochaufathmend, die Furcht paßt nicht zu den Wegen, die ich wandele. Aber versprich mir nur, daß ich Dich immer auf diesen Wegen finden werde.

Ich verspreche Dir das, sagte sie feierlich. Ich verspreche Dir das bei dem Andenken an Rom und an die dunklen Wogen der Tiber, aus denen Du mich errettet hast. Aber jetzt genug des Ernstes und der Beängstigungen. Schau um Dich, Carlo, sieh', welche Pracht und welcher Glanz uns umgiebt, denke, daß dies Haus weiter nichts ist als die Grundlage zu dem Bau unseres Glückes, und daß er sich immer stolzer und herrlicher empor heben wird, Denke, daß wir hier in Deinem Eigenthum sind und daß ich hier die erste Gesellschaft Wiens empfangen will. Horch, mein Freund, da rollen die Wagen schon heran. Sie kommen, die stolzen, tugendhaften Damen, sie kommen, sich vor meinem Reichthum zu beugen und sich über meine Schönheit zu ärgern. Noch eine Frage, Carlo! Wie stehst Du mit der schönen Rahel?

Ich hoffe, unser Plan wird gelingen! Rahel liebt mich, wie es scheint, denn ich habe sie um ein Rendezvous gebeten, und sie hat es mir bewilligt. Uebermorgen wird ihr Vater verreisen, und dann soll ich zu ihr kommen!

Geh', mein Carlo, geh', mein bester Segen begleitet Dich, rief die Gräfin lächelnd. Mache Deine Sache gut, damit das klingende Geld des reichen Juden Eskeles Flies recht bald in unsere Truhen geht und sich mit unsern Banknoten paart. Und nun fort, fort! Geh' dort hinaus und erst in einer halben Stunde komm' in den Empfangsaal, mich zu begrüßen. Die tugendhaften Damen dürfen mich nicht in einem tête-à-tête mit dem leichtfertigen jungen Grafen Podstadzky treffen! Adio, Carlo!

Sie warf dem jungen Mann mit der Spitze ihrer Finger einen Kuß hin, und während der Graf alsdann durch eine Seitenthür von dannen schlüpfte, durcheilte die Gräfin raschen Schrittes und hochgehobenen Hauptes die Säle, um die edlen Damen zu empfangen, deren hochtönende Namen der Huissier an der Thür des Empfangsaals eben mit lauter Stimme verkündete.


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