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Am Rande des Abgrundes

von Lina von Berlepsch

Verlag: Verlag von J. Habbel

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Kapitel 5

Viertes Capitel. Die Waldhexe.

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Olga ist nicht feige, sie ist stets von Liebe und Sorgfalt umgeben, daß Furcht ihr unbekannt blieb. Wäre es Mittag gewesen, so würde sie dreist weiter wandern, bis sie Jemandem begegnete, der sich ihrer annähme und sie nach Hause brächte. Nun aber umgibt sie Finsterniß. Immer mehr verdichtet sich das Dunkel, drohenden Riesen gleich starren die schwarzen Tannen ihr entgegen, die Schluchten des Waldes scheinen ungeheuere Rachen, bereit, sie zu verschlingen. Vielleicht gibt es Gespenster im Walde? Jeanette hat vor Spukgestalten heillose Furcht, und es ist ihr gelungen, sie Olga einzuimpfen. Was soll sie thun? wo ist Papa? Mama? Julius? Jeanette? irgend wer, den sie kennt, der ihr helfe. Ein einsames, hilfloses, angstvolles Kind steht sie in der lautlosesten Finsterniß.

»Jeanette! Jeanette! Jeanette!«

Die Stimme voll Entsetzens dringt durch die Wildniß, das Echo klingt zurück und steigert noch des armen Kindes Angst.

Was soll sie thun? muß sie an dem furchtbaren Orte bleiben, bis es wieder Tag ist? sind vielleicht Bären oder Löwen oder Räuber in dem unheimlichen Walde? sie trägt ein goldenes Halsband, wird man sie tödten, es ihr zu rauben?

»Jeanette!« schluchzt sie wieder, aber keine Jeanette antwortet. Die Nacht ist vollständig eingebrochen. Verzweifelt blickt Olga aufs Neue um sich, feuerige Augen scheinen aus dem Dickicht sie anzuglotzen, seltsame unirdische Stimmen zu stöhnen, Seufzer sie zu umtönen. Von namenloser Angst erfaßt, flieht sie, so schnell die Füße sie tragen. Wie lange, wie weit? sie weiß es nicht. Keuchend, schluchzend, gleitend, fallend läuft sie fort. Schreien kann sie nicht mehr, die Stimme versagt. Etwas Entsetzliches scheint sie zu verfolgen, strecken Gnomen oder Gespenster die Hände aus, sie zu erfassen? das silberne Zwielicht ist geschwunden, der Himmel strahlt im Sternenschimmer, – und fort, fort stürzt sie, hinhuschend wie eine Lichtelfe durch die warme Sommernacht.

Endlich ists zu viel. Die über Maßen angestrengten Kräfte lassen nach. Hilflos sinkt sie in den weichen Rasen nieder, die Augen schließen sich, mit festgeballten Händen liegt sie schwer athmend. Sie fühlt Schwindel und Uebelkeit, wird sie nun sterben? sterben ferne von Papa und Mama, allein an dem öden Ort? sie gedenkt der »Kinder im Walde«, ob wohl die Rothkehlchen auch sie unter Laub und Blumen begraben?

»Halloh – – – –«

Das war keine Geisterstimme, das war ein menschlicher Ruf und ganz in der Nähe. Stumm richtet Olga sich auf, zu erschöpft, einen Laut von sich zu geben, und sieht im Dunkel die Umrisse eines – Mädchens. War es ein Mädchen? Olga streicht die wirren Locken aus der Stirn und blickt empor fragend, befangen.

»Halloh!« ruft die Erscheinung wieder.

Die Stimme klingt nicht beruhigend, der Ausdruck des Gesichts ists noch weniger. Ein etwa zwölfjähriges Mädchen in einer Blouse, die ein Riemen um den Leib befestigt, tritt vor. Das hagere, lauernde, fast möchte ich sagen abgezehrte Antlitz ist von einem Walde rother ungekämmter Haare umgeben, die mageren Arme und Beine sind nackt.

»Halloh!«

Zum dritten Male begrüßt die fremde Gestalt Olga mit diesem Zurufe.

»Nun, Du – – bist Du taub oder kannst Du nicht reden? wer bist Du und was thust Du hier in der Nacht?«

Olga bleibt stumm.

Die krächzende Stimme, der drohende Blick, das wilde Aussehen der unerwarteten Erscheinung benehmen dem Kinde die Sprache.

»Taub oder widerspenstig. Steh' auf, sage ich Dir, oder ich will Dichs lehren. Wer bist Du? und warum liegst Du da? Herr meines Lebens, das ist sicher der Ventnorfratz.«

Sie tritt ganz nahe an Olga heran, diese springt auf. Sie stehen einander gegenüber, die kleine, weißgekleidete Erbin zitternd vor Furcht und Erregung, und das wilde, thieräugige Mädchen.

»Wenn Du nicht gleich redest, kratze ich Dich, beiße Dich und reiße Dir das häßliche Haar aus dem Kopfe. Bist Du die Ventnorpuppe? sag!«

Flehend streckt Olga die weißen Hände aus.

»Bitte, thu mir nichts zu Leid, ich habe mich verirrt und fiel hier nieder. Ja, ich bin Olga Ventnor und möchte nach Hause, nach Hau–au–se!«

Schluchzen erstickt ihre Worte, das gnomenhafte Geschöpf neben ihr bricht in helles Lachen aus.

»Sie möchte nach Hau–au–au–se! hahaha! wer will die junge Dame nach Hau–au–au–se bringen? Schau mir den Affen an! sieht gut aus mit den weißen Flanken, den schmutzigen Schuhen und den glitzernden Perlen. Die gibst Du mir, hörst Du, augenblicklich, oder ich reiße sie Dir vom Kragen.«

Mit zitternden Fingern löst Olga das Halsband und reicht es dem Quälgeist.

»Warum mußt Du Deine häßlichen gelben Haare so lang herunterhängen lassen, Du eingebildeter Balg? glaubst Du gar, Du seiest schön? Und Spitzen und Stickerei auf dem Rock und feine Stiefelchen. O, ich hab' Dich schon gesehen, sammt Deiner Französin mit der weißen Mütze. Weiße Federn hattest Du auf dem Hut, als Du neulich ausfuhrst, und Handschuhe und seidene Strümpfe. Bist eine gar prächtige Dame, bis Du Dich im Walde verirrst, dann pfeifst Du aus einem anderen Loch, dann setzest Du Dich hin und plärrst wie ein Kalb! weißt Du wohl, daß ich Dich hasse, kleiner Satan!« Sie tritt einen Schritt vor, Stimme und Blick nehmen drohenden Ausdruck an, »ich möchte Dich zertreten, Dich anspucken« – sie thut es, »Dir all Dein langes, häßliches Geringel vom Kopf reißen, und eh' ich Dich gehen lasse, werd' ichs thun, das kannst Du glauben.«

Olga ist todtenbleich, todtenstill vor Angst, eine entsetzliche Furcht lähmt ihre Glieder, athemlos, vor Schreck wie angewurzelt steht sie vor der kleinen Furie.

»Was brauchst Du Locken und seidene Kleider, goldene Ketten, Kutschen und Diener, während Deinesgleichen barfuß und mißhandelt sind? Deinesgleichen! bin ich nicht besser, als Du? Du erbärmliches, flennendes Geschöpf! warte nur, diese Locken reiß ich Dir aus, und wenn Du schreist, mache ich Dich todt! Du häßliches Ding! ich kann Dich nicht ausstehen!«

Sie springt auf Olga zu, diese wankt einen Schritt zurück, versucht aber nicht zu entfliehen, der Tigerblick ihrer Peinigerin fesselt sie an die Stelle.

»O, ich kenne Dich wohl, kenne Dich besser, als Du glaubst,« fährt das wilde Mädchen fort, »kenne auch Deinen Vetter Julius Livingstone, der kommt alle Tage zu uns, und bringt Lora und Bertha Sleaford Schmuck und Bänder. Er sieht Lora gern, weißt Du. Sie hat auch so lange Locken, aber schwarz wie getheerte Stricke. Ich bin Sleafords Emmy, und wenn ich Dich nicht gleich erdrossele, so wirst Du das nächste Mal wissen, mit wem Du zu thun hast. Ich hasse Dich, weil Du reich bist und nichts thust, hasse Dein häßliches Gezause.«

Das »Gezause« scheint der größte Stein des Anstoßes zu sein, immer und immer wieder erwähnt es die Waldhexe.

»Ich will Dirs ausreißen, hier ist Niemand, der auf Dein Geschrei herbeiläuft, und wenn sie mich dafür todtschlagen, ich thu's – – ich thu's – – ich thu's!«

Wie eine wilde Katze springt sie auf ihr Opfer und vergräbt die klauenartigen Finger in den goldschimmernden Haaren.

Nun erst findet Olga die Sprache wieder.

»Papa! Papa! o Papa!« klingt es flehend, durchdringend, angstvoll hinaus.

»Hoho! was gibts!« macht eine starke Stimme sich hörbar, und ein gellender Pfiff durchschneidet die Luft, »hoho! ruf noch einmal!«

»Papa! Papa! Papa!«

Krachend beugen sich die Büsche und Zweige auseinander, nicht einen Moment zu früh naht Hilfe, mit einem Stoß schleudert die Waldhexe ihr Opfer zurück und springt mit der Leichtigkeit einer Gazelle ins Dickicht.

Nicht »Papa« ists, der Olga zu Hilfe eilt, ein fremder Mann mit dunkelem Zigeunergesicht beugt sich zu ihr nieder. Er trägt ein Gewehr auf der Schulter, zwei kläffende Hunde folgen ihm.

»Was in aller Welt ist hier los? steh' auf, Kleine! mein Gott, sie ist todt!«

Sie scheint es wenigstens. Das blonde Kind mit dem bleichen, starren Gesichtchen liegt regungslos in seinen Armen.

Der Mond geht auf, das runde, weißschimmernde Gestirn der Julinacht. Der junge Mann schiebt die wirren Locken zurück und forscht in des Kindes Zügen.

»Bei Gott, das ist ja die kleine Ventnor, das wird eine schöne Geschichte geben auf der Villa.«

Ueberrascht blickt der Waidmann auf die bewußtlose Gestalt.

»Vor wenigen Augenblicken rief sie noch in höchster Angst nach ihrem Vater, vielleicht ist sie nicht todt, sondern nur ohnmächtig. Und keine Seele weit und breit! wo mag Mamsell Jeanette stecken? das Beste ist, ich bringe sie nach Hause, vielleicht vermögen die Mädchen sie ins Leben zurückzurufen.«

Wie ein lebloses Lämmchen schwingt er Olga über die Schulter und trägt sie mit raschem Schritt über das mondbeschienene Feld, rechts und links scharf auslugend, um etwas zu entdecken, was das Kind erschreckt haben mochte: er sieht nichts und erreicht ein einsames, rothes Farmhaus inmitten unangebauten Landes. Weiter drüben liegt ein gelbes Kornfeld, es gleicht beim Mondlicht einem Elfentanzplatz, sonst ist Alles öde und trübe, ausgenommen im Hause, wo es lustig genug hergeht. Viele helle Scheiben schimmern in die Nacht hinein, die Töne einer Geige machen sich hörbar, als der junge Mann die Thüre öffnet. Im Inneren sieht es seltsam aus. Der Raum ist lang und niedrig, die Decke von Rauch geschwärzt, die Dielen des Fußbodens noch schwärzer. Die Einrichtung besteht aus einfachen, sehr gebrauchten Holzmöbeln: es ist die Küche des Farmhauses, und auf dem Heerde flackert helles Feuer, über dem in einem großen Kessel das Nachtmahl der Familie bereitet wird. Vier Personen befinden sich in dem Gelasse. Auf dem Tische sitzt ein achtzehnjähriger Junge und spielt mit Lust und Geschick einen Walzer, zwei Mädchen, jung und schlank wie die Tannen ihrer Heimath, kaum weniger dunkel, tanzen mit rothen Wangen und funkelnden Augen umher, sie gleichen den Bacchantinnen aus der Götterzeit, die den Thyrsus schwingend, dem Dionysius folgten.

Die einzige Zuschauerin der wilden Scene kauert in der Kaminecke mit aufgezogenen Knieen, darauf sich die nackten Ellenbogen stützen, das Kinn in der flachen Hand, eine hexenartige Gestalt und Stellung, barfuß, zerzaust, mit blitzenden, boshaften Augen.

Weit wird die Thüre aufgestoßen und der junge Jäger tritt ein mit der leblosen Bürde. Sofort stockt Musik und Tanz, sechs schwarze Augen starren verwundert der seltsamen Erscheinung entgegen.

»Was bringst Du da, Tony, ein todtes Kind? wie in aller Welt kommst Du dazu?«

»Sieh, ob es todt ist oder lebendig,« antwortet Tony, »dann sollt Ihr hören, was es ist, oder vielmehr, was es war, denn das arme Ding schaut maustodt aus. Nimm sie, Lora, es lohnt sich der Mühe, sie wieder lebendig zu machen.«

Er legt das regungslose Kind in die Arme seiner Schwester. Das Kaminfeuer wirft rothen Schein auf das todtbleiche Antlitz der Kleinen, Alle drängen sich um die bewußtlose Gestalt. Das gnomenhafte Wesen in der Kaminecke allein rührt sich nicht.

»Es ist Miß Ventnor!« ruft Lora.

Ein Schrei der Bestürzung ertönt.

»Des Obersten Tochter!«

»Julius' kleine Cousine!«

»Die reiche Erbin!«

Mit offenem Munde und großen Augen stehen sie in der Runde und vermögen kaum die Wirklichkeit zu begreifen.

»Und während Ihr sie anstarrt, stirbt sie, wenn sie noch nicht todt ist,« bemerkt Tony, »könnt Ihr sie nicht mit Wasser bespritzen, die Kleider öffnen, kurz thun, was eben nothwendig ist, Ihr dummen Mädchen? Trage sie in die Kammer, Lora, und gib Dir Mühe, sie wieder zu sich zu bringen. Du aber bringe mir das Abendbrod, Bertha, ich bin hungerig, wie ein Wolf.«

Während Tony seine Befehle ertheilt, zieht er einen Stuhl ans Feuer, als wäre es Winterszeit, und stopft sich eine Pfeife. Bei der Beschäftigung fällt sein Blick auf die kauernde Gestalt zu seinen Füßen.

»So, da bist Du, kleine Waldhexe, mach' vorwärts und decke den Tisch, hörst Du?«

Sie scheint ihn nicht zu hören, rührt sich nicht. Mit einem Fluch erfaßt er ein Scheit und schleudert es nach ihrem Kopfe. Höhnisch lachend duckt sie sich und es fliegt über sie weg. Während er nach einem anderen greift, springt sie auf. Unterdessen versuchen die beiden Schwestern Miß Ventnor zu sich zu bringen.

Sie befinden sich mit der Kleinen im Gesellschaftszimmer des Hauses, das ziemlich wohnlich ausgestattet ist, und betten das Kind auf das große Sopha, suchen Olga etwas Cognac einzuflößen, reiben Pulse und Schläfe, lösen die Kleider, und nach etwa zehn Minuten athmet die Todtgeglaubte tief auf, Zittern geht durch die Glieder, die blauen Augen öffnen sich, fallen wieder zu, öffnen sich wieder und blicken verwundert in die dunkelen Gesichter, die sich zu ihr neigen.

»So, nun ists gewonnen,« bemerkt Lora mit leisem Seufzer der Befriedigung, »bitte, trinken Sie nur ein Tröpfchen Cognac, liebes Fräulein.«

Olga aber schiebt das Gläschen zurück.

»Ich kann nicht, o ich kann nicht,« spricht sie schwach. Sie streicht die Haare aus der Stirne und schaut um sich. »Wo bin ich?« fragt sie endlich, »an welchem Orte?«

»Fürchten Sie sich nicht, liebes Kind, Sie sind bei Sleafords. Ich bin Lora Sleaford und das ist meine Schwester Bertha. Mein Gott, was sind Sie doch für ein hübsches Geschöpfchen, so weiß, wie eine Lilie, möchte wohl auch so sein! ich aber bin schwarz wie eine Krähe, wir Alle sind schwarz, Vater und Alle, sogar Emmy, trotz der rothen Haare.«

»Haben Sie nur nicht bange, wir wissen, wer Sie sind, es widerfährt Ihnen bei uns kein Unheil. Wir kennen auch Ihren Herrn Vetter Julius, er ist ein netter junger Mann und kommt jeden Abend zu uns. Wahrscheinlich wird er auch heute bald hier sein, dann können Sie mit ihm heimkehren. Bertha, die Jungen rufen ums Abendbrod und der Vater kommt, geh und richte den Tisch.«

»Ist ja Emmy da, soll sies thun.«

»Du weißt aber, daß sie absolut nichts thut, wenn sie nicht will. So, da ruft der Vater, nun mußt Du gehen.«

Bertha geht und Lora wendet sich wieder der Kleinen zu. Die Schwestern sehen sich auffallend ähnlich, nur hat Lora im Ausdruck und Wesen etwas Milderes.

»Wie kommen Sie denn eigentlich in der Nacht zu einer Begegnung mit meinem Bruder Tony?« fragt Lora neugierig, »wo fand er Sie, was machte Sie bewußtlos?«

Durch die plötzliche Frage kehrte die Erinnerung zurück, schaudernd schließt Olga die Augen und wird so bleich, daß Lora glaubt, sie würde aufs Neue ohnmächtig.

»O, das entsetzliche Mädchen!« stöhnt sie zitternd.

»Welches entsetzliche Mädchen? hatten Sie den Weg verloren? erschreckte Sie Jemand? wie sah das Mädchen aus?«

Olga weiß es nicht, sie zittert und bebt und preßt die Hände vor die Augen.

»Sie wollte mir die Haare ausreißen, und dann, dann weiß ich nichts mehr.«

»Obs nicht Emmy war?« meint Miß Sleaford, »sähe ihm gleich, dem Kobold. Aber es kann ja nicht sein, sie war lange zu Hause, ehe Tony kam. Weinen Sie nur nicht, lieb Herz, Julius Livingstone wird bald kommen und Sie heimbringen. Ich bringe Ihnen nun eine Tasse Thee.«

»O, ich möchte zu Papa!« schluchzt die Kleine zitternd, »o, nur zu Papa!«

»Beruhigen Sie sich, sonst werden Sie krank, Sie sind in den besten Händen, es soll Ihnen kein Leid geschehen.«

Sie geht, Thee zu holen. In der Küche sitzen die beiden jungen Männer und ihr Vater Amos Sleaford beim Abendbrod. Gleich den Söhnen ist der Vater ein großer, kräftiger Mann mit schwarzen Haaren und Bart und finsterem Antlitz. Offenbar hat er von dem unerwarteten Gaste schon gehört.

»Nun?« brummt er, als seine Tochter eintritt.

»'s geht ziemlich gut,« entgegnet Lora, »sie weint nur um Papa. Davon wird sie nichts essen,« sie deutet auf das fette Fricassee in der Schüssel, »ich will ihr ein geröstetes Schnittchen machen, ist Weißbrod im Hause?«

»Nein,« sagt Berthas Kopfschütteln.

»Mach' ihr etwas Thee,« räth Tony, »den trinken die Leute gern.«

»'s ist keiner mehr da,« bemerkt Bertha.

»Laß welchen holen,« brummt der Vater, »'s ist der Mühe werth, daß wir für das kleine Fräulein sorgen. Schicke Emmy zu Bruycks hinüber.«

Emmy kauert wie ein Molch in der Feuerecke und wärmt sich.

»Ich gehe nicht, geh' selber.«

»Was?« schreit der Vater wild und springt empört auf.

»Sie will nicht,« sagt Bertha ärgerlich, »meint, ich soll selber gehen.«

Amos Sleaford langt eine schwere Reitpeitsche von der Wand. Die glitzernden Augen des kleinen Mädchens verfolgen seine Bewegungen, sie rührt sich nicht von der Stelle.

»Sie will nicht?« fragt der Hausherr, »wollen sehen, ob der kleine Teufel will!« ein zischender Streich, von einem Fluche begleitet, »gehst Du oder gehst Du nicht, Du fuchsiger Kobold?«

Bei jedem Worte saust die Peitsche auf die Schultern des kauernden Mädchens. Mit einem Schrei wilden Schmerzes springt sie endlich auf und springt, fauchend wie eine wüthende Katze, der Thüre zu.

»Ich geh' doch nicht, und wenn Ihr mich in Stücke schlagt,« schreit sie, »ich hole nichts für sie, schlagt mich todt, aber ich gehe nicht!«

Der Mann hält im Schlagen inne. Er ist an die Wuthausbrüche der kleinen Furie gewöhnt, in diesem Momente aber sieht sie so furchtbar dämonisch aus, daß der rohe Arm sich entwaffnet fühlt.

»Laßt sie, Vater, laßt sie gehen,« mahnt der jüngere Sohn, »schlagt sie nicht so.«

Sleaford aber, wie aus momentaner Erstarrung erwacht, stürzt mit neuem Ingrimm auf das Kind. Im gleichen Augenblick aber beugt sich Emmy nieder und gräbt die blendend weißen Zähne tief ins Fleisch seiner Hand. Und eine weiße kleine Gestalt mit todtbleichem Antlitz und angstvoll weit offenen Augen erscheint auf der Schwelle, zwei Händchen erheben sich flehend zu Amos Sleaford.

»O, bitte, schlagen Sie das Mädchen nicht!«

Halb betroffen von der unerwarteten Erscheinung, halb aus Schmerz ob des Bisses, läßt Mr. Sleaford Emmy los, sie reißt die Thür auf und verschwindet in dunkeler Nacht.

»Nun haben wir sie gesehen, bis es morgen Essenszeit ist,« lacht einer der jungen Männer, »sie rastet mit den Spechten im Walde. Nehmt Euch in acht, Vater, der junge Satan möchte Euch am Ende einen schlimmen Streich spielen.«

»Wäre wohl im Stande, einen Menschen todt zu stechen,« meint der Andere.

Manch wahres Wort wird im Scherze gesprochen. In den düsteren Tagen, die später bevorstehen, denkt Albert Sleaford an jene Rede. War sie prophetisch?

Trotz aller Drohungen und Schläge hat Emmy ihren Willen behauptet und keinen Thee geholt.

Amos Sleaford tritt brummend an den Kamin und betrachtet, während er die Pfeife stopft, den kleinen Eindringling nicht mit den freundlichsten Blicken. Die beiden Söhne sitzen schmausend am Tisch, die Atmosphäre ist dick vom Tabakrauch. Er gibt den Töchtern verstohlene Blicke, das Kind wegzubringen.

»Kommen Sie, liebes Fräulein,« spricht Lora und reicht der Kleinen die Hand.

»Aber was soll sie essen?« fragt Bertha, »willst Du nicht Thee holen, Albert?«

»Ich bin todtmüde, ich kann nicht.«

»Vielleicht nimmt sie etwas Milch,« bemerkt Tony.

»Ja, bitte, ein wenig Milch,« sagt Olga schüchtern, »ich bin gar nicht hungrig.«

»Ich werde ihr ein Paar Eier einschlagen,« ruft Bertha, vergnügt, daß die Theefrage beigelegt, »in fünf Minuten ists geschehen, kleide Du das Kind inzwischen aus, Lora.«

»Nein, o nein,« fleht Olga, aufs Neue erschreckt, »ich will heim, Papa und Mama wissen nicht, wo ich bin.«

»Aber, liebes Kind, Sie können heute nicht mehr heim, es ist bereits elf Uhr, und selbst, wenn Mr. Livingstone käme, was ich nun bezweifle, wäre es für Sie zu spät nach Hause zu gehen. Es ist schier eine Stunde weit.«

»Was soll ich thun, o was soll ich thun?« schluchzt Olga, »die Eltern werden sich zu Tode ängstigen und Julius kommt nicht, denn er hat mirs versprochen.«

»Was hat er Ihnen versprochen?« fragt Lora verblüfft.

»Nicht mehr so spät nach Hause zu kommen.«

»Nun, das laß ich mir gefallen, wenn solch ein Püppchen einem jungen Manne Vorschriften macht. Sie selbst aber sind dabei am meisten gestraft, hätten Sie ihn gehen lassen, so wäre er längst hier gewesen, und Sie wären nun bei Mama.«

Olga verhüllt das Antlitz mit dem Taschentuche und weint bitterlich.

»Also Mr. Livingstone soll nicht hierher kommen?« fragt Lora etwas unwirsch noch einmal, »wußten Sie denn überhaupt, daß er kommt?«

»Nein, ich wußte nur, daß er so lange ausblieb und – er sagte, er wäre im Dorfe drüben gewesen, und ich ließ mir – versprechen, daß ers nicht mehr thäte.«

»Weinen Sie nur nicht so,« tröstet Lora, »Sie machen sich krank, sehen Sie, da bringt Bertha Ihnen ein kleines Abendbrod. Essen Sie nun, sonst haben Sie morgen nicht die Kraft, nach Hause zu gehen.«

Die Aussicht bleibt nicht ohne Einfluß aus Olgas Appetit. Sie trocknet die Thränen, während Bertha ihr ein Glas Milch, ein paar Eier, Himbeeren und ein Stückchen Zimmtkuchen servirt.

»'s ist das Beste, was wir haben, essen Sie nun und gehen Sie dann zu Bette.«

Die Schwestern treten in die Fensterbrüstung und flüstern lebhaft zusammen. Olga fühlt in jeder Fiber ihres kleinen Körpers, daß es sich um sie handelt. Sie trinkt die Milch, ißt die Himbeeren und mischt ihre Thränen mit der Speise. Wie wird Papa und Mama sich ängstigen! und soll sie allein in diesem Zimmer bleiben – die ganze Nacht im Finstern?

»So, sind Sie nun fertig?« ruft Bertha lebhaft, »ich will abräumen, der Vater und die Brüder sind schon zu Bett, auch ich bringe die Augen nicht mehr auf vor Schlaf. Komm' Lora!«

»Nein, ich bleibe vorerst noch,« entgegnet Lora, sie ist gutmüthig und sieht die namenlose Angst in des Kindes Zügen.

Bertha geht und Lora setzt sich neben Olga und knöpft ihr die Stiefelchen auf.

»Heimgehen können Sie heute ja doch nicht mehr, das wissen Sie, lassen Sie sich nun zu Bette bringen. Ich habe Ihnen hier auf dem Sopha ein Lager zurecht gemacht und bleibe bei Ihnen. Morgen in aller Frühe geht Albert zu Ihrem Papa, ihm das Geschehene mitzutheilen.

»Bleiben Sie aber auch die ganze Nacht bei mir?« fragt Olga mit vertrauendem Blick.

»Die ganze Nacht, natürlich,« wiederholt Lora, die einer Lüge wohl fähig ist, »ich singe Sie ein, und morgen sind Sie zu Hause, ehe Sie sich besinnen.«

Mit leiser, angenehmer Stimme beginnt sie ein Lied, das wohlthuend auf des Kindes überreizte Nerven wirkt. Nach und nach werden die Augenlider schwer, schließen sich, öffnen sich wieder und sinken endlich zu. Miß Sleaford erhebt sich, nimmt die Lampe und entfernt sich leise.

Todtenstill ists im rothen Farmhause. Durch die Fenster flutet das Mondlicht und gleitet über das goldblonde Haar und weiße Gesichtchen der kleinen Erbin. Draußen rauscht der Nachtwind durch die Baumkronen, die Sterne glühen in der Stille des frühen Sommermorgens. Eins – zwei – drei! Erschreckt fährt Olga vom Schlummer auf. Die große Wanduhr in der Küche verkündet die Stunde. Ein Schauer der Angst durchrieselt die Kleine, als sie sich allein sieht. Lora ist verschwunden, das Licht ist weg, der Mond wirft unheimliche Helle auf den Teppich, das schnarrende Räderwerk der Uhr läuft ab. O, daß nun Julius' Tritt an der Thüre vorüberglitte, daß sie irgend Jemand hörte – – allein, ganz allein in dem öden Gemach. Halt, was ist dort? sie ist nicht allein.

Dort in der Ecke kauert eine Gestalt, die Beine bis ans Knie gezogen, die nackten Arme um dasselbe geschlungen. Deutlich unterscheidet Olga das wirre, ungekämmte Haar, das hagere, bösartige Gesicht, die weit offenen katzenartigen Augen. Olga kennt sie. Das Geschöpf sitzt regungslos und starrt in die Weite. Regungslos, von Furcht gebannt, liegt Olga, kaum athmend vor namenlosem Entsetzen.

Endlich bewegt sich die Gestalt, schüttelt sich, wendet den Blick nach dem Lager und erhebt sich langsam. Olgas Herz droht stille zu stehen, sie hat keine Stimme, all ihre Körperkräfte concentriren sich auf einen Sinn – das Sehen.

»Ich thu's, ich thu's,« zischt die Erscheinung, »und wenn sie mich dafür todtschlagen. Ich hasse sie, habe sie immer gehaßt. Alle hasse ich, sie aber am meisten. Bin froh, daß ichs thun kann, hätt's nie geglaubt, aber sie ist hier und schläft, und nun thu' ichs!«

Sie schleicht zum Lager, in ihrer Hand blinkt Stahl. Nun ist sie nahe, lange, magere Finger strecken sich aus und erfassen die blonden Locken. Das dämonische Gesicht mit den sprühenden Augen, dem zerzausten Haar beugt sich über Olga.

Von Entsetzen gepackt, springt diese auf, stürzt der Thüre zu, ein markerschütternder Schrei dringt durch die Stille der Nacht, und bewußtlos sinkt sie zusammen.

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