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Karl August Holder hatte das Gleichgewicht seiner Lebenslaune schon wieder gefunden. Er war kein Geck und besaß ein recht anständiges Maß von Selbsterkenntnis: er fand, daß er eigentlich kein Recht habe, verletzt zu sein, wenn ein Mädchen wie Maja ihn eben einmal nicht wolle; und wenn der empfangene Korb auch nicht mit deutlichen Gründen verziert war, so suchte er sich selbst solche und kam dabei der Wahrheit ziemlich nahe. Er sagte sich nicht ohne Humor, daß eine junge Dame, welche Rankes Weltgeschichte lese, nicht wohl den gebührenden Respekt für Pferdekennerschaft und sonstigen Sport aufzubringen im stande sei. Und obwohl es ihm mit seiner Werbung ganz ernst und sein Gemüt dabei nicht unbeteiligt gewesen war, so war ihm doch ein stilles Unbehagen mituntergelaufen bei dem Gedanken an die bevorstehende Aufgabe seiner langgewohnten Junggesellenbehaglichkeit. Er beschloß, sich für die Fortführung derselben noch einige weitere Jahre zu genehmigen; es war ja dann immer noch Zeit, eine Familie zu gründen und für einen Erben der Holderschen Buchhandlung zu sorgen.
Doch erschien er von jetzt an etwas häufiger als früher im Geschäft, ließ auch die Thüre seines Privatheiligtums neben dem Buchladen öfters offen stehen, um zu hören, was da draußen vorgehe. Es gab da zuweilen allerlei zu beobachten, was Humor hatte und die Menschenkenntnis fördern konnte.
Eines Tages kamen zwei junge Herren in den Buchladen und wünschten, man möge ihnen die neuesten Erscheinungen der schönen Litteratur zeigen. Herr Holder kannte sie flüchtig und wußte, daß der eine, der sich Max Leu schrieb, ein keimendes Dichtergenie war, während der andere lakonische Kritiken und ästhetische Orakel in dem Feuilleton einer der gelesensten Zeitungen der Stadt mit dem Namen Sam Wetherell zeichnete. An dem Stil dieser Kritiken hatte sich Holder schon öfters ergötzt; sie gingen gewöhnlich nach folgendem Schema: »Ich habe dieses Buch gelesen. Es ist modern. Es ist gut. Ob der Verfasser ein großer Dichter werden wird, weiß ich nicht. Ich werde sein nächstes Buch lesen. Dann werde ich sehen. Inzwischen bin ich verpflichtet, den Lesern des Blattes zu sagen, daß sie das Buch lesen müssen. Sam Wetherell.« Punktum! So wußte das Publikum ein für allemal, wo es dran war. Der Dichter Max Leu aber hatte bis jetzt noch nichts veröffentlicht als einige Prosaskizzen, in denen er die gackernden Hühner eines Bauernhofes und die nackten Arme einer Stallmagd, ein andermal auch die Blusen, Mützen und Reinigungswerkzeuge der städtischen Straßenkehrer sowie ein Hundefuhrwerk sehr genau beschrieben und der Welt versichert hatte, daß er dies alles selbst gesehen und dabei andere Gefühle gehabt habe als an seinem Schreibtisch. Übrigens war schon wiederholt durch Sam Wetherell und ähnliche maßgebende Kritiker verkündigt worden, Max Leu sei der Dichter der Zukunft, er habe sich noch nie mit Lyrik verunreinigt, dagegen einen Roman beinahe vollendet und an ein Drama soeben die erste Hand gelegt: Werke, welche beide geeignet seien, alle bisherigen Litteraturrevolutionen, auch die neueste und allerneueste, als Kinderspiel erscheinen zu lassen. Es gab sogar Leute, welche das glaubten, weil es schon öfters gedruckt worden war.
Karl August Holder setzte sich vergnüglich in seiner Sophaecke zurecht, als er die beiden Herren im Buchladen sprechen hörte, hütete sich aber vorläufig, seine Anwesenheit bemerkbar zu machen. Max Leu und Sam Wetherell stöberten in verschiedenen neueren Büchern herum, die ihnen Swemelin vorlegte, und machten zuweilen Bemerkungen, die zwar sehr geistreich aber doch noch nicht ganz preßreif waren; sonst wären sie ohne Zweifel hier unterdrückt und dafür andern Orts gedruckt worden. Nach einer Weile ließ sich Sam Wetherell vernehmen: »Ah, oder besser oh, neue Lyrik! Paulus Wikram. Kennen Sie den?« »Einer der Sterbenden. Ohne Zweifel,« erwiderte Max Leu mit Grabesstimme. Sam Wetherell schlug das Buch auf und begann zu lesen: »Aus vergangenen Tagen.«
»Überschrift?« fragte Max Leu und der andere nickte. »Bezeichnend!« entschied der Dichter und der Kritiker las weiter:
»In dem Kelch auf meinem Schreibtisch leuchtet eine weiße Rose
Und die nächtige Lampe flackert in des Sommerwinds Gekose,
Meine Kinder schlummern friedlich in dem Schlafgemache drinnen,
Nebenan auf dem Balkone lehnt mein Weib in ernstem Sinnen.
Leid und Sorgen trugen seufzend wir an manchem herben Tage,
Keuchend hab' ich oft gewogen dieses Lebens Rätselfrage.
Aber heut' ist Friede, Friede! Und ein Danklied flutet leise
Durch die kampfesmüde Brust mir, eine schlichte fromme Weise.
Dieser Gotteserde Schönheit fühl' ich einmal innig wieder,
Ihre Schatten alle, alle sinken mir zu Füßen nieder –«
Sam Wetherell hielt inne und sah Max Leu an; Max Leu drehte den dünnen Knebelbart und sah Sam Wetherell an. Dann brachen beide in ein schallendes Gelächter aus, das nur von den krampfhaft hervorgestoßenen Worten »Rose und Gekose« – »leise und Weise« unterbrochen wurde. In ihrer Heiterkeit bemerkten die Herren nicht, daß Werbelin, der schon geraume Zeit pfeilscharfe Blicke nach ihnen hergesandt hatte, plötzlich von seinem Drehschemel heruntersprang und auf sie zutrat.
»Entschuldigen die Herren,« sagte er mit verhaltener Erregung, »ich verstehe Ihre Heiterkeit nicht.« Sam Wetherell wandte sich um: »Nicht? Sie Ärmster!«
»Was geben Sie mir, wenn ich meine Armut mit Ihnen teile?« fragte Werbelin.
»Fünfunddreißig Pfennige!« antwortete Sam Wetherell und machte ein Gesicht, als ob er einen Witz gemacht hätte. Max Leu aber fragte würdevoll: »Sie sind wohl noch imstande, das für Poesie zu halten?«
»Meine Geistesarmut erlaubt mir das,« antwortete Werbelin, »und die Reime, welche Ihre Heiterkeit erregen, hindern mich wenigstens nicht daran. Was aber den Inhalt dieser Verse angeht – dürfte ich vielleicht fragen, wie lange die Herren schon verheiratet sind?«
»Hum!« sagte Sam Wetherell. »Hem?« fragte Max Leu.
»Hum und Hem ist auch Poesie,« antwortete Werbel, »soweit kenne ich die neue Ästhetik. – Ich wünsche Ihren Bärten gesegnetes Wachstum, meine Herren!«
Damit ging er und schwang sich wieder auf seinen Bock. Nun aber wurden die Herren ungemütlich: was das heißen solle? Wie er wagen dürfe, sie zu beleidigen? Sie verbitten sich jede Anzüglichkeit! Noch dazu von einem – –
Sie kamen nicht dazu, ihrerseits die ganz gewöhnlichen Beleidigungen auszusprechen, die ihnen auf der Zunge lagen, denn nun trat Herr Holder aus seinem Gemache. Mit seiner ganzen weltmännischen Verbindlichkeit und mit überlegenem Humor begrüßte er die jungen Herren und setzte ihnen geläufig auseinander, es sei eben in Gottes Namen einmal durch das Verdienst der jüngeren Schriftsteller ein etwas freierer Ton in litterarische und ästhetische Erörterungen gekommen und man dürfe es durchaus nicht ohne weiteres tadeln, wenn auch der Buchhandel des modernen Geistes einen Hauch verspüre. Die beiden Herren besaßen leider nicht gesellschaftliche Gewandtheit genug, um gegen die verblüffende Liebenswürdigkeit aufzukommen, mit welcher Karl August Holder den Bosheiten seines Werbelin den Rückzug deckte; sie machten gute Miene zum bösen Spiel und versuchten ihren eigenen Rückzug zu decken, indem sie begannen theoretisch zu werden und von den über alle Zweifel erhabenen Grundsätzen ihrer neuen litterarischen Schule etwas Weniges zu predigen. Karl August Holder kam in immer bessere Laune; er hörte den Herren eine Weile recht verbindlich zu, dann sagte er: ja, das seien äußerst wichtige ästhetische Fragen, welche auch andere Gebiete der Kunst, außer der Poesie, berühren. Er reihe die Poesie nämlich immer noch unter die Künste ein, obwohl das nicht mehr modern sei; doch, das sei ja Nebensache. Dagegen wisse er nicht, ob die Herren den originellen Pferdemaler Jakob Kleinknecht kennen? Wie es scheine, nicht? Ob es die Herren vielleicht interessieren würde, den Mann kennen zu lernen? Er werde gerne die Bekanntschaft vermitteln; sie könne möglicherweise ästhetisch lehrreich sein. Und für den Fall, daß man auch mit dem Pferdemaler auf das eben angeschlagene Thema zu sprechen käme, könne es nicht schaden, Herrn Kleinknecht zuvor mit dem strittigen Dichtwerk bekannt zu machen. Er wandte sich au Schwämmel mit dem Auftrag, Paulus Wikrams »Phaläna« an den Maler zur Einsicht zu senden.
Die jungen Herren versprachen sich etwas von dieser Wendung der Sache und besänftigt empfahlen sich Dichter und Kritiker. Schon nach einigen Tagen erhielten sie von dem Buchhändler eine höchst freundliche Einladung zu einem kleinen Abendessen in dem feinsten Speisehaus der Stadt, mit der Bemerkung, auch Herr Kleinknecht habe sein Erscheinen zugesagt.
Sam Wetherell schmunzelte, als er den mit ausgesuchter Behaglichkeit hergerichteten kleinen Raum betrat, in welchem Karl August Holder schon seiner Gäste harrte. Der einfach aber sehr fein gedeckte Tisch mit dem blinkenden Kristall ließ etwas erwarten und der Kritiker war durchaus kein Verächter von Tafelgenüssen. Weniger behaglich empfand der Dichter Max Leu den Anblick der verheißungsvoll gesiegelten Flaschen, welche auf einem Ecktischchen standen; er war ein grundsätzlicher Gegner alkoholischer Getränke.
Karl August bat die Herren Platz zu nehmen, mit dem Bemerken, auf ein pünktliches Erscheinen des Herrn Kleinknecht sei leider nicht zu rechnen; es habe ihn schon ziemliche Mühe gekostet, den Maler nur zu bestimmen, daß er hier statt in seiner gewohnten Weinkneipe sein Abendessen einnehme. Er hätte die Herren gerne dorthin geführt, damit sie das Original auf dem Hintergrund seiner allabendlichen Umgebung sähen, aber er zweifle, ob es ihnen dort so recht behaglich geworden wäre, und zu einem ernsteren geistig belebten Gespräch sei hier ohne Zweifel der bequemere Ort. Die Zeit, bis der unpünktliche Maler erscheine, lasse sich gut ausfüllen durch einige Berichte über den merkwürdigen Kauz.
Ehe er übrigens seinen Bericht begann, bot er seinen Gästen ein ausgesuchtes appetitreizendes Gläschen an und dies gab dem Dichter sofort Gelegenheit, seine Abneigung gegen den Alkoholgenuß mit höflichen, aber im Tone der Überzeugung vorgebrachten Worten auszusprechen. Herr Holder war liebenswürdig genug, ihm sofort alle Wasser und Fruchtsäfte zur Verfügung zu stellen, welche einem Nichttrinker seine Enthaltsamkeit zu versüßen geeignet sind. Sodann begann er:
»Es wundert mich nicht, meine Herren, daß Sie Herrn Jakob Kleinknecht nicht kennen, denn zu einer Berühmtheit, die man zu kennen verpflichtet wäre, fehlt ihm allerdings noch einiges. Er hat auch einen wunderlichen Bildungsgang hinter sich. Von Geburt ist er ein Schwabe, ein armer Bauernbub aus einem unbekannten Neste in der Gegend von Ludwigsburg. Er ist nicht als ein zweiter Giotto von den Schafen weggeholt worden, wohl aber ist er wie jener berühmter Niederländer zuerst bei einem Grobschmied in die Lehre gegangen. Der ländliche Grobschmied ist bekanntlich zugleich Hufschmied; durch den Geburtsort unseres Helden führt eine uralte Landstraße, welche trotz der Eisenbahn noch heute viel befahren ist, damals aber von Fuhrleuten wimmelte; so hatte der Grobschmiedsjunge Gelegenheit genug, mit Pferden bekannt zu werden und sich frühzeitig eine Meisterschaft im Hufbeschlag zu erwerben. Auch ist der Hufschmied aus dem Lande häufig zugleich Roßarzt und so konnte der junge Hufschmied seine Pferdekenntnis von den Hufen immer weiter über das ganze Roß ausdehnen. Sein Meister ließ ihm in der Pferdekunde alle Förderung angedeihen; weniger erbaut war er davon, daß der Junge alle Thüren und Fensterladen und jedes Stück Papier, das ihm unter die Hände kam, mit Zeichnungen von Pferden und einzelnen Teilen des Pferdekörpers beschmierte und bekritzelte. Das gab manchen Zeitverderb und trug dem jungen Künstler manche Ohrfeige ein; und es fand sich keiner jener hochherzigen Gönner, welche in den beliebten Künstlergeschichten das verkannte jugendliche Genie zu entdecken und von den Niederungen des Handwerks aus die sonnigen Höhen der Kunst zu führen pflegen. Dagegen wurde der stämmige Bursche bei der Aushebung höchst tauglich für die Artillerie erfunden und einer reitenden Batterie als Rekrut zugeteilt. Da war er nun zwar bei den Vorgesetzten wohlgelitten wegen seiner sorgfältigen und sachkundigen Behandlung der Pferde, aber auch hier schaffte ihm seine unüberwindliche Lust zum Pferdezeichnen manche Verdrießlichkeit und manchen Arrest, sintemalen der Oberfeuerwerker der Ansicht war, daß für einen guten Kanonier andere Dinge wichtiger seien, als das Zeichnen. Endlich wurden doch die Offiziere auf des Mannes Talent aufmerksam, man versetzte ihn aus der Batterie zur Hufschmiede und ein menschenfreundlicher Hauptmann ließ ihm Unterricht im Zeichnen geben. Da stellte sich das Merkwürdige heraus, daß des Hufschmiedes Talent sich völlig auf die Wiedergabe des Pferdekörpers beschränkte, daß er zu allem andern Zeichnen sich ungeschickt und namentlich unlustig bezeigte. Dagegen erlangte er in der Hufbehandlung bald eine gewisse Berühmtheit bei der Garnison und auch der Unterricht, den ihm der Roßarzt des Regimentes in der Pferdekunde gab, schlug trefflich an. Der Gedanke, ihn zum Maler auszubilden, den jener Hauptmann eine Zeit lang gehegt hatte, mußte aufgegeben werden. Dagegen, rückte Kleinknecht mit der Zeit zum Regimentshufschmied vor und erwarb sich als Roßarzt eine ausgebreitete und einträgliche Praxis. Das Pferdezeichnen aber gab er nicht auf, verwendete vielmehr alle seine Mußestunden auf diese Thätigkeit, ja er machte mit der Zeit Versuche, in Öl zu malen, und nahm förmlichen Unterricht im Atelier eines Malers. Er brachte es auch so weit, daß er leidliche Ölbilder Herstellen konnte – Pferde natürlich, nichts als Pferde! – aber seine Farbenbehandlung blieb immer schwach, während seine Zeichnung sich zu einer Virtuosität ausbildete, um die ihn mancher berühmte Tiermaler beneiden könnte. Nun hat er aber, seit er die Ölmalerei ein bißchen los hat, die Grille, hartnäckig in Öl malen zu wollen, und während seine Skizzen in den Kreisen der Pferdekenner gesuchte Blätter sind, fanden und finden seine Ölbilder nur selten Käufer. Das verschlägt ihm aber auch nichts. Er tapeziert ruhig, seine ganze Wohnung mit seinen Kunstwerken aus, da und dort sieht man sie auch als Merkwürdigkeiten bei Offizieren und anderen Pferdemenschen – ich besitze selbst einige und nicht die schlechtesten – und da er als Hufschmied und Roßarzt ein wohlhabender Mann geworden ist, hat er sich in unserer Stadt zur Ruhe gesetzt; er lebt als behaglicher Junggeselle und verfügt über einen Grad von allmählich erworbener Bildung, die ihn für andere Junggesellen zu einem keineswegs unangenehmen Gesellschafter macht. Seine Rücken und Tücken hat er freilich, worauf ich Sie zum voraus aufmerksam machen möchte.«
»Sehr interessant! Stoff zu einer Novelle!« bemerkte Sam Wetherell, indem er dem Dichter Max Leu zunickte. Dieser nahm einen Schluck Brunnenwasser und erwiderte: »Wie geschaffen zu realistischer Behandlung! Freilich müßte man dazu eingehende Studien machen über Pferdekunde und Hufbeschlag, Roßkrankheiten und Leben in der Artilleriekaserne, Behandlung und Schwierigkeiten der Öltechnik und so fort! Dann genaue Lokalstudien – wie hieß das Nest, in dem der Mann geboren ist? Bei Ludwigsburg, nicht wahr? Geburtsort Schillers – nein Wielands – oder wie ist das? Marbach? Biberach? – ist ja gleichgiltig! Kurz, irgendwelche klassische Erinnerungen! An sich zwar wertlos und dem Grobschmied schwerlich bekannt, wichtiger jedenfalls das Interieur der Schmiede – sodann der Mann selbst und sein Milieu – –«
In diesem Kauderwelsch gings noch eine kleine Weile fort, Sam Wetherell warf hie und da einen Brocken dazwischen, Karl August Holder hörte lächelnd zu und bemerkte endlich: »in Beziehung auf Studien an dem Manne selbst würde ich Ihnen einige Vorsicht empfehlen. Er beißt zwar nicht gerade, immerhin – – ah, da kommt er!«
Vor der Thüre hörte man einen starken Schritt, eine laute Stimme richtete eine Frage an den Kellner, dann ging die Thüre auf und herein trat ein breitschulteriger, großer, etwas beleibter Mann mit langem, weißem Schnurrbart in dem geröteten Gesicht; seine ziemlich altväterische Zivilkleidung stach von der militärischen Haltung stark ab und flößte dem nach der neuesten Wiener Mode gekleideten Sam Wetherell einiges Mitleid ein. Der Mann begrüßte den Buchhändler kameradschaftlich und brummte ein kurzes »Freut mich«, als er mit den beiden andern bekannt gemacht wurde. Dann setzte er sich ohne viel Umstände, der Kellner trug das Essen auf und nun gings eine Zeitlang recht schweigsam zu. Die ganze Gesellschaft hatte Hunger, die Speisen waren vorzüglich, und jeder, auch das Dichtergenie, that ihnen alle gebührende Ehre an. Namentlich der Maler entwickelte einen bewundernswerten Appetit und schien nicht im mindesten geneigt, sich durch irgendwelche Unterhaltung im Essen stören zu lassen. Auch als der erste Hunger gestillt war und Herr Holder ein zusammenhängenderes Gespräch in Gang zu bringen sich bemühte, fuhr Kleinknecht fort, seine ganze Aufmerksamkeit den Speisen zuzuwenden, lobte drunterhinein den Tischwein, dem er mäßig aber mit Kennermiene zusprach, und es war schwer zu entscheiden, ob er überhaupt von dem Gespräch der andern etwas höre. Nur ein zeitweiliges Zusammenziehen der starken Augenbrauen, ein rascher Blick auf einen der Sprecher schien dergleichen anzudeuten. Karl August hatte das Gespräch auf litterarische Tagesneuigkeiten gelenkt, Sam Wetherell begann zu orakeln und Max Leu schien nicht abgeneigt, in längerem Vortrag sich über sein eigenes dichterisches Schaffen zu verbreiten. Da dies aber bei seinesgleichen ohne scharfe Ausfälle auf überwundene Standpunkte früherer Poeten nicht abgeht, so kam's, daß nach einiger Zeit der Name Uhland an des Malers Ohr schlug, und zwar mit einem schmückenden Beiwort versehen, das man sonst nicht gerade als Ausdruck der Verehrung für einen Dichter zu gebrauchen pflegt. Da legte Jakob Kleinknecht Messer und Gabel nieder, wischte sich mit der Serviette energisch den Schnurrbart und sagte: »Nichts für ungut, aber wer mir den Uhland schlecht machen will, der hat's mit mir zu thun.«
»Aber Sie geben doch zu, Herr Kleinknecht,« nahm Sam Wetherell den Kampf aus, »daß Uhland nichts ist als ein Romantiker?«
»Nichts gebe ich zu,« erwiderte Kleinknecht, »und was ein Romantiker ist, geht mich nichts an. Es kommt bloß darauf an, ob einer ein Kerl ist, und das ist der Uhland!« Damit griff er nach der Platte, holte sich noch ein Stück Braten und aß weiter. Der Dichter und der Kritiker sahen sich bedeutungsvoll an, als wollten sie sagen: man merkt den Grobschmied! Karl August suchte das Gespräch, das ihm gefährlich zu werden schien, abzulenken, aber Max Leu konnte sich die Frage nicht versagen, ob Herr Kleinknecht vielleicht auch einen gewissen Paulus Wikram für einen Dichter halte?
»Paulus Wikram? Den kenn' ich nicht,« war Kleinknechts Antwort.
»Ich habe Ihnen seine neuen Gedichte zur Einsicht zusenden lassen,« schaltete der Buchhändler ein. »Sie kaufen ja zuweilen Gedichte. Haben Sie die Sendung nicht erhalten?«
»Ja, es liegt so 'was auf meinem Zimmer,« erwiderte Kleinknecht essend. »Sonderbarer Titel, wenn ich mich recht erinnere: Pha – Pha –«
»Phaläna,« ergänzte Holder.
»Ja, ja!« sagte Kleinknecht. »So was! Lateinisch wohl oder griechisch, meine gelehrten Herren?«
Max Leu und Sam Wetherell zogen die Brauen und zuckten die Achseln mit jenem tiefsinnigen Lächeln, mit welchem gelehrte Leute ihre Unwissenheit decken, wenn ein Ungelehrter unbequeme Fragen stellt.
Holder sagte trocken: »Ich glaube, das Wort stammt aus dem Griechischen und bedeutet einen Nachtfalter – eine Lichtmotte oder so etwas. Soweit ich die Gedichte angesehen habe, scheint mir der Titel zwar fremdartig aber nicht übel gewählt.«
»Ich hab's noch nicht angesehen,« brummte Kleinknecht, »werd's aber thun, wenns was Rechtes ist.«
»Versäumen Sie das ja nicht,« sagte Sam Wetherell mit einer ironischen Betonung, die aber der Maler nicht zu bemerken schien. Die angeregte Unterhaltung spann sich noch eine Weile zwischen den drei anderen weiter, drohte aber entsetzlich langweilig zu werden. Denn Karl August hütete sich teils aus Höflichkeit teils aus geheimer Bosheit wohl, den Behauptungen seiner hoffnungsvollen jungen Gäste ernsthaft zu widersprechen; sie selbst aber hatten die ohnedies nicht sehr mannigfaltigen Heilslehren ihrer neuen ästhetischen Schule schon so oft gepredigt, daß ihre Wiederholung unter diesen Umständen nicht den genügenden Reiz für sie haben konnte. Der Maler kümmerte sich offenbar, so lang man ihm nicht einen Liebling antastete, blutwenig um die modernste Ästhetik, und aus einigen durchaus verbindlichen Bemerkungen Holders schien doch hie und da etwas zu wetterleuchten wie humoristisches Behagen eines Erwachsenen an selbstbewußter Schülerweisheit. Die Herren ahnten so etwas dunkel, konnten es aber nicht recht packen; es wurde ihnen unbehaglich und die geistreiche Unterhaltung drohte zu versanden.
Jakob Kleinknecht aber hatte indessen seine Mahlzeit beendet. Er füllte sich gemütlich das zweite Glas von dem stärkeren Weine, den Holder inzwischen hatte aufstellen lassen, wählte sich unter den angebotenen Zigarren die stärkste aus, entzündete sie langsam, lehnte sich im Stuhle zurück und sprach: »So! Essen und Trinken hält doch Leib und Seele zusammen. Das ist auch eine ewige Wahrheit, meine Herren! Herr Holder, ich mache Ihnen mein dankbares Kompliment. Sie haben Recht: hier ißt und trinkt man doch noch besser als im Weinstüblein bei der Frau Schmalzhaf, obwohl ich sonst nichts auf diese kommen lasse. – So, nun wollen wir auch etwas Vernünftiges reden! Ei, Herr – Herr Leu, nicht wahr? – Sie trinken ja gar nicht! Oder, was ist denn das, was Sie im Glase haben? Sie sind doch nicht etwa schon am Champagner?«
»Es ist Limonade,« antwortete Max Leu ernsthaft.
Der Maler schüttelte sich, als hätte er selbst von diesem Getränk genossen, und lachte gutmütig auf: »Erlauben Sie, das glaubt einer allein nicht, da gehören zwei starke Männer dazu! Vorhin hieß es doch, Sie seien ein Dichter – und Sie trinken Limonade?«
»Warum nicht?« erwiderte Max Leu. »Glauben Sie, daß ein Dichter seine Begeisterung im Alkohol holen müsse? Im Gegenteil, der Alkoholgenuß ist auch eine der Ursachen, warum die verstorbene Poesie die Wirklichkeit nicht gesehen hat. Die Enthaltung vom Alkohol fördert die nüchterne Beobachtung des Wirklichen, und das ist jetzt die Hauptsache für den Dichter.«
»Na, na,« sagte der Maler, »ewig betrunken braucht der Dichter gerade nicht zu sein, das behauptet kein Mensch. Aber ewig nüchtern, das ist auch nicht mein Ideal! Hat etwa Schiller nichts getrunken oder Goethe?«
»Schiller!« lachte Max Leu; »Goethe,« sprach Sam Wetherell in einem Tone vornehmen Wohlwollens, wie ihn nur ein ganz gewiegter Kritiker aus dem Halse bringt.
»Ha, nichts für ungut,« sagte Kleinknecht behaglich, »Schiller und Goethe werden die Herren wohl noch gelten lassen? Oder nicht? Dann soll doch gleich – Na, keine Aufregung, Sie machen ja nur Spaß. Aber was ich fragen wollte, Herr Leu: Sie trinken also wirklich gar nichts?«
»Keinen Alkohol, wie ich sagte. Und aus Grundsatz.«
»Ah, machen Sie mir den Gaul nicht scheu! Sie gehören doch nicht etwa zu den neumodischen Herren – wie heißt man sie doch gleich?«
»Totalabstinenzler,« sagte Holder lachend.
»Ja, so heißt das verzwickte Wort,« fuhr Kleinknecht fort. »Aber da nehmen Sie mir's nicht übel, lieber Herr, über diese Menschensorte hab' ich meine kuriose Meinung.«
»Welche?« fragte Max Leu mit nicht ganz behaglicher Spannung.
»Das sind,« sagte Kleinknecht breit, »das sind zumeist Leute, die entweder früher gesoffen haben oder vom Trinken nur aus den gelehrten Büchern wissen und aus den Traktätlein über die Trunksucht. Was ein rechtschaffenes Trinken ist, nicht zu viel und nicht zu wenig, das wissen die Herren gar nicht. Aber zu denen werden Sie ja doch nicht gehören. – Also,« fuhr er treuherzig fort, »thun Sie uns heut' den Gefallen und trinken Sie eins mit! Es wär' ja sonst eine Beleidigung für Herrn Holder. Sie brauchen gar keine Angst zu haben: der Wein da beißt nicht. Und wenn Sie ihn fürchten, so nehmen Sie vom leichteren. Und was Sie da von nüchterner Beobachtung gesagt haben – sehen Sie, das ist recht schön. Aber wenn Sie meinen, daß ich meine Gäule nicht nüchtern beobachtet habe, so sind Sie auf dem Holzweg. Im größten Rausch will ich Ihnen noch ein Staatsroß zeichnen, mit Kreide auf den Tisch oder mit Kohle an die Wand oder mit dem feinsten Bleistift in Ihr Notizbüchlein oder mit was und wohin Sie wollen – ein Staatsroß, sag' ich, und es soll kein Strich dran falsch sein! Was gilt's die Wette? Wenn ich's kann, so trinken Sie heut' von dem Wein da, wenn ich's nicht kann, so will ich ein Vierteljahr lang keinen Tropfen mehr trinken! Gilt's? – Kellner, bringen Sie einmal eine Kreide und – – ja so, ich hab' ja noch gar keinen Rausch!«
Er lachte und die andern lachten hellauf mit. Kleinknecht fuhr fort: »Oder glauben die Herren, daß Sie mir so schnell einen anhängen können? Da sind Sie an den Letzten geraten! Ein alter Regimentshufschmied führt was.«
Den Herren wurde die Sache unterhaltend und Max Leu glaubte den Maler in der rechten Verfassung zu haben, in der sich Studien an ihm machen ließen. Er sagte deswegen, er sei noch durch kein Ehrenwort an den Bund der Enthaltsamen gekettet, sei überhaupt kein Pedant, sondern ein Mann der geistigen Freiheit. Nur als moderner Dichter opfere er den Alkohol der nüchternen Beobachtungsschärfe, er sei aber Manns genug, auch einmal ein Gläschen Wein zu trinken; und ihn in einen Zustand der Sinnebenebelung zu bringen, möchte selbst einem Regimentshufschmied schwer fallen. Er sei also bereit, ein Gläschen mitzutrinken, wenn ihm Herr Kleinknecht in sein Notizbuch ein tadelloses Pferd zeichne, ganz genau in der Stellung, die es beim Beschlag des linken Hinterhufes annehme und mit deutlicher Markierung aller dabei in betracht kommenden Muskelpartien. Herr Holder als anerkannter Pferdekenner solle Richter sein.
Der Maler schmunzelte, nahm das dargereichte, recht umfangreiche Notizbuch, in welchem ohne Zweifel der kastalische Quell für die Dichterbegeisterung von Max Leu sprudelte, suchte sich die nächste beste leere Seite aus und in wenigen Minuten war das Verlangte gezeichnet, so flott und selbst für den Nichtkenner belehrend, daß Karl August in allem Ernst erklärte, es liege hier eines der wertvollsten Kleinknechtschen Blätter vor.
»So,« sagte der Maler, »aber jetzt Wort halten und trinken!« Damit goß er dem Dichter das Glas voll und dieser nippte. »Was da, das heißt nicht trinken!« murrte der Maler. »Anstoßen, austrinken!« Max Leu gehorchte und nun ging die Unterhaltung mit vollen Segeln. Kleinknecht kam in treffliche Laune, es bedurfte nur leichter Aufmunterungen und er erzählte eine Anekdote aus seinem Leben um die andere; Max Leu machte sich hie und da eine heimliche Notiz in das vor ihm liegende Büchlein, stellte Fragen, zum Beispiel über die Zahl der Nägel, mit der ein Hufeisen befestigt werde, über den Geruch, den der Pferdehuf beim Auflegen des heißen Eisens verbreite, über die Uniformknöpfe der württembergischen Artillerie oder über die Art, wie sich der Soldat in der Kaserne wasche. Der Maler gab seine Antworten zuweilen in recht saftigen Worten, die sich der Dichter hastig notierte; seine schwäbische Aussprache wurde zum Ergötzen der jungen Herren aus Norddeutschland immer breiter, je munterer er wurde, und er versäumte nicht, Herrn Leu immer wieder einzuschenken und ihn zum Trinken anzumahnen. In der selbstvergessenen Hingabe an seine realistischen Studien trank denn auch der Dichter ganz rüstig weiter, die andern ließen es ihm nicht an gutem Beispiel fehlen und das Gespräch nahm immer kühneren Schwung. Man kam auf die Ästhetik der Malerei zu sprechen, Max Leu und Sam Wetherell gingen auch hier für die neueste Richtung der Malerei eifrigst ins Zeug, behandelten Raphael und Dürer als Weisenknaben und priesen mit vollen Backen jenen Kehrichtmaler, über welchem der Kommerzienrat Wullenweber vor kurzem ein Opfer seines Zornmutes geworden war. Sie kamen immer mehr ins Feuer, je deutlicher Jakob Kleinknecht zu erkennen gab, daß er das alles für dummes Zeug halte, daß aber natürlich ein gemalter Gaul vier Füße haben müsse und daß man einen Rappen nicht mit Zinkweiß lasieren dürfe. Holder ließ unvermerkt Champagner auftragen und die Unterhaltung seiner Gäste kam immer mehr in jenes Stadium, da keiner mehr genau weiß, was er am andern bestreitet, aber keine Behauptung des andern mehr gelten läßt, vielmehr nur bestrebt ist, selbst möglichst viel zu behaupten. Von Theorien kam man auf Erfahrungen zu sprechen, welche den Stoff zu künstlerischer Behandlung liefern können, und die jungen Herren erwiesen sich als sehr reif in jeder Beziehung. Ihre Geschichtchen wurden mit der Zeit immer schmutziger, auch der ehemalige Hufschmied scheute Derbheiten nicht, nur daß sie weniger faulig rochen als die vermeintlichen Natürlichkeiten der jungen Kraftgeister; diese konnten es übrigens nicht lassen, immer wieder in die Theorie zu geraten und namentlich den Satz zu erörtern, daß keiner ein Künstler sei, der nicht das Schwein im Menschen genügend studiert habe. Max Leu hatte seinen Alkoholhaß völlig vergessen, Sam Wetherell hatte von Anfang an den Weinen nachdrücklich zugesprochen, und als Karl August Holder es endlich an der Zeit fand, durch allmählige Einstellung der Getränkelieferung den Aufbruch anzubahnen, da war der nüchtern beobachtende Dichter schwer betrunken, während sein Freund noch so viel kritischen Verstand übrig hatte, um ihn nach Hause lotsen zu können. In jener Nacht und am darauffolgenden Morgen hatte Max Leu vollauf Gelegenheit, über sämtliche Wirkungen des Alkohols und dessen Verhältnis zum Schwein im Menschen die eingehendsten Studien an sich selbst zu machen, und soweit seine Beobachtungsfähigkeit beeinträchtigt war, konnte ihm Sam Wetherell aushelfen. Eine realistische Skizze, mit welcher Max Leu bald darauf seine dichterische Laufbahn fortsetzte, legte in ihrer Naturtreue gütiges Zeugnis davon ab und fand bei den Mitstrebenden allgemeine bewundernde Anerkennung.
Jakob Kleinknecht aber, der wohl dem Weingott das üppigste Opfer dargebracht und nur den windigen Champagner verschmäht hatte, wanderte, nachdem er sich von dem völlig nüchternen Karl August dankend verabschiedet hatte, festen und geraden Schrittes über den knisternden Schnee seiner Wohnung zu. Nur die lauten Selbstgespräche, die er führte, legten Zeugnis davon ab, daß auch ihm der Gott den Scheitel berührt hatte. Aber er fand Schlüsselloch, Treppe, Feuerzeug ohne Schwierigkeit; in seinem Atelier angelangt, entzündete er eine hellbrennende Lampe und sah sich vergnüglich an den Wänden um, von welchen Pferde und Pferdeköpfe jeglicher Art und Größe und Farbe, in den mannigfaltigsten Haltungen und Bewegungen auf ihn herabschauten. Seine Selbstgespräche gingen bald in Anredeform über:
»He, Brauner, wie gehts? Flotter Bursche, der du bist, knochenrein, ohne Spat und Hasenhack! Gelt, dich haben wir schön hingestellt! Ja, ja, es bleibt dabei: die rauhesten Füllen geben die glättesten Fohlen! – Na, du alter Krippenbeißer dort, guck nicht so giftig, kommst doch nicht aus deinem Rahmen heraus! – Hüh, hopp, Schimmel! Bist ein kreuzlahmes struppiertes Vieh geworden – schade drum! Schad' um uns beide! Bin auch nächstens struppiert und war einst so jung, so jung! – Grüß dich Gott, Lise! Wetter auch, was die immer noch rund und schlank ist! Ja, ja, hab's immer gesagt: über arabisches Blut geht doch nichts. Möcht' so ein Tierle wohl einmal in der Wüste gesehen haben – brr, hopp, hopp!« Er schnalzte mit der Zunge und bewegte die Hand, als ob er dem Tiere den Hals klopfe. »Hellauf, heut sind wir wieder einmal lustig miteinander, heut geht's nach Arabien!«
Und er begann ein wunderliches Thun. Sorgfältig nahm er Bild um Bild von der Wand, stellte Stühle, Staffeleien, Schemel in einem Halbkreise auf und lehnte die Bilder daran, so daß die ganze Pferdegesellschaft auf dem Boden versammelt war. Dann breitete er einen Teppich in die Mitte des Kreises, verschwand für eine Weile in seinem Schlafzimmer und kehrte dann zurück, mit nichts bekleidet als mit einem riesigen Leintuch, das er burnusartig über Kopf und Körper geworfen hatte. Er legte sich der Länge nach auf den Boden und einen zärtlichen Blick in die Runde schickend, sprach er: »So liegt der Beduine zwischen seinen Pferden!«
Die ehrlichen Pferdegesichter schauten ihren Meister an, als ob sie wüßten, daß der Kauz nicht zum erstenmal seiner Weinlaune diesen seltsamen Ausdruck gab. Und in den Augen des Mannes schimmerte etwas, was durchaus nicht bloß Weinlaune war: eine innige Liebe zur stummen Kreatur, ein künstlerisches Behagen an Formen und Linien und ein Abglanz von jenem Heimweh, das jedes echte Gemüt hinauszieht über sich selbst nach geahnten aber nicht gekannten Fernen.
Eine Weile lag der Maler so und seine Miene wurde ernst, wehmütig ernst. Dann aber zuckte die Laune wieder um Augenlider und Nasenflügel, er strich den langen Schnurrbart und erhob sich. »Herrgott, was haben die Kerle heut Abend zusammengeschwatzt! Pros't die Mahlzeit, Kunst und Poesie, wenns in der Welt so weitergeht! Nun muß ich mir doch noch den Kerl ansehen, den Dichter da, von dem sie geredet haben!« Er trat zu einem Tisch, kramte in dem Durcheinander auf demselben und fand richtig das Buchhändlerpaket, das seit einigen Tagen da lag. Er zog Paulus Wikrams Gedichte hervor, zündete sich noch eine Zigarre an, schraubte etwas an dem immerglühenden Ofen, stellte sich die Lampe auf einem Schemel zurecht und legte sich wieder zwischen seine Pferde. Er blätterte in dem Buche, brummte zuweilen beifällig, schüttelte dazwischen den Kopf; aber es gelang, ihm offenbar nicht, ein klares Verhältnis zu dieser Poesie zu finden. »Halt,« brummte er endlich, »da sind Sprüche. Wollen einmal sehen, was da für Weisheit herausschaut! – Um die Kunst handelt sich's? Sehen lassen!« Sein Auge lief über eine Reihe von Distichen, nun las er eines laut:
»Zeigt uns den Menschen im Menschen und nicht verluderte Bestie!
Daß ihr die Bestie kennt, glauben wir euch auf das Wort!«
»Gut!« sprach der Beduine. »Unterschreib' ich! Wär' etwas für das Stammbuch der jungen Herrn! – Weiter! – Auch gut! – Einverstanden! – Oho, was soll das heißen?« Er hob das Buch näher zum Licht und las:
»Zeigt mir im Sprunge das Roß, das hinsaust über die Haide,
Aber malt es mir nicht treulich vom Kopf bis zum Schwanz!«
Er las das Distichon noch einmal und schüttelte nachdrücklich den Kopf. »Himmelmillionendonnerwetter! Ist der Kerl verrückt? So was kann doch nur einer schreiben, dem's unter der Kappe nicht richtig ist! Wie soll ich denn den Gaul anders malen, als treulich vom Kopf bis zum Schwanz? Soll ich Füße im Sprung zeigen, in der blauen Luft, auf der ungrischen Haide! Hat der Mensch noch kein Roß gesehen? He, Brauner, was sagst du dazu?«
Der Braune hatte den Laokoon so wenig studiert als der weiland Hufschmied und keinem von beiden fiel es ein, daß Paulus Wikram mit dem Poeten rede und nicht mit dem Pferdemaler. Über dessen Augen sank nun doch eine Weinschwere, er klappte das Buch zu, stand auf, wickelte es wieder ein und brummte:
»Mit dem Herrn will ich auch nichts zu thun haben. Und jetzt abgeprotzt, ganze Batterie! Marsch! Ins Bett!«