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Die Leiden eines Buches.
An einem nebligen Oktobertage feierte Herr Paulus Wikram seinen Geburtstag. Er war sechzig Jahre alt und somit in das Alter eingetreten, von welchem an die allmächtige und allweise öffentliche Meinung unserer erleuchteten Zeit dem Dichter das Recht zubilligt, beachtet und genannt zu werden, auch wenn seine Werke niemand liest. Da jedoch die gelehrten Wortführer der öffentlichen Meinung sich noch nicht wissenschaftlich geeinigt haben, ob in der That schon das sechzigste oder vielleicht doch erst das siebenzigste Lebensjahr jenen Rechtsanspruch begründe, so konnte sich Herr Paulus Wikram nicht wundern, daß er in der trüben Frühe dieses Tages nicht berühmter erwacht war, als er sich am Tage vorher, genau fünf Minuten vor Mitternacht zu Bette gelegt hatte. Nun zeigte die kleine unverschämt tickende Weckuhr auf dem Büchergestell neben dem glasierten Ofen genau fünf Minuten vor Mittag, und noch war nicht ein einziger Brief, nicht ein einziges Telegramm, nicht ein einziger Zeitungsbericht eingelaufen, von der Teilnahme zu zeugen, mit welcher die gebildete Welt diesen festlichen Tag mitzufeiern möglicherweise die Erlaubnis hatte. Die Gelehrten waren wahrscheinlich immer noch nicht einig, und wenn sie's grundsätzlich waren, so war ohne Zweifel die Anwendbarkeit des Grundsatzes auf Paulus Wikram noch nicht sicher festgestellt. Ehe aber die Wissenschaft endgiltig gesprochen und die Presse die nötigen Mitteilungen über ihren Spruch gemacht hat, steht es der gebildeten Menschheit nicht zu, irgend welche Teilnahme zu bezeugen.
Übrigens war Herr Paulus Wikram offenbar ein böser Verächter der Bildung und der öffentlichen Meinung. Denn er wußte gar nicht einmal, daß unter dem kleinen Berg von Briefen, Zeitungen und andern Drucksachen, welche der Briefträger auf seinen Schreibtisch gelegt hatte, nicht die geringste Äußerung der öffentlichen Meinung sich befand, welche auf seine heute beginnenden Rechtsansprüche sich bezogen hätte. Er hatte die ganze postalische Herrlichkeit nur eines einzigen Blickes gewürdigt und dieser war auf die Handschrift seines Verlegers gefallen – Grund genug, dem ersten Blick vorläufig keinen zweiten folgen zu lassen! Denn etwas Angenehmes hatte ihm noch kein Verleger geschrieben, und an diesem Vormittag zumal fühlte er nicht das geringste Bedürfnis, die Ansichten seines Verlegers über irgend etwas in der Welt oder gar über seine eigenen Werke zu vernehmen. Ihn kümmerte überhaupt in dieser Stunde nicht, was die Welt draußen treibe und denke.
Auf seinem Schreibtische stand ein Strauß von roten und weißen Nelken und duftete so stark, daß der alte Herr die Cigarre beiseite gelegt hatte, um den geliebten Nelkenduft unvermischt mit dem Tabaksgeruch zu genießen, den er sonst selten missen mochte. Der Nelkenstrauß war in der Frühe von einem Dienstmann an der Hausthüre abgegeben worden; dieser war eiligst wieder davongelaufen, ehe Herrn Wikrams ältliche Schaffnerin nur eine einzige Frage an ihn hatte richten können. Nun stand der Strauß auf dem Schreibtische neben einem Lichtbilde, das eine junge Frau zeigte, umgeben von einem Nestchen hellblickender Kinder, Knaben und Mädchen mit Kraushaaren und hängenden Locken, die jüngsten auf dem Schoße der Mutter, die andern ihr an Knie und Schulter gedrängt.
Das war Paulus Wikrams Frau gewesen in der Kraft und Fülle der Jahre, das waren seine Kinder gewesen in der unbefangenen Neugier werdenden Lebens. Aber über der schönen Stirn der Frau lag auch auf diesem zu guter Stunde aufgenommenen Bilde ein leichter Schatten der Sorge, welche sie nie ihrer Kinder hatte froh werden lassen. Es war die ganz gewöhnliche Sorge ums tägliche Brot gewesen, welche der tapferen Frau um so härter zugesetzt hatte, je weniger Paulus Wikram imstande gewesen war, leicht und reichlich des Lebens Notdurft zu beschaffen. Wohl hatte er gearbeitet, was ein geistiger Arbeiter zu arbeiten vermag; aber die Besoldung eines Gymnasiallehrers pflegt nicht zu wachsen mit der Zahl seiner Kinder und ein Poet erwirbt in deutschen Landen kein Vermögen, wenn er nicht vorher schon eines hat, wenigstens nicht zu der Zeit, da er's nötig hätte, um die Seinen zu ernähren und den Geist frei zu machen für fröhliches Schaffen. Der Doktor Wikram hatte gekeucht unter des Alltags Mühe und nach Atem gerungen in sorgenvollen Nächten, die Musen hatten sich schmollend von ihm gewendet und besser gestellte Dichter heimgesucht, die Welt hatte die Achseln gezuckt oder über Eitelkeit und Anmaßung moralisiert, wenn er klagte, hatte gleichgiltig an ihm vorbeigeschaut, wenn er klaglos trug und trotzte. So war ein Jahr ums andere, ein Jahrzehnt ums andere hingegangen; die Sorgenfurchen hatten sich immer tiefer in seines Weibes Stirn gegraben und doch ihre Schönheit nicht ganz zu tilgen vermocht; eine Bitterkeit hatte immer tiefer gefressen in seiner Seele und doch das unendliche Sehnen nicht aufgezehrt, welches den Dichter treibt, das Wort für dieses Daseins Rätsel zu suchen und zu sprechen. Endlich hatte der Tod sich dreingelegt und das schnöde Wort gesprochen: »Genug jetzt, Mann! Du hast mich zuweilen besungen, aber das rührt mich nicht. Dich hol' ich deswegen noch lange nicht. Ich mag die Leute nicht, deren Körper keine Schwindsucht des Geistes zu brechen vermag. Solche Schwindsucht aber ist zuweilen heilbar – ich will dir helfen. Ist Niemand da, die Fesseln der Not zu brechen, die dich schnüren, so brech' ich die Fesseln der Liebe, die dich an die Not schmieden. Sieh zu, wie du's dann weiter treibst!« Und Freund Hain hatte die jüngeren Kinder zumal gefaßt mit seuchenbefleckten Händen und sie unter Grabesblumen gelegt in eine Reihe; dann hatte er eilig der Mutter einst schöne, nun zerarbeitete Hand ergriffen und das weinende Weib hingelegt, wo die Kinder lagen; ein Jahr darauf hatte er dem ältesten Sohn die Pistole in die Hand gedrückt und ihm geraten, ein reichangelegtes, aber steuerloses Leben wegzuwerfen; wieder ein Jahr, und er hatte des Vaters letzten – einen herrlichen Jungen voll Kraft, das Leben zu zwingen – in der sausenden Maschine zermalmt, die der Junge selbst gebaut. Dann war er vor Herrn Paulus Wikram getreten und hatte ihm zugeraunt: »So was kommt nicht alle Tage vor; für dich habe ich ein Übriges gethan!« Und um sein Werk zu vollenden, hatte er einer alten Tante das Lebenslicht ausgeblasen, von deren geheimen Reichtümern kein Mensch wußte. »So, Poetlein, nun bist du der gemeinen Not ledig! Fünfzig Jahre sind noch ein hübsches Alter. Vorwärts!«
Das war auch an einem nebligen Oktobertag gewesen, auch am Geburtstag Herrn Wikrams, gerade vor zehn Jahren. Und diese zehn Jahre zogen an seinem Auge vorüber und schwebten im Nelkenduft um die Stirne der Frau, welche auch die Nelken geliebt, und um die hellen Kindergesichter, welche längst dahin – und es klang in Paulus Wikrams Ohr zuerst wie ein furchtbares Stöhnen, dann wie ein wilder Fluch, dann wie ein wahnsinniges Gelächter, dann wie leises Wimmern und Weinen, dann wie fernhertönende gedämpfte Musik, dann wie machtvolle breite Posaunentöne, dann wie eine ganze Symphonie eines reichbesetzten Orchesters, die fernweg wieder verhallte, und am Ende blieb ein abgerissenes Klingen wie von Äolsharfen unter fallenden herbstlichen Blättern.
Paulus Wikram lehnte sich im Stuhle zurück, er fuhr mit der Hand durch den grauen krausen Vollbart, um seine Lippen regte sich etwas wie weltüberlegenes Lächeln; langsam griff er nach der erloschenen Cigarre, noch langsamer und ganz mechanisch nach dem Brief seines Verlegers. Er betrachtete eine Weile die kleinlichen spitzfindigen Schriftzüge der Adresse, dann erbrach er den Brief und las die trostvolle Mitteilung: die Gedichtsammlung, mit welcher die berühmte Verlagsfirma noch einen letzten Versuch im Interesse des Dichters zu machen sich entschlossen habe, sei nunmehr im Druck fertig und werde nächster Tage erscheinen; man werde mit Recensionsexemplaren und buchhändlerischen Anzeigen nicht sparsam sein, ersuche übrigens den Herrn Verfasser, im Kreise seiner litterarischen Bekannten sich auch seinerseits um günstige Anzeigen und Besprechungen des Buches zu bemühen; die vor der Thüre stehende Weihnachtszeit werde hoffentlich einigen Absatz des Buches mit sich bringen, umsomehr da die Verlagshandlung keine Mühe noch Kosten gescheut habe, für eine elegante Ausstattung des Buches Sorge zu tragen, wie sie auf den Weihnachtstisch passe; diese üppige Ausstattung möge der Herr Verfasser als einen Ersatz dafür ansehen, daß die Verlagshandlung das Risiko einer Honorarzahlung nicht habe übernehmen können; es habe ja bisher keines seiner Werke buchhändlerischen Erfolg gehabt, wenngleich einzelne litterarische Fachzeitungen zuweilen den dichterischen Wert und die vornehme Haltung dieser Werke hervorgehoben haben; aber für den Buchhändler seien geschäftliche Rücksichten und das Verhalten des kaufenden Publikums maßgebend; und für den Fall, daß auch dieses neue Buch keinen Erfolg haben sollte, müsse es die Verlagshandlung ein für allemal ablehnen, die Geschäftsverbindung mit dem Herrn Verfasser weiterzuführen, die schon so manche Verluste gebracht habe; das schließe nicht aus, daß der Schreiber, der Herr Verleger persönlich in der bekannten Verehrung für das unzweifelhafte dichterische Talent des Herrn Wikram verharre, welche allein ihn zu einem nochmaligen Versuche trotz allen Opfern veranlaßt habe. Im übrigen seien die ausbedungenen Freiexemplare bereits unterwegs an die Adresse des Herrn Verfassers.
Der ganze Brief war eigenhändig von dem Verleger geschrieben und Paulus Wikram wußte diese Ehre zu würdigen. Er zerriß den Brief sorgfältig in ganz kleine Stücke und ließ sie in den Papierkorb fallen, der zur Seite des Schreibtisches stand. Indem klopfte es an der Thüre, der Briefträger kam zum zweiten Mal und brachte ein grauliches Paket, auf dessen Adresse die stolze Firma des Verlages in anspruchsvollem Kopfdruck prangte. Paulus Wikram wußte, was das Paket enthielt; er nestelte an der Umschnürung, und als diese sich nicht so rasch lösen wollte, griff er schnell nach der Papierschere und schnitt die Schnur durch. Dann ließ er plötzlich die Schere sinken und warf einen wehmütigen Blick auf das Bild der toten Frau; das war von jeher seine ungeduldige Art gewesen, verschnürte Pakete rasch aufzuschneiden, und oft hatte ihn sein Weib lächelnd darüber gescholten. Nun schalt sie ihn nicht mehr, aber ihre geschickten Finger lösten auch keinen Knoten mehr.
So mußte er ja wohl mit der Schere dreinfahren wie ehemals.
Er schlug die Umhüllung auseinander: da lagen sechs gebundene und sechs ungebundene Exemplare seines Buches, und was da drinnen zusammengepreßt war zwischen den unaufgeschnittenen Bogen oder zwischen dem starrklebenden Goldschnitt, das waren die Worte zu jener Musik, die ihm vorher ins Ohr geklungen. Das schmale Bändchen, das er in der Hand wog, war der Ernteertrag von zehn Jahren. Für ein feines Ohr mochte es rauschen in den Blättern wie Windeswogen im reifen Kornfeld, wenn die vollen Ähren leisklingend sich berühren und die Körner strotzen von Ahnung künftiger Saat und neuer Ernte auf anderer Ackerkrume; für Alltagsohren war nichts zu vernehmen als der gleichgiltige Fall einer Garbe von vielen, welche auf die Tenne geworfen werden und des kritischen Flegels harren.
Zehn Jahre eines Poeten, von dem die Lebenssorge endlich genommen ist, nachdem sie ihm andere Jahrzehnte verkümmert hat! Zehn Jahre eines Einsamen, der gerne wieder alle Sorgen tragen wollte, wenn's noch etwas zu sorgen gäbe, wenn Sorgen noch Lieben hieße und Lieben Sorgen! Zehn Jahre eines Fünfzigers, der die Kraft zu großen Schöpfungen und Gestaltungen verbraucht hat im Ringen mit der Lebensnot und nur den Klang des Liedes noch übrig behalten hat, zu sagen, wie er die Rechnung seines Herzens ausgeglichen.
Was will die Welt von solchem Liederklang? Was kümmert sie sich um diese Rechnung? Sie hat auf das Sausen ihrer Maschinen zu hören und auf den Lärm der kämpfenden Parteien; ihre Rechnung geht nach Mark oder Gulden, nach Frank oder Rubel oder Pfund oder Dollar, nach den Drahtberichten der Börse, nach der Statistik von Verbrechen und Krankheit!
Nachlässig legte Paulus Wikram sein Büchlein aus der Hand. Er stand auf und machte einige Schritte durch sein Arbeitszimmer, das noch so einfach war wie damals, als sein Weib dort in dem alten Lehnstuhl neben dem Schreibtisch zu sitzen und die Sorgen der Haushaltung wieder und wieder durchzurechnen pflegte, als die Kinder hereinzubrechen gewohnt waren und heute einen Dichtergedanken verscheuchten, der eben in der müden Seele des Vaters aufgedämmert war, morgen seine Fronarbeit störten, wenn er schlechte Aufsätze hoffnungsvoller Schüler korrigierte.
Nun war's ganz still um den Einsamen; nur die alte Weckuhr tickte noch so anmaßend wie dazumal und das eiserne Tintenfaß mit dem Sphinxkopfe klirrte immer noch auf dem unebenen Federnteller, wenn ein kräftiger Schritt den Schreibtisch zittern ließ.
Paulus Wikram griff nach dem Stoß von Zeitungen und Streifbandsendungen, welche die Post auf seinen Tisch gelegt hatte. Da waren wieder drei Probenummern neuer Litteraturzeitungen, von denen jede einem längstgefühlten Bedürfnis eines Verlegers oder Schriftstellers entsprach. Sie waren ganz genau adressiert, genau nach dem Litteraturkalender; denn unter den Namen von etlichen sechzehntausend Schriftstellern und wenigen Dichtern stand dort auch der Name Paulus Wikram, und es ziemt sich, daß ein neues litterarisches Unternehmen jedem bekannt gegeben wird, der im Litteraturkalender steht. Über die Einbildung, daß man damit nach dem Dichter irgendwelches Verlangen bezeuge, war Paulus Wikram längst hinaus; er wußte, daß man nur den Abonnenten suche, gleichviel welchen Namens, und er pflegte getreulich den Papierkorb zu speisen mit allen lockenden Paradiesäpfeln solcher Art. Zuweilen warf er einen Blick auf die stolzen Ankündigungen der ersten Seiten, welche regelmäßig ein neues Evangelium der Poesie zu verkündigen vorgaben, und allemal bekam der Wurf in den Papierkorb dadurch einen fröhlicheren Schwung. Diesmal las er die stolzen Worte: »Die neue Dichtung ist die absolute Dichtung. Sie ist eins mit dem Naturgesetz. Sie fälscht nicht mehr. Das that die Phantasie. Sie braucht keine Dichter mehr, denn sie beobachtet. Beobachtung ist Objektivität, ein Dichter ist Subjekt. Das Subjekt ist nichts, das Objekt ist alles. Es ist Stoff, es ist Methode. Unsere Methode ist absolut. Sie ist die Zukunft. Die Zukunft ist unser. Die neue Dichtung ist die absolute Dichtung. Darnach wollen wir handeln. Auf zur That. Wer nicht mitthut, ist ein Narr oder ein Schuft. Die Zeit geht über ihn weg. Zeit ist Ewigkeit. Wir sind ewig, denn wir sind. Das ist die Wahrheit. Wahrheit ist Dichtung. Goethe hat es geahnt. Ahnung ist nichts. Goethe ist tot. Wir leben. Lebt mit. Ihr alle. Jetzt. Heute. Das wollten wir sagen.«
In schlankem Bogen flog die neue Dichtung in den Papierkorb und Paulus Wikram lachte laut, so laut, daß der graue struppige Pinscher, der seither ruhig hinter dem Ofen geschlafen hatte, mit hörbarem Gähnen sich erhob, die Vorderfüße nach vorn und die Hinterfüße nach hinten streckte und seinen Herrn fragend ansah, was es denn Neues in der Welt gebe. Paulus Wikram lockte ihn her, strich dem schläfrig an ihm Emporstrebenden den borstigen Kopf, schüttelte ihn ab und wandte sich ans Fenster.
Nebel draußen, nichts als Nebel! Er qualmte vom Thale herauf bis an den Waldrand, wo das kleine holzverschalte, holzgedeckte Häuschen stand, in das Paulus Wikram sich vor zehn Jahren kraft der Erbschaft seiner Tante zurückgezogen hatte, das einsame Häuschen, in das er sein Arbeitszimmer genau so heraufgerettet hatte, wie es drunten in der Mietskaserne der großen Stadt gewesen war. Das Häuschen war sein, sein allein! So hatte die tote Frau sich zuweilen ein Häuschen am Walde droben gedacht, ein Dichterhäuschen mit knappem Raum, aber eigen, aber fern von der schnöden Sorge, von dem tollen Hetzen nach dem täglichen Brot. Ja, wenn die Tragödien auf die Bühne gekommen wären, die noch immer ungedruckt in dem Schreibtische dort lagen! Ja, wenn man die Novellen gelesen und gekauft hätte, von welchen die Kritiker so viel anerkennendes vor zwanzig oder dreißig Jahren gesagt hatten! Oder wenn gar die Pläne ausgeführt worden wären, welche ihr Paulus in ruhigen Mitternachtstunden mit ihr erwogen hatte! Und sie wären sicher ausgeführt worden, wenn nur die vielen Aufsätze nicht gewesen wären, die er korrigieren mußte, oder wenn das Geld nur in einem Sommer oder in zweien gereicht hätte, daß er die Ferien an einem stillen Ort in den Bergen hätte verbringen können, um zu ruhen und zu schaffen – das wäre schon etwas gewesen! Etwas, was ihm vielleicht einen Namen gemacht hätte, Leser gebracht und Geld – und dann das Häuschen und nun erst recht ein frisches Schaffen, nun erst und erst recht ein Hauptwerk, etwas Großes, Ganzes! Die Gedichte freilich, hatte die Frau gemeint, wären auch schon was Ganzes, was Rechtes. Aber sie hatte gelernt, daß Gedichte nun einmal kein Geld bringen und somit – – –
Nun hatte Paulus Wikram das Häuschen, aber seine Frau war tot und die Kinder störten ihm keine Arbeit mehr. Er sah durchs Fenster in den Nebel. Von drunten kam dumpfes Geräusch aus der Stadt, deren Turmspitzen kaum aus dem Nebel herausragten; jenseits balgten sich die Nebelfetzen um den höherragenden Gipfel der Bergkette und zuweilen schimmerte etwas durch wie ein Stückchen Himmel. Und da war wahrhaftig etwas Blaues, und da drang ein Sonnenstrahl durch und noch einer, und dort drüben begann der Nebel langsam sich zu teilen und der Sonnenstrahl fiel auf ein anderes Haus mit hellem Ziegeldach; das lag gleichfalls an einem Waldrand, und goldigrot vom welkenden Laub schimmerte es aus dem bläulichen Nebel.
Paulus Wikram schaute hinüber wie einer, dem eine Erinnerung aufwacht, die lange geschlafen hat. Er strich sich den Bart, er deckte die Hand übers Auge, er sah wieder nach dem Hause drüben; dann wandte er sich ins Zimmer zurück und sog den Duft der Nelken. Woher sie gekommen waren, wußte er nicht. Vielleicht aus dem Hause dort drüben?