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Zueignung statt der Vorrede.

Lieber Bruder!

Dies Buch hat Dir manches Leiden bereitet; mir auch.

Ich hab's geschrieben, wie eben ein Dichter so was schreibt: wahrlich nicht, um wieder einmal ein Buch zu machen, vielmehr nur, weil ich mir wieder etwas von meiner armen Seele herunterschreiben mußte. Ich bin trotz gediegenen Schwabenalters immer noch nicht auf der modernen Schriftstellerhöhe angelangt. Ich hab's noch nicht gelernt, zu schreiben, um eben zu schreiben, und das Dichten als ein Handwerk oder als eine Wissenschaft zu betreiben; auch mangelt mir die Zeit, mit dem Notizbuch in der Hand an allen Ecken herumzustehen, berufsmäßig zu beobachten, was da kreucht und fleucht, und das also Beobachtete »ohne Zuhilfenahme der Phantasie« gewissenhaft wiederzugeben, wie es Sam Wetherell verlangt und Max Leu pflichtgetreu übt – Du kennst ja die beiden Herrn! Unsereins armer Poet schlägt sich eben, so gut es gehen will, durch Mühsal und Sorge dieses Lebens, und wenn es ihm von Zeit zu Zeit einmal wieder gar zu bunt wird, so muß heraus, in Versen oder in Prosa, was in der Seele wurmt und gräbt; und das bringen wir nicht anders fertig, als indem wir die altmodische Freundin Phantasie zu Hilfe rufen, daß sie uns Zorn und Sehnsucht, Leid und Kummer und wohl auch ein bißchen Freude in Bilder und Gestalten verwandle. Das thut sie ehrlich und gern und wir sind manchmal selber erstaunt, wie ähnlich ihre Gebilde den Bildern und Gestalten sehen, die in leibhafter Wirklichkeit an uns vorübergezogen sind, während wir, in uns selbst versenkt und den ewigen Streit der eigenen Seele schlichtend, wie im Traum durch den tollen Jahrmarkt des Lebens wanderten. So sind und bleiben wir eben Dichter und dürfen nicht murren, wenn uns die löbliche Zunft der Schriftsteller höchstens ein Plätzlein Hinterm Ofen vergönnt.

Und so ist leider alles, was ich schreibe, immer wieder »ein Stück von mir« und mangelt des Ruhmes jener gepriesenen Objektivität, welche, wie wir vernehmen, nicht anders zu gewinnen sein soll als durch fleißigen Gebrauch des Notizbuches. Ich muß mich damit trösten, daß das Stück von mir, wenn's vor mir liegt, auch zugleich ein Stück Selbsterlösung bedeutet; denn daß die wahre Objektivität in der Kunst die ausgesprochenste Subjektivität ist, das glaubt kein moderner Mensch mehr.

Aber so tief der Dichter unter dem Schriftsteller steht, so hat er doch eine schlechte Gewohnheit mit ihm gemein: er wendet sich gern an den lieben Nebenmenschen. Der Unterschied ist nur, daß der Schriftsteller das Ohr der Nebenmenschen in Anspruch nimmt, auch wenn er nichts zu sagen hat oder wenigstens noch nicht weiß, was er sagen will; während der Dichter erst dann zu anderen spricht, wenn er sich selbst hell und klar gesagt hat, was er sagen muß, mag er wollen oder nicht. Dann aber hebt erst recht das Leiden an.

Denn dann hat Frau Phantasie das Wort nicht mehr allein; dann kommt der Herr Kunstverstand und spricht hier darein und tadelt dort, weiß dieses besser und läßt jenes nicht gelten, was Frau Phantasie in ihrer Naivetät glaubt recht gemacht zu haben. Und obwohl mein Kunstverstand und meine Phantasie kürzlich ihre silberne Hochzeit gefeiert haben und im Ganzen auf eine recht friedliche Ehe zurückblicken, so gab und giebt es doch immer zeitweiligen Ehezwist, und der Streit dreht sich vornehmlich auch wieder um die Frage der Objektivität, das heißt: nicht um das Notizbuch, wohl aber um die Frage, wie weit der liebe Nebenmensch fähig sei, die Sprache des Dichters zu verstehen; oder anders gesagt: ob des Dichters Selbsterlösung, auch andern Erlösung schaffe?

Dann aber pflegt in der Regel auch für Dich, lieber Bruder, das Leiden anzuheben. Denn meines Herrn Kunstverstandes Doppelgänger bist von jeher Du gewesen. Was Du aus Anlaß der »Leiden eines Buches« mit mir ausgestanden hast und ich mit Dir – wir wollen's nicht in der Erinnerung auffrischen, am wenigsten vor dem hochgeehrten Publiko, zumal da es vielleicht in keinem Verhältnis steht zu der Bedeutung dieses Büchleins. Aber ohne Nutzen für uns beide und unsere ästhetische Erkenntnis ist's sicherlich nicht gewesen und jedenfalls ist's der Grund, warum ich Dir das Büchlein zueigne.

Schwerlich wirst Du mir darüber zürnen, daß ich den »Leiden eines Buches« noch ein paar hundert Verse beigegeben habe, die Satire »Seefahrt«. Du kennst auch sie und ihre seitherigen Geschicke und weißt, daß sie, ohne noch durch die Buchläden gegangen zu sein, schon viele erbaut und manche geärgert hat. Möge sie beides auch fernerhin thun! Daß sie aus demselben Geiste stammt wie der übrige Inhalt dieses Buches, brauche ich Dir nicht auseinanderzusetzen; ebensowenig, wie schwer es unsereinem in diesen Zeitläuften wird, keine Satire zu schreiben.

Eine andere Frage wird sein, wie das liebe Publikum und die hochachtbare Kritik dies Büchlein aufnehmen werden. Ich fürchte, es wird ihm nicht viel anders ergehen als seinen älteren Geschwistern oder der »Phaläna« des Herrn Paulus Wikram. Möglich, daß die Herrn Sortimenter ihrem Kollega Karl August Holder oder seinem Werbelin einiges zu lieb thun werden; da und dort giebt es vielleicht auch noch edle Seelen, die harmlos genug sind, ein Buch zu lesen oder gar zu kaufen, obschon keine Mode sie dazu zwingt. Der landläufigen Kritik wünsche ich Glück dazu, daß sie mir gegenüber keine Verpflichtungen hat und somit das Buch ruhig unbesprochen lassen kann.

Dir aber sei es gewidmet, weil ich von Dir allein sicher bin, daß Dir sämtliche Leiden dieses Buches, vergangene und künftige, zu Herzen gehen.

Zürich-Hottingen, im Hornung 1892.
Carl Weitbrecht.


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