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Siebentes Kapitel.
Jugendwunder.

Paulus Wikram in seiner Einsiedelei am Waldrande droben hatte keine Ahnung von den Irrfahrten, welche sein Buch in der Stadt unten machte. Dagegen war ihm in den Wochen, seit es buchhändlerisch zur Welt gekommen war, mancherlei wunderliche Kunde geworden von den Schicksalen, die dem Buche draußen in der Welt zustießen. Nicht als ob das Buch sonderliches Aufsehen gemacht hätte; es ereignete sich im Grunde nichts, was dem Verfasser nicht aus Erfahrungen mit früheren Büchern wohlbekannt gewesen wäre. Zuerst kamen ziemlich rasch hintereinander die Dankbriefe von guten Freunden, die er mit Freiexemplaren bedacht hatte. Diese Briefe enthielten fast ausnahmslos die schmeichelhafteste Anerkennung, und wenn sie das Urteil der Nachwelt dargestellt hätten, so hätte dem Dichter für seinen Nachruhm nicht bange sein dürfen. Leider konnte er sich zuweilen nicht enthalten, an das Sprichwort vom geschenkten Gaul zu denken, dem man nicht ins Maul sieht. Einer oder zwei, und das waren die wenigen ganz guten Freunde, hatten auch etliches zu tadeln, und deren Lob und Zustimmung bestätigte umsomehr die Meinung, die Wikram zu hegen sich berechtigt glaubte, daß nämlich sein Buch wirkliche Poesie und nicht bloß Verse enthalte. Die vom Verleger gewährten Freiexemplare hatten nun freilich nicht für alle gereicht, welche sich einmal Wikrams Freunde genannt hatten und deswegen ein unzweifelhaftes Recht auf Freiexemplare zu besitzen glaubten. Bei früheren Anlässen dieser Art hatte Wikram schweres Geld aufgewendet, um all' diese Ansprüche zu befriedigen, hatte aber die Erfahrung gemacht, daß die guten Freunde und Bekannten glauben, der Verfasser eines Buches könne jederzeit in einen unerschöpflichen Vorrat von Freiexemplaren hineingreifen und dürfe es sich eigentlich zur Ehre rechnen, wenn man ihm von diesem Vorrat helfe. Er hatte darum diesmal keinen Pfennig mehr aufgewendet, diesen Wahn zu nähren. Daß es dafür keinem dieser guten Freunde einfiel, das Buch zu kaufen, hätte Wikram sich eigentlich denken können; zum Überfluß erhielt er von einem derselben, der sich übrigens viele Jahre lang nicht mehr um ihn gekümmert hatte, einen Brief, der von gekränkter Freundschaft förmlich troff und sich bitter darüber beklagte, daß Wikram der alten treuen Freundschaft so wenig mehr gedenke und ihm nicht einmal sein neues Buch zugesandt habe. Einige Tage später begegnete er bei einem seiner seltenen Gänge durch die Stadt einem entfernten Bekannten aus früheren Tagen, einem sehr vornehmen, steinreichen Herrn von Adel, der auf der Durchreise durch die Stadt sich befand und zum Bahnhof strebte. Der Herr grüßte gnädig und herablassend: »Ah, wie geht's Ihnen? Hab' Sie lange nicht mehr gesehen! – Ei, Sie sind doch der Paulus Wikram, der kürzlich wieder ein Buch Gedichte herausgegeben hat? Habe davon reden hören. Könnten Sie mir auch widmen!« »Gerne, Herr Baron,« erwiderte Wikram trocken, »sobald Sie mir durch die quittierte Rechnung Ihres Buchhändlers nachweisen, daß Sie das Buch gekauft haben!« Der Herr Baron verabschiedete sich eilig und hat von da an Paulus Wikram nicht mehr gekannt. Bald darauf trat eines Nachmittags ein Herr bei ihm ein, der sich als den Schriftsteller Friedrich Wilhelm Schulze aus Potsdam vorstellte und andeutete, daß er längst das Bedürfnis gehegt habe, einen Mann von der litterarischen Bedeutung Wikrams kennen zu lernen. Der also Geehrte wußte nicht recht, was sagen, hatte auch wirklich gar nicht nötig, etwas zu sagen, denn Herr Friedrich Wilhelm Schulze ließ sofort alle Kaskaden seines Mundwerks springen, berichtete ausführlich von seinen eigenen litterarischen Bestrebungen, welche sich vorzugsweise auf Herstellung eines Schriftstellerlexikons von noch nie dagewesener Vollständigkeit bezogen, erzählte dann einige ziemlich schmutzige Skandalgeschichten aus Berliner Schriftstellerkreisen, schwatzte einiges Pathetische über Honorare und Gemeinsamkeit der schriftstellerischen Standesinteressen und schloß mit der Bitte, der Herr Doktor möge ihm doch sein neuestes Buch zum Lesen geben; er habe jetzt gerade Zeit dazu, da er sich einige Tage hier aufhalten werde. Wikram hatte indessen Zeit gehabt, sich seinen Mann etwas näher zu betrachten; er bedauerte höflich, im Augenblick kein Exemplar zum Ausleihen zu besitzen, und fragte, ob er vielleicht sonst mit etwas dienen könne? Sofort stellte sich's heraus, daß sich Herr Schulze in augenblicklicher Geldverlegenheit befinde, wie das ja auf Reisen gelegentlich begegnen könne; und nachdem er in kollegialischer Unbefangenheit ein kleines Darlehen in Empfang genommen hatte, empfahl er sich auf Nimmerwiedersehen. Noch an demselben Tage erhielt Wikram den Brief einer ihm völlig unbekannten Dame, welche sich als begeisterte Verehrerin seiner Muse vorstellte und als Maßstab für die Größe und Tiefe ihrer Verehrung die Thatsache mitteilte, daß sie volle drei Wochen sehnsüchtig gewartet habe, bis sie Wikrams »Phaläna« von einer Freundin geliehen bekommen habe, welche ihrerseits das Buch von einem Vetter entlehnt habe, welchem es eine Tante gegeben habe, deren Schwester mit Herrn Y bekannt sei, dem es der Dichter selbst mit eigenhändiger Widmung geschenkt habe; die Schriftzüge dieser Widmung haben die Schreiberin sehr interessiert, und da sie natürlich das Buch wieder zurückgeben müsse, aber gar zu gern die Handschrift des so sehr verehrten Dichters ihrer Autographensammlung einverleiben würde, so wage sie die vielleicht zudringlich erscheinende Bitte um wenige, wenn auch noch so geringe Zeilen, mit der Versicherung, daß in ihrer Autographensammlung nur die besten Namen vertreten seien. Daß sie keine Antwort erhielt, ist der Dame zeitlebens ein Rätsel geblieben.

Mit der Zeit kamen auch etliche Recensionen in öffentlichen Blättern getröpfelt. Wikrams Verleger war so liebenswürdig, ihm diese Besprechungen zugehen zu lassen, sonst hätte er sie schwerlich zu Gesicht bekommen. Viele waren's nicht; es ging ja auf Weihnachten los und um diese Zeit hat die Kritik anderes zu thun, als ernsthafte Bücher ernsthaft zu besprechen. Sie muß atemlos in dem großen Papierstrom herumplätschern, der sich über die Weihnachtstische ergießt, und kann kaum die flüchtigste oder gar keine Notiz nehmen von den Büchern, die nicht das Motto deutlich an der Stirne tragen: »sollte auf keinem Weihnachtstische fehlen!« Ist dann Weihnachten und etwa auch noch Ostern vorbei und kommt für die Kritik die ruhigere Zeit, so sind inzwischen wieder neue Bücher erschienen, die schleunigste Besprechung heischen; und wenn ein im vorigen Jahr erschienenes Buch auch noch kritisiert wird, so wird's doch nicht mehr gekauft; es ist ja schon alt. Wikram kannte das längst und kannte wohl das Geheimnis des Erfolges: beizeiten die Trommel gerührt und fleißig das Pfeifchen gespielt! Aber er konnte weder trommeln noch pfeifen und war zu alt, es noch zu lernen. Er wunderte sich auch nicht, daß die wenigen Kritiken, die ihm zu Gesicht kamen, nicht in jenen Blättern standen, auf deren Trommeln und Pfeifen die große Welt hört, vielmehr in den wenig gelesenen gediegeneren Fachzeitschriften, deren Urteil noch kein Buch bekannt gemacht hat. Da stand nun wohl manches verständnisvolle Wort, manches Urteil, das dem Dichter von Wert sein konnte; aber wenn da von echter Poesie, von wahrhaft vornehmer Haltung die Rede war, so wußte Wikram genau, daß das mit andern Worten heißt: Poesie, um welche sich niemand kümmern wird! Es lag ihm aber auch nichts mehr daran, ob man sich um ihn kümmere, ihm genügte, sein Dichterwort hell und rein gesprochen zu haben; mochte es die Mitwelt hören oder nicht – wie lang noch, so hatte die Nachwelt das Wort; aber auch sie – Wikram war müde, in diesen Tagen müder als je. Hatte man ihn einmal zu seinen Lieben gelegt, so war sein letzter Wunsch erfüllt, so mochte die Sonne in ihren Wolken und Nebeln bleiben auf immerdar.

Doch die Sonne trat wieder hervor aus den Regenwolken jener Novembertage; ein rascher ergiebiger, Schneefall noch, dann glänzte sie wieder und Millionen Eiskrystalle erglänzten in ihr. Ein gediegener Frost kam und hielt die schimmernde Pracht fest und legte noch den Duft des Reifes über sie. Silberübersponnen neigten sich die schlanken Birken am Waldrande gegen Wikrams Häuschen, Wildfährten im Schnee wagten sich bis nahe an die Hausthüre heran und auf dem körnerbestreuten Brett vor dem Studierstubenfenster tummelten sich Meisen und Finken. Ganz voll von Licht war die Stube, am warmen Ofen lag der graue Pinscher behaglich ausgestreckt und schlief; und als schliefe auch er, saß Paulus Wikram in dem Lehnstuhl vor dem Schreibtisch, ein aufgeschlagenes Buch vor sich, aber das Haupt zurückgelehnt und die Augen geschlossen. Es war still wie in einer Kirche, nur die Weckuhr tickte und zuweilen murrte der Hund im Traume.

Von der Zypresse vor dem Fenster rieselte der Reif, den die Mittagssonne gelöst hatte, müde, müde. Von dem Epheu, der innen das Fenster umrankte, löste sich ein vergilbtes Blatt und sank lautlos zu Boden, müde, müde. Der Eros aus Bronze auf dem Büchergestell, von den Sonnenlichtern umspielt, schien das Haupt mit den Locken tiefer zu senken, müde, müde. Die Uhr, nicht aufgezogen, tickte leiser und langsamer und stellte den schläfrigen Gang ein, das Summen des Feuers im Ofen verstummte und Paulus Wikrams Hände sanken von dem Buche auf seine Knie, müde, müde.

Er hörte nicht das Schlittengeklingel, das auf dem schmalen Sträßchen draußen erscholl, er hörte nicht die leichten Tritte, die im Hausgange sich näherten, nicht die gedämpfte Stimme der Schaffnerin vor der Zimmerthüre, nicht das schläfrige Knurren des Hundes; erst auf ein wiederholtes Pochen an der Thüre rief er Herein und öffnete die Augen. Und da stand in der Thüre, von eitel Licht überströmt, eine Gestalt, als käme sie aus Jugendträumen; unter lichter Winterhülle ringelten sich Locken auf einer klaren Stirn, ein dunkles Auge blickte fragend und der halbgeöffnete Mund schien sagen zu wollen: da bin ich wieder, kennst du mich noch?

Regungslos schaute der müde Dichter auf das schöne Jugendwunder und zögernd stand das Mädchen auf der Schwelle; die Wintersonnenstrahlen gingen zwischen beiden her und hin und von dem Nelkensträuße, den sie in der Hand trug, drangen Frühlingsdüfte durch das Gemach.

Dann aber erhob sich Paulus Wikram rasch und ging festen Schrittes auf den Zauber los. Dieser zerfloß nicht in der Sonne, sondern nannte bescheiden seinen Namen und der Name hieß Maja Williards. Es bedurfte nicht vieler Worte, um den Dichter verstehen zu lassen, wie dieser Sonnenschein in sein winterlich einsames Haus komme; und es brauchte nicht langer Zeit, so war es, als wären die beiden sich niemals fremd gewesen. Sie saßen und sprachen vom Alltäglichsten und vom Höchsten, als verstände sich's von selbst; der alte Mann fand ein vergessenes Lachen wieder und das ernstgestimmte Mädchen die Unbefangenheit des Kindes. Und der struppige Hund saß ihr zu Füßen, als sei hier sein gewohnter Platz, und schaute seinen Herrn so lustig an, wie nur ein ehrliches Hundsgesicht blicken kann. Nur daran mahnte kein Wort, daß hier ein Dichter eine junge Verehrerin zu Besuch habe; dafür war Maja nicht geistreich und Paulus Wikram nicht eitel genug.

Wohl aber fand Maja, sie wußte nicht wie, das Vertrauen, in schlichtester Weise den Kummer zu bekennen, der sie quälte, den Kummer über ein unnützes, unthätiges Leben. Lächelnd hörte Wikram zu und lächelnd erwiderte er, anfangs wie mit sich selber redend: »Ist denn Schönheit und Jugend nichts wert an sich selbst? Muß denn alles nützen in dieser klugen Welt? Darf nichts in ruhigem Lichte leuchten, gelten und erfreuen, nur weil es da ist? Muß alles hinein in den Staubwirbel, in das Lärmen und Stoßen und Drängen der Mühe und Sorge und Lebensnot? Gott sollten wir danken, wenn einmal eine Lichterscheinung darüber steht und hinwandelt auf freier Höhe! – Schelten Sie mir den Reichtum nicht, wie das heute Mode geworden ist! Er hat schon viel Unheil gestiftet, und wenn er ein Götze ist, so dörrt er denen das Mark aus, die ihn anbeten, und sendet Heuschreckenplage über die, welche andern Göttern dienen. Aber die Armut ist auch eine schädliche Hexe mit triefäugigem, bösem Blick und mordet in der Wiege Leibeswohl und Geisteskraft. Und der vielgepriesene Durchschnitt, das platte Geradegenug, das kommt nicht über die Stillung des Bedürfnisses hinaus und hat noch nichts Großes erzeugt. Wem die Not zur Meisterin gesetzt ist – wohl, der sehe zu, was er in ihrer harten Schule lernen und leisten mag; vielleicht wächst er selber zum Meister darin, und dann ist's ja gut. Aber wen ein freundliches Geschick freigesprochen hat vom harten Zwange des Bedarfes, der sollte nicht dawider murren sondern willig im Sonnenschein seines Wesens Blüte entfalten, während andere unwillig im Unwetter sich behaupten müssen. – Doch was hilft Ihnen diese Weisheit, liebes Kind? Sie dürsten nun einmal nach Thätigkeit und ich bin weit entfernt, Sie zu schelten. Wir müssen darauf sinnen, wie wir Ihren Durst stillen, doch so, daß nicht nur der Trank Ihnen munde sondern auch der Becher erfreue. Ich will daran denken. –«

Der kurze Winternachmittag ging schon zur Neige, eine kurze Weile noch füllte Rosenglut das Zimmer, dann kamen die Schatten geschlichen. Maja nahm Abschied auf Wiedersehen. Ihr Nelkenstrauß duftete wieder neben dem Bilde der toten Frau, und es war, als blicke diese froh und nicke befriedigt.


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