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Drittes Kapitel.
Frau von Nowikoff und ihre Bibliothek.

Am Nachmittag dieses Tages trottete einer der Austrägerjungen der Holder'schen Buchhandlung gemächlich nach der Vorstadt hinaus, wo die Villa der Frau von Nowikoff in einem kleinen Parke über'm See lag. Der Junge hatte keine große Eile; er nahm sich sein Teil an diesem sonnigen Herbsttage, indem er alle Augenblicke seine Bücherpackete auf dem Steinsockel einer Garteneinfassung niedersetzte, durch das Gitter gaffte, vorüberlaufende Hunde neckte oder mit Steinen nach den Früchten eines Kastanienbaumes warf. Die Sonne schien warm und weckte auch in andern Menschen jene ursprüngliche Faulheit, welche an schönen Frühlings- oder Herbsttagen als uraltes menschliches Erbteil sich regt.

Frau von Nowikoff galt als unermeßlich reich. Die Dienerschaft in den umliegenden Villen erzählte sich und anderen, die Dame besitze unendliche Ländereien in Südrußland, dichtbevölkert mit Leibeigenen, dazu unzählbare Kamel- und Schafherden in Afghanistan oder Belutschistan oder sonst in einer mittel- oder vorderasiatischen Gegend, ein Schloß im Kaukasus und ein einträgliches Bankgeschäft in Alexandrien. In höheren Bevölkerungskreisen stand sie überdies im Rufe einer sehr gebildeten Frau, die eine großartige und reich ausgestattete Bibliothek besitze. Genaueres wußte übrigens niemand, da sie so gut wie gar keinen gesellschaftlichen Umgang pflog.

Der Junge durchschlenderte langsam den Park, brachte zwei kleine Hunde von unbestimmbarer Rasse, die sich da umtrieben, ein wenig zum Bellen und trat nun durch die offenstehende Thüre in das Treppenhaus der Villa. Da kam eine wilde Jagd die Treppe herunter. Eine untersetzte Magd von halbasiatischem Aussehen, schlampig gekleidet und einen Besen in der Hand, sprang mit plumpen Sätzen hinter einer Katze drein, ihr selbst folgte ein fein gekleidetes, schlankgewachsenes Mädchen von vielleicht siebzehn Jahren, eine Bereitermütze auf dem hängenden Haar und eine Reitgerte in der Hand, mit welcher sie nach der Magd schlug, während diese ihren Besen nach der Katze warf. Die Katze sauste ungetroffen an dem Jungen vorbei und geriet unter die bellenden Hunde vor der Thüre, der Besen aber flog zwischen die Beine des Jungen, so daß er mit samt seinen Bücherpaketen zu Fall kam. Im selben Augenblick stürzte auch die Magd auf der untersten Treppenstufe, fiel über den Jungen und schlug kreischend die Nase auf ein Bücherpaket. Über dem Knäuel am Boden aber pfiff die Reitpeitsche des Fräuleins, deren nicht unregelmäßige, doch grobe Züge von Zorn gerötet waren. Die Magd raffte sich mit blutender Nase auf, wischte mit der Schürze an Augen und Nase und quiekte dem Fräulein einige Worte in einer dem Jungen unbekannten Sprache entgegen. Sofort warf das Fräulein die Reitpeitsche weg, umarmte die Dienerin und küßte sie. Der Junge, welcher unbeschädigt gleichfalls auf die Beine gesprungen war, schaute grinsend diesem merkwürdigen Vorgange zu; oben auf der Treppe war indessen Fräulein Kluge erschienen und hatte ernst und mißbilligend auf die Gruppe heruntergeschaut.

»Aber, Fräulein Bertha,« rief sie nun mit vollklingender Stimme, in welcher Staunen und Entrüstung sich mischten, »wie mögen Sie sich so benehmen?«

»Kümmert Sie das, Fräulein Sehrklug?« erwiderte die Angeredete schnippisch in französischer Sprache und ging mit der Magd in den Garten hinaus, den Arm um ihre Schulter gelegt und in der Sprache auf sie einredend, welcher die Halbasiatin sich vorher bedient hatte.

Der Junge stand noch immer neugierig gaffend da; Fräulein Kluge rief ihm zu, er solle seine Pakete auflesen, ihr heraufbringen, was er abzugeben habe, und sich entfernen. Der Junge that, wie geheißen, und trollte sich. Draußen sah er noch eine Weile zu, wie das schlanke Fräulein an einem Springbrunnen mit ihrem Taschentuch die Nase der Magd kühlte, während beide Hunde den Baum umbellten, auf den sich die Katze gerettet hatte.

Fräulein Kluge war noch nicht lange als Gesellschafterin bei Frau von Nowikoff und war offenbar noch nicht mit allen Lebensgewohnheiten des jungen Fräuleins vertraut, welchem deutsche Stunden zu geben ihre Nebenaufgabe war. Sie wandte sich mit ihrem Bücherpaket nach einer der nächsten Thüren und trat in einen nur durch ein großes Fenster erhellten Raum, dessen Wände durch umfangreiche Glaskästen mit glänzend gebundenen Büchern verstellt waren. In der Mitte des kleinen Saales stand ein Tisch mit grüner Decke, von Zeitschriften und etlichen Büchern bedeckt, deren blaue Umschläge nicht recht zu den reichen Bücherkästen passen wollten, vielmehr an Leihbibliotheken und Journallesezirkel erinnerten. An dem großen Fenster, durch das helles Herbstlicht floß, saß in einem Schaukelstuhle eine sehr reich gekleidete und sehr runde Frau in mittleren Jahren, in einem blauen Hefte mit vielen Illustrationen blätternd. Die regelmäßigen Grundzüge ihres Gesichtes erinnerten an die Züge des wilden Fräuleins mit der Reitgerte, waren aber überquollen von Fettauflagerungen, welche die straffgespannte starkgerötete Haut zu sprengen drohten. Ein paar gelangweilte, doch helle Augen hatten Mühe, aus diesem Sonnenuntergangsgesicht zu schauen.

Als die Gesellschafterin mit ziemlich raschem Schritte eintrat, wandte Frau von Nowikoff den Kopf nach, ihr und ließ einen gedehnten Laut vernehmen, der wie eine Frage klang. Fräulein Kluge berichtete mit unwilligem Ton und ganz ohne Humor, aber in gewandtem Französisch von dem Vorgang an der Treppe.

»Das thut gar nichts, dergleichen kommt öfters vor,« antwortete Frau von Nowikoff sehr langsam, sehr gemütlich und in sehr schlechtem Französisch. »Was haben wir Neues?«

Fräulein Kluge ließ noch eine kleine Weile ihre Augen auf dem gleichmütigen Gesicht der Dame haften, dann zog ein flüchtiges Lächeln um ihren Mund und sie begann schweigend das Bücherpaket zu öffnen, das sie auf den Tisch gelegt hatte; sie entnahm ihm einige ungebundene Romane, die verlangte neueste deutsche Schulgrammatik und die feingebundenen Gedichte Paulus Wikrams. Dies Büchlein öffnete sie halb und ihr Auge fiel auf die Verse:

»Die Freuden scheiden,
So scheiden die Leiden – –«

Sie schlug das Büchlein weiter auseinander, da sprach Frau von Nowikoff, die teilnahmlos zugeschaut hatte, mit ein ganz klein wenig lebhafterem Tone, aber in ebenso schlechtem Französisch wie vorher:

»Ah, ein schöner Einband! Lassen Sie sehen!« Fräulein Kluge reichte ihr das Buch, und während Frau von Nowikoff, ohne es zu öffnen, den Einband und seine Verzierungen aufs angelegentlichste zu studieren schien, schaute das blonde Mädchen über die dicke Dame weg zum Fenster hinaus in den blauen Herbsttag hinein. Sie hatte die Hände leicht ineinandergelegt, ihr graues Auge ruhte auf den welkenden Blättern der Parkbäume, die im warmen Sonnenlichte glühten wie rotes Gold, über welchen duftumzogene Hügel hereinschauten und fernes Gebirg sich fein in den Himmel zeichnete.

»Die Freuden scheiden,
So scheiden die Leiden«

sprach sie halblaut vor sich hin. Frau von Nowikoff sah auf.

»Was sagen Sie, Fräulein? Der Einband ist sehr schön. Wollen Sie die Güte haben, ihn abzuzeichnen?«

Fräulein Kluge wandte langsam den Blick. »Was wünschen Sie, gnädige Frau?« fragte sie, wie abwesend in Gedanken. Frau von Nowikoff wiederholte ihre Worte langsam vom ersten bis zum letzten. Dann hielt sie die fleischige, beringte Hand vor den Mund, gähnte lange und nachdrücklich und nahm die illustrierte Zeitschrift wieder zur Hand, welche sie auf das Fenstergesims gelegt hatte.

Die Gesellschafterin war, so kurz sie im Hause war, doch schon an mancherlei Sonderbarkeiten ihrer Dame gewöhnt. Sie besaß einige Gewandtheit im Zeichnen und Aquarellmalen und hatte schon mehrmals auffallende Stickmuster und dergleichen zu lebhafter Zufriedenheit der Frau von Nowikoff aus Zeitschriften abgezeichnet und in Wasserfarben bemalt. Frau von Nowikoff besaß eine Sammlung solcher Muster, ohne daß sie jemals ein Blatt daraus wieder angesehen hätte, nachdem es einmal der Sammlung einverleibt war. Nur Fräulein Bertha zauste zuweilen die Sammlung durch, um sich eines der Muster von einer Stickerin ausführen zu lassen.

Fräulein Kluge warf noch einen Blick durchs Fenster, dann ging sie und holte von einem Tischchen in der Ecke ihr Malgerät. Sie setzte sich an den grünen Tisch und machte sich sofort an die Arbeit. Warum sollten die Verzierungen dieses Buchdeckels nicht auch einmal in eine Stickmustersammlung kommen? So mancher flott ausgestattete Leinenband, den der deutsche Buchhandel zu Markte bringt, eignet sich ja vortrefflich zu solchem Zwecke. Fräulein Emma Kluge dachte nicht mehr weiter nach; ihre Gedanken waren auf anderen Wegen, ihr Blick ging zuweilen noch zur Seite, durchs Fenster hinaus auf die Goldflut über den Bäumen, nach der blauen in Glanz und Duft verschwindenden Ferne. Sie zeichnete indessen eifrig, und als das Ornament etwas mehr Aufmerksamkeit forderte, kehrten ihre Gedanken wieder in die nächste Umgebung zurück. Als die Zeichnung entworfen war, mischte sie Farben und ließ drunterhinein ihren Blick über die Bücherkästen schweifen, welche für sie ein großes Rätsel bargen. Nicht daß ihr die Bücher so unbekannt gewesen wären, welche dort in den ausgesuchtesten und prachtvollsten Einbänden standen. Da waren die großen Dichter aller Nationen, von den ältesten bis auf die neuesten, von den ganz großen bis zu den mittleren herab, ja auch kleine Sterne leuchteten goldig durch das Glas der Kästen. Da waren vielbändige naturwissenschaftliche Werke, deren Titel reichen und belehrenden Bilderschmuck vermuten ließen, umfangreiche Geschichtswerke in allen Sprachen, da war sogar Philosophisches, da war Diderots und d'Alemberts Encyklopädie in seltenem Rococoeinband, da war Schopenhauers »Welt als Wille und Vorstellung« in düsterer Pracht von schwarzem Saffian.

Etwas eigentümlich war nur die Aufstellung der Werke. Es schien, als ob Größe und Format mehr als der Inhalt für die Anordnung bestimmend gewesen wären. Und noch eines gab zu denken: an keinem der reich geschnitzten Glaskästen stak ein Schlüssel und wenigstens seit der Zeit, daß Fräulein Kluge im Hause war und fast alle Nachmittage mit Frau von Nowikoff in diesem Bibliothekzimmer verbrachte – in dieser Zeit war niemals ein Schlüssel in einen der Kästen gesteckt worden. Auch hatte die Gesellschafterin, die sonst so ziemlich über alle Schlüssel im Hause Bescheid wußte, niemals einen der Schlüssel für die Bücherkästen zu Gesicht bekommen. Auf eine harmlose Frage, welche sie in der ersten Woche ihrer Anwesenheit an Frau von Nowikoff gerichtet hatte, hatte diese mit einem jener gedehnten Laute geantwortet, welche, wie Fräulein Kluge bald herausbekam, bedeuteten, daß die Dame mit einer Sache nicht weiter behelligt sein wolle. Auf eine Andeutung, welche Fräulein Kluge dem Töchterlein gemacht hatte, hatte dieses holde Kind ein boshaftes Gelächter aufgeschlagen, war ein paarmal im Zimmer herumgetanzt und zur Thüre hinausgelaufen. Auch hatte die Gesellschafterin noch nie etwas Gedrucktes in der Hand ihrer Dame gesehen außer den Zeitschriften, die da herumlagen, und allerlei Romanen von zweifelhafter Güte, welche teils aus den Ansichtssendungen des Herrn Swemelin, teils auch aus Leihbibliotheken entnommen wurden. – Wie reimte sich das alles zu dem Rufe feiner Geistesbildung, in dem Frau von Nowikoff stand und den auch Fräulein Kluge vernommen hatte, als sie die Stelle einer Gesellschafterin bei der Herrin dieser Bibliothek angenommen hatte?

Nun, damit reimte sich noch mancherlei nicht recht, und während Emma Kluge an diesen Rätseln herumbuchstabierte, fiel ihr das Benehmen des jungen Fräuleins wieder ein, welches ihr um so mehr zuwider gewesen war, je weniger sie die schmutzige, unverschämte Mariuschka leiden konnte, die überflüssige Dienerin aus Halb- oder Ganzasien, von der die Gesellschafterin nicht verstand, was sie eigentlich im Hause zu bedeuten habe.

Aus ihren Gedanken heraus fragte sie plötzlich ohne Überlegung: »Frau von Nowikoff, warum dulden Sie denn das sonderbare Verhältnis, in welchem Fräulein Bertha zu Mariuschka steht?«

Sie erschrak, als das Wort heraus war. Die Frage war unerlaubt, und sie war ihr auch nur so als ein Stück lauten Denkens auf die Lippen gekommen.

Frau von Nowikoff hatte seit geraumer Zeit unbeweglich durchs Fenster an den Himmel hinaufgestarrt. Auch jetzt veränderte sie nicht im geringsten ihre Stellung, aber aus ihrem Munde kamen die ruhigen Worte:

»Morom? Dorom!«

Was war das? Fräulein Kluge hatte sofort, nachdem ihr das indiskrete Warum herausgefahren war, ihr errötendes Gesicht tief über ihre Arbeit gebeugt, nun wandte sie rasch und erstaunt den Kopf nach der Sprecherin. Hatte sie recht gehört? »Morom? Dorom!« Was war das für eine Sprache? Das war nicht französisch, das klang auch nicht wie russisch – das klang ja – das klang wie schwäbisch, wie echtes, unverfälschtes Schwäbisch, und Emma Kluge war selbst eine unverfälschte Schwäbin.

»Pourquoi? Pour cela!« verbesserte sich Frau von Nowikoff rasch. Aber schon klangen ihr aus dem Munde der erstaunten Gesellschafterin ihre eigenen Worte in gleich gutem Schwäbisch zurück: »Morom? Dorom!«

Sofort aber errötete Fräulein Kluge zum zweitenmal, und auch auf dem Gesicht der Frau von Nowikoff vertiefte sich die Röte; ob das Zorn oder Verlegenheit sei, vermochte Fräulein Kluge in der Eile nicht zu entscheiden. »Verzeihen Sie, Madame, das war unartig von mir!« sagte sie.

Doch Frau von Nowikoff brach weder in Zorn aus, noch schien sie in wirklicher Verlegenheit zu sein. Gleichmütig wie sonst sprach sie in ihrem schlechtesten Französisch:

»Das macht gar nichts, mein liebes Fräulein! Ihre Frage war indiskret, aber ich habe ja nicht nötig, sie zu beantworten, wenn ich nicht will. »Ich wußte nicht, daß Sie Schwäbisch verstehen. Stammen Sie denn nicht aus Norddeutschland?«

»Nein, aus Tübingen!« erwiderte Fräulein Kluge.

»So, aus Tübingen!« fuhr Frau von Nowikoff fort und sah wieder unverwandt an den blauen Himmel hinauf. »Aus Tübingen! Und ich bin aus Dußlingen im Steinlachthal – das ist nicht weit von Tübingen.«

Fräulein Kluge wußte nicht, was antworten; mit einem Schlage stiegen die Bilder ihrer Kindheit vor ihrem Auge auf: sie sah das Pfarrhaus von Dußlingen im Steinlachthal und den Pfarrgarten und ihren Großvater, den Pfarrer, und ihren Vetter, den Vikar; sie sah die Steinlacher Bauernmädchen mit den knappen Miedern, den dunkelblauen, goldgesäumten Röcken und den kecken, bebänderten Käppchen; und sie sah in dieser schmucken Steinlacher Tracht das schöne Bäbele vom Nachbarhaus und die dunkelroten Nelken auf dem grünen Stockbrett an ihrem Fenster, und es war ihr, als rieche sie die Nelken wieder und den Duft des großen Rosenapfels, den ihr das Bäbele einmal geschenkt; und sie schaute nach dem Gesicht der Frau von Nowikoff, das glänzte wie ein Rosenapfel, und schaute unwillkürlich nach dem dunkelblauen Kleid der Dame, als müsse sie dort am Saum die goldene Borte suchen, welche sie so oft an des Bäbeles Rock bewundert hatte. Aber das Kleid der Frau von Nowikoff war nicht von grobem Tuche sondern von schwerer Seide und das Gold trug sie anderswo als am Saume des Kleides.

Und da fing Frau von Nowikoff wieder an: »Im Traume spreche ich immer noch schwäbisch, und ich war ja wohl vorhin halb im Traume.« Und auch jetzt saß sie da wie im Traume und aus ihren hellen Augen glänzte etwas, was Fräulein Kluge noch nie in dem runden, roten Gesichte gesehen hatte, etwas, was ihr ungemein rührend vorkam.

Und Frau von Nowikoff selbst war gerührt. »Sie sind ein gutes Mädchen, Fräulein,« sprach sie nach einer Pause, »und Sie haben aus meinem Munde etwas gehört, was hier noch niemand gehört hat. Wir sind also Landsleute. Ich will Ihnen erzählen!« Und sie erzählte.

Sie begann französisch, aber bald mischten sich schwäbische Redensarten darein, und immer mehr ward ihre Sprache ein seltsames Gemisch von schlechtem Französisch und gutem Schwäbisch, ein Gemisch, das nachzuahmen dem größten Sprachkünstler unmöglich geschienen hätte.

Und die Enkelin des Pfarrers von Dußlingen im Steinlachthale bei Tübingen erfuhr, daß hier in der That das Bäbele vor ihr saß, das in ihren Kindererinnerungen lebte.

Es sind schon verrücktere Dinge auf dieser verdrehten Welt geschehen, als daß ein schwäbisches Bauernmädchen die Witwe eines reichen russischen Grundbesitzers geworden ist. Und das war auf ganz natürliche Weise zugegangen. Jenem Vetter der kleinen Emma Kluge, dem Vikar des Pfarrers von Dußlingen, war's zu enge im Schwabenlande geworden. Er hatte eine Pfarrstelle bei einer deutschen Gemeinde in Südrußland angenommen und hatte dorthin eine junge Frau und eine junge Magd mitgenommen. Die junge Magd aber war das schöne Bäbele von Dußlingen gewesen. Sie hatte eine böse Stiefmutter gehabt und ihr Schatz war ihr untreu geworden; das war wohl der Grund gewesen, warum sie den ungeheuerlichen Entschluß gefaßt hatte, mit nach Rußland zu gehen. Dort aber hatte sie nicht gut gethan. Frau von Nowikoff sprach sich nicht eben deutlich über diesen Punkt aus, Fräulein Kluge mußte sich die Dinge selbst zusammenreimen und immer mehr dämmerten ihr Erinnerungen auf, als ob in ihrem elterlichen Hause einmal vor vielen Jahren von dergleichen die Rede gewesen wäre. Demnach hätte sich die Sache ungefähr so Verhalten, daß das Dußlinger Bäbele zwar schön, aber beschränkten Geistes gewesen sei, daß sie in Rußland Heimweh bekommen habe, gegen ihre Herrschaft widerspenstig, störrig und stöckisch geworden und am Ende aus dem Pfarrhause davongelaufen sei. Den Weg nach Deutschland hatte sie nicht wieder gefunden, aber auf dem Gute des alten Herrn von Nowikoff war sie hängen geblieben und der alte Herr hatte Wohlgefallen an dem schönen Schwabenmädchen gefunden. Da sie aber sein Wohlgefallen nicht anders als in Ehren erwidern wollte, hatte der verliebte Russe kurzen Prozeß gemacht und das Schwabenbäbele geheiratet, nachdem er ihr die Anfangsgründe des Französischen beigebracht hatte. Dann waren sie nach Alexandrien gereist; dort hatte sie ein Töchterlein geboren, ihren Gemahl begraben und eine Reihe von Witwenjahren in stiller Betrachtung und zufriedenem Genuß einer großen Rente vertrauert. Darüber war sie rund und behäbig geworden und es konnte unentschieden bleiben, ob das Vorbild der orientalischen Damen oder eigene Naturanlage sie so rund und behäbig, gemacht habe. Zuletzt war sie zu der Meinung gekommen, daß ihr Töchterlein nicht ohne westeuropäische Bildung sich zur Dame auswachsen könne, und so war sie hierher gezogen, hatte sich eine Villa gekauft, hatte schon eine hübsche Reihe von Gesellschafterinnen und Erzieherinnen für ihr Töchterlein verbraucht und in der Stille ihres Gemütes immer von Zeit zu Zeit die Frage erwogen, ob sie nicht ihr Zelt abermals weiterschlagen solle nach ihrem Heimatdorf, in dem sie so gut wie verschollen war. Zu einem Entschluß war sie bis auf diesen Tag nicht gekommen.

»Es ist sehr sonderbar,« schloß Frau von Nowikoff ihren Bericht, »ich habe immer noch zuweilen Heimweh nach Dußlingen. – Aber,« fuhr sie fort und strich ihr Seidenkleid glatt, »was will man machen? Man kann doch nicht in Dußlingen leben, wenn man Frau von Nowikoff ist und eine erwachsene Tochter hat! Das ist nun so und man muß sich fügen, pflegte Herr von Nowikoff zu sagen. Die Türken sagen Kismet. Wissen Sie, was das heißt?«

Fräulein Kluge wußte es, aber mit einem Anflug von Humor sagte sie: »nicht ganz!«

»Ich weiß es auch nicht ganz,« erwiderte Frau von Nowikoff, »aber es ist so etwas, wie wenn einer nichts machen kann. Ich hab's oft gehört. – Verstehen Sie nun,« fuhr sie nach einer kleinen Weile fort, »warum ich die Mariuschka im Hause dulde? Sie stammt aus Rußland und ist hier genau so fremd, wie ich einmal in Rußland war. Mir hat's auch wohlgethan damals, wenn jemand freundlich mit mir war. Verstehen Sie?«

Emma Kluge nickte. Sie wußte selbst, wie es ist, wenn ein Mädchen unter fremden Leuten ihr Brot verdienen muß. Und der Rosenapfel kam ihr wieder in den Sinn, sie stand auf und ergriff die runde Hand der Frau von Nowikoff.

»Erinnern Sie sich auch noch an die kleine Emma vom Dußlinger Pfarrhaus,« fragte sie französisch, aber mit bewegter Stimme. Frau von Nowikoff sah ihr eine Weile scharf ins Gesicht, dann rief sie schwäbisch:

»Ei du lieber Gott! Morom net gar? Sie send s' Professers Emmale vo Tibenga! Ond der Herr Pfarrer ist Ihr Großvater gwä!«

Und nun ging's los: schwäbisch sprach Frau von Nowikoff, schwäbisch sprach jetzt auch Fräulein Kluge. Zwei vereinsamte Frauengemüter hatten sich in der Jugendheimat gefunden, und so grundverschieden sie waren an Schicksal, Bildung und Charakter, hier verstanden sie sich.

Es verging eine Stunde, bis Frau von Nowikoff sich wieder erinnerte, daß sie in Rußland schlechtes Französisch gelernt hatte und nicht mehr das Dußlinger Bäbele sondern die steinreiche Frau von Nowikoff war. Aber von dieser Stunde an war Emma Kluge nicht mehr bloß ihre Gesellschafterin, und wenn die beiden allein waren, wurde weder Französisch noch Hochdeutsch gesprochen, sondern echtes, unverfälschtes Schwäbisch; und Fräulein Kluge konnte sich immer gründlicher davon überzeugen, daß ihre Dame zwar keineswegs von Berthold Schwarz abstamme, aber zu jenen einfältigen Gemütern gehöre, die das Pulver nicht zu erfinden brauchen, ums auf ihre Art mit aller Welt gut zu meinen.

Jene erste Stunde aber löste auch das Rätsel der Bibliothek der Frau von Nowikoff. Als die Gemüter unter dem Sonnenschein der Erinnerungen immer mehr aufgetaut waren und die Zeichnung des Buchdeckels indessen fertig geworden war, fragte Fräulein Kluge, ob sie ihr Werk der Stickmustersammlung einverleiben solle.

»Ach nein,« erwiderte Frau von Nowikoff, jetzt wieder auf Französisch, »das kommt in die Bibliothek!« Und als Emma sie erstaunt ansah, trug sie ihr auf, in ihrem Schlafzimmer einen Schlüssel zu holen, der rechter Hand auf ihrem Toilettetisch in der türkischen Schale unter Haarnadeln und Ringen liege. Als die Gesellschafterin mit dem Schlüssel zurückkam, sagte Frau von Nowikoff mit einem Blick auf den nächsten Bücherschrank:

»Nun schließen Sie auf und holen Sie sich einen Band heraus!«

Fräulein Kluge that's und griff nach dem nächsten Band. Es war der schwarzsaffianene mit dem silbernen Titel: »Schopenhauer, die Welt als Wille und Vorstellung.« Er wog merkwürdig leicht und als Fräulein Kluge ihn öffnen wollte, ging's nicht. Es war alles hohler Pappendeckel.

»So ist die ganze Bibliothek!« sagte Frau von Nowikoff gleichmütig. »Herr von Nowikoff hat sie so angelegt. Er liebte schöne Einbände über alles, aber er pflegte zu sagen: man liest ja doch nicht, der Einband genügt. – Und so hab ichs gelassen und vermehre die Bibliothek, wenn mir ein Deckel besonders gefällt. Sie haben wohl die Güte und gehen mit der Zeichnung morgen zum Buchbinder Schönfisch. Der weiß schon, was er thun muß. Das Buch selbst geben Sie im Vorbeigehen in der Buchhandlung ab. Die Romane dort wollen wir behalten!«


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