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An dem ehemaligen Marktplatz, in dem älteren Teile der Stadt, stand ein steilgiebeliges Haus, das seit unvordenklichen Zeiten einen Schild trug mit der Aufschrift: »Holdersche Buchhandlung«. Der jetzige Besitzer, Herr Karl August Holder, hatte die verblichenen Fresken an der Giebelwand auffrischen lassen und sich im ersten Stock eine sehr moderne und höchst elegante Junggesellenwohnung eingerichtet. Aber den Firmenschild hatte er gelassen, wie er zu seines Großvaters Zeiten gewesen war, und auch der große hallenartige Buchladen im Erdgeschoß hatte seit des Großvaters Zeiten wenig Veränderungen erlebt. Nur die Bücher hatten gewechselt und einige neue Büchergestelle waren hinzugekommen. Aber noch immer standen die großen doppelten Schreibpulte für den Herrn des Geschäftes und seine Angestellten mitten in dem Buchladen; nur daß der Platz am Pult des Geschäftsherrn selten länger als auf Viertelstunden von seinem rechtmäßigen Inhaber besetzt war. Etwas häufiger und dauernder, doch gleichfalls nur einen kleinen Teil des Tages hielt sich Herr Holder in dem schmalen Zimmerlein auf, das er sich neben dem Buchladen mit mäßigem, aber ausgesuchtem Luxus eingerichtet hatte und in dem er zuweilen bevorzugtere Kunden oder auch vorbeikommende Sportsfreunde empfing.
Wenige Tage nach Paulus Wikrams Geburtstag war Herr Holder schon am frühen Vormittag dort drinnen. Seine und eines andern Mannes Stimme klangen ziemlich laut durch die geschlossene Thüre, während außen im Buchladen feierliche Stille herrschte, höchstens unterbrochen durch verschämtes Federgeknarr und träges Papiergeknatter, etwa auch durch ein Husten oder Niesen, das auf frühzeitige Herbstkatarrhe schließen ließ. An dem bevorzugtesten Pult hockte auf hochgeschraubtem Drehschemel ein kleiner buckliger Kerl mit dünnem Flachsbart und sokratischer Stülpnase. Seine spitzen Satyrohren richteten sich nach vorn gegen das vor ihm liegende Hauptbuch, als wollten sie die geheimsten Regungen des Geschäftsganges aus dem Buche erlauschen; seine Füßchen baumelten um die Schraube des Schemels, als ob sie noch niemals festen Fuß auf dieser Erde gefaßt hätten. Aber seine weitoffenen dunkeln Augen blickten so klar und fest aus dem häßlichen Gesicht, überflogen zuweilen so herrisch den ganzen Ladenraum, daß ein geübter Beobachter leicht die Seele des ganzen Geschäftes in diesem Buckligen erraten konnte. Auf den ersten Blick hätte man freilich einen andern für den eigentlichen Geschäftsherrn nehmen können: der stand aufrecht hinter einem andern Pulte, ein breitschultriger wohlgewachsener Mann mit einer ganz kleinen Neigung zur Beleibtheit; sein stattlicher, weicher Bollbart wallte bis auf das Pult hernieder und drohte wieder zu verwischen, was die kräftige, beringte Hand soeben geschrieben hatte; auf seiner sehr regelmäßigen Nase saß eine scharfe Brille und über dieser noch ein goldener Zwicker; sein leichtgelocktes Haar war so tadellos gebürstet wie sein Rock. Wenn er sich vom Pulte weg an ein Büchergestell und wieder zurück bewegte, geschah es mit würdiger und feiner Haltung, und seine Stiefel knarrten nicht lauter, als man zur Not ertragen konnte.
Außer diesen beiden hervorragenden Erscheinungen wies der Buchladen noch zwei jüngere Gehilfen auf, deren Ansehen unbedeutend, deren Haltung gedrückt erschien; der eine beschäftigte sich mit Gähnen, der andere ganz besonders mit Husten und Niesen. Aber beide begruben ihre Häupter angelegentlichst in Bücher und Papier, als nun die Thüre des Empfangszimmers sich öffnete. Heraus trat ein sporenklirrender Reiteroffizier und hinter ihm Karl August Holder im Jagdanzug, die Flinte über der Schulter und einen sehr krummbeinigen Dachshund an der Leine.
»Haben Recht wie immer, wenn sich's um Aesthetik handelt«, hörte man den Offizier unter der Thüre sagen. »Was aber Rasse anbelangt – ohne mir selbst zu schmeicheln –«
»So verstehen Sie mehr, Herr Baron!« ergänzte der Buchhändler lachend, und in seinem freiblickenden Gesicht erschienen unter dem Schnurrbart zwei Reihen von Zähnen, um welche ihn manches Mädchen hätte beneiden können.
Die beiden Herren durchschritten den Buchladen; mit dem Buckligen wechselte Holder einen raschen vertrauten Blick, dem Stattlichen warf er ein lässiges »Guten Morgen« hin, von dem sich die andern Angestellten nach Belieben ihr Teil nehmen konnten. Als er an einem Tisch vorbeischritt, auf welchem eine Reihe von Prachtwerken dem Publikum zur Schau aufgelegt war, schlug er mit der Jagdmütze auf einen üppig verzierten Deckel und sagte: »Das Neueste, Herr Rittmeister! Eitel Buchbinderarbeit innen und außen! Wollen Sie's kaufen?«
»Danke, mir zu teuer!« erwiderte der Offizier, indem er sich flüchtig über das Prachtwerk beugte und sein Glas in's Auge klemmte.
»Möcht's Ihnen auch nicht raten,« antwortete Holder, indem er dem andern die Ladenthüre öffnete. »Als Ladenhüter übrigens vortrefflich!« Dabei warf er einen ironischen Blick nach dem Stattlichen, fing ein lustiges Augenzwinkern des Buckligen auf und trat mit seinem Begleiter auf den nebelfeuchten Marktplatz hinaus. Im Weitergehen machte der Offizier die Bemerkung, auf diese Art werde ein Buchhändler schwerlich gute Geschäfte machen.
»Geschäfte?« erwiderte Karl August Holder. »Die machen sich in solch altem Geschäft von selbst, wenigstens so lang' ich den Werbelin und Swemelin besitze.«
»Ah, bitte, sagen Sie mir auch einmal, Herr Holder, warum Sie die Pfeiler Ihrer Geisteswerkstätte mit so sonderbaren Namen benennen?«
»Sehr einfach, Herr Baron. Sie kennen doch das Nibelungenlied?«
»Nibelungenlied? Ah – ja – alte Gymnasialerinnerung! Aber Werbelin und Swemelin?«
»Die beiden Spielleute des Königs Etzel! Ob Werbel bucklig war und Swemel so fein wie der gewichtige Herr da drinnen, weiß ich freilich nicht. Hoffentlich haben die beiden Hunnen wenigstens nicht noch schlechter gegeigt, als meine beiden Herren, denen die böse Nachbarschaft nachsagt, daß sie schon manches Huhn durch ihre Duette vom Leben zum Tode gegeigt haben. Sie sind nämlich unzertrennliche Freunde, haben gemeinschaftliche Wohnung und beschließen jeden Tag mit einem Spiel Billard und mit einem Geigenduett. Im übrigen äußert sich ihre Freundschaft noch darin, daß sie sich die halbe Zeit herumzanken. Der Bucklige ist so gewissermaßen mit mir ausgewachsen, mein Vater hat den armen Burschen erziehen lassen und er ist gegen das Haus Holder die Ergebenheit selber, teilt auch meine Anschauungen über Bücher und Buchhandel in so weitgehendem Maße, daß ich ihm im Grunde alles überlasse. Warum ich ihn gerade Werbelin getauft habe? Hm, der Witz ist nicht eben geistvoll –«
»Ah, verstehe,« fiel der Offizier ein, »kommt vom Zeitwort »werben« – wirbt Kunden, was?«
»Wenn Sie so wollen –«
»Aber Swemel oder Swemelin?«
»Nun, den hat eigentlich sein Freund Werbel getauft, und zwar genauer ausgesprochen: Schwämmel! Geht auf Schwammliebhabereien! – Guten Morgen, Herr Baron!«
Sie waren an der nächsten Straßenecke angelangt und trennten sich mit kameradschaftlich nachlässigem Gruße, wobei in Holders Art eher etwas überlegen Herablassendes lag, als in der des Offiziers.
Drinnen im Holder'schen Buchladen war's indessen wieder so still geworden, als wolle das ganze Geschäft ein versäumtes Morgenschläfchen nachholen. Selbst Werbelins, des Buckligen Augen schauten in's Leere und nahmen einen Ausdruck von Weiche und traumhafter Wehmut an, der das ganze Gesicht weniger häßlich erscheinen ließ. Swemel feilte an den Nägeln und putzte die Brillengläser. An der Glasthüre summte eine dicke Mücke.
Da trällerte plötzlich eine lustige Mädchenstimme hinter der Thüre, welche in der Tiefe des Ladens nach dem Magazin und Packraum führte; es war der Kehrreim eines italienischen Liedchens, was da herüberklang. Aus Werbelins Augen verschwand der verträumte Ausdruck, er rückte sich auf seinem Drehschemel zurecht und fragte:
»Was hat denn die Camilla am frühen Morgen wieder im Magazin zu lärmen?«
»Papa Weiß packt den großen Leipziger Ballen aus,« erwiderte phlegmatisch Swemelin, »da wird das Töchterlein helfen.«
»Helfen? Hindern!« murrte Werbel. – »O, dolce Napoli –« trällerte es im Magazin.
»Du hast wohl die Güte, Freund,« bemerkte Werbel nach einer Weile zu Swemel hinüber, »und sorgst, daß die angekommenen Verlagsneuheiten diesmal etwas vernünftiger zur Ansicht versendet werden als das letzte Mal.«
»Vernünftiger?« brummte Swemel. – » Per un sol piatto di maccheroni –« schlug die Spottdrossel im Packraum.
»Bolze, sagen Sie der Camilla, sie solle gefälligst das Maul halten!« befahl Swemel mit Hintansetzung seiner Würde und Feinheit, und der kleine Bolze mit dem Napoleonsgesicht beeilte sich, den Auftrag auszuführen. Zu dem Buckligen gewendet fuhr Swemel fort: »Du hast heute offenbar Deinen liebenswürdigen Tag, Freundchen. Da freu' ich mich schon auf's Billard und auf's Duett. Inzwischen bedenkst Du wohl, daß die Ansichtssendungen durchaus meine Sache sind!«
»Solange mir's beliebt«, erwiderte Werbel etwas gereizt. »Bald hätte ich Lust, diese Sache in meine eigene Hand zu nehmen. Wenn man dem Forstmeister Muff beharrlich theologische Werke zusendet, weil seine Haushälterin einmal ein Gebetbuch gekauft hat – –«
»Hab' ich nicht gethan,« unterbrach Swemel die Rede, »da wird wieder einmal Herr Mohrbrand eine Dummheit gemacht haben!«
»Oho, bitte sehr!« fistelte es von einer Leiter herunter, auf welcher ein hochblonder Jüngling grinsend dem Streit der beiden Geschäftsgewaltigen lauschte.
»Kümmern Sie sich um Ihre Arbeit, Mohrbrand!« rief Werbel in mildem Tone hinauf, und der Jüngling kramte dort oben eifrig unter verstaubten Broschüren weiter. Werbel fuhr ohne Erbarmen fort: »Wenn man dem Sensal Amschel antisemitische Flugschriften zusendet, und dem Baptistenprediger Calvarius einen Roman von Zola –«
»Donnerwetter, das hab' ich nicht gethan!« protestirte Swemel abermals.
»Bolze vielleicht?« fragte Werbel. » La ci darem la mano –« sang es im Magazin und schnappte dann plötzlich ab. Der kleine Bolze kam zurück und lachte vor sich hin.
»Wenn man,« nahm der hartherzige Werbel seine Rede abermals aus, »die Zeitschrift für Pilzfreunde immer wieder an die dicke Frau von Nowikoff schickt, welche nie anders als im Wagen von ihrer Hausthüre wegkommt –«
»Bitte,« fiel Schwämmel diesmal etwas kleinlaut ein, »Fräulein Kluge, ihre Gesellschafterin, hat sehr viel Verständnis für Schwämme!«
»Ah so!« brach Werbel jetzt kurz ab. »Und item, wenn alle andern Buchhandlungen ihre Ansichtssendungen im hellen Stumpfsinn betreiben, so brauchen wir deswegen nicht mitzuthun. Bitte, darauf zu achten, meine Herren!« Damit vertiefte er sich wieder in das vor ihm liegende Geschäftsbuch; es wurde so still im Laden wie vorher. Auch das Singen im Magazin hatte aufgehört, dagegen deutete ein lebhaftes Thürenzuschlagen in den Hinteren Räumen des Hauses darauf hin, daß jemand sich nicht in bester Laune entfernt habe. Auch Swemelins Laune schien ein wenig gestört; er schritt wiederholt zwecklos von einem Büchergestell zum andern und machte dazwischen einen vergeblichen Versuch, die dicke Fliege einzufangen, die sich immer noch unnütz an den Fenstern herumtrieb. Endlich öffnete er die Thüre zum Magazin und rief hinein: »Papa Weiß, sind Sie endlich fertig?« »Aufzuwarten, eben jetzt!« klang's von drinnen. – »So schaffen Sie das Zeug stoßweise heraus auf den Tisch da! Dort drinnen sind bei diesem Nebelwetter alle Katzen grau. Hier ist etwas mehr Licht zum Vernünftigsein!« Swemel betonte das letzte Wort mit einem Blick auf Werbel; der aber that nicht, als ob er's höre. Papa Weiß, wie der Packer im Geschäfte hieß, erschien gleich darauf mit einem Arm voll Bücher und legte sie auf den angewiesenen Tisch. Es war ein Graukopf mit beschränkt gutmütigem Gesicht; der Art, wie er die Bücher trug und auf den Tisch setzte, merkte man an, daß er durch Handfertigkeit und Pünktlichkeit ersetzte, was ihm an Verstand abgehen mochte. »Camilla ist fort, meine Herren!« sagte er entschuldigend und brummte in den Bart: »die Hexe, was die einem Sorgen machen kann!«
»Wie so denn?« fragte Werbelin aufschauend. »Das erzähl' ich Ihnen einmal,« sagte der Alte und that brummend weiter, was ihm oblag.
Swemel rief die Herren Bolze und Mohrbrand herbei und hieß sie notiren, wem dieses oder jenes Buch zur Ansicht gesandt werden solle; ein Teil der Bücher wurde sofort auf den Büchergestellen untergebracht. Die Titel der Bücher und die Namen der Verfasser erklangen trocken geschäftsmäßig aus Swemels Munde, und eben so trocken aber sicher ergingen seine Anordnungen. Nur einmal, als Papa Weiß einen ganzen Haufen Schulbücher auf den Tisch geschichtet hatte, schmunzelte Swemelin und strich sich über den Vollbart: »Wenn Sie einmal Ihr berühmtes Verlagsgeschäft, Firma Bolze und Mohrbrand, gründen wollen, meine Herren, so verlegen Sie Schulbücher, nichts als Schulbücher! Das ist das beste Geschäft heutzutage.« Er sagte das ganz ohne Ironie, mit dem Ernste der vollsten Ueberzeugung.
»Und um Gotteswillen keine Poesie,« rief Werbelin mit schrillem Hohne von seinem Bock dazwischen. Zu gleicher Zeit ging die Ladenthüre und als erster Besucher an diesem Morgen trat ein alter Herr ein, rüstigen Schritts, fein gekleidet. Aus einem bartlosen, faltigen Gesicht flogen ein paar scharfe Augen rasch durch den Laden nach Herrn Holders Platz, und als sie diesen leer fanden, hielten sie geschwinde Musterung über die Anwesenden. »Guten Morgen, meine Herren,« klang es nun in fröhlichem Ton. »Guten Morgen, Herr Kommerzienrat!« war die vierstimmige Antwort, während alle Köpfe sich nach dem Eintretenden wandten. Werbel sprang sogar von seinem Schemel herunter, ging auf den alten Herrn los und fragte, vergnügt an ihm emporschauend, was zu seinen Diensten stehe.
»Nicht viel,« war die Antwort, und es ging ein feinironischer Zug durch das geistvolle Gesicht des Handelsherrn; »ich wollte nur im Vorbeigehen fragen, was die neuere Poesie macht? Ich hätte in den nächsten Wochen vielleicht Zeit, wieder einiges zu lesen. Da soll ja ein Meisterwerk von Roman erschienen sein – wie heißt doch der Verfasser? Ich glaubte, der sei längst tot – na, Sie wissen schon, wen und was ich meine, alle Welt spricht ja davon – ich habe einmal etwas von ihm gelesen, aber das war dummes Zeug, spielte in Mesopotamien oder im Hauran oder wie die Gegenden hinterwärts von Galiläa heißen! Also bitte, schicken Sie mir das Buch und noch einiges dazu, es darf sogar Lyrik dabei sein. Guten Morgen, meine Herren! Grüßen Sie mir Herrn Holder schön!« Damit hatte er Werbelins Hand gedrückt und ging raschen Schrittes und aufrechter Haltung davon.
»Also, Herr Mohrbrand,« begann Swemelin sofort anzuordnen, »an Herrn Kommerzienrat Wullenweber – heute noch schicken – erstens –«, dann folgten die Titel einer Reihe von Romanen neuesten Ursprungs. Ob das von Kommerzienrath Wullenweber angedeutete Meisterwerk darunter war, wußte wahrscheinlich nur Werbelin. Der aber saß wieder auf seinem Bock, that, als höre und sehe er nichts, und ließ Freund Schwämmel machen. Am Ende aber mußte doch der Jüngling Mohrbrand das Bücherpacket vollends auf eigene Verantwortung zusammenstellen; denn Swemelin ließ plötzlich alles liegen und stehen, als eine junge Dame in den Laden trat, die freilich nicht mehr ganz jung, aber doch noch recht hübsch war. Es war ein blondes Fräulein von vollen Formen und ruhigen Bewegungen, mit einem leisen Zug von Ermüdung im Gesicht, wie er bei Lehrerinnen und Erzieherinnen sich leicht einstellt, wenn sie über die erste Jugendbegeisterung hinaus sind.
Ihr erster Blick beim Eintritt hatte dem Buckligen gegolten und es war etwas Scheues in diesem Blicke gelegen. Aber sofort bemächtigte sich Swemelin des Fräuleins; in seiner besten und würdigsten Haltung, die Fingerspitzen der linken Hand leicht an die Spitzen des Bartes gelegt, trat er auf sie zu, begrüßte sie als Fräulein Kluge und fragte angelegentlich nach ihren Wünschen.
»Frau von Nowikoff läßt fragen, welches die neueste deutsche Grammatik sei?« sagte das Fräulein.
»Die neueste?« antwortete Swemelin nachdenkend, »– die beste ist wohl –«
»Nein, nein, nicht die beste,« unterbrach ihn Fräulein Kluge mit müdem Lächeln, »die beste haben wir schon, aber wir müssen die neueste haben. Fräulein Bertha lerne dann gewiß eifriger, meint Frau von Nowikoff.«
»So, so, also die neueste. Ich werde nachsehen und Ihnen heute Nachmittag noch das Neueste schicken«, versicherte Swemelin eifrig. »Ich darf wohl auch einige Romane zur Ansicht beilegen? Und hier, Fräulein Kluge, das interessirt Sie gewiß ganz besonders –« er griff nach einem auf dem Tische liegenden Hefte in Folio – »sehen Sie, die neueste Lieferung von dem trefflichen Bilderatlas zur Pilzkunde! Das Feinste in der so schwierigen Farbengebung, was bisher dagewesen ist! Sehen Sie zum Beispiel hier den giftigen Knollenblätterschwamm, dessen Verwechslung mit dem Champignon schon so manches Unheil gestiftet hat – gar nicht mehr möglich, diese Verwechslung, wenn man diese Abbildung genau in's Auge faßt! Sie sehen, wie fein hier das reine Weiß in Braun und Grün spielt – nicht wahr? sehen Sie hier –«
Fräulein Kluge versicherte nachdrücklich, daß sie es sehe, obschon ihr Blick neben dem Schwammatlas vorbei abermals nach Werbelin hinübergeschweift und erst wieder zur Sache zurückgekehrt war, als sie bemerkt hatte, daß Werbelin nicht die geringste Notiz von allem zu nehmen schien. Swemelin aber dozirte in dem angefangenen Tone weiter und beachtete lange nicht, daß in Fräulein Kluges Bewegungen sich allmälig einige Ungeduld verriet, während sie allerdings mit Worten fortwährend zustimmte und willig alles sah, was Swemelin sie zu sehen aufforderte. Doch es traten andere Kunden in den Laden, die ruhige Zeit des frühen Vormittags war vorüber und Schwämmel mußte seine angenehme Unterhaltung abbrechen. Fräulein Kluge verabschiedete sich nicht unfreundlich und Swemelin sah ihr etwas länger durch die geöffnete Thüre nach, als die buchhändlerische Höflichkeit gerade erfordert hätte.
Auch Werbelin ließ durch das Fenster neben seinem Pult einen Blick gehen, der das Fräulein ein Stück weit über den jetzt endlich von der Sonne beschienenen Marktplatz begleitete. Und dann sah er geraume Zeit wieder über sein Buch weg in's Leere und über sein großes Auge legte sich wieder jener Schleier von Wehmut, der das häßliche Sokratesgesicht zuweilen verschönte.
Swemelin hatte sich wieder an die Leipziger Verlagssendungen gemacht. Mit unverkennbarer Verachtung behandelte er eine Reihe von lyrischen Erzeugnissen, welche ihm durch die Finger gingen. Da kam noch ein fein gebundenes Büchlein mit viel Goldverzierung zum Vorschein. »Phaläna, neue Gedichte von Paulus Wikram«, las Swemel laut und langsam. »Phaläna,« wiederholte er dann, »Phaläna? Was ist das? – Herr Mohrbrand, Sie thun sich etwas zu gut darauf, daß Sie Griechisch gelernt haben – das Wort klingt griechisch – was heißt's?«
»Ich habe ja nur Ein Semester Griechisch getrieben,« erwiderte der blonde Jüngling mit der Fistelstimme in kläglichem Tone.
»Ach ja, ja freilich! Nur Ein Semester!« sagte Swemel boshaft und blickte wieder auf das Buch in seiner Hand.
Der Einband fesselte seinen Blick. »Pompös,« sagte er, »zu pompös für Lyrik! Fällt aber in die Augen! Bolze, legen Sie auch das noch an Frau von Nowikoff bei!« An den Kommerzienrat Wullenweber dachte er nicht mehr.
Da stand auf einmal Werbel neben ihm. Dieser hatte von seinem Hauptbuche aufgeschaut, als er den Namen Paulus Wikram gehört hatte, war von seinem Sitz heruntergeglitten und nahm nun das Büchlein dem Jüngling Bolze aus der Hand. »Phaläna – Nachtfalter!« sagte er laut. Schweigend suchte er dann das weißseidene Buchzeichen, das zwischen den Blättern eingeklemmt war, und schlug die Seite auf, welche das Zeichen wies. So pflegte er oft zu thun, wenn er ein unbekanntes Buch öffnete. Seine Mutter hatte in schwierigen Lebenslagen auf diese Art die alte Hausbibel aufgeschlagen, und er hatte dieselbe Gewohnheit zum mindesten auf alle diejenigen Bücher übertragen, von denen er irgend eine Offenbarung erwartete. Nun las er mit halblauter Stimme vor sich hin:
»Die Freuden scheiden,
So scheiden die Leiden.
Buntes Spielzeug bricht
In harter Manneshand,
Was der Gram mit sich selber spricht,
Verhallt an der Kerkerwand – –«
Er brach ab. »Das ist nichts für Frau von Nowikoff!« sagte er scharf. »Warum nicht?« fragte Schwämmel gereizt, denn er glaubte an diesem Morgen schon genug des Tadels freundschaftlich geduldig eingesteckt zu haben.
»Weil sie nicht deutsch kann!« antwortete Werbel. »Das kann ja Fräulein Kluge,« gab Schwämmel zurück, »und sie selbst liebt schöne Einbände.« »Gut, so versuche Dein Heil!« erwiderte Werbel, der den Freund nicht weiter reizen mochte.