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Zwei Seelen – ein Gedanke

Der Pastor saß und schrieb, als seine Frau leicht und vorsichtig eintrat und einen Präsentierteller mit seinem Frühstück neben ihn auf den Schreibtisch setzte.

»Iß nun doch, ehe der Tee kalt wird,« sagte sie und wandte sich in der Tür um, während sie wieder hinausging.

Da schob er die Papiere beiseite und zog das Teebrett zu sich.

Tee, geröstetes Brot, ein weichgekochtes Ei und – seine Lieblingsspeise – ein Kalbskotelett mit einem kleinem Stück Petersilienbutter darauf und gekräuseltem Seidenpapier um den Knochen gewickelt. Wie niedlich und appetitlich sie es doch stets zu bereiten verstand! Aber was mochte sie selbst wohl essen?

Der Pastor hatte eine geheime Ahnung, daß die Ordnung, ihm das Frühstück hereinzubringen – worauf er der Bequemlichkeit wegen eingegangen war – eigentlich den Zweck hatte, das Mißverhältnis zwischen seinen und ihren Rationen zu verhüllen.

»Bekommst du selbst etwas Ordentliches zu essen?« fragte er oft.

»Gewiß,« sagte sie und lachte. »Sehe ich denn aus, als ob ich hungerte? Habe ich vielleicht keine gute Farbe?« und sie streckte die Wangen vor. Nun gab es keinen, der so frische und feine Farbe hatte wie sie, so daß er es ja nicht leugnen konnte.

Aber Kotelett bekam sie selbst doch heute kaum – vielleicht nicht einmal ein Ei. Ein Vorstadtpastor mit lauter kleinen Leuten in der Gemeinde, mit Amtshandlungen, die fast ausnahmslos umsonst vollzogen werden mußten, spinnt kein Gold. Deshalb war es geradezu unglaublich, womit sie ihn – trotz des knappen Wirtschaftsgeldes – überraschen konnte.

Er aß zuerst das Ei – dann steckte er seine Gabel in das weiche, einladende Kotelett mit einem gerührten Gedanken an ihre liebevolle Fürsorge für ihn.

In demselben Augenblick erinnerte er sich in einer plötzlichen Ideenverbindung eines kleinen, blassen Mädchens in einem großen, schlechten Bett, das er am Tage zuvor besucht hatte.

Die Mutter stand aus der Treppe und sprach mit dem Arzte, als er kam.

»Ja – es war auch eine schwere Lungenentzündung durchzumachen,« sagte der Arzt. »Aber wir bringen sie wohl noch auf die Beine, wenn Sie nur dafür sorgen können, daß sie leichte und kräftige Soff bekommt – – Ei, Bouillon, Kakao, Wein – – und Kalbfleisch.«

Die Frau hörte geduldig dieses lange Register an, das wie eine blutige Ironie in dem armen Hause klang. Dann trocknete sie mit einer hülflosen Bewegung ihre Augen mit der Schürze.

»Ja, wenn man ihr nur etwas von all' diesem verschaffen könnte! Sie nippt nur an allem, was ich ihr bringe, aber bekommt nichts Ordentliches herunter.«

– Der Pastor saß und sah sein Kotelett an. Kalbfleisch – ja. Und wie geschaffen, einen Kranken zu locken. – Aber …

Es begann ein stiller Kampf am Schreibtisch. Nicht darum – er konnte wohl satt werden – – von dem Ei und all dem Butterbrot, aber – er hatte sich nicht wenig aus den Genuß seines Leibgerichtes gefreut, das merkte er jetzt. Seine Lust war durch den verlockenden Anblick aufs Höchste gereizt …

Und dann war da eine, die hatte dagestanden und das Kotelett allein für ihn bereitet, eine, der er es geradezu schuldig war, es selbst zu essen …

Die Gabel ging tiefer in das Fleisch – aber dann wurde das Stück mit einem raschen Entschluß von dem Teller genommen, in Briefpapier gepackt – und da ruhte es in einer seiner Taschen, als seine Frau eintrat, um das Teebrett zu holen.

»Hat es dir geschmeckt?« fragte sie mit etwas Erwartung in der Stimme.

»Herrlich, aber es war zu viel. Du verziehst mich.«

»Nein, wenn einer sich abmüht, wie du tust, muß ich ihn mit etwas Stärkendem päppeln. War das Kotelett genießbar?«

»Es verdiente eine Prämie, wie alles, was von der Seite kommt. Weich wie Butter!«

Sie hatte das Teebrett genommen, um zu gehen, als sie plötzlich stehen blieb:

»Aber liebster Freund, wo ist der Knochen? Der kann doch nicht auch so weich gewesen sein, daß du ihn mit gegessen hast!«

Der Knochen – ja, nun saß er schön drin! Eine Sekunde standen seine Gedanken ganz still, dann sagte er, ohne eigentlich zu ahnen, ob es die Situation klären würde:

»Man könnte ja denken, daß ich draußen einen heißhungrigen Hund entdeckt hätte, der froh war, damit sein Frühstück zu halten.«

Pastors wohnten zu ebener Erde, und das Fenster stand an dem milden Maimorgen offen.

Die junge Frau sah ihn mit unverhüllter Bewunderung an.

»Das steht dir ähnlich,« sagte sie. »Immer kannst du die entdecken, die es nötig haben, selbst wo sie sich nicht melden. Du hast so merkwürdige Augen für andere, Philipp.«

Der Pastor küßte die Hand, womit sie das Teebrett hielt, sagte aber nichts. Er wußte, das sie solche Augen hatte, – weit mehr als er …

Dann schrieb er eine Weile weiter.

– – Einige Stunden später sah er an dem Bett des kleinen, kranken Mädchens und legte sein Kotelett vor sie hin.

»Glaubst du wohl, daß du es essen kannst?« fragte er.

Ja, das glaubte das kleine Mädchen wohl. Und ihre Mutter auch. Solch Essen sollte sie haben.

Während die wichtige Frage verhandelt wurde, ob das Kotelett in Scheiben geschnitten und kalt auf Franzbrot gegessen oder in der Pfanne mit Butter gewärmt werden sollte, klopfte es an die Tür zur Küche, die vor der Stube lag – der einzigen, woraus die Wohnung bestand.

Als die Frau geöffnet hatte, saß der Pastor plötzlich ganz stumm an dem Bett des Kindes. Denn in der klaren, weichen Stimme, die zu ihm hereinklang, konnte er sich nicht täuschen.

»Ist es hier, wo ein kleines Mädchen krank liegt? Ich bin die Pastorsfrau. Mein Mann erzählte mir gestern so viel von ihr, daß ich meinte, ich müsse mich nach ihr umsehen. Und ich habe ein herrliches Stück Kuchen mit, das sie, wie ich überzeugt bin, essen kann.«

»Nein, aber,« sagte die Frau. »Und der Pastor ist heute auch selbst hier.«

»Mein Mann – ach …«

– Ja, da stand sie nun aus der Schwelle zur Stube – ganz verwirrt – und der Pastor saß da und wunderte sich nur darüber, daß er sich das nicht, vorher gedacht habe …

Konnte man ihr wohl von einem kleinen Mädchen in der Welt erzählen, das der Liebe und Hilfe bedurfte, ohne daß sie in demselben Augenblick fände, daß sie hingehen müsse, um zu helfen? Es war ja so, daß, wenn die Rede auf Jammer und Elend in weiter Ferne kam, man geradezu fürchtete, sie aufstehen und über Land und Meer dahin gehen zu sehen, wo die Not rief …

Er wußte, daß es wahr sei, wenn sie sagte: »Ich bin so grenzenlos glücklich mit dir, Philipp! Aber recht froh werde ich doch erst, wenn es keinen Menschen mehr auf der Welt gibt, der weint.«

Er wußte es, und doch hatte er hier ihre Absicht nicht erraten.

Nun wurde es ihm ja so sonnenklar mit dem Kuchen.

Die Pastorsfrau hatte eine kleine Schwäche. Sie liebte Süßigkeiten sehr.

»Es ist mehr als häßlich,« sagte sie, »wenn Byron behauptet, daß eine Frau zufrieden sei, wenn man ihr einen Spiegel und einige gebrannte Mandeln gibt. Aber es ist noch schlimmer, daß eine ehrbare Pastorsfrau, die ich kenne, wirklich beides ein bischen liebt. Ja, am wenigsten freilich den Spiegel, aber mit Süßigkeiten kann man mich weit bringen! Besonders mit Kuchen!«

Am Tage zuvor, als der Pastor zu Mittag heimkehrte, konnte er der Versuchung nicht widerstehen, ein großes Stück von einem ungewöhnlich einladenden Kuchen, der bei einem Konditor im Fenster stand, zu kaufen und seiner Frau mitzunehmen, obgleich es eine bestimmte Verabredung zwischen ihnen war, sich jeden, wenn auch noch so kleinen Luxus zu versagen. Die knappen Einkünfte erlaubten es nicht.

Aber der Gedanke an ihre erwartungsvolle Spannung, wenn sie ein solches Paket bekam, und an das entzückte Lächeln, wenn sie es geöffnet hatte, verlockte ihn, eine Ausnahme von der strengen Regel zu machen.

Sie schalt und lachte und fiel ihm um den Hals und sagte, daß sie die verzogenste Prinzessin auf dem ganzen Erdball sei. Der Kuchen wurde vor sie auf den Mittagstisch gestellt. Sie wollte ihn mit den Augen während der ganzen Mahlzeit genießen und ihn als Dessert essen.

»Es ist nur langweilig, daß du dir nichts daraus machst, etwas davon zu bekommen,« sagte sie. »Du bist nicht ein kleines Bischen Weib, weder dem Spiegel noch den Süßigkeiten gegenüber.«

Bei Tisch erzählte er dann von dem kleinen, schwachen Mädchen mit dem schmalen Gesicht und den dünnen bläulichen Fingern …

Seine Frau wurde immer stiller.

Als die Mahlzeit beendet war, sagte sie: »Ein herrlicheres Stück Kuchen habe ich nie gesehen – mit all dem Crême und den glacierten Weintrauben. Aber – – ich habe heute ein wenig Kopfschmerzen, und mir ist etwas übel. Ich glaube kaum, daß ich es vertrage, ihn jetzt zu essen. – Aber dann habe ich die Freude, ihn bis morgen ansehen zu können. Doch, von den Weintrauben will ich ein paar genießen. Sie kann ich so vorsichtig abpflücken, daß man es nicht sieht.«

Das tat sie, und – »sie schmeckten wie lauter Liebe,« fügte sie die Arme um seinen Hals schlingend hinzu. Aber das Kuchenstück selbst wurde beiseite gesetzt. – –

Nun lag es also in dem weißen Papierpaket, das sie in der Hand hielt, und der Pastor meinte, es sei eitel Freude, sie so in der Tür des kleinen Zimmers stehen zu sehen, zögernd und mit ungemein roten Wangen.

»Philipp – ja, wenn du hier bist, will ich lieber gehen und etwas später wiederkommen. Zwei auf einmal, das würde für den kleinen Patienten gewiß zu viel des Guten.«

»Nein, gewiß nicht! Komm nur näher, meine Liebe,« sagte der Pastor munter.

Aber seine Stimmung erlitt eine plötzliche Veränderung, als die gerührte Mutter bemerkte:

»Da hat die Frau Kuchen gebracht und der Pastor Karbonade; da kann meine liebe Kleine heute herrlich leben.«

Schnell wie der Blitz kreuzten sich die Blicke des Pastors und seiner Frau auf dem Laken, wo – ja, es war zu spät, es zu verstecken – wo sein Frühstückskotelett in der unberührtesten Anmut prangte.

Und nun war er es, der Lust hatte, eiligst zu verschwinden. Es stand das sprachloseste, kindlichste Erstaunen in den dunklen Augen zu lesen, die auf seiner Gabe ruhten. Und stufenweise sah er es zur Enttäuschung, ja zum Verdruß übergehen …

»Lege nun dein Paket hier auf das Bett neben meins,« sagte er, »und laß uns dann gehen, damit das kleine Mädchen Ruhe zum Essen bekommt. Sie kann ja heute eine gute Mahlzeit halten.«

Noch etwas zögernd öffnete die Frau Pastor ihr Paket und legte ihres Mannes Geschenk vom Tage zuvor, das große Stück Kuchen, vor das Kind. Dies machte offenbar noch mehr Eindruck auf sie als die Karbonade. Es zeigte sich ein schwacher Schimmer von Röte und eine kleine Spur von Grübchen in den gelblichen, eingefallenen Wangen, die die junge Frau teilnehmend streichelte.

Wenige Minuten später standen der Pastor und seine Frau auf dem dunklen Truppengang. Und dort lachte er mit seinem großen, hellen Lachen, das die Dunkelheit förmlich aufzuklären schien.

»Wir beide können also einander nichts vorwerfen, Frau Pastorin,« sagte er. »Das ist gut für mich, sonst bekäme ich noch eine Predigt zu hören! Und ich habe keine Zeit dazu, da ich nach Hause muß, um meine fertig zu machen.«

»Tue es nie wieder, Philipp,« bat sie. »Denke daran, wie nötig du es hast, dich zu stärken. Und was war es für ein Hund, der den Knochen verspeist hatte? Im Grunde mag ich es garnicht leiden, daß du dich so leicht verstellen kannst.«

»Ich lernte es gestern bei Tisch,« sagte er und faßte sie unter das Kinn, »von einer, die die glaubwürdigsten Kopfschmerzen bekam, die ich je erlebt habe. Und das »Kuchenkind«, das so süß war, sein Allerbestes zu opfern, hat mich auch wohl unbewußt verleitet, mein Kotelett denselben Weg gehen zu lassen. Das ist gerade so, wie es sein soll: »Zwei Seelen und ein Gedanke« und »zwei Kerzen und ein Schlag« …

Hierbei wollte der Pastor als passenden Abschluß seine Frau umarmen. Aber sie fand, daß es so leichtfertig aussehen würde, wenn jemand käme – besonders, da es halbfinster auf der Treppe sei.

»Eigentlich bin ich ebenso froh darüber, wie du,« sagte sie. »Es war so lieb von dir! Es war so reizend, mit dir bei dem kleinen, blassen Mädchen zusammen zu treffen. Und herrlich war es, zu fühlen, wie eine Seele gleichsam eine andere nachziehen kann – selbst in den allergeringsten Dingen! Aber – – – tue es doch nie wieder, Philipp …!


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