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Felsenschlucht

Weit drinnen zwischen den Felsen in Jotunheimen ist eine tiefe und schmale Schlucht – hineinkommen kann man nicht, denn sie liegt hoch und schneidet sich nur wie ein üppig grüner Spalt zwischen die steil abfallenden Klippen.

Am Rande erheben sich hohe Fichten, die die untergehende Sonne lange und glühend mit ihren kupferfarbigen Stämmen auffangen. Viele kleine, helle Wasserstrahlen schlängeln sich über die Seitenwände nieder und längs ihres rieselnden Laufes wachsen niedrige, weißstämmige Birken, zarte, gelbe Veilchen, wilde Rosen, Erdbeerranken und wiegende Schlingpflanzen in Hülle und Fülle; selbst den schärfsten, unzugänglichsten Stein umschlingen sie mit ihren langen, grünen Armen.

Sowie die Felsen sich gegen den Grund der Schlucht enger zusammenschließen, wird sie düsterer – aber auf dem selben Grunde ruht ein mattes Licht von großen, bleichgrünen Farrenkräutern, die dort unten aus dem ewig rinnenden Boden aufschießen und so stark dem sonnenhellen Tage oben am Rande der Schlucht entgegenstreben, daß sie hoch und palmenschlank in die Höhe steigen.

Mein Kutscher hatte mir einmal von der Schlucht erzählt.

»Da drinnen,« sagte er, »kann man zuweilen Laute hören, die nicht von Menschen kommen

Ich meinte, das könne man ja doch in jeder Schlucht.

Ja, nickte er, es könnten zwar auch Fichten sein, die säuselten, Wasser, das rieselte, und Steine, die niederstürzten und widerhallten, Felsenlaute, das wisse er wohl, seien nicht von Menschen. Aber der Laut, von dem er spreche, sei wie von Menschen und doch nicht von ihnen. Die Schlucht liege sehr versteckt – aber gehe jemand auf die Weide oder auf die Jagd, dann geschehe es, daß er vorbeikomme. Manch einer höre nichts; aber höre einer etwas, dann könne es sein, daß es ihm »ans Leben ginge.«

– Nun war ich selbst eines Tages bei Sonnenuntergang zur Schlucht gekommen.

Sobald ich in sie niedersah, kam sie mir nur finster, sehr finster vor – wie mit einer bläulichen Nacht erfüllt. Aber durch dieselbe sah ich nach und nach die kleinen weißlichen Wasserstreifen längs der steilen, grauen, zerklüfteten Felsensteine und die großen, leuchtenden grünen Farren im Grunde.

Im ersten Augenblick überraschte es mich auch, wie still es hier war. Die Schlucht öffnete sich wie ein Schlund von tiefer Stille und tiefem Schatten inmitten des sonnengoldigen, singenden und summenden Waldes. Als sich aber meine Augen an die sanfte Dämmerung dort unten gewöhnt hatten, konnte ich durch dieselbe alle Einzelheiten unterscheiden, und wie sich mein Ohr auch an das Schweigen gewöhnte, vernahm ich mancherlei Laute hindurch – Laute von den rieselnden Wasserläufen, von einem Stein, der fiel – und fiel – und fiel, bis er den weichen Farrengrund erreichte; Laute vom Winde, der in die Schlucht niedergeglitten war und nicht gleich wieder herausschlüpfen konnte, sondern in den langen, wiegenden Ranken und den zitternden, kleinen Birken hängen blieb, bis er ein schwaches, geisterhaftes Säuseln aus ihnen hervorlockte … Und plötzlich, ohne daß ich wußte, woher er gekommen war, sah ich einen großen Vogel mit ausgebreiteten, stillen Flügeln mitten durch die bläuliche Nacht niederschweben, während er einen langgezogenen, gellenden Schrei ausstieß.

Aber alles dieses waren doch nur Naturlaute – nichts anderes – Laute, die von dem Rande jedweder Schlucht im Gebirge würden aufgefangen werden können.

Trotzdem – wie ich so dasaß, fiel mir unwillkürlich ein, ob ich nicht, wenn ich noch etwas länger bliebe – und noch etwas länger – durch diese Felsenlaute, wie vorher durch die Stille, etwas anderes würde erlauschen können – einen Laut von weither, – den, der nicht von Menschen ist und doch wie von ihnen – – –.

– – Wie war es doch mit ihr, der Kari Furnbakken, die einsam heimkehrte und nur wünschte ein kleines Kind zu bekommen – die auch drei Jahre hinter einander Hoffnung hatte, aber jedes Mal enttäuscht wurde? Sie war dessen so überdrüssig geworden, was andere ihr sagten, – daß sie Geduld haben solle, und daß sie auf diese Weise doch vielen Beschwerden entginge, – daß sie fast niemals von ihrer Sehnsucht sprach.

Einmal war sie mit zum Beerenpflücken und kam in der Mittagshitze in die Nähe der Schlucht, saß am Rande und ruhte eine Weile. Da hörte sie ein kleines Kind weinen. Der Laut, für den sie ihr halbes Leben hingeben würde, wenn sie ihn im eigenen Hause hörte, griff sie so stark an das Herz, daß sie nahe daran war, hinauszuspringen – ihm nach – …

Da kam ihr Mann, der sie suchte, und sie sagte es ihm – aber nun war nichts mehr zu hören.

»Du hast geschlafen,« meinte er, »und es ist ein Vogel gewesen, der schrie.« Sie sagte nur: »Höre ich diesen Laut wieder einmal, dann muß ich ihm folgen.« – Aber er wußte, daß sie sonst nichts in dieser Gegend zu tun hatte – Beeren konnte sie an einer anderen Stelle suchen – deshalb wurde ihm nicht bange.

Doch der Laut war seitdem um sie, wo sie ging und stand – und sie lauschte innerlich darauf – und wurde immer schwermütiger. Dann starb sie. Es sei wohl davon gekommen, meinte man.

– »Ein kleines Kind, das weinte.« Ja, hier konnten wohl die kleinen, klingenden Wassertropfen diese Vorstellung hervorrufen – aber Kari war ja nicht die einzige, von der man sagte, daß sie Laute aus der Schlucht gehört habe.

– – Es war auch Margit Solhaugen, die mit Gudmund, dem einzigen Sohne der reichen Leute auf Överlien, verlobt war.

Eines Frühlings war ein neuer Bursch auf den nächsten Nachbarhof ihrer Eltern gekommen, und er spielte die Geige so schön und sprudelnd munter, daß einem die Füße im Tanze springen mußten, wenn man nur einen Ton hörte, man mochte wollen oder nicht. Und es wurde Sitte, daß die Jungen oft an den hellen Abenden in einem kleinen Tannenwald gerade hinter dem Hof zusammenkamen, um nach des Burschen Spiel zu tanzen. Da war Margit eine der fröhlichsten und die bei weitem wackerste, wie sich alle erinnerten.

Als das Vieh Ende Juni in die Berge getrieben wurde, begleitete Margit das Milchmädchen und ihre kleine Schwester Aslang auf die Weide. Ihrer Mutter schien es, als wäre sie nicht recht gesund; sie meinte, daß die Bergluft dort oben ihr gut tun würde. Sie selbst zwar wäre lieber unten geblieben, und darüber könne sich niemand wundern sagte sie, da sie doch ihren Liebsten im Kirchspiel habe.

Eines Sonntags kam Gudmund Överlien herauf, um sie zu besuchen. Er hatte sie auf dem Schoß, spielte mit ihren blonden Flechten und sprach von der Hochzeit schon zum Herbst. Sie hatten gedacht, sie sollte im nächsten Frühling sein; aber nun wünschte er selbst so sehr, daß sie früher sei, und seine Eltern wünschten es auch. Seine Mutter fing an, alt zu werden, und sehnte sich danach, eine junge, tüchtige Schwiegertochter ins Haus zu bekommen. Sie hatten darüber mit Margits Eltern gesprochen, und diese meinten, daß es sich wohl würde machen lassen.

Am Abend begleitete Margit ihren Liebsten ein Stück auf dem Wege nach unten; da sprach er wieder viel von der Hochzeit vor dem Winter, und wie sehr er sich nach ihr sehne.

Als sie endlich wieder hinaufging – noch umgeben von seinen heißen Worten und Liebkosungen – blieb sie stehen, um sich etwas zu erholen und war dabei ganz nahe an den Rand der Schlucht gekommen.

Die Fichtenstämme hatten so viel rotes Sonnenlicht eingefangen, daß sie noch am späten Abend wie Kupfer glühten; aber die Schlucht lag in ihrer tiefen, bläulichen Nacht versteckt da. Und es war so still – kein Stein, der fiel – kein Vogelschrei – nicht einmal Wasser, das rieselte, wie sie meinte. Nur ihr eigenes Herz hörte sie klopfen.

Es war etwas in der kühlen, dunklen Stille, das ihr wohltat. Sie erfaßte mit der Hand einen der Fichtenstämme und blieb eine Weile an dem Rande stehen. – –

Das mit der Hochzeit schon zum Herbst kam ihr so jäh. Sie hatte gemeint, daß noch der lange, weiße Winter dazwischen läge, bis davon geredet würde, und nun sollte sie als verheiratete Frau fern auf Överlien sitzen, bevor der Schnee fiel … Es war so sonderbar, daran zu denken …

– Und wie sie so dastand, hörte sie plötzlich ganz deutlich jemanden Geige spielen. Es kam von unten her – von dort, wo alles dunkel und still war – und es war die Weise, die er spielte, der Bursch vom Nachbarhof – dieselbe, nach der sie im Frühling getanzt hatten, als das Leben um sie alle jung ward und die Füße mit dem Herzen um die Wette sprangen …

Ihr wurde angst, sterbensangst, denn sie fühlte, wie ihr Fuß sich zum Tanze heben wollte – wie er gerade hinunter den Tönen entgegenfliegen wollte – – sie wandte sich jäh und setzte in Sprüngen heimwärts.

Aber es kam ihr vor, als ob der Laut ihr gefolgt wäre. Die ganze Nacht war er um sie, war ganz nahe vor dem Fenster – kam schleichend in die Stube bis an ihr Bett – stahl sich in ihre Ohren, in ihre Gedanken, glitt nieder zu ihrem Herzen, lockte, bat …

Sie mußte einen so schweren Kampf kämpfen, um still liegen zu bleiben, daß ihr der helle Schweiß über das Antlitz troff – aber sie wußte: »Wenn du dich aufrichtest im Bett, dann geht es ans Leben. Wenn die Waldnymphe spielt, sagt Mutter, dann gilt es, unbeweglich still zu sein – reicht einer dem Laut nur einen Finger, da nimmt der Laut einen ganz …«

Sie schlug schließlich ein Kreuz vor sich – da bekam sie Kraft, ganz still zu liegen. Aber es war doch, als ob der Laut sie faßte, ihr Ohr, ihre Gedanken faßte, ihr Herz ergriff – – sie faßte wie mit einer warmen Hand, in die sie sich geben mußte … »Da geht es ja doch ans Leben, selbst wenn man still wie ein Toter liegen bleibt,« dachte sie …

– Am nächsten Tage erzählte sie es den anderen. Sie meinte, die Gefahr würde vielleicht geringer, wenn sie sich Gewalt antäte und das Geheimnis mit ihnen teilte. Mutter sollte es auch erfahren, wenn sie sie das nächste Mal oben besuchte. Nur Gudmund etwas davon zu sagen, lohne sich nicht.

»Höre ich den Laut, der von dort unten aufsteigt, noch ein Mal, dann muß ich ihm folgen,« sagte sie.

Dann müsse sie nie wieder in die Nähe der Schlucht kommen – meinten die anderen. Nein, das sei wohl am richtigsten, dann könne der Laut auch nicht den Weg zu ihr finden.

Den ganzen Tag über war sie so bleich, daß Aslang fragte, ob sie krank sei. Am Abend, als die Kühe bald nach Sonnenuntergang heimkehrten, fehlte Snefrid, ihre weiße Lieblings-Kuh.

Sie fürchtete, daß sie sich im Moor verirrt haben könnte, und sagte, daß sie hinausgehen und sie suchen wolle, während das Milchmädchen und die Schwester mölken.

Sie ging weit fort, gelockt von Stein zu Stein. Zuweilen schien es ihr, als ob es weiß vor ihr flimmerte; aber wenn sie nahe herankam, waren es nur Birkenstämme oder Moltebeerenblüten oder ein Wasserlauf, der über die Steine niederschäumte …

– Da war sie wieder in die Nähe der Schlucht gekommen und fühlte sich sehr müde und erhitzt … Ach, was für ein Duft, der ihr von unten her entgegenschlug und lind und kühl über ihr Antlitz strich! Der leuchtende Abend strahlte ihr von den roten Wolken drüben auf der anderen Seite der Schlucht in die Augen, so daß sie nur die bläuliche Nacht in derselben sehen konnte. Sie dachte: »Nun bin ich doch wieder hier! Aber ich mußte ja Snefrid suchen …«

– Da hörte sie die Weise – – sie stieg ihr mit dem Duft von dort unten her entgegen und schlich sich ihr ganz ins Herz hinein. Sie klang nicht wie zum Tanz – sondern langsam und tränenschwer, wie ein Menschenherz im Kummer schlägt. Nicht um danach zu tanzen – – nur um dabei zu weinen – – dabei zu weinen – – und sie brach in Tränen aus …

Die Schlucht, die so dunkel vor ihren Füßen gähnte, sie war, wie sie nun begriff, wie der tiefe Kummer, der in das Leben eines Menschen einschneiden – und es ganz verschlingen kann.

– – Da hörte sie ihre kleine Schwester zwischen den Bäumen rufen und sprang auf. Aber in demselben Augenblick sah sie Snefrid nicht weit davon über den Rand der Schlucht klettern …

Sie neigte sich vornüber und lockte – – aber da war die Weise wieder so nahe, so nahe bei ihr – – daß es war, als müßte sie den sehen können, der die Geige spielte – – – – – –

Aslang war Margit nachgerannt, als eine Stunde vergangen war, hatte sie locken hören – weich und gedämpft – und sie im Abendglanze »wie wenn jemand im Schlafe wandelt« gerade auf die Schlucht zugehen sehen. Sie rief einige Male, während sie lief; aber als sie selbst endlich bis an den Rand gekommen war – da war alles leer und still – –

Die Schlucht lag tief und finster da – und nichts, gar nichts konnte sie darin sehen …

– Es wurde viele Tage lang nach Margit Solhaugen gesucht – – aber keine Spur konnte von ihr entdeckt werden. Nur ihr weißes Tuch lag auf dem Moos am Rande der Schlucht.

Ihre Mutter sagte: »Der Laut hat sie gefaßt – obgleich sie dagegen kämpfte« – und trauerte dann tief um sie. Gudmund, ihr Liebster, war den ganzen Winter untröstlich; aber im nächsten Sommer hielt er mit Ingrid Gillebo Hochzeit.

Da trauerte die Mutter noch tief. Niemals ertrug sie es seitdem, die Geige zu hören. Es war gut, daß jetzt niemand mehr auf dem Nachbarhof war, der spielte …

– – »Ja, das ist nun schon viele Jahre her,« hatte der Bursch gesagt, der mir die Geschichte erzählte. Aber sein Vater hatte einmal einen Laut aus der Schlucht gehört, als er auf der Adlerjagd war. Er konnte jedoch niemals erklären, wem er ähnlich war, und er sei davon nicht »närrisch« geworden oder gestorben. Aber es sei doch wohl etwas mit dem Laut, der nicht von Menschen komme – einer ertrage es, ihn zu hören, ein anderer nicht.

Es war nun schon viele Jahre her.

Ja, wirklich? Als ich am Rande der Schlucht saß, rückte es mir so wunderbar nahe. Mir schien, als hätte ich es alles gekannt und noch mehr – als wäre ich selbst mit dabei gewesen …

Die Schlucht wurde tiefer und nächtlich dunkler. Alle Felsenlaute kamen dort unten zur Ruhe – alle Umrisse wurden verwischt. Nur ein kleiner, wilder Rosenbusch, der irgendwo aus der Felswand gleichsam herausflog, öffnete feine lichten Blüten durch die Dämmerung mir entgegen …

Und da – – war es der Laut, »der Laut von weit her« – – was hervorquoll, was heraufschwoll – wie warme Blutstropfen aus einer Wunde – unten aus der tiefsten Tiefe – – weit tiefer dort unten, als die großen, wiegenden Farren ihre palmenschlanken Blätter ausbreiteten – – –?

War es der Laut, der wogend stieg und stieg – – dicht an der Felswand schleichend – wachsend an Stärke, wie er stieg – – so daß man fühlte: »Erreicht dieses oben den Rand, bricht es rings um dich mit seinem vollen Klang heraus – – dann »geht es ans Leben«.«

Wem glich es? war es ein kleines Kind, das seiner Mutter Herz zu sich hineinweinte? – War es einer, der Geige spielte? Ich weiß es nicht – ich fühlte nur, daß es hereindrang, gerade auf mich herein und zog – stärker als irgend etwas – – Und ich stand auf und ging fort – – fort …

Denn dort ist das, was in der Tiefe ruht, überwachsen und schweigend und stumm – – erhebt es sich eines Tages – gibt es einen Laut von sich, bekommt es Stimme – und fängt man an zu lauschen – – dann faßt der Laut einen …

Mir war, als erinnerte ich mich jetzt so vieler – mehr und mehr – die hier auf dem Moose am Rande der Schlucht gesessen und dem einen Laut gelauscht hatten, der zu ihnen aus der tiefsten Tiefe emporstieg – bis er ihr ganzes Leben erfaßte …

Aber das war wohl nur Einbildung – – denn die Schlucht liegt hoch, weit hinein zwischen den Felsen von Jotunheimen, so versteckt, daß nur vereinzelt jemand den Weg dort hinauf findet – der an einem Sommertag das Vieh auf die Weide treibt, oder der an einem Herbsttag zwischen den einsamen Weiten streift, um zu jagen …


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