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Zwischen zwei Dörfern lag ein Berg. Die Landstraße schlängelte sich in vielen Windungen um den Fuß der Anhöhe und führte von einem zum anderen. Aber sie war so staubig und lang. Die Bewohner zogen es vor, einen Richtweg zu gehen, der über die Höhe führte.
Ungefähr in der Mitte des Weges hatte man auf der einen Seite des Steiges eine tiefe Kluft und auf der anderen einen breiten und weichen Rasen. Dort stand eine mächtige Kastanie, wo sich an warmen Sommerabenden die Jugend aus beiden Dörfern versammelte, um zu singen, zu spielen oder zu tanzen, während die Alten unter dem Baume saßen und die Ereignisse des Tages besprachen.
Hier pflegte auch Anton Hutter aus Reschen, dem Dorfe nördlich vom Berge, mit seinen beiden Kindern, Franz und Marianne, zu erscheinen.
Franz war der Matador unter den Jungen. Keiner konnte so singen, jodeln, tanzen oder so weite Sprünge mit seinem Alpenstock machen, wie er. Und hübsch war er mit seinem lockigen Haar und seinen schwarzen, glänzenden Augen. Dumme Streiche hatte er von Jugend auf gemacht, und das hatte er nicht abgelegt, als er in sein zwanzigstes Jahr ging. Nur waren es jetzt nicht mehr der Nachbaren Blumen und Pfirsiche, auf die er ausging. Man habe einen besseren Geschmack bekommen, sagte er – und so war er denn der Liebste bald des einen, bald des anderen Mädchens. Zwar schüttelten die Alten unter der Kastanie den Kopf über ihn; aber es war etwas an ihm, daß man ihm nicht böse sein konnte. Selbst der geistliche Herr sah ihm durch die Finger, und Franz war doch manches liebe Mal hinter ihm hergewatschelt.
Marianne saß mit ihrem schweren, grauen Strickstrumpf neben dem Vater. Seit ihrem dreizehnten Jahre hatte sie nach dem Tode der Mutter die ganze Hausführung übernehmen, für den Vater sorgen und das wieder gut machen müssen, was der Bruder schlecht gemacht hatte. Dabei war sie unwillkürlich in die Reihen der Alten hineingekommen. Und nun, wo sie das einundzwanzigste Jahr vollendete, war sie solch eine alte Haus- und Pflegemutter für Franz, daß kaum jemand auf den Gedanken verfallen konnte, ob sie nicht hinter ihrem grauen Strumpf mit einem leisen, bebenden, schüchternen Verlangen säße, an dem Spiel teilzunehmen und zu versuchen, wie es wäre, auch ein Bißchen mit den anderen jung zu sein.
Zuweilen setzte sich Bernhard Wengler an Mariannes andere Seite. Bernhard aus St. Johann, dem Dorfe südlich vom Berge, das Kirche, Post und Schenke hatte.
Bernhard war so ernst und nachdenklich geworden, seit er nach seiner Eltern Tod sich für seine drei jungen Schwestern abmühen mußte. Diese drei sorgten für die Munterkeit im Hause und taten es gründlich. Sie waren gleich stattlich, voll und frisch mit roten Wangen und leuchtenden, braunen Augen. Stets gingen sie Hand in Hand oder Arm in Arm zusammen und schwatzten und lachten durcheinander, ganz wie die Vögel im Frühling zwitschern.
»Man möchte sie alle drei auf ein Mal umarmen,« sagte Franz. »Und schließlich wird man es auch wohl tun.«
Marianne dankte ihrem Heiligen, daß Bernhard es nicht hörte. Bernhard war so streng und rechtschaffen.
Wenn er neben ihr auf dem Rasen saß, pflegte er ihr Garnknäuel aufzuheben, so oft es ihr entrollte. Zuweilen behielt er es in seiner Hand und wickelte das Garn für sie ab, während sie strickte.
Dann und wann, wenn sie das Garn an sich zog, sah sie ihn mit einem etwas zögernden Blick aus ihren blauen Augen an, und Bernhard verstand wohl, was die Augen meinten:
»Es ist so schön, dich hier bei mir zu haben. Es ist, als ob wir Hand in Hand dasäßen und ich das Garn strickte, das von dir zu mir kommt. Ich könnte so dasitzen und Strümpfe für die ganze Welt stricken, ohne zu wissen, wo die Zeit bleibt.«
Das wußte er ebenso klar, wie wenn sie es gerade heraus gesagt hätte. Und es gefiel ihm viel besser, daß sie es nicht sagte.
Eines Abends im Mai, als alle von dem Rasenplatz aufbrachen und Marianne das Knäuel nehmen wollte, um ihren Strumpf zusammen zu rollen, legte Bernhard seine beiden Hände auf ihre Hand. Sie ließ das Strickzeug in ihren Schoß sinken und saß unbeweglich mit gesenkten Augen wie in der Kirche da.
Sie saßen versteckt unter niederhängenden Zweigen, etwas abseits von den anderen, die gar nicht auf die beiden achteten.
Bernhard hörte nicht auf, ihre Hand zu drücken, und sie ließ ihm Zeit, sich zu sammeln.
»Ja, du – Marianne,« kam es endlich heraus, »du weißt, was ich meine … Ich habe dich so lieb … Nun ist es gesagt.«
Sie sah durch das Laub auf die anderen, niemand wandte sich zu ihnen, und mit einem plötzlichen Ausbruch der zurückgedrängten Jugend beugte sie ihr Antlitz zu ihm.
Aber als er ihre Lippen geküßt hatte, wurde sie so erschrocken über sich selbst, daß sie ihn gar nicht ansehen und ihm Gute-Nacht sagen konnte, sondern sich mit glühenden Wangen den anderen anschloß, während er ihr mit leuchtenden Augen nachsah …
Anton Hutter war sehr erstaunt, als Bernhard Wengler um seine Tochter freite, wie wenn er niemals eine Ahnung davon gehabt hätte, daß sie ein Weib und nun in heiratsfähigem Alter sei. Dann sagte er, daß vorläufig davon keine Rede sein könne, denn er und Franz könnten Marianne ja nicht entbehren.
Aber Bernhard sagte, daß er doch keine Braut heimführen könne, so lange er für alle drei Schwestern zu sorgen habe. Ob er und Marianne Verlobte sein und auf einander warten dürften?
Nun ja, das könnten sie gern, wenn sie nur nicht von Hochzeit redeten und das Kind zu Hause darüber nichts versäumte.
Bernhard und Marianne sahen sich bei weitem nicht so oft, wie er es wünschen mochte; aber ihr störte dies das Glück eigentlich nicht. Bernhard gehörte ihr, und sie gehörte ihm, das war, als ob sie die helle Sonne allzeit um sich hätte. Und einmal würden die Glocken in St. Johann für sie in die blaue Luft hinausläuten, der Priester würde sie vereinigen – und sie würde die Erlaubnis haben, Bernhard in sein Heim zu folgen und sich abzumühen, um es ihm recht behaglich zu machen.
Der Kummer um Franz war der einzige Schatten auf ihrem Wege. Er hatte das Trinken angefangen und saß oft in der Schenke von St. Johann, von wo er wirr und bezecht heimkehrte.
Marianne blieb auf, wie spät er auch kam, und suchte nur, dem Vater alles zu verheimlichen. Denn Franz war seines Herzens Abgott. Aber Bernhard nahm seinen Schwager oft ernstlich vor und ermahnte ihn in mehr wohlgemeinten als wohlgewählten Worten, einen besseren Lebenswandel zu führen. Sein eigenes moralisches Übergewicht leuchtete durch seine Worte hindurch und reizte Franz, so daß es nur zu Zänkereien zwischen den beiden kam.
So senkte sich das große Unglück mit langen, schwarzen Schwingen auf das Haus, und aller Sonnenschein erlosch.
Ein Jahr nach Mariannes Verlobung wurde Franz eines Nachts bewußtlos und blutend in sein Haus getragen. Er war mit mehreren aus der Schenke in St. Johann gekommen und wollte im Mondschein auf dem Bergpfad nach Hause gehen, aber ungefähr in der Mitte des Weges hatte er einen Fehltritt getan und war den Felsen hinabgestürzt.
So erzählten die anderen, und Marianne hörte die Worte, aber sie verstand sie nicht. Sie erkannte nur eins in der Welt: das weiße Antlitz vor ihr mit den geschlossenen Augen und dem wallenden, von Blut ganz verwirrten Haar …
Drei Tage und Nächte hindurch hing ihr Auge unverwandt an diesem Anblick, während sie am Bette kniete, den Arm unter dem Kissen, um behutsam das blutige Haupt zu heben und zu fühlen, daß sie ihn festhielt, damit niemand ihren wilden, geliebten Jungen ihr entreißen könne.
Er schlug nur einige Male die Augen auf, er erkannte sie in seinem Dämmerzustand, er glaubte, daß er wieder ein Kind sei und sich auf einer seiner tollkühnen Fahrten gestoßen habe, er suchte ihre bleiche Wange zu streicheln und murmelte:
»Ich werde schon gut sein – – nicht so wild das nächste Mal.«
»Nein, Franz, Lieber – du bist es niemals, niemals wieder, nicht wahr? Mir wird so bange, so bange. Dir darf nichts zustoßen.«
Und sie hielt ihn fester an sich, während sie ihn auf seine Stirn küßte.
Durch Nebel sah sie, daß es hell und dunkel und wieder hell um das Bett wurde. Durch Nebel hörte sie ihren Vater in der anderen Stube auf und niedergehen und stöhnen oder laut und zornig zu jemandem sprechen. Durch Nebel kam es ihr vor, als verlangten die Nachbarfrauen, daß sie sich hinlege, aber sie wollte nicht von Franz weichen – als müßte sie ihn festhalten, damit niemand ihn nehme.
Aber der Tod saß am Kopfende und nahm ihn aus ihren mütterlich zärtlichen Armen und trug ihn dorthin, wohin sie nur die gefalteten Hände nach ihm ausstrecken konnte.
Der Nebel wich immer noch nicht. Durch ihn sah sie, daß der Deckel über dem weißen Antlitz geschlossen und wieder geöffnet wurde, damit sie es noch einmal küssen könne – und daß man ihn dann zunagelte. Durch den Nebel ging sie hinter dem Sarge her, während die Glocken von St. Johann in die dunkle, bleischwere Luft hinausläuteten. Durch Nebel sah sie den Sarg in der schwarzen Erde verschwinden, während ein Meer von Gesichtern rings umher wogte – – dann entschwanden sie alle, und sie saß allein mit dem Vater in der leeren Stube, wo die Dämmerung sich eingeschlichen hatte.
Da stand der Vater plötzlich vor ihrem Stuhl und heftete ein paar starre, blutunterlaufene Augen auf sie.
»Bernhard Wengler hat es getan,« stieß er hervor. »Er ist der Mörder meines Jungen hörst du?«
Ein Blitz durchschnitt den Nebel. Auf ein Mal tauchte die ganze Welt, die sie vergessen hatte, wieder auf, und vor allem der, welcher doch ihrem Herzen am nächsten stand.
Sie richtete sich auf wie jemand, der erwacht, und sah entsetzt zu ihrem Vater auf.
»Ich sage, daß es Bernhard war, hörst du? Er erhob seine Hand gegen meinen Jungen und stieß ihn hinab.«
»Das hat er nicht getan! Das kann er nicht getan haben!«
»Das hat er getan! Und ich habe ihn aus meinem Hause verbannt.«
Sie stand auf, ohne weiter ein Wort zu sagen, ging aus dem Hause auf den Weg nach St. Johann hinunter. Bei Wenglers Hause, dem äußersten zur Linken, blieb sie stehen und klopfte an.
Die drei Schwestern öffneten Arm in Arm und brachen in ein einstimmiges Schluchzen aus, als sie sie sahen.
Bernhard stand hinter den Schwestern und schob sie beiseite, um hinauszukommen. Marianne ging ihm ein kleines Stück Wegs voran, dann blieb sie stehen und setzte sich auf den Grabenrand. Sie war so müde.
Im nächsten Augenblick warf er sich vor ihr nieder, und sein Haupt lag in ihrem Schoß, während der starke, besonnene Mann wie ein Kind schluchzte.
Marianne wurde kalt bis ins innerste Herz, aber strich ihm mütterlich schützend über das Haar, wie sie so oft die wirren Locken eines anderen gestrichen hatte.
»Erzähle mir alles,« bat sie.
Bernhard erzählte. Er habe in letzter Zeit gehört, daß Franz während seiner Abwesenheit oft in sein Haus gekommen und an verschiedenen Stellen bald mit der einen, bald mit der anderen von seinen Schwestern gesehen worden sei. Deshalb habe er ihm aufgepaßt, als er an jenem Abend mit den Kameraden aus der Weinstube gekommen sei, und sich ihm auf dem Wege angeschlossen, um mit ihm zu reden.
Er habe ihm gesagt, daß er ihn, so lange er ein so leichtfertiger, versoffener Kerl sei, bitten müsse, sich von seinem Hause fern zu halten und seine Schwestern in Frieden zu lassen.
Franz, dem der Wein zu Kopf gestiegen sei, habe zuerst ein lautes Gelächter angeschlagen, dann sei er wütend geworden. Ein Wort habe das andere gegeben; schließlich habe er sich auf ihn geworfen.
Da habe Bernhard seine starke Hand erhoben, um es mit ihm aufzunehmen. Franz habe sich geduckt, um ihr zu entweichen, sei mit dem Fuß ausgeglitten und hinuntergestürzt, ehe der andere ihn habe fassen können.
»Gott weiß,« sagte Bernhard, »daß ich mein Leben hingeben würde, um das seinige zu erkaufen. Es quält mich Tag und Nacht, daß meine Hand gegen ihn erhoben war, obgleich ich es nur tat, um mich zu wehren. Und noch mehr quält es mich, daß ich mich so oft weit erhaben über ihm gefühlt, hochmütig dagestanden und auf ihn niedergesehen habe. Ja, ja, Hochmut kommt vor dem Fall! Denn wenn ich dich nie wiedersehen soll, Marianne, so bin ich es – ich, der in den Tod gestürzt ist.«
»Hat Vater das gesagt?« fragte sie.
»Ja. Er sagte, daß unsere Vereinigung damit ausgeschlossen sei.«
Sie weinte eine Weile still. Dann sagte sie: »Wir müssen Geduld haben, Bernhard. Vater wird wohl milder, wenn der Schmerz sich gelegt hat. Aber jetzt darfst du nicht kommen.«
Er hielt ihre Hände fest. »Aber du, Marianne, du läßt deshalb doch nicht von mir?"
Da bekam er einen Blick, so voll von beispiellosem Erstaunen, daß er bereute, so gefragt zu haben.
»Wann werde ich dich wiedersehen?"
»Am Sonntag in der Kirche,« sagte sie. »Wenn die Glocken läuten, dann läuten sie uns beiden zur Zusammenkunft. Dann können wir wohl die Woche aushalten.«
Ihr Vater stand in der Tür, als sie heim kam: »Bist du unten gewesen und hast du mit ihm gesprochen?« rief er. »Dann sollst du auch wissen, daß es das letzte Mal gewesen ist. Meines Jungen Mörder! – laß ihn mir aus den Augen, bis sie brechen!«
Sie sagte nichts, sondern ging ruhig in die Stube und setzte das Abendbrot auf.
Während Franz mit dem Tode rang, war die große Kastanie auf der Höhe unter einem verheerenden Sturm umgestürzt. Sie lag den ganzen Sommer wie ein Toter auf dem Rasen. Niemand versammelte sich mehr dort oben zu Spiel und Unterhaltung. Die Leute gingen auf der staubigen Landstraße zu einander.
Im Laufe des Herbstes ließ Josef Reinstadler, dem der Rasenplatz gehörte, ein großes Kreuz von dem Stamme des gefällten Baumes machen. Es wurde rot angemalt und an der Stätte errichtet, wo Franz abgestürzt war. Das Datum des Unglücks war mit großen, weißen Buchstaben daraufgesetzt, und darunter stand: »Bete ein Vaterunser und ein Ave Maria.«
Die Stätte wurde gleichsam ein Kirchhof. Marianne meinte, es sei ihr Lebensglück, das hier oben begraben liege.
Den ganzen Sommer hindurch hatte sie Bernhards Namen nicht erwähnt. Aber an dem Tag, wo das Kreuz errichtet wurde und sie mit dem Vater dort oben stand und mit ihm zusammen ein Vaterunser und ein Ave für die Seele ihres lieben Jungen betete, da legte sie ihre Hand auf seinen Arm und flüsterte: »Vergib nun Bernhard, Vater, wie du Gott bittest, Franz zu vergeben. Er meinte es nicht böse.«
Aber Anton Hutter reckte drei Finger gegen das Kreuz und sagte: »So wahr dieser tote Baum, worunter wir saßen und fröhlich waren, nie wieder grün werden wird, so wahr kommt er nie mehr über meine Schwelle. Mein Herz ist tot für den, der die Sand gegen meinen Jungen erhob. Mache mir den toten Baum grün, dann werde ich meine Tür vor ihm wieder öffnen.«
Marianne wußte, daß ein toter Baum nicht wieder grün wird, und sie begriff, daß ihr Glück nicht wieder aufleben würde.
Aber eines Tages kam der Priester von St. Johann vorüber und ruhte sich ein Weilchen in der kleinen Stube aus, wo sie allein saß und spann. Da fragte sie ihn furchtsam über den Spinnrocken, ob es eine heilige Geschichte von einem toten Baum gebe, der grün geworden sei.
Er sagte ja, es gebe eine, und erzählte ihr von Aarons Stab, der Knospen, Blüten und Mandeln getragen habe.
Da dachte sie: »Sieh, Gott kann es machen.« Und das hatte sie vergessen. Von der Stunde an betete sie täglich darum, daß es geschehen möge.
Sie selbst ging nie mehr über den Bergsteig, sowohl weil ihr lieber, wilder Franz dort abgestürzt, als auch, weil ihr Glück dort oben zum Tode verurteilt war. Aber sie wartete nun täglich, daß einer oder der andere kommen und melden sollte, daß das Kreuz dort oben grüne Knospen, Blüten und Mandeln trüge.
Es kam niemand mit der Meldung. Trotzdem hielt sie an dem Glauben fest, der nicht zu Schanden werden konnte, weil er sich auf der Überzeugung von dem Sieg des Lebens gründete.
An jedem Feiertag sah sie Bernhard in der Kirche und gab ihm mit ihren blauen Augen die Versicherung unverbrüchlicher Treue. Aber ihre Wege trafen sonst nie zusammen. Nur eines Abends war sie ihm auf der Wiese hinter dem Hause begegnet, wo er ihr aufgepaßt hatte, weil er mit ihr sprechen müsse. Es sei nicht auszuhalten, von ihr getrennt zu sein, hatte er gesagt.
Aber sie schüttelte den Kopf: »Du darfst so nicht wiederkommen, Bernhard. Wir müssen warten, bis Vater dir die Tür öffnet.«
»Ja, das wird wohl geschehen, wenn der Hügel über meinem Sarge grün ist.«
»Nein, es geschieht, wenn das Kreuz grün ist, das Kreuz dort oben. Es gibt eine heilige Geschichte, daß es früher geschehen ist,« fügte sie schnell hinzu.
»Ja – damals!«
»Ist unser Herrgott jetzt ein anderer geworden?«
»Nein, aber wir sind nicht wie die heiligen Männer und Weiber, die so etwas erlangen konnten.«
Sie stand einen Augenblick und dachte nach: »Ich glaube nun,« sagte sie, »daß unser Herrgott das, was uns fehlt, zulegen wird, damit dasselbe mit uns geschehen kann.«
Er küßte sie, sah aber doch so hoffnungslos aus, daß sie ihre beiden Hände an seine Wangen legte.
»Weine nicht,« sagte sie. »Es kommt noch ein Sonntag, wo ich zu dir hinübergehen und sagen kann: ›Nun darfst du mich heimgeleiten!‹ Geschieht es nicht an diesem Sonntag, wird es vielleicht am nächsten geschehen.«
* * *
Wochen wurden zu Monaten und Monate zu Jahren.
Das Leben in Anton Hutters Haus ging schwer und träge hin. Seit dem Tode des Sohnes war er finster, verschlossen und menschenfeindlich geworden. Es war wirklich, als ob das Herz in ihm tot sei, nicht nur für Bernhard Wengler, sondern auch für alle anderen, sogar für sein eigenes Kind.
Wenn Marianne ihres Vaters fahles, unbewegliches Gesicht ansah, das wie aus Stein gemeißelt war, mit dem strengen Zug um die fest zusammengekniffenen Lippen, dann meinte sie oft, daß es ihm schlimmer gehe als ihr.
Denn es ist viel schlimmer, mit einem toten Herzen als mit einem toten Glück umherzugehen.
Der welke Baum, der sich belauben sollte – sie kam allmählich auf den Gedanken, daß es ihres Vaters Herz sei. So oft sie betete, daß der Baum wieder grün werden möchte, betete sie eigentlich auch für ihn. Und Jahr auf Jahr erwies sie ihm die stille, unermüdliche Sorgfalt, die sich wie ein warmer Sonnenstrahl ins Herz einschleicht.
So war es der achte oder neunte Winter nach Franzens Tode. Anton Hutter war einige Monate krank gewesen, hatte sich aber unter Mariannes aufopfernder Pflege so weit erholt, daß er wieder in seinem Stuhl saß in dem ersten hellen Frühlingssonnenschein, der in die Stube fiel.
Eines Tages, als seine Tochter um ihn beschäftigt war, strich er ihr plötzlich über das Haar. Das hatte er seit langer Zeit nicht getan. Rührte sich endlich etwas in ihm bei dem Gedanken an all ihre Fürsorge? – für ihn, der ihrem Glück den Weg verlegte?
Ohne ein Wort zu sagen, küßte sie ihm die Hand. Es war, als hätte diese ihr ein erstes, ganz kleines grünes Blatt gereicht.
Von dem Tage an wurde er freundlicher gegen sie. Zuweilen, wenn er sie ansah, war es, als wolle er etwas sagen, könne aber nicht den Anfang finden. Und sie ließ ihm Zeit, sich zu besinnen.
Bald darauf war Ostern. Am heiligen Ostermorgen fragte Marianne ihren Vater, ob er mit zum Hochamt nach St. Johann kommen könne. Er meinte, es sei zu weit, und sie hielt sich bei der Anordnungen für ihn zu Hause so lange auf, daß sie nicht wußte, ob sie noch zu rechter Zeit zur Kirche kommen würde.
Da fiel ihr ein, den Richtweg über die Höhe zu gehen.
Seit Jahren war sie nicht dort oben an der Stätte gewesen, die ein Kirchhof geworden war. Nicht ein »Gottesacker«, von wo man aufersteht, sondern ein Todesrachen, der nur das Leben und das Glück verschlingt.
Die Sonne schien, die Lerchen sangen, und um sie wogte der frische Duft des sprossenden Lebens. Ihr fielen die heiligen Weiber ein, die eines Morgens zu einem Kirchhof gingen – und fanden, daß er zu Gottes grünem Acker mit Sonne und Sang geworden, weil das Leben aus dem Tode hervorgebrochen war.
Als sie an die Stelle kam, wo der Pfad längs der Kluft führt und auf der anderen Seite den Rasen hat, blieb sie stehen, um Atem zu schöpfen.
Und da – da war es so, daß auch hier der Kirchhof zu einem Gottesacker geworden war; auch hier hatte das Leben den Sieg gewonnen.
Gegen den hellblauen Himmel stand das Kreuz smaragdgrün und belaubt, verborgen unter vollen, glänzenden Blättern.
Von dem Felsen hatte hundertjähriger Epheu sich emporgerankt, bis jeder Zoll des toten Baumes mit üppigen, frischen Ranken bedeckt war.
Marianne seufzte tief – und alle die grünen Blätter wogten vor ihr im Glanz ihrer eigenen Tränen. Die große Stille, die ruhige Empfindung, dem Natürlichsten von der Welt gegenüberzustehen, überkam sie, das schöne Gefühl, das ein Menschenherz erfaßt, wenn all seine klopfende Sehnsucht erfüllt ist.
Die Glocken läuteten in St. Johann für den Sieg des Lebens. Und das waren die Glocken, von denen sie seit langen Jahren geträumt hatte – sie konnte hören, wie sie Bernhard und sie in wiedererstandenem Glück zusammen läuteten.
Nach dem Gottesdienst ging sie ganz besonnen zu ihm hinüber auf den Kirchplatz.
»Heute, meine ich, kannst du mich begleiten, Bernhard,« sagte sie.
Als sie zusammen des Weges gingen, schien es beiden, als ob es gestern gewesen sei, wo sie auf dem Rasen strickte, während er ihr Knäuel hielt. Und die Lerche, die noch immer über ihren ruhigen Worten jubelte, sie schlug auch damals so herzensfrohe Triller. Daran dachten sie nun.
Anton Hutter sonnte sich vor seinem Hause, als Marianne den Pfad herunterkam.
»Du mußt mitgehen,« sagte sie, »nur hinauf bis zum Kreuz. Das ist nicht so weit wie zur Kirche. Und du mußt mit.«
Und er ging mit. Aber als sie auf die Höhe hinaufkamen, stand Bernhard Wengler bei dem Kreuz. Und das Kreuz war grün.
Marianne ergriff des Vaters Arm mit zitternder Hand, wie um etwas zu sagen, aber in demselben Augenblick brach sie in Tränen aus und glitt am Fuße des Kreuzes nieder.
Und Anton Hutter weinte laut und vernehmlich, wie er seit dem Tode seines Jungen nicht geweint hatte.
Von dem grünen Kreuz pflanzte sich das Leben fort zu dem kleinen Hause im Tal, wo die beiden wieder Hand in Hand saßen. Zwei Schwestern Bernhards waren verheiratet, die dritte feierte mit Josef Reinstadler an demselben Tage Hochzeit, als die Glocken in St. Johann für Bernhard und Marianne in die blaue Luft hinausläuteten.
Und dann gingen die Bewohner der beiden Dörfer wieder über den Bergpfad zu einander. Sie mußten alle bei dem Kreuz auf dem Felsen vorüber, als sie erfuhren, wie wunderbar es dazu hatte dienen müssen, die beiden treuen Herzen wieder zusammen zu führen.
»Unser Herrgott ließ den toten Baum wieder grün werden, weil Marianne darum bat,« sagten sie. »Anton Hutter sah, daß er seinen Groll vergessen und daß er ihre Hand in die Bernhards legen müßte. Unser Herrgott ließ den toten Baum wieder grün werden. Das ist ganz wie in der heiligen Geschichte.«
Und überall, wo das Leben den Sieg über den Tod gewinnt, wird diese heilige Geschichte fortgesetzt.