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Sankt Alexius – der Gottesmann

Auf dem Gipfel des Aventin liegt die Kirche des heiligen Alexius. Etwas abseits und deshalb nicht viel besucht. – Es gibt so viele Kirchen in Rom – gerade vier mehr, als das Jahr Tage hat – daß man nicht in alle gehen kann. Fast zufällig kommt man dazu, diese zu besuchen.

An einem strahlenden Maitage, wo alles blüht und singt – wie es nur im Mai und in Rom blühen und singen kann – geht man auf den Aventin, dessen grüne, mit roten Rosenranken behangene Halden sich nach dem hellen, sonnenflimmernden Laufe des Tibers hinabsenken. Die Stadt mit den Türmen, Dächern und Zinnen breitet sich vor dem Blick aus. In königlicher Einsamkeit, hoch über dem Ganzen, steht St. Peters bleichblauer Kuppelriß gegen den wolkenlosen Himmel – »eines Hauptes höher als alles Volk« …

Und droben auf dem Aventin – man weiß selbst nicht recht, wie – findet man einen Weg in einen stillen Klosterhof, wo alle Citronenbäume blühen. Sie sind blendend voll von weißen, wachshellen Blüten – und zwischen ihnen sieht man einen Schimmer von reifen, mattgoldenen Früchten. Der Duft von all den weißen Blüten erfüllt den Klosterhof und gleitet in warmem Wogenschlag unter den Bogengang, der mit seiner kühlen Säulenreihe den Hof umspannt.

In dem Bogengang zur Rechten geht eine Tür auf. Eine sanfte und milde Kühle schlägt einem entgegen. Man tritt ein – und steht in der Kirche.

Sie ist alt, alt – aus dem vierten, fünften Jahrhundert, und war zuerst in die Überreste eines Jupitertempels hineingebaut. Aber von der ursprünglichen Kirche ist jetzt wohl nicht mehr viel übrig.

Das Mittelschiff ist von den beiden Seitenschiffen durch breite, weiße Marmorpfeiler getrennt, welche die runden Bogen tragen, und auf dem Hochaltar steht ein romanisches Tabernakel. Viel mehr sieht man auf den ersten Blick nicht – aber dies ist nicht die Eigentümlichkeit der Kirche.

Geht man vom Altar nach links, so stößt man auf einen Brunnen, der sich unmittelbar vom Mosaikboden der Kirche erhebt. Am Rande desselben liegen Becher mit langen Ketten, und wenn man sich vornüber neigt, sieht man sein eigenes Bild tief, tief unten wie gespiegelt in einem schwarzen Auge …

Etwas davon entfernt, am Ende des linken Seitenschiffes, ist ein Altar von weißem Marmor. Auf demselben sieht man in lebensgroßem Hochrelief einen Mann, der halbnackt auf einem Strohlager liegt, – einen Pilgerstab an seiner Seite und ein Dokument an seiner Brust. Ein großer und merkwürdiger Gegenstand in einem kolossalen Glaskasten hängt von der Decke der Kirche herab über diesem Altar. – – –

Es ist eine seltsame Legende, die von »Sankt Alexius, dem Gottesmann.« Es wird erzählt, daß er der einzige Sohn vornehmer Eltern gewesen sei, und daß er an seinem eigenen Hochzeitsabend sein reiches Heim verlassen habe, um als Pilger in die weite Welt zu ziehen und Gott zu dienen.

Siebenzehn Jahre darauf sei er zurückgekehrt – aber niemand habe ihn wiedererkannt. Als ein fremder Bettler habe er unter der Treppe seines Elternhauses gelegen und »von den Bissen gelebt, die von des Reichen Tische fielen.«

Dann sei er gestorben. Aber es gibt Leute, welche sagen, er sei unmittelbar vor seinem Tode erkannt worden – von seiner Braut – und habe gebeten, daß auf dem heimatlichen Grunde, wo er heimatlos, arm und einsam gelegen habe, eine Kirche erbaut werden möchte. Andere wollen wissen, daß er unerkannt gestorben sei – gerade als alle Kirchenglocken Roms anfingen zu läuten – und daß erst hinterher entdeckt worden sei, wer er war.

Eine wunderbare Geschichte – und überdies recht unglaublich. Warum gab er sich selbst nicht zu erkennen?

Da gehen Dominikaner lautlos in der Kirche umher. Die Mönche wissen Bescheid – einer von ihnen erklärt: »Er durfte sich nicht zu erkennen geben. In der letzten Nacht, wo er in Jaffa war, hatte er, bevor er sich zur Heimreise einschiffte, eine Vision. Die Madonna stand vor ihm – ganz so wie sie dort über dem Altar zur Rechten gemalt ist – und gebot ihm, nach seiner Heimkehr niemandem seinen Namen zu verraten.«

»Aber warum denn nicht?«

»So dürfen wir nicht fragen. Es war die Prüfung seines Gehorsams.«

»Aber seine Eltern konnten ihn doch erkennen, ohne daß er sich namhaft machte.«

»Gewiß, Eltern müßten ihren einzigen Sohn wiedererkennen können – wenn er auch hundert Jahre fortgewesen wäre. Aber ihre Augen wurden gehalten. Es war ein Wunder, das geschah, damit er seine Prüfung bestehen könnte.«

»Aber darin ist ja gar kein Sinn!«

»Er sollte ein Heiliger werden,« sagt der Dominikaner. Dann bleibt er beim Brunnen stehen und legt seine Hand auf den Rand.

»Hier ruhte er an dem Tage, wo er als ein fremder Bettler zurückkehrte. Hier reichte eins von den Hausmädchen ihm einen Trunk Wasser, ohne zu ahnen, daß er der Sohn und Erbe war … Hier lag der Garten« – er zeigt auf den Mosaikboden – »und hier« – er geht auf den weißen Marmoraltar zu – »lag der heilige Mann auf seinem Strohlager, wie er noch daliegt – gerade unter der Treppe seines Elternhauses. Denn es ist dieselbe Treppe, die hier aufgehängt ist.«

Aber seine Braut – die Gattin ohne Gatten, die Witwe von ihrem Hochzeitsabend an, – sie muß ihn doch wiedererkannt haben, ehe er starb? –

Darüber weiß der Mönch nichts. »Nein, niemand erkannte ihn, und er bewahrte das Geheimnis bis zu seinem Tode. Aber nachher fanden sie das Dokument auf seiner Brust – das klärte sie auf. Da wurden ihre Augen aufgetan, und sie sahen, wer er war. Und in dem Dokument stand, daß sie von all seinem väterlichen Erbe eine Kirche bauen sollten. Und der Papst – es war Innocenz der Erste – bestimmte, daß Alexius selbst in dieser Kirche begraben werden sollte.« – – –

– Grüne Halden senken sich zum Tiber hinab, behängt mit roten Rosenranken. Und es duftet – von wachshellen Citronenblüten, von sonnenwarmen Feigenblättern, von blühendem Wein …

Was man eben gehört hat, wogt um einen in lichtzitternden Bildern. Man ist zu müde, um darüber nachzudenken – die Gedanken sind sonnengeblendet, schwer vom Duft wie die Augen, aber man sieht die Geschichte vor sich, man empfindet sie ganz leibhaftig, die Legende von St. Alexius, dem Gottesmann …

– – Es steht wieder auf dem Gipfel des Aventin, das alte Patrizierhaus. Selbstbewußt – hoch hinausragend über alle die niedrigen Handwerkerwohnungen, die sich an den grünen Abhängen ringsumher niederduckten. Lachende, plaudernde, singende Häuschen, die zwischen ihren Weinranken mit etwas scheuem Erstaunen zu dem reichen Hause emporlugten, dem schweigenden Hause, von wo nie ein Laut der Freude kam … Dem Hause, dessen Bewohner sich daran gewöhnt haben, weit hinauszusehen, spähend weit über des Tibers Lauf nach dem fernen Horizont – nach einem, der nicht kommt – während Jahr an Jahr sich zu einer endlosen, schweren Reihe zusammenkettet … Dem Hause, an dessen Treppe eines Morgens ein zerlumpter Mann mit sonnengebräuntem Gesicht und Füßen voll von Blasen liegt …

Die Mädchen am Brunnen schwatzen am ersten, zweiten und vielleicht dritten Tage ein wenig von ihm, während sie Wasser schöpfen und ihm einen Trunk reichen – schenken ihm aber bald nicht mehr Aufmerksamkeit, als sie der großen, tigergelben Katze schenken, die sich am Brunnenrand sonnt, und die das erste Anrecht auf die Abfälle vom reichen Hause hat.

Der Bettler ist unter die Treppe gekrochen. Dort liegt er im Schutz vor der stechenden Sonne und dem platschenden Regen – und alle Schritte vom Hause gehen über ihn hin …

Die Treppe knarrt über seinem Kopfe. Der gebieterische Senator tritt noch fest und selbstbewußt auf – wie einer, der weiß, daß er auf seinem eigenen Grund und Boden geht, obgleich der Rücken anfängt, sich zu beugen, und das Haar und der krause Bart weiß wie Silber ist. Oben auf der Treppe richtet er sich einen Augenblick empor und sieht nach alter Gewohnheit hinaus, die Hand über den buschigen Augenbrauen.

Der Sohn und Erbe, der ihm die Augen zudrücken und seinen Namen weiter tragen sollte – wo weilt er? Kommt er nicht – daß sein Erstgeborner sich noch auf des Alten Knie wiegen und ihm mit den dicken Händchen im Bart zerren kann? – –

Ein anderer Fußtritt kommt, müde und zögernd, beschwert von Jahren und mehr noch von zehrender Sehnsucht, ein Fußtritt, der sich die Stufen auf und nieder schleppt – auf dem Wege zur Kirche und von der Kirche – so daß es ist, als ob sie leise darunter ächzten …

Die kummervolle, hochgeborne Frau, die mit gesenkten Augen unter ihrem Kopftuche wie in sich verschlossen dahingeht, hat den Bettler nicht entdeckt – aber der Bettler streckt seine Hände empor und bewegt sie unter der Treppenstufe, als wollte er die müden Füße umarmen, die ein Mutterherz über ihm hintragen.

Aber seine Lippen sind stumm – lassen das eine Wort nicht entschlüpfen, das die Entbehrung des Mutterherzens stillen und alle Zärtlichkeit desselben zu seiner Sehnsucht herniederziehen könnte.

Noch ein Fußtritt kommt, den er kennt. Er hörte ihn das letzte Mal an jenem Abend – weich und zitternd – mit ihm zur Brautkammer gehen …

Der Fuß tritt noch leicht auf – nicht sorglos leicht wie damals, als sie ihm auf diesen Stufen entgegenflog, sondern schonend leicht wie der Fuß dessen, der selbst erfahren hat, was weh tut, und der gelernt hat, »vorsichtiglich zu wandeln« – vorsichtiglich, um nicht zu verwunden oder niederzutreten. Und bei jedem Schritt kommt es wie eine Stille über den, der darauf lauscht.

Der Fuß hat am ersten Morgen unten an der Treppe neben dem Bettler angehalten. Sie, deren mitleidiger Instinkt jedem Leiden gegenüber scharfhörend ist, steht vor ihm.

Die schmale Hand, mit den schlanken, etwas nach außen gebogenen Fingerspitzen, die er so oft an seine Wange, an seine Lippen gelegt hat, streckt sich mit einem Schärflein nach ihm aus,

Die Hand mit der Gabe stockt … Sie sieht ihn an.

Er schließt die Augen und preßt die Hände aufs Herz, das hämmert, als wollte es die Brust zersprengen. – – Die Feuerprobe ist über ihm, die Feuerprobe von jener unbegreiflichen Nacht, wo er hinausgehen mußte – mußte, getrieben von einer Macht, die stärker in ihm war als all sein glühendes Verlangen nach ihr …

Sie läßt das Schärflein in den Schoß des Bettlers sinken – und wendet sich wieder ab. Die Mutter Gottes sei gelobt! Sie erkennt ihn nicht!

Er glaubt, daß er antworten würde, wenn sie ihn bei Namen riefe. Bliebe sie nur noch einen Augenblick stehen, würde er aufsehen. Und sähe er in ihrem Antlitz eine Spur von dem großen, bitteren, unverständlichen Schmerz, von der unheilbaren Kränkung, die er ihr bereitet hat – dann würde er sprechen – erklären … Denn es scheint ihm, als könne er nicht leben, ohne daß sie ihn verstehe.

Sie nimmt die Falten ihres Kleides um ihren schlanken, jungfräulichen Leib zusammen – mit der Bewegung, die er so gut kennt – und steigt die Treppe hinauf. Langsam – mit seltsam zitterndem Schritt und das Haupt etwas zurückgewandt – wie jemand, der lauscht …

Er kniet unter der Treppe und legt seine heißen, stummen Lippen auf die Stufen. – –

– So geschieht es jeden Morgen. Es ist jemand da, der dafür sorgt, daß man das Stroh, auf dem der Bettler ruht, unter ihm ausbreitet, es ist jemand da, der die wollne Decke, die seine Glieder wärmt, über ihn gelegt hat. Und jedes Mal, wenn sie ihm das Schärflein für den Tag reicht und er – als der fremde Bettler, der er ist – mit niedergeschlagenen Augen und leise gemurmelten Worten Gott bittet, es ihr zu lohnen, sieht sie ihn an … Aber sie erkennt ihn nicht – die Mutter Gottes sei gelobt!

Ein Tag nach dem anderen schleppt sich hin – Wochen, Monate. Schritt vor Schritt geht er auf dem schmalen, tötenden, langen Weg der Prüfung vorwärts – schweigend und treu.

Eines Morgens sinkt der Bettler auf seinem Strohlager zusammen – mit bläulich bleichen Lippen und halbgeschlossenen Augen. Der Tod hat ihn in der Nacht angerührt.

Brechend hängen seine Augen noch an der Treppe … Kommt sie – kommt sie nicht?

Endlich! Die vorsichtig weichen Schritte, die über seinem Haupt wie ein Liebeszeichen hinstreichen, gleiten die Stufen hinunter.

Dann steht sie da – » Alexius

Sie kniet bei dem Sterbenden – ihre schmalen Hände umfangen sein sinkendes Haupt, dicht an ihrer Brust – ihre Lippen legen sich zärtlich auf seine brechenden Augen …

Da schließt er sie mit einem tiefen, tiefen Seufzer.

Eine Glocke nach der andern fängt an zu läuten. Alle die vielen Glocken des großen Rom – Hochzeitsglocken für ihn und für sie …

Der Sterbende ist so blitzschnell in seinen Gedanken – so klar. Er hat sein Antlitz gegen ihr Herz gewandt – und er weiß, daß sie ihn erkannt hat. Ihn erkannt in der ersten Stunde.

Aber sie hat sich – stumm und bewundernd vor der Macht in ihm gebeugt, die stärker war als seine Liebe zu ihr, und die größere Ansprüche hatte. Sie hat nicht gefragt, warum – warum er sich nicht zu erkennen gab, warum er dort wie ein fremder Bettler liegen blieb. Für sie war Sinn darin – weil er es tat. So ist sie ihm eine schweigende und treue Hülfe gewesen in der Prüfung des Gehorsams, die sie nicht verstand – und hat ihr eigenes Glück gering geachtet gegen den Sieg, den er durch Entsagung desselben gewinnen sollte. Für ihn hat sie das Größte gewollt – auch wenn es über ihre Kräfte ging. Der Gottesmann ist er für sie gewesen – ehe er ihr gehörte.

Und daß er nicht allein in dem Kampfe gestanden hat, sondern daß sie mit ihm gewesen ist – jede Stunde mit ihm durchkämpft und durchlitten hat – das ist ein Zusammenleben gewesen. – – Nun läuten die Hochzeitsglocken für ihn und für sie – alle die vielen Glocken des großen Rom – und sie können das Glück aufnehmen, wo es ihnen entschlüpft war. Er gleitet mit ihr in die Stille der Brautkammer – – in die tiefe, tiefe, heilige Stille der Brautkammer. – – –

Dann erhebt sich die Kirche dort auf dem Gipfel des Aventin, gerade über der Stelle – wölbt ihren kühlen Schatten über der Schlafstätte, wo er liegt, als Heiliger gekrönt. Sie – nein, sie wurde keine Heilige, und niemand weiß, wohin ihre Gebeine gelegt sind. Sie half nur einem anderen, ein Heiliger zu werden. Aber vielleicht könnte sie im tiefsten Grunde als eine Heilige angesehen werden.

– – Ja, so kann man die Geschichte dort oben in der Sonne und dem Duft der Mittagsstunde erleben – mag sie nun so vor sich gegangen sein oder nicht. Und dann ist man eigentlich geneigt zu finden, daß ein guter Sinn darin sein kann. Denn kein Mensch ist doch imstande, ganz die Prüfung des Gehorsams zu beurteilen, die ein anderer glaubt, von oben her empfangen zu haben. Darin bleibt immer etwas von dem Geheimnis des Glaubens, der das Persönlichste von allem ist.

Aber wenn es Leute gibt, welche meinen, daß sie es besser wissen, als der Arme, der sich den Weg zum Himmel so schmal machte, und daß seine Geschichte doch sinnlos ist und bleibt – dann mögen sie es versuchen, sie auf der grünen Höhe des Aventin zu hören an einem Tage im Mai, wenn die Citronenbäume im Klosterhof blühen, zumal wenn alle Glocken Roms zu läuten anfangen …

Dann werden sie sie vielleicht besser verstehen können – die Legende von dem heiligen Alexius, dem Gottesmann.


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