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Es stand ein Rosenbusch an der Landstraße.
Die Junisonne besuchte ihn mit all ihren funkelnden Strahlen – und der Rosenbusch schlug aus in feine, blaßrote, halbgeöffnete Knospen.
»Wie süß bist du!« sagte die Sonne. »Wie entzückend jungfräulich-süß bist du mit all deinen zusammengefalteten Seidenblättern! Du verschließest wohl ein Geheimnis – es ist das, worüber du dich so errötend beugst! Laß es mich auch sehen – hörst du!«
Aber der Rosenbusch schüttelte nur alle seine Knospen – und errötete noch tiefer.
Da saß eine alte Frau mit langen, gekrümmten Fingern am Wegrande. Sie kroch unter den Rosenbusch in einem großen Mantel, der war mürbe und grün vom Alter, und sie lachte – mit einem hohlen und trockenen Lachen, wie der Husten eines alten Mannes.
»Ja, du bist schön genug,« sagte sie zum Busch. »Mir kannst du dafür danken – aber sieh, ob du es tust! Na, der Staat wird auch bald auf die Beine kommen. Dafür werde ich sorgen.«
Und sie hauchte heißen Atem gegen den Rosenbusch und zwang die zusammengefalteten Kelche, sich zu öffnen.
Am nächsten Morgen war nicht ein einziges geschlossenes Blatt am Busche – weit geöffnet waren alle seine roten Rosen.
»Meine Allerlieblichste!« sagte die Sonne. »Das war also das Geheimnis, das du in dir trugst und so errötend vor mir verbargst: ein kleines Bild von mir selbst – eine kleine, gelbe Sonne mit feinen Strahlen, die du mit all deinen duftenden Blättern umfängst! Es gleicht mir in meinem Aufgang, wenn ich von Rosenwolken getragen werde. Du liebst mich, nicht wahr?«
Der Rosenbusch sandte einen Strom von Duft zur Sonne empor als das zärtlichste Ja. Er wußte selbst nicht, wem er glich, bevor die Sonne es sagte; aber er verstand, daß es so war – denn er hatte keinen Gedanken, kein Gefühl für etwas anderes als für die Sonne.
Und er lachte zu den Drohungen der allen Frau.
»Komm her!« rief er, »du machst mich nur immer lieblicher!«
»Ja, wer zuletzt lacht, lacht am besten,« sagte die Alte.
Sie blieb bei dem Busch auf der Lauer sitzen und begann bei Kleinem an den Rosen mit ihren langen Fingern zu zupfen. Darauf winkte sie verstohlen dem Winde. »Nun geht es,« sagte sie. »Er ist herrlich mürbe in allen Fugen geworden.«
Der Wind fuhr brausend gegen den Busch, der überrascht und widerstrebend zitterte – und als er vorüberstrich, wirbelte eine Flut von duftenden Blättern in seiner Spur.
»Na,« sagte die Frau, »da ging etwas von der Herrlichkeit verloren.«
»Nein,« sagte die Rose, »es flogen nur einige Blätter fort. Es ist kein Grund, so geizig mit ihnen zu sein!« –
– »Du wirst doch jeden Tag süßer,« sagte die Sonne, »Herzliebchen!« – Sie sah aus die Rosen, die noch übrig waren, und ahnte nicht, daß einige fehlten. Und so sagte sie, so lange noch eine einzige Blume am Busch war.
Aber eines Nachts flog die letzte Rose auf den Schwingen des Windes fort. – –
Da lachte der Busch nicht mehr … Es glitten schwere, helle Tropfen an allen seinen Zweigen nieder.
»So geht es,« sagte die Frau. »Nun ist es mit dir zurückgegangen! Aber man kann ganz gut zufrieden sein, selbst wenn man all und abgezehrt ist.«
»Niemals!« sagte der Rosenbusch. »Jung und lieblich muß ich sein – zur Freude für die Sonne. Sonst lebe ich nicht.«
»Jung und lieblich! Ja, dem wirst du kaum mehr ausgesetzt sein.«
»Ich weiß doch nicht,« sagte der Busch. »Ich bin ja noch derselbe. Ich fühle mich so jung – in mir selbst – dann muß es doch gesehen werden können!«
»Ja, das Innere,« sagte die Frau, »damit kann man sich selbst trösten – aber das hat keine Macht. Nein, das Äußere – das ist das einzige, worauf es ankommt. Das kann man greifen und fühlen – und das nehme ich!«
Die Sonne ging auf. Der Rosenbusch zitterte und bebte, als die hellen Strahlen ihn trafen …
»Nein, wie lieblich bist du!« sagte die Sonne. »Dachte ich doch nicht, daß du mich noch mehr überraschen könntest. Du folgst mir ja Schritt für Schritt auf meiner Bahn. Nun hat deine kleine Sonne sich von allen Morgenwolken getrennt und steht noch goldiger – im Mittagsglanz – gegen die grünen Blätter als vorher gegen die blaßroten da.«
Alle kleinen, gelben Strahlen des Busches reckten und streckten sich in zitternder Freude gegen die Sonne.
»Ja, so ist es.« jubelte er. »Du kannst alles sehen – wie ich es fühle.«
– »Nun, ich bin noch nicht fertig,« sagte die Alte.
– Tag und Nacht wechselten in finsteren, regnerischen Wochen. Und eines Abends stand der Rosenbusch an der Landstraße – ausgeplündert und arm wie ein Bettler …
All seine gelben Staubfäden waren zusammengekrümmt, braun, vertrocknet oder abgefallen. Das Bild, das er von der Sonne trug, war zerbrochen! – –
Da verstand er, daß die alle Frau mit den langen, grausamen Fingern die stärkere war, daß sie Macht hatte, ihn bis auf den letzten Heller zu bestehlen – all seine Schönheit zu töten – ihn ganz unkenntlich zu machen! …
»Du hast nicht auf mich gehört,« sagte die Alte. »Ich gab dir die Schönheit – und gab reichlich, wenn ich es selbst sagen soll. Nun habe ich sie dir genommen – wie allen anderen. Das ist ganz in Ordnung.«
Der Rosenbusch weinte nicht mehr – wie damals, als seine letzten blaßroten Blätter dahinfuhren. Sein Schmerz war zu groß für Tränen. Ihn schauderte in seiner Wurzel, und er wünschte, daß er nie existiert hätte.
»Wäre ich doch niemals als ein fröhlicher kleiner Schößling an der Landstraße aufgesproßt, – wäre ich doch nie blühend groß gewachsen – hätte mich doch die Sonne nie mit ihren flammenden Strahlenarmen umfangen. – Was nicht bleibt, was nur vergeht – ist weniger wert, als das, was nie gewesen ist. Hier wie ein Verstorbener zu stehen – ohne Jugend, ohne Leben, ohne Hoffnung – und nur zurück, aber nie mehr vorwärts sehen zu sollen – das ist schlimmer, als gar nicht gewesen zu sein!«
»Ich gebe und ich nehme,« sagte die Alte. »Das ist in Ordnung und Richtigkeit.«
Aber da brauste es in dem Rosenbusch auf – mit einem Widerspruch, weit stärker noch als seine Verzweiflung.
All die frische, warme Jugend, die in seiner wechselnden Lieblichkeit hervorgebrochen war, – sie kam nicht von außen, sie war von der runzeligen Hand der Alten nicht erreicht.
Nein, von innen – von etwas Starkem und Lebendigem, das er in sich trug – sproßte es hervor wie quellende Sehnsucht, wie offene Arme der Sonne entgegen …
Von innen waren all die duftenden Seidenblätter, die gelben Strahlen gekommen. Drinnen entsprang der Quell seiner Jugend … Und war er noch dort – was machte es dann, daß die Knöcherigen Finger der allen Frau außen zupfen und plündern konnten. Dann mußte noch eine neue Schönheit – beständig neue Schönheit – kommen können – – von innen …
Der Rosenbusch fühlte, wie es schwellend groß in ihm wurde, wie des Lebens Wogenschlag in ihm hoch und tief ging …
Und es brach heraus – es quoll hervor …
– Als die Sonne aufging – klar und strahlend nach langen, trüben Zeiten – streckte der Rosenbusch alle seine Zweige gegen sie empor – glühend wie in einem Purpurquell, Herz bei Herz.
Die Sonne senkte sich nieder in all diese Glut, ging hinein, ging hinein in jedes von den Purpurherzen und schien wieder aus ihnen heraus …
»Allerliebste,« sagte sie, »das Beste hast du bis zuletzt bewahrt: das rote Herz, von dem es kam – alles! Glühend wie ich selbst in meinem Untergang und schwer von goldenen Verheißungen für den kommenden Tagt Das ist nicht nur ein kleines, mattes Abbild von mir – nein, du spiegelst mich nun wieder in meinem vollen Glanze – –.«
Und der Rosenbusch flüsterte: »Ach, es war gut, daß ich an der Landstraße als ein fröhlicher, kleiner Schößling emporsproßte – es war gut, daß ich unter deinen Strahlen blühend groß wuchs. – Aber das Allerbeste ist, daß ich das rote Herz hatte, in das du gerade hineinscheinen kannst – und das weit mehr bewahrt, als was dahinfuhr.«
Und während seine grünen Blätter gelb wurden und abfielen, stand der Rosenbusch noch da mit glühender Schönheit auf all seinen Zweigen und von der Sonne umfangen.
So stand er noch in siegender Jugend, als der Winter nahte und sein weißes Totenkleid über die Erde breitete.