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Elftes Kapitel.

Was alle fühlten, war ausgesprochen. Die harten, eben erst aus der Schlacht zurückgekehrten Männer knieten nieder. Und Anschar segnete sie im Namen des Christengottes. So fiel ihm denn der Sieg plötzlich zu, um den er so lange gerungen und gebangt hatte.

Wie es oft mit den Menschen geht, so war es auch hier geschehen, wackere, tüchtige Männer kämpfen unter Anfeindung und Gefahr treu für ein hohes, edles Ziel. Schon sind sie nahe daran, um doch endlich zu erlahmen; mit höchster Anstrengung wagen sie das Äußerste, mehr in der Erwartung, in Erfüllung ihrer Pflicht unterzugehen und mit allen edlen Plänen zu scheitern, als zu siegen: da plötzlich ändern sich Aussichten und Stimmungen gänzlich. Und manchmal erst nach jahrzehntelangen Mühen, wenn schon ihre Manneskraft dem Alter zu erliegen droht, da geht unerwartet die Saat, die sie unter Schmerzen und Sorgen säten, in aller Herrlichkeit auf, sowie Bäume und Sträucher im Frühjahr nach langem Regen bei dem ersten Maiensonnenschein mit erstaunlicher Schnelligkeit ins hellste Grün sich kleiden, wenn die im Winter angesetzten Knospen plötzlich aufbrechen.

Die verborgene Strömung einer milderen Gesinnung war plötzlich hervorgebrochen, und die vorher gegen den Strom standen, wie Hermann, Winfried, Oskar, trug er nun mächtig empor.

Es war noch einer gewesen, der mit Trauer den Haß gegen die Christen hatte anschwellen sehen, Brun, der Freund Erichs. Er war mit den Übrigen aus dem Kampf zurückgekehrt. Er trat jetzt, während die anderen das große Ereignis beredeten und weiter verbreiteten, zu Anschar und faßte ihn bei der Hand mit den Worten: »Wunderbarer Mann, ich habe dich von jeher geachtet. Nur strenge Treue hat mich fern gehalten. Jetzt hoffe ich, dein Mann hat mich durch seinen Tod von einer gräßlichen Pflicht befreit. Frage nicht, was es war! Nicht Frühlingsluft nach des Winters Not könnte mein Herz so erfreuen wie die Lösung von dieser Pflicht. Doch nun bitte ich, komm vertrauensvoll mit mir. Mein Herr und Waffenbruder hat am Meeresstrande an der Leiche deines Freundes gekniet. Dann hat ihn sein wildes Herz in den Wald getrieben. Wir wollen ihn suchen.«

Gern folgte Anschar dieser Aufforderung.

Unter denen, die am Haß gegen die Christen festhielten, war Gerhard der vornehmste und entschlossenste. Er hatte bei der Rede Hermanns und dem, was folgte, finster zur Seite gestanden. Jetzt ging er hinter jenen beiden her. Er holte sie ein und trat mit dem bloßen Schwerte vor sie. Schnell hob Brun seinen Schild schützend vor den Priester. Aber es drohte keine Gefahr. Ruhig und regungslos stand der starke, hohe Mann vor ihnen und redete sie an: »Anschar, Anschar, mögen alle bösen Mächte der Nacht hassen, was du gethan hast, und immerdar an deinem Werke nagen! So flucht dir der letzte treue Mann.«

Er erhob das Schwert und kehrte es gegen die eigene Brust. Anschar war erschrocken zusammengefahren bei den unheimlichen Worten. Entsetzt starrte er auf den Zusammenbrechenden. Ahnte er die Erfüllung dieses Fluches bis auf den heutigen Tag?


– – – Durch die Wildnis war Erich hingestürmt, ohne auf seinen weg zu achten. In seinem Innern hatten Winter und Frühling einen tollen Kampf miteinander. Doch allmählich wurde es still und heiter in ihm. Er war wieder an eine Stelle nahe dem Strom gelangt. Er setzte sich nieder auf den Waldboden und spielte mit den Grashalmen, wäre jetzt ein Reh aus den Büschen getreten, er hätte sich nicht gerührt, um es nicht zu verscheuchen; er hätte es herankommen lassen, um es zu streicheln, so, wie er seinen kleinen Sohn streichelte.

»Ich hatte gelobt, ihn zu töten,« murmelte er, »nun stand er da; das Sonnenlicht umgoldete sein blondes Haupt. Da konnt ichs nicht.« Sinnend stützte er den Kopf. Eine Thräne rollte unter den Wimpern hervor.

Da hörte er seinen Namen gerufen von wohlbekannter Stimme. Erschrocken sprang er auf. Vor ihm stand Oswin, der alte Ohm, hochragend, gewaltig, ein Recke vergangener Zeit. Feierlich begann der Alte: »Erich, Wodansohn, wach auf! Sorg', daß du im Himmelsheer der alten Götter kämpfst. Gedenke der Rosse, die du Wodan schlachtetest, denke der Sagen, die ich dir als Knaben sang, gedenke des Tags, da dein Vater in den Frankenkrieg zog. Wehe, Wehe! Hättest du doch den ungeratenen Bruder getötet! Dann wärest du jetzt ewig entzweit mit den Christen, wie mit Lokis Banden an unsere Götter und ihr Schicksal gefesselt.«

Mit gesenktem Haupte hatte Erich den Oheim angehört. Jetzt sah er ihn stolz und ruhig an als er sagte: »Sagte ich nicht, Oheim, deine Weissagung berge noch ein Geheimnis? Mir hat es der große Christengott gezeigt. Sein teurer Bote öffnete mir die Augen. Nun sehe ich. Die alten Asen waren wild und stürmisch. Der neue Himmelsherr hat sanfte Kinder; sie verzeihen gern und lieben die Elenden. Und sie beherrschen still die Kraft ihres Herzens.«

Mit Schmerz hörte der Greis diese Rede und klagend sagte er: »Der tote Mann hat den lebendigen geholt. Doch der alte Oswin stirbt wie er gelebt hat. Ich kenne eine alte Weissagung: nach einem Eiland im fernen Nordmeer wandern die Götter einst. Dorthin werde ich ihnen folgen mit der Schar der schwertgefällten Helden. Auf umeisten Felsenklippen wo kalte dunkelblaue Wogen branden, da werden wir die letzten Kämpfe fechten bis der Tag des großen Weltbrandes anbricht.«

»Die Väter finden wohl,« antwortete Erich, »wenn der Weltenbrand verglüht ist, und die neue Erde geboren wird, einen Platz im Saal des neuen Weltherrn. Mir aber hat er schon jetzt den Sessel hingerückt an seinem Tisch.«

So sprach der Held. Nun faßte er sein Schwert, löste es vom Gurt und reichte es dem Alten mit den Worten: »Hier, nimm dies Schwert, das mich mit den Vätern verbindet, du, der Letzte, der zu ihnen gehört. Mit mir beginnt ein neues Geschlecht.«

Tief bewegt ergriff der Greis das edle Stück, legte es an seine Brust und sprach: »Den ganzen Adel meines Stammes halte ich in meiner Hand. Sein Geist erfüllt mich und reißt mich fort. Am Seestrand liegt ein Grab uralter Heerkönige, wo die Woge steigt und sinkt und die Möven kreischen. Dort ritze ich mir die Adern. Wenn die Sonne wieder sinkt, stirbt der letzte Held.« Feierlich hatte der Alte gesprochen. Er wandte sich und schritt stolz und hochaufgerichtet unter den hohen Waldbäumen dahin. Lange schaute ihm Erich nach. »Dahin geht die Vergangenheit«, murmelte er. »Ohne Waffen, ohne Erbe, ahnenlos nahe ich, ein geringer Mann, dem milden Christ.«


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