Anzeige. Gutenberg Edition 16. 2. vermehrte und verbesserte Auflage. Alle Werke aus dem Projekt Gutenberg-DE. Mit zusätzlichen E-Books. Eine einmalige Bibliothek. +++ Information und Bestellung in unserem Shop +++
Der alte Wind ist aufgewacht aus friedlichem Schlummer, um seine tausendjährige Arbeit mit Fleiß zu thun. Weithin peitscht er die meilenlangen Gestade. Schlag auf Schlag donnern die Wogen heran; dort rollt die schäumende Welle, sie bäumt sich und bricht, leckt auf den Sand und stößt die kleinen Kiesel vor sich her; so mahlt und reibt sie rastlos und schafft aus Felsentrümmern neuen Boden für künftige Geschlechter. Droben von den hohen Uferwänden rauscht der Wald dem Wellenbrausen stolz entgegen. Noch liegt das matte, reine Licht der frühesten Tagesstunden über Land und See. Es weht der frische Morgenduft eines schönen Tages. Doch weshalb fliehen die Möven kreischend vom Ufer und schlagen mit den Flügeln die Wellenkämme? Wilder Kriegsruf gellt im Walde, Schilde dröhnen, wilde, blutbesudelte Männer stürzen fliehend auf den Strand, und hinter ihnen drängen die Sachsen. Es ist ein blutiges Ringen im Walde.
Gestört haben die Menschen den Morgenfrieden der Welt. Das Ostufer der Elbe entlang steigen aus glimmenden Trümmerhaufen Dampfwolken und fettiger Rauchgeruch auf und wälzen sich den waldigen Hügeln zu; Gebrüll versprengter Rinder erschüttert die Luft, und unter den hohen Waldbäumen ertönt das Geschrei elender Flüchtlinge.
Jetzt steigt die Sonne selbst auf und färbt den Himmel und die mattblauen Wasser. Nun vermöchte kein Auge das Leuchten und Blitzen der Wellen zu ertragen. Die goldenen Strahlen fallen in die Buchenhallen und spenden warmes Licht und Farbe auf Land und Flur.
Auf dem Rande der hohen Uferwand erscheinen drei Männer; sie wollen freien Ausblick gewinnen. Eben jetzt entfliehen die ersten Dänen dem Gewühl des Waldgefechtes und weichen auf den sandigen Vorstrand. Doch immer haben die Sachsen noch nicht das überfallene Dorf am Ufer erreicht.
Die drei Krieger verweilen einen Augenblick auf der Höhe und atmen auf von der Hitze des Gefechts. Unter ihnen spricht Hengist:
»Wir dreie brechen endlich durch und erreichen die Schiffe der Räuber. Hei, das wird ein verwegener Streit, wenn wir vom Deck ihrer eigenen Fahrzeuge auf die Unholde niederkämpfen. Ja, Erich, eine tolle That für uns, die Edeln! Weißt du, es giebt auch tolle Thaten, die der Bauer niemals kann! Er ist zu brav, wilder Mord ist es; und dennoch fordert er kaltes Blut, damit sich nicht Zorn dem Mitleid beugt.«
Erich hörte die Worte, mit denen der andere nach ihm zielte, wie wenn er seine Rachsucht in Atem halten wollte; vor Erichs Geiste stand das Bild der Christenmönche im braunen Gewande. Er warf Hengist einen bedeutungsvollen Blick zu, dann sagte er: »Ich verstehe, böse Thaten, kaltes Blut! Doch jetzt ist keine Zeit, daran zu denken. Spring hinab an die See, und wirf dich, den Fuß im Saum des Meeres netzend, auf den fliehenden Feind und halte ihn fest. Wir treiben ihn vollends hinunter, und dann schneller als der Feind zum Dorf!«
Hengist faßte den Schild fest und sprang mit wenigen Sätzen hinab. Erich und Brun wandten sich ins Gefecht zurück. Doch noch einmal hielt Erich inne; stellte sich dem Freund nahe, legte die Rechte auf seine Schulter und sagte: »Brun, mir ahnt ich kehre nicht aus dieser Schlacht zurück. Fall ich, so töte den Christenpriester!«
Erschrocken sah Brun dem Freund ins Angesicht. »Als ich Oskar schonte« rief dieser stürmisch, »da glühte aller Haß in mir zusammen. Meine That wäre unter der Macht des Christen gewesen. Ein Wodanskind wäre dem verhaßten Gott zum Opfer gefallen! das traf wie Peitschenhieb den Leib, wie glühendes Eisen in lebendiges Blut. Brun, Teurer, diene meiner Rache nach meinem Tod!«
Mit einmal erhellte sich vor Brun die Seele seines Gefährten. In Erichs Busen tobte ein Sturm, wie er unaufhaltsam über Land und Meer hinbraust, alle Hindernisse zerbricht, Bäume knickt und die Wasser schäumend mit sich reißt. Brun hatte anderes erhofft. Was er nun sah, schmerzte ihn. Erichs ganzes Denken ging noch immer darauf, seines Hauses Schmach zu rächen an den Priestern, die sein Kind getauft. Abwehrend sagte Brun: »laß mich, gehe den Hengist darum an!«
»Nein, nicht Hengist,« antwortete Erich, »der ist niedrig gesinnt, du mußt es mir thun.« Schmerzbewegt antwortete der Treue: »ich schwur dir Treue bis zu Tod und Frevelthaten. Soll ich mein Leben im Kampf sparen für eine böse That? Dein Mann wird gehorchen.«
Da erkannte Erich, daß er um einen Genossen einsamer geworden war. Doch wild lachte er auf und rief: »Ja, ich befehle dirs.«
Jeder für sich kehrten die Beiden in den Kampf zurück. Doch noch hatte der neue Herzog nicht die Reihen seiner Streiter erreicht, da hörte er einen leichten Schritt hinter sich, eine helle Knabenstimme rief seinen Namen. Er wandte sich, aus Dickicht und Gebüsch drang Oskar, schwitzend und blutig. Zweige und Dornen hatten sein Gewand zerrissen.
»Auch bei uns ist der Däne,« rief er, »Fischerboote liegen nicht fern am Strand; wir besteigen sie, wir hindern noch die Abfahrt der Räuber.«
Den Bruder sah Erich mit Staunen. Bestürzung, Angst und Freude stürmten zugleich auf ihn ein. Er sah im Geiste sein Weib und Kind erschreckt aus seinem Hofe auf das brennende Dorf niederstarren; sah den dort siegreichen Feind sich dem Rücken der eigenen Streiter nahen, und vor ihm stand, als Abwender der Gefahr, der verachtete Bruder, wild und schön wie ein Bote aus dem Saal der Götter. Hier war schneller Entschluß nötig. »Rüste die Boote schon,« antwortete der Held, »ich sende Winfried dazu, andere zu Lande. Sieh hin, horch! hier geht es auch grimmig. Leb wohl!« Und er ging auf den Knaben zu und umarmte ihn: »Wie weißt du klug und mutig zu handeln. Vorher ließ ich dir das Leben, jetzt schenke ich dirs, lebe wohl, mein Junge!«
Jeder eilte seines Wegs. Oskar sah schon in Gedanken die überraschten entsetzten Räuber. Durch Erichs Brust jagten unsagbare Gefühle. Eben dachte er nur an Rache. Nun hatte er dem christenfreundlichen Bruder verziehen. Lenkte ein fremder Gott sein Schicksal? Seine Gedanken wußten es nicht zu meistern.
Schon war er bei den Seinen, die in Gruppen hier und dort die Dänen langsam aber unaufhaltsam durch den Wald zurücktrieben.
Dort, wo das Land steil zur Elbe abfiel und die Waldbäume den Wellen entgegenrauschten, war vor Alters vom Sturm eine Lichtung in den Wald gerissen. Hier sammelten sich die Sachsen aus dem Walde, während ihre Gegner nun endlich vollends auf den Vorstrand zurückwichen. Noch zögerten die Sachsen hinabzusteigen, weil sie vereinzelt aus dem Walde kamen und die Dänen drunten am Ufer wimmeln und sich drängen sahen. Neue Scharen waren eben erst den Schiffen entstiegen und verstärkten sie.
Da plötzlich tritt aus dem dunkeln Schatten der Buchen der Mönch Johannes in den Kreis. Hell wie einen Gott umflutete ihn das Sonnenlicht. Er schreitet zum Rand des Abhanges. Seine Rechte erhebt ein Kruzifix, die Linke weist den Feind. So sehen sie den Jüngling stehen, dunkel abgehoben vom blauen, leuchtenden Strom. Er spricht:
»Ihr wolltet die Diener des Christengottes töten, dafür schickt er euch jene Räuber. Doch wollt ihr den Haß aus euren Herzen reißen, dann rettet euch der Gott. Betet zu unserm Gott!«
Sie waren keine barbarischen Horden. Es beugte sich wohl manches Mannes Haupt, als Johannes laut betete mit erhobenen Händen: »Herr, Gott des Himmels und der Erden, dies Volk will sich zu dir kehren, gieb ihm Rettung, Sieg und Frieden, und mildere du den wilden Zorn ihres Herzens.«
Erich umspannte krampfhaft den Griff seines Schwertes. Sein Auge flammte. Jetzt kam Johannes gerade auf ihn zu und rief ihm entgegen: »Erich, Erich, Brand und Blut, es ist alles dein Werk!«
So strafte der Mönch und wandte sich von ihm und rief: »zum Angriff, zum Angriff!« Er selbst schritt voran.
Sollte Erich vorwärts stürzen und ihn rücklings niederstrecken? Jetzt sprang er auch den Abhang hinab; doch vorüber an Johannes; allein eilte er auf den nahen Feind los. Jetzt schreitet sein Fuß über Haufen angetriebenen Grases; da prallt ein Speer an seinem Helm. Er wankt und stürzt. Schon eilen in breiten Scharen die Sachsen herab. Aber schon ist auch ein riesiger Wikinger zur Stelle. In wilder Freude schwingt er die Keule über Erich. Da steht Johannes an der Seite des Gestürzten. Die Arme breitet er aus und deckt ihn. Die Keule des Normanns trifft sein bloßes Haupt. Blutend stürzt er zusammen.
Jetzt war das Schlachtenglück gewendet. Schon war Erich auf den Füßen. Die Sachsen waren heran. Der Mut der Seeräuber erlahmte. Trotz ihrer frischen Verstärkungen wichen sie unaufhaltsam, nach ihren Schiffen zurück. Bald streckt Erich den grimmen Seekönig Erik selbst vor den Bug seines Fahrzeuges.
Danach wandte sich der Held. Er überließ es den Freunden, den Rest vollends in die Schiffe und aufs Meer zu jagen. Er kehrte zu der Leiche des Christen zurück. Dort sah man ihn knieen am brausenden Gestade und den Toten anschauen. Dann sprang er auf und entwich in den Wald.