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Wir wenden uns noch einmal in die Frühe des Tages zurück, an dem wir Anschar mit dem Knaben Oskar im Gespräch fanden. Wir sind mitten im Walde, uralte Stämme ragen empor, zu ihren Füßen ist der Boden frei, nur von Moos und trocknem Laub bedeckt. Auch um Mittag dringt die Sonne nur verstohlen hierher in den tiefen Schatten. Jetzt ist es Morgenfrühe. Ins reine, matte Licht der Dämmerung leuchtet ein erster roter Wolkenstreifen, die ersten Vogelstimmen erschallen im stillen Wald.
Um den Fuß der großen Stämme lagern hier und dort seltsame Schläfer; Frauen und Kinder sind es; schon regt sich hier und dort eins, und erwachender Kinder Augen schauen verwundert aufs Gras und Moos.
Dort, abseits von diesen Gruppen ist schon lange ein Mann emporgefahren. Ärgerlich wühlt seine Hand im welken Laube; er wirft verächtliche Blicke auf die Gruppen der Schläfer. Die Vögel wecken ihn heute nicht zu fröhlicher Morgenlust, denn es ist ihm ein verhaßtes Geschäft, den braunrockigen Knecht des fremden Gottes mit seiner singenden Heerschar von Weibern und Kindern heimzuleiten.
Jetzt erhebt sich der Mönch Johannes, um den rings im Kreise die Gruppen lagern. Den Rücken an einen Stamm gelehnt, hat er im leichten Schlummer gelegen. Als er sieht, wie seine Schutzbefohlenen noch in den ersten Bewegungen des Erwachens sind, steht er auf und schreitet leicht und geschmeidig auf den Krieger zu.
»Du murrst noch immer finster,« begann der Mönch, »und dennoch hast du Tag und Nacht treu für uns gewacht. Kaum streifte ein leiser Schlummer dein Auge, wie ihn das Rascheln dürren Laubes verscheucht. Aber unseres Gottes Schutz verschmähtest du; stets lagertest du seit ab wie ein landflüchtiger Mann, der die Menschen meidet.«
»Euer Zauberzeichen brauche ich nicht. Die Unholde des Waldes sind von meinem Blut; ich weiß am besten mit ihnen auszukommen.« So antwortete der Krieger. Er war mit einem mächtigen Ruck aufgesprungen und stand dem Christen gegenüber. Er war nur wenig höher an Wuchs, aber die breiten, vollen Schultern ließen ihn größer erscheinen neben der schlanken Gestalt des Mönches. Beider Angesicht verriet den gleichen Volksstamm. Hier wie dort die Adlernase, blaue Augen und breite Stirn. Beider Antlitz war von Wind und Sonne gebräunt. Aber die Züge des Mönches waren feiner und geistig belebter.
»Du freilich bist nicht in den wilden Wäldern zu Hause,« fuhr Erich fort, »du hast auch kein rechtes Mannenblut. Als wir in der Dänenburg waren, da glaubte ich einmal die erste Siegeslust auf deinem Antlitz zu sehen. Ha, wärst du zum Krieger erzogen, ein Geschlecht schaute dann auf dich mit Stolz. Dann wählte ich dich zum Freund. Aber du bist ein Christ. So bleibe denn Vater deiner Weisen!«
»Trotzdem hast du diesen Armen und mir gedient,« erwiderte der Christ, »hast um ihretwillen dein Leben gewagt unter fremdem Volk.«
»Ich that nur, was ich schuldig war. Der Bischof erbats von mir im Namen des großen Königs, der südwärts der Elbe wohnt; dich, seinen Boten, sollte ich zu den Normannen geleiten und dir beistehen, die Gefangenen zu lösen. Er war landfremd und sein Wille war gut. Ich versprach es. Doch ich habe genug von eurer Freundschaft. Das sag ich dir: niemals nahe meinem Hof und Herd. Rüste schnell zum Aufbruch. Ich will mein Weib vor Mittag noch umarmen. Doch das verstehst du ja nicht.«
Johannes suchte noch einmal auf den Grollenden einzureden: »Mein Gott hat um dich geworben in jeder Stunde unserer Wanderung. Durch die Hände und Augen der Unmündigen hat er es gethan; die schauten dankbar nach dir, weil du als ihr Beschirmer mit ihnen zogst.« Erich schien nichts mehr von diesen Worten zu hören. Da wandte sich Johannes traurig.
Er rief die Erwachenden, sang vor ihnen den Psalm: »Herr, frühe wollest du meine Stimme hören, frühe will ich mich zu dir schicken und aufmerken. Ich liege und schlafe ganz mit Frieden. Denn allein der Herr hilfet mir, daß ich sicher wohne. Lobet im Himmel den Herrn, lobet ihn in der Höhe! Lobet ihn all' sein Heer!«
Danach ließ Johannes sie den Rest ihrer Speisen verzehren. Alsbald schimmerte lustig der holdselige Zug durch den grünen Wald.
Nach einigen Stunden traten sie aus dem Walde hervor. Da lag gerad vor ihnen ein neugezimmertes großes Haus nahe dem Hofe des Bauern Hermann; etwas tiefer aber strich der Rauch des Dorfes in der heißen Mittagsluft. Einigen der Befreiten wohnten hier Geschlechtsgenossen; diese nun eilten zum Dorf weiter. Aber die große Schar empfingen Hermann, ein christlicher Bauer in der Hammaburg, mit seinen Töchtern und Söhnen und führten sie liebreich in eine große neugezimmerte Halle, in der man bereits einige der größten Kessel und Töpfe aus den Christenhäusern über das Feuer gehängt hatte.
Die Männer gingen zu Anschar, den sie am Waldrande bemerkten. Gerade war Oskar bei ihm, und eben legte der Bischof seine Hand auf das Haupt des Knaben und lehrte ihn die schweren Christensprüche.
Als Erich diese Scene erkannte, da durchfuhr ihn ein heißer Zorn. »So weit kam es schon!« sprach er bei sich, »hat mich dazu der schlaue Priester fortgeschickt, um mein eigenes Blut zu stehlen, wehe, elf meines Geschlechtes sind im Frankenkriege gefallen, und jetzt die Hand des listigen Christenhäuptlings auf meines Vaters Sohn!«
Johannes wollte schon freudig auf den Bischof zueilen, das glücklich gelungene Werk zu melden, als er Erich in plötzlicher Erregung stehen bleiben sah. »Komm,« redete er ihn freundlich an, »den Dank Anschars mußt du vernehmen. Wir sind auch dem Heiden dankbar.«
Der Held beherrschte kraftvoll seinen Zorn; aber kalt und entschlossen schritt er Anschar entgegen. Dieser hatte die Kommenden bemerkt und sich erhoben. Sofort las er mit Besorgniß in Erichs Angesicht und warf einen fragenden Blick auf Johannes. Aber schon begann der Held:
»Großer Christenhäuptling: Noch bin ich Weggenosse dieses Jünglings. Darum hat das Schwert noch keinen Raum. Es soll ihn haben. Sag, Christ, was legtest du deine Hand auf diesen Knaben. Zu meiner Väter Götter schreit die Schmach. Er ist mein Bruder.«
Oskar eilte von Anschar zu Erich hinüber. Indem er seine Hand ergriff, sagte er schmeichelnd: »Was zürnst du, Erich? Die fremden Männer sind nicht böse. Unser kleiner Liodulf war krank, während du fort warst. Da hat ihn der fremde Mann geheilt.«
Jetzt schäumte des Helden Groll über: »Geheilt, o wäre er bei Hel!« rief er in unheimlichem Zorn, »Wie! dringst du in mein Haus, Christ? Ist dir mein Herd, mein Weib, mein Kind nicht heilig?«
Anschar antwortete furchtlos: »Sie sind mir heilig, wohl. Sie sind zum Dienst des Christengottes wie du bestimmt. Mein Gott hat nicht nur deines Kindes Leben gerettet; auch seine Seele wird durch ihn gerettet. Ich habe dein Kind getauft, unserem Gott geweiht. So hat es mir sein heiliger Wille befohlen.«
Der ruhige, milde Ernst Anschars hatte etwas Überwältigendes.
Erich antwortete nichts. Er zog den Knaben fest an sich, mit einer Geberde halb des Zornes, halb der Verachtung kehrte er sich von dem Bischof ab. Noch einen Blick warf er auf Johannes: »Ich hasse auch dich,« sprach er, »aber du bist es wert, von einem Krieger gehaßt zu werden. Denn du gehst grade Wege.« Dann wandte er sich und ging mit dem Bruder schnell fort. Haß trug er im Busen. Dennoch spürte er im Herzen etwas davon, daß der Wille des Christen nicht böse war. Wer aber Güte nicht sehen will, der grollt doppelt schwer.
Anschar sah ihm traurig nach. Er wußte, daß er einen gefährlichen Haß geweckt hatte. Er liebte den Streit nicht; er siegte lieber durch Güte. War es eine Grausamkeit, den Glauben des Heiden zu verletzen? So etwas zu denken hatte Anschar nie gelernt. Was er gethan hatte, war die Rettung einer Seele. So war sein Glaube. Etwas anderes zu meinen, dazu konnten ihn nur die bösen Dämonen der Heidengötter versuchen, die zu bekämpfen er ausgezogen war.
Die beiden Mönche hatten an diesem Tage noch viel unter den Befreiten zu raten und zu reden. Manche sollten nur vorläufig hier Obdach finden, bis ihre Heimatdörfer wieder aufgebaut waren, und die vom Schwerte verschonten Verwandten sie zurückbegehrten. Aber vielen war die ganze Verwandtschaft erschlagen. »Es sind die Menschen im Unglück wie Kinder«, sagte der Bischof bei sich, »weil sie keinen Glauben haben sind sie völlig heimatlos und verzweifelt. Aber ich will sie sammeln und sie ein Dorf bauen lassen, und ich will ihnen ein Hirte sein.« Mit einigen vom Kirchengut erworbenen Knechten konnte man den Wald roden. Schon hörte Anschar im Geiste von der kleinen christlichen Ansiedelung die Betglocke friedevoll zum heidnischen Dorfe hinunterklingen und sah im Geiste die starken Gemüter durch das Vorbild dieser kindlichen Prediger sich wandeln.
Oftmals mußte der Bischof überströmendes Danken, Thränen und Küssen seines Gewandes über sich ergehen lassen, so daß er wohl sah, wie heute besonders für die noch Heidnischen es bei diesem menschlichen Danke verbleiben müsse. Solche Scenen erinnerten ihn an seine früheste Kindheit, wie er noch seine Mutter gekannt und mit Innigkeit an ihr gehangen hatte.
Es neigte sich schon die Sonne, und die Kühe auf den Weiden brüllten bereits, der Melkerinnen harrend, und weithin auf die Flur reckten sich die Schatten des Waldes; da schritten endlich Anschar und Johannes aus dem neuen Christenhofe, um stille Zwiesprach zu pflegen. Sie ließen sich auf einem im Bau nicht mehr verwendeten Stamme nieder, nahe dem Wald.
Anschar faßte freundlich die Hand des Jünglings wie ein Bruder dem Bruder, über dessen endliche Wiederkehr er freudig bewegt ist. Aber die hohe, vom Ungemach noch ungebeugte Gestalt und der tiefe, gewaltige Ernst des Antlitzes ließen doch sofort erkennen, wer von den beiden der Herr und der Meister war.
»Du hast den Mann auf der Fahrt erprobt«, begann er jetzt zu dem Jüngling an seiner Seite, »und er selbst scheint nicht ohne Achtung vor dir geblieben zu sein. Berichte mir alles, was ihr auf der Fahrt erlebtet. Sollte sich daraus Hoffnung zeigen auf die Beugung dieses mächtigen Willens? Doch verbirg nichts aus Bescheidenheit.« Da begann Johannes zu erzählen von der Fahrt: »Erich war höflich wie ein Franke von edeln Sitten. Mit günstigem Wind kamen wir durch die Gewässer der Elbe, von da an waren bald die Äcker wüste und die Dörfer zerstört. Endlich schritten wir auf wilden Heidehügeln; dahinter rauschte das große graue Meer. Da lag ein Hügel mit glatten grünen Wänden, oben darauf einige Saalbauten. Sie waren schön gezimmert aus langen, schweren Balken. Rundum lief ein Wall von riesigen Steinen. Wir kamen in einen Saal; da saßen viele Krieger mit schwarzen Haaren und buntem Zeug, auf erhöhtem Herrensitz der Häuptling; das war Erik, ein langer wilder Mann. Erich erzählte unsern Auftrag; ich zeigte den Becher. Da blitzten ihre Augen lüstern. »Gieb ihn nicht aus der Hand«, raunte Erich mir zu. Die Krieger drängten näher, es war ein gefährlicher Augenblick. »Dieses Kleinod,« so rief der Held, »läßt unsere Hand nur in Frieden für die Gefangenen, oder für ein Dutzend von euren Köpfen. Da wichen sie und standen im Kreis. Der Friedensbruch schien ihnen doch zu gefährlich zu sein. Erich riß eine Bank her und setzte sich, das blanke Schwert über den Knieen. Ich stand hinter ihm. So blieben wir. Ich redete mit dem Häuptling. Alle Gefangenen ließ er für den Becher. Da ging ich selbst und ließ sie versammeln. Derweil zechte der Held im Saal. Sie wurden miteinander vertraut. Greulich war das Lärmen und Trinken. Herr, dies Volk wurde der Christenheit zur Plage erschaffen. Söhne des Widerchrists sind sie und wohnen am Ende der bewohnten Erde. Freilich wurden durch feste Christenhand auch von ihnen einige zahm. Doch in ihren eigenen Sälen sind sie fürchterlich.«
»Morgens zogen wir fort. Die Christenkinder sangen mit mir. Erich war jetzt finster. Es kränkte ihn, mit Waffenlosen zu ziehen und zu lagern.«
Aufmerksam hatte der Bischof zugehört. Nun begann er: »Wärest du als Gastfreund bei ihm eingekehrt, wie vor dir kluge Glaubensboten thaten, so wäre wohl manches anders geworden. Der Mächtige fühlt sich geschmeichelt, einen Schwachen beschützen zu können, und duldet auch eine neue Gottheit, wenn man sie nur ihm nicht gleich aufdrängt. Jetzt hat er schon gespürt, daß der Christengott Demut verlangt, ehe er ihn noch lieben gelernt hat.«
»Wir müssen die Kinder der Welt erforschen und nach ihrem Wesen uns richten. So haben es alle die klugen, edlen Männer gethan, die in den Schulen des großen Kaiser Karl gelernt hatten und auszogen, die Völker des Nordens zu bekehren.«
Dem schlichten Sinn Johannes' waren diese klugen Wege nicht angenehm. »Du weißt,« antwortete er, »daß ich die Häuser der Großen fürchte. Ich kann sie nicht mit Worten und Gaben lenken. Ich will gleich ihren ganzen Sinn dem Herrn unterwerfen. Und das Herz der Reichen öffnet sich ungern dem Heiland.«
Da lachte Anschar freundlich, wie ein Lehrer, der die eigene Lehre feiner aus dem Munde des Schülers zurückerhält.
»Dein reiner Wille,« sagte er, »möge diesmal den Sieg besser erringen als die Kunst, die wir an Königshöfen lernten. Du wurdest der harten Zucht des Klosters entrissen, die den Söhnen der Edlinge den Nacken beugen sollte. Du warst arm, unfrei geboren, dann geraubt und von der Kirche wiederum losgekauft. Was bedurfte es strenger Zucht. Du warst demütig und dankbar.
Ja, Johannes, du wirst uns mit Sanftmut und Einfalt diesen Boden erobern. Der Erzbischof hielt einen Augenblick an, als wenn er sich auf etwas besinne, dann sagte er wieder: »Ich durchwachte als Jüngling schon zitternd die Nächte, dachte hoch von mir. Noch heute stürze ich aus Hochmut in Qualen des Zweifels. Dich fand ich ohne Arg. Dennoch bluteten dir von grausen Strafen Leib und Seele. Da nahm ich dich zu mir. Nun wuchsest du, wie ein wohlbegossener Baum. Jetzt schien dich der Dienst des Herrn nur gesund, freudig und stark zu machen. Heute erblicke ich wieder deine heitere Stirn wie einst zum ersten mal. Neun Jahre sinds, damals warst du noch ein stiller, sanfter Knabe. Nun wächst mir die Zuversicht zu diesem Volk. Wenn sie den armen Klosterschüler lieben, dann sind wir Sieger in diesem Volk.«
So sprach der Apostel, indem er zurückdachte an frühere Tage, als er noch im Kloster Corby an der Weser weilte, fern von den Stürmen der Welt. Johannes aber kniete nieder und begann ein inbrünstiges Gebet um Kraft für die drohende Gefahr. Leise betete der Meister mit dem Schüler. Das Abendlied der Drossel klang aus dem Walde und begleitete die lateinische Rede der Mönche.