Anzeige. Gutenberg Edition 16. 2. vermehrte und verbesserte Auflage. Alle Werke aus dem Projekt Gutenberg-DE. Mit zusätzlichen E-Books. Eine einmalige Bibliothek. +++ Information und Bestellung in unserem Shop +++
Erschöpft von Schrecken und Anstrengung suchte Anschar einige Augenblicke der Ruhe.
»Herr Gott,« so murmelte er, »als Knaben hast du mir im Gesicht verheißen, ich sollte mit einer Krone zu dir kehren: dieses Leid ist schlimmer als die Schmerzen des ärgsten Todes, neuer unglaublicher Kampf hat sich erhoben, wo ich endlich zum friedlichen Sieg durchzudringen hoffte. Das helle Auge der Einsicht, Herr, erkennt nicht mehr, wo deine Wege gehen. Es dunkeln die Gewölke des Sturmes; alles schlingt sich wirr durcheinander, Glück und Unglück, Freund und Feind.«
Ein schlimmes Bild aus der Vergangenheit stieg vor der Seele des Apostels auf. Er sah sich wieder vor langen Jahren an der Schwedenküste, neben ihm die Ordensbrüder Witmar und Gislemar. Die erbarmungslosen Wellen brandeten zu ihren Füßen, auf das große Meer sahen sie hinaus, hilflos ausgesetzt; dort in der Ferne führten Seeräuber ihr Fahrzeug fort, mit ihren Büchern, den Briefen des Königs, mit allen ihren Hoffnungen. Das gleiche Gefühl grenzenloser Verlassenheit, trostloser Verzweiflung ergriff Anschar auch jetzt wieder. Damals hatten sie in treuem Gebet, wenn auch oft verzagend, die Kraft sich erkämpft, hilflos wie sie waren, dennoch Ziel und Zweck ihrer Reise zu erreichen.
Noch stritt der wackere Mann mit der Verzagtheit, da näherte sich Johannes und kniete vor ihm und sah ihn mit einem bangen Blicke an.
»Du willst mich mahnen, Johannes,« sagte Anschar, »miteinander sollten wir unsere Zuversicht verdoppeln. Ach, mein Sohn, die wir lieb haben, denen wir einen helleren Freudensaal aufthun und unsern Herrn und Gott zeigen wollten, die stoßen uns von sich, verschmähen ihn. Nicht um meinetwillen, um ihretwillen bin ich betrübt. Unsere Freunde aber werden hingemäht oder gejagt wie die Rehe. Die ganze Flut des Unheils überwältigt uns: wir wollen beten, daß der Schmerz uns reiner, milder, edler mache.«
»Nicht beten, nicht jetzt, Vater, ich kann es nicht,« wehrte Johannes. Er hielt inne. Er fand den Bischof mutlos, anders, als er erwartete. Doch der Kampf in dem Jüngling war auf jener Höhe, wo wir keine Rücksicht kennen, sondern nur von jedem Beistand für unsere Not erwarten. »Laß mich beichten, Vater,« sagte er, »strafe mich! Kinder strecken ihre Hände nach mir, Verwundete stöhnen. Ich gebe ihnen nur Worte aus einem toten Herzen. Meine Sorgen sind mit dem starken Helden, der mein Gefährte war, und mit Oskar, dem Bruder. Wir sollen leiden, wir sollen Schmach dulden, und Christus giebt uns keine Kraft, zu helfen!«
Rasch durchschaute Anschar, was in dieser Jünglingsseele vorging. Nun, wo einer ihn vertrauensvoll anging, war auch seine Kraft wieder da. Er hieß Johannes aufstehen und sich neben ihn setzen. »Sprich mit dem älteren Freunde und Ordensbruder,« begann er, »ich sah dich deinen Weg gehen, stets heiter, mutig und nie um dich selbst besorgt. Ich glaubte schon, die bittere Not der Trennung von Gott bliebe dir erspart, du solltest leben ohne wie ein Jüngling sündig zu begehren, und ohne wie ein Mann in Trotz zu freveln! ungestört schien Gottes Friede in dir zu wohnen. Nun kam es doch und anders, als ich fürchtete. Die Welt mit ihrer Schönheit, ihrem Schein von Tugend hat dich ergriffen. Mannhafte Lust an Kraft und Ruhm ist in dir erwacht. Nun höre mich an. Jener Held, der für sein Volk die Waffen trägt, der Knabe, dessen Sinn sich gern der Christenbotschaft öffnete, sind auch Gottes Kinder.«
»Du siehst, wie die wehrlosen Kinder Gottes geschlagen werden, und beneidest die waffenmächtigen Jünglinge. Ich sage dir: wünsche und bitte, daß sie Gott sich beugen. Siehe, dann darfst du dich auch ihrer freuen.«
Johannes war aufgesprungen, rasche Gefühle wechselten und kämpften in ihm. »Du nimmst mir und du giebst mir wieder,« rief er, »unser Heiland liebte auch die Vögel des Himmels und die Blumen des Feldes, Gottes schöne Geschöpfe. Aus den Fischern, aus harten Männern, wählte er seine Jünger. Er liebte die Erdenkinder um ihrer Treue willen. Seit der Kindheit habe ich gelernt, die Welt sei böse, und auch alle Menschen seien verflucht, arg geschändet vom Teufel und bösen Geistern. Jetzt sehe ich es ganz anders. Nur weil wir böse lieben, nur für uns begehren, ist die Welt schlecht und sündig. Christus liebte Welt und Menschen.«
»Halt ein,« gebot jetzt Anschar, »du schreitest über heilige Schranken, uralte Lehre wirfst du übermütig fort.«
»O nein, ich bin nicht übermütig,« antwortete Johannes, »sieh, nun bin ich zufrieden und froh, nun diene ich gern; zu den Leidenden kehre ich zurück.«
Doch Anschar stand auf, faßte ihn am Arm und hielt ihn fest. Ein dunkeles Gefühl bewegte ihn, daß er Johannes nicht gewähren lassen dürfte; er sprach: »Ich bin entsetzt über das, was ich höre. So lieben, wie du willst, dürfen nur Gott und seine reinen Engel. Du hast dein Leben verwirkt; du mußt es hingeben, damit du rein und heilig werdest.«
»Da, gehe hin, laß mir diese sturmverwehte heimatlose Gemeinde. Du schreite durch die Reihen der Männer, die du liebst, waffenlos aber gewaltig wie ein Engel Gottes. Feuere sie an im Namen des Lebendigen und führe sie und wirb um sie für deinen Heiland durch dein strömend Blut.«
»Was sagst du, was kündest du mir?« rief Johannes. »Ich darf so lieben, aber ich darf nicht leben mehr! So lieben muß ich, und ich kann sterben.« Er legte die Hand auf die pochende Brust und sah empor in seliger Begeisterung: »Fromme Liebe und stürmisches Begehren wohnten bei einander in der Brust, nun vermählen sie sich und gebären doppelt lebendige Kraft. Vater, ich sehe blendenden, himmlischen Glanz; da muß ich hinein. Der Adler, dessen Flügel die Wolken streifen, kommt zum Vater oder er stürzt. Segne mich, daß er nicht stürzt.«
Da segnete Anschar den Jüngling und sprach: »Ein Geist, und wäre er noch so riesenhaft, der um den Segen des Höchsten fleht, ist fromm. Christus leite dein liebes Herz; fahr wohl, mein Sohn, mein Letztes, Teuerstes, werfe ich dich hinaus und werbe um dies Volk.«
Er hob den Teuren empor und legte sanft den Arm um ihn und grüßte ihn mit dem letzten Bruderkuß. »Ich will dir viele Söhne senden, Vater,« sagte der Jüngling, noch einmal schauten sie sich an, es war ein langer, ruhiger, tiefer Blick. Dann wandte sich Johannes und schritt in den Wald hinein nach der See zu.
Anschar sah ihm nach. »Noch einmal sah ich so recht hinein in sein Kindergemüt«, raunte er. Er hatte weiter keine Worte mehr. Er verstummte in namenlosem Schmerz. Aber seine Seele hatte eine unaussprechliche wunderbare Zwiesprach mit ihrem Gott. Da spürte sie den heiligen, strengen Liebeswillen des Ewigen, da ahnte sie über Raum und Zeit hinweg die Unvergänglichkeit der Geister, da wurde sie eine Herrscherin über alles, still und stark. – – –