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Drittes Kapitel.

Jenseits des Thals, durch das die Alster zwischen wiesen und Sumpf ihren Weg zu den mächtigen Wassern des Elbstroms sucht, stieg das Land langsam an. Da hatten des Helden Erich Vorfahren ihren Hof gezimmert. Es waren einige lange strohgedeckte Blockhäuser. Die Stützbalken der Giebel liefen kreuzweis in ein paar rohgeschnitzte Pferdeköpfe aus. Rundum lief ein hoher Wall von Felsblöcken, wie sie der Boden Holsteins reichlich birgt. Auf einer Holzbank vor der Giebelwand des größten Hauses saß Erich in Gedanken. Da trat sein Weib Bertha aus der Thür, nachdem sie noch auf die Mägde einen prüfenden Blick geworfen, ob sie nach der Mahlzeit die volle Ordnung wieder hergestellt. Lange schaute Bertha ihren Gatten unbemerkt an. Dann begann sie: »Mein Hauswirt, du bist nicht heiter heute, du bist stumm und trägst Kummer mit dir.«

Der Held sah auf mit blitzendem Auge und rief: »Traust du noch den Göttern, Weib? was geschehen wird, das erfährst du nicht. Das sind ernste Männergedanken. Ich bitt dich, geh!«

Mit Bangen drängte das Weib: »Ich gehe noch nicht; erst will ich mein Urteil. Dein Kind, du weißt – ich weiß, du hörtest – bald streichelst du es in innigem Mitleid, bald stößt du es fort wie einen Wechselbalg; dann starrt es mit bangen Augen den Vater an. Sieh, ich rief den Christen, 's war so jämmerlich. Der hat Lindolf gerettet, dein Kind, mein Kind, meins; ich war ein sorgenvolles Weib. Die nächste Not wollte ich lindern. Ich habe bekannt, nun gieb mir Urteil!«

Da antwortete mit verändertem Sinn der Mann: »Weib, du bist ein Kind vom Heldenstamm. Die Schwäche gemeiner Menschen hat dich nur angewandelt, wenn du jetzt Thaten sehen wirst, dann zeige, ob ich recht gesehen.« So sprach er, und schloß sie innig an seine mächtige Brust. – – –

An einer andern Stelle des Hofes vertrieben sich die Mannen die Zeit mit Gesprächen. Hengist, einen jungen Edlen, hatte die allgemeine Unruhe auf den Hof seines Nachbarn geführt. Der rief gerad: »denkt, liebe Leute, manche werden siebenmal getauft und bekommen jedesmal ein schönes weißes Hemd. Das heißt, die Priester merken es nicht, daß man sie anführt. Dennoch gebieten sie über gefährliche Mächte. Selbst harte, wilde Wikinger, die kamen, um die Christenpriester zu plündern und zu morden, sind knieend vor ihnen niedergefallen und haben sich fangen und taufen lassen. Mit geheimnisvollen Geistern sind die Christen im Bunde und bestricken mit ihrem Beistand die Herzen der Tapfern.« In hochfahrendem, grollendem Ton waren diese Worte gesprochen. Es war etwas Abstoßendes in dem Wesen des Sprechers, ein bitterer Zug um den Mund verriete den zanksüchtigen Menschen. Noch wagte keiner, etwas seinen Worten zu erwidern, da stürmte plötzlich jemand ins Hofthor und rannte gerade in die Gesellschaft hinein. Ein langes, christliches Bußgewand schlug ihm um die Glieder. Doch alle erkannten dahinter Heinrich, einen jungen Bauern. Mit lautem Geschrei fing der Aufgeregte an: »Seht dies herrliche Gewand an. Ihr wißt, mein Vater wurde unlängst Christ. Ich wurde auch getauft. Und nun geschieht's, daß ich einen Knecht des Vaters niederschlug. Mein Vater brachte mich zum Bischof. Nun, Kopfhängen und was den Mann entehrt, ist da Tugend. In diesem Rock stellten sie mich vor's Holzkreuz. Mir war das Herz wie herausgeschnitten. Starr und taub stand ich da. Knie, reuiger Sünder! rief Anschar zum zweiten Mal. Da brach das Leben aus meiner Brust als Grimm. Ich spie den Priester ins Angesicht und sprang davon.«

Ein unwilliges Raunen ging durch den Kreis, Hengist nahm den Redner bei den Schultern, schaute ihm lachend ins Gesicht.

»Wilder Heinrich,« sagte er, »du gehörst zu mir. Wir wollen auf Meeresdrachen hinfahren, wo schweres Korn und schöne Mädchen wachsen. Du fürchtest doch nicht die ehrbare Ratsversammlung der Bauern, weil Raub gegen ihre Sitte ginge. Ich sag dir, bald giebt es furchtbaren Krieg. Da bricht alle Sitte zusammen.«

Inzwischen war Erich herangekommen und hatte das letzte beobachtet. Jetzt schwiegen alle, als er anhub.

»Ihr wißt, wenn Rodende den Wald abhauen, so klagen die Holzweibchen im Forst, weil sie heimatlos geworden sind. Ebenso hilflos werdet ihr, wenn ihr euch als Räuber loslöst vom eignen Volke.« Ein Feuerblick traf Hengist, der von Heinrich zurücktrat. Dem legte jetzt Erich den Arm um die Schultern mit den Worten: »Heinz, du gehörst deinem Volk. Freilich nicht dem Christen! Der würde deinen freien Nacken züchtigen. Nun lege ich meinen Arm um dich. Willst du mit mir für unsere Freiheit fechten?«

Ein Staunen ging durch die Mannen über diese Worte. Der Fürst fuhr fort: »Der ist nicht mein erster Heergesell. Vorm Thor weiß ich schon mehr. Oswin und Hengist, ich entbiete euch zu einem Rat mit den Ersten des Volkes.«

Oswin war Erichs alter Ohm, ein Recke in weißen Haaren. Doch die Augen leuchteten noch jugendfrisch aus den verwitterten Zügen. Er hatte noch die Zeiten des Kampfes gegen den großen Kaiser erlebt; und er war stets bereit zu langen Schilderungen, wie herrlich die Tage der alten Freiheit gewesen seien. Als sie zum Thore hinausschritten, hub der Alte mit einer langen Rede an zu Hengist, der nur unwillig zuhörte.

»Ich sage euch, wir sind am Ende der Zeiten. Der neue Gott ist mild wie Baldur; doch der wahre Baldur ist er noch nicht. Eh der wiederkommt, hört der Wechsel der Jahreszeiten auf und die Erde und ihr pflügendes Geschlecht. Es geschieht ein Kampf zügellos wie nie, nicht Volk gegen Volk, sondern Mensch mit Mensch. Es kündigt sich schon an. Schon wird unsere Jugend locker und voll Frevelsinnes. Wir waren anders. Damals war auch der große Leib des Sachsenvolkes noch nicht zerschlagen. Als wir im Ring der Volksgenossen Streitaxt und Schwert empfingen, nahmen wir sie mit Ehrfurcht und mit freudigem Zittern. Unsere Jungen empfangen sie mit Murren und griffen lieber selber zu. Dies Geschlecht will Ehre haben nur durch sich selbst.«

Indes hatte Erich den ersten der Mannen, seinen Blutsfreund Brun, zur Seite gezogen. Brun war, obgleich ein wenig jünger, sein Spielgefährte gewesen und allmählich sein Vertrauter und Herzensfreund geworden. Von den Dänen zurückgekehrt, hatte Erich den Treuen mit seinem Schmerz und Zorn bekannt gemacht, und schon in der folgenden Nacht war Brun als Bote bei den angesehensten Männern der Gegend herumgegangen. Jetzt mußte Erich noch den Erfolg einer anderen Kundschaftung erfahren. »Brun,« fragte er leise, »bin ich wirklich meiner Mannen sicher bei so verwegenem Unternehmen?«

Von Schmerz bewegt antwortete der Jüngling: »Befiehl, und wir wollen Weib und Kinder morden, damit deine Hand nicht unschuldiges Blut vergieße. Die Treue deiner Mannen trägt deine Frevelthat. Mich kränkt dein Zweifeln.«

Da schloß Erich den Treuen an sein Herz. Ein finsterer mutiger Entschluß, der aufgestiegen war bei der Begegnung mit Anschar, war klar und fertig. Er winkte Oswin und Hengist, und sie schritten dem Hause zu. – – –

Draußen auf dem Platze vorm Thore war ein Ring ehrwürdiger Linden, von hier war ein weiter Umblick. Denn der Hof lag hoch, vor ihm senkten sich die Felder zum feuchten Wiesenthal hinab, und jenseits stiegen sie wieder auf zu einigen Bauernhöfen und dem neu gezimmerten Hause der Christen, die schon wieder den Rand des Waldes berührten. Über den Wiesengrund hin aber sah man den blauen, breiten Elbstrom, und am jenseitigen Ufer ein Gewirr flacher Inseln, die teils grüner Graswuchs, teils Erlen und Weidendickichte bedeckten.

Einige Männer waren nacheinander heraufgekommen; sie waren nicht weniger hochgewachsen als die adligen Krieger, breitschultrig und kräftig; das blonde Haar wallte den freien Männern lang herab, blaue Augen blitzten aus sonnverbrannten Gesichtern. Sie waren unter einer alten Linde zusammengetreten und sahen den Lanzenreitern des Königsgrafen zu, die drunten auf den Wiesen ihre Rosse tummelten. Unerträglich frech schien ihr Betragen, mehrmals streiften die Hufen der springenden Pferde das benachbarte Korn, daß einige Ähren geknickt umsanken. Da sprach unter den Bauern Winfried, ein alter nachdenklicher Mann: »Unsere Saaten achten, das hat der neue Baldur die Franken nicht gelehrt; besser als der sanfte Gott ist die hehre Frigga, die aus goldborstigem Eber über unsere Fluren reitet, und freudig neigen sich unter ihr die Ähren.«

»Die Frankenknechte«, fuhr ein anderer der Männer fort, der heftige Gerhard, »sind nur Dienstmannen ohne Eigentum. Aber wir sind des Bodens Herren, den unsere Väter den ungeschlachten Riesen des Urwaldes abgestritten haben. Wer ist denn dieser Graf da drüben in der Hammaburg? Ein Fremdling, unbekannt mit den Sitten, nicht vertraut mit den Herzen unseres Volkes. Findet der große König im Süden denn keinen Mann in unserem Stamm, daß er ihn zum Führer setze! Alles was gut und was fest wird aufgelöst bei uns. Sag, Unni, was schautest du, als du nach Osten rittest?«

Der Angeredete erzählte also:

»Noch sah ich mit Stolz Wodans Roßschädel über den Giebeln prangen. Aber eins bemerkte ich, das ist unerhört. Im speergewonnenen Slavenlande jenseits der Trave sitzen neue Siedler. Die sind keiner Markgenossenschaft verbunden. Einzeln trotzen sie, nur dem Frankenkönig kriegerisch ergeben. Das ist wider alle Sitte. Freilich die Sitte wankt ja auch bei uns. Unseren Knaben wird Zucht und Arbeit verhaßt. Sie schauen den nordischen Raubschiffen nach, die Goldschätze nach den Heldensälen des Nordens tragen.«

»Ein Mann ehrt den Volksthing und die alten Gesetze«, hub wieder der alte Winfried an, »das ist Held Erich, der uns hier zusammenrief; der ist ein echter Mann. In den Hallen der Götter haben seine Ahnen gesessen; ein rechter Führer und Retter für uns! Sein Blut wallt treu wie unsres, freilich heißer. Das hat er von seines Vaters Mutter geerbt, die der Ahnherr im Frankenkriege raubte und lieb gewann. Es war ein schwarzgelocktes Kind des Südens. Doch laßt uns zu ihm gehen«.

Die Männer traten in den Hof und wurden in den Herrensaal geführt. Lange währte die Beratung. Es war ein heimtückischer Plan, den Erich vorführte und den die Bauern nur langsam annahmen. Er hatte auf seiner Fahrt Freundschaft getrunken mit dem Dänenführer, seine Hülfe wollte er nun anrufen und mit ihm den fränkischen Grafen in der Hammaburg überfallen. Spät war es, als die Bauern den Hof wieder verlassen hatten. Da rief Hengist fröhlich: »Wir sind zu bedenklich und ehrenhaft. Recht und Ehre sind lange in den Staub getreten. Hat der grimme Karl so etwas bedacht, als an der Aller das edle Sachsenblut strömte. Die Märe erzählt, er habe im steinernen Becken des Christengottes ein blutiges Bad genommen. Und sollten wir Loki, den tückischen Verräter, zum Genossen nehmen, das wäre recht!«

Da hub Oswin, der Alte, an:

»Hengist, du hast nicht Recht gesprochen, Wir werden nicht freier, wenn wir zügellos über die Meereswellen streifen, wie du es im Herzen wünschst. Nicht jeder darf uns gut sein zum Genossen. Nur wer in einen würdigen Kreis gefügt ist, fest hält und gehalten wird, den achten wir als einen freien Mann. Doch will ich nicht mehr reden und klagen: die Ehrfurcht vor der Väter Sitte hat keine Macht mehr. Uralte Weissagung erfüllt sich bald. Die Erde, ihre Götter und Geschlechter versinken alle in fürchterlichem Kampf. Doch wer unsere alten Götter ehrt, der läßt den fremden Freund; der greift allein zum Schwert und stirbt mit den Göttern.« – – –

In so alter Zeit war eine Mobilmachung leicht geschehen. Ein jeder nahm Schild und Speer von der Wand und strich vielleicht sein kurzes Schwert noch einigemale über den Stein. In diesen Tagen hätte man wohl in den Nachbardörfern mancherlei hinter dem Herdfeuer raunen gehört und bedrohliche Wirksamkeit gesehen. Der Vater hämmerte schweigend ein neues Bärenfell über den Holzschild. Die jungen Söhne erprobten sich mit nackten Armen im Schwung der Streitaxt. Die Kleinsten betasteten mit großen Augen den heruntergeholten, stierhornverzierten Helm, und die Hausfrau füllte harte Wurst und frisches Brod in einen leinenen Sack. Aber draußen vor den Thüren war nichts zu bemerken. Nur in den Mienen hätte man eine gefährliche Entschlossenheit und einen stolzen Freimut lesen können.


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