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Zehntes Kapitel.

Der Tag ist vorgerückt, Mittag lange vorüber. Auf der Höhe über dem Wiesengrund rauchten die Trümmer der Hammaburg, der Kirche Anschars und der Dorfhäuser.

Gottes Sonne verbarg ihr Antlitz nicht, sondern schien erbarmungslos auf den Jammer. Am weiten Himmel zeigte sich keine weiße Wolke. Der frische Wind verwehte und zerstreute leicht den Rauch und Qualm.

Die Räuber waren überall geflohen, nicht ohne reiche Beute. Eben stieß noch ein flüchtiges Schiff vom Strande. Noch stand das Segel nicht. Jetzt faßt es der Wind; das Schiff neigt sich auf die Seite und strebte eilends fort. Manche Fahrzeuge der Feinde waren leer am Ufer geblieben, Sachsenboote hingen an ihnen, und mancher Streiter lag hingestreckt zwischen den Ruderbänken.

Weiber und Kinder schwirrten auf dem Uferrande schreiend, weinend und lachend durcheinander, gleich einer aufgestörten Mövenschar.

Zwischen den Trümmern des Dorfes suchten die zurückgekehrten Sachsen nach versteckten Feinden. Die von Oskar herbeigerufenen Scharen hatten den Brand zwar nicht mehr hemmen, aber doch den Feinden einen Teil ihrer Beute entreißen und sie selbst mit schweren Verlusten vertreiben können.

Auf dem Wege zum Christenhause kamen Zweie herauf, ein kraftvoller Greis und ein schlanker Knabe. Alter und Kindheit gesellen sich gern zu einander. Diese hatten dazu eben die Fahrt und den Angriff auf die Slavenschiffe gemeinsam vollbracht. Oskar hatte das Steuer geführt, die Pfeile der Dänen zielten auf ihn, einer traf ihm den rechten Arm, doch mit der Linken und dem ganzen Körper drückte er das Ruder herum, daß das Boot in vollem Lauf krachend in die Ruder der Dänen fuhr. Winfried und die Männer sprangen hinüber zwischen die vielen Feinde und stritten und würgten Brust gegen Brust bis keiner übrig blieb.

Als der Kampf entschieden war, hatte der Alte Oskars Arm verbunden und ihn gelobt. Dann sagte er: »Führe mich zu deinen Christen. Die werden uns jetzt helfen in dieser Not und Verwirrung.«

Oskar blickte erstaunt den Greis an: »Von meinen Christen sprichst du,« sagte er, »bin ich denn einer? Und du willst zu ihnen. Habt ihr denn nicht den Mord der Christen gelobt?«

Der Greis erwiderte: »Ich sehe etwas neues, anderes seit dieser Nacht, Knabe. Du bist treu gewesen gegen die Christen, darum hat ihr Gott dich beschirmt. Auf eine eigene Weise hat er es gethan; und er wird noch viel über uns vermögen. Höre mich an: Du kennst das Meer. Denk dir, wir schaukelten im Winter auf den blauen, kalten Wogen; der aufgespritzte Gischt bleibt an Bänken und Segeln als Eis hängen. Nun geht die Sonne im Westen unter. Da werden die Wolken blutig rot, und die Flut leuchtet stahlblau und eisig. So sind die alten Götter: Licht und Glanz, und trotzdem zittern uns alle Glieder.«

»Ist aber die Sonne fort, das Meer grau geworden, und frieren Leib und Seele noch mehr in der kalte Öde, da sehe ich mein Weib und meine Kinder ums trauliche Herdfeuer sitzen. Da wird mirs warm ums Herz. So, meine ich, wärmt der neue Gott.«

So redete der Alte; sie waren auf dem Wege zum Christenhause. Eben gelangten sie an die Stelle, wo Hermanns Söhne gefallen waren. Oskar erschrak, als er sie erblickte, er kniete zitternd neben den Toten nieder und strich ihnen das wirre Haar aus den blassen Stirnen. Da gesellte sich Gerhard zu ihnen, der im Dorfe geflüchtete Dänen aufgejagt hatte. Er rief mit wildem Mut: »Der große, grimme Kampf, den Oswin weissagte, hat begonnen. Jetzt sind die Christenmänner an der Reihe.«

Doch Winfried erwiderte mit Milde: »Dies alles ist nicht ohne die Macht des Christengottes geschehen. Ich sage dir, es wird nun Frieden geben.«

Gerhard sah erstaunt und zornig auf Winfried. Gerhard hatte den Erich zum Herzog ausgerufen: in ihm vereinigte sich der ganze Haß und der ganze Freiheitsdrang, »was sprichst du,« rief er, »weigerst du dich auszuführen, was wir in der Nacht beschlossen haben?«

»Ich habe das Letzte nicht mehr mitgeschworen,« antwortete Winfried, »mir graute davor. Jetzt sehe ich deutlich, es war nicht gut, daß ihr schwurt.«

»Du bist ein Verräter,« brach Gerhard los, »du bist deines Volkes unwürdig.«

Aus dem Walde jenseits kam jetzt Anschar, über den Wiesensteg schritt er einher, unverzagt auf die Gruppe zu. Wie den Erzvater Noah, der aussah, ob die Wasser sich noch nicht verliefen, so drängte es den Bischof, auszuschauen, ob der Sturm sich ausgetobt habe. Er hörte die Streitworte der Männer. Gleich trat er unter sie, schweigend.

Überrascht erblickten die Männer die hohe, friedvolle Gestalt. »Anschar, wir suchten dich,« redete ihn Winfried an, »dein Gott kann unser heimgesuchtes Volk heilen.«

Aber Gerhard fiel ihm drohend in die Rede: »Schweig, du, mit dein wetterharten Antlitz und dem kindesweichen Herzen. Wir wollen nicht den Knechtegott. Wir schwuren, alle seine Diener rings im Lande zu morden. Wenn du zauderst, ich thue gleich, was nun unsere Pflicht ist, Christ, rüste dich zum Sterben!« Das letzte sprach er zu Anschar. Schon hatten sich mehrere Männer versammelt. Winfried und Oskar deckten den Christen. Einige traten zu ihnen, einige zu Gerhard. Die Parteien standen sich drohend gegenüber. Da kamen Unni, Brun und einige, die mit Erich gekämpft hatten, aus dem Walde hervor. Sie hatten sich mit grünen Zweigen geschmückt.

»Laßt ab, laßt ab!« rief Unni schon von weitem, und als er vor ihm war, begann er, von hoher Freude bewegt: »Endlich, nach langem Hader, Unheil und Zwist strömt Segen aus schweren Wolken auf uns nieder. Aus Rauch und Qualm, aus Leichen treuer Männer, aus heißem Schutt und Trümmern blüht Friede auf. Der neue Gott giebt ihn. Er ward uns Nothelfer. Seinen Mann sandte er, und er fiel für unsern Herzog. Aber sein Geist ist über uns geflogen. Furcht erschütterte die Reihen der Feinde.«

Ein ehrfurchtsvolles Grausen faßte die Männer alle; schweigend standen sie. Auch Anschar beugte still das Haupt und Thränen flimmerten in seinen Augen.

Jetzt zog ein neuer rührender Anblick aller Augen auf sich. An den Leichen seiner Söhne stand Hermann, der Christ, gestützt auf seine Tochter Gertrud. Alle standen still da vor diesem Bilde des Schmerzes; sie fühlten etwas von der Heiligkeit des tiefen Leidens. Der gebeugte Mann aber wandte sich und sprach zu seinen Volksgenossen: »Jetzt darf ich wieder sicher und geehrt unter euch weilen. Der Haß ist ausgesöhnt und blutige Opfer sind zum Zeugnis gefallen, wir alle sind umgewandelt worden. Mir hat der Christengott die guten Söhne alle geraubt. Dennoch zürne ich ihm nicht. Er will uns als Freunde miteinander leben lassen und dann nimmt er uns zu sich in seinen Himmelssaal, wenn wir ihm treu gedient haben. Diese sind in Treue gestorben für ihren Vater, ich werde sie dort alle wiedersehen, in unvergänglicher Jugendkraft.«

Er redete in mildem und freundlichem Tone, wie sie es nicht kannten an ihresgleichen. Schon sank die Sonne und der Abendwind rauschte im Walde. Hoch empor reckte sich der alte, wunde Mann, und einen Propheten glaubten alle zu hören, als er nun sprach: »Die Sonne steigt hernieder. Mir ahnt, auf den langen, schwarzen Schattenbahnen ziehen heut die alten Asen einher, der Sonne nach. Still, unsichtbar tritt der neue Gott in unsern Kreis, und unsere Herzen pochen. Laßt ihn uns in unserer Mitte in holder Einigkeit empfangen.«


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