Charitas Bischoff
Bilder aus meinem Leben
Charitas Bischoff

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Reise in die Sächsische Schweiz

Siebenlehn

Ich hätte so gern auch einen Schlitten gehabt, alle Kinder erzählten, wie schön es sei, die große Wiese hinunterzusausen. Als ich es der Mutter sagte, wurde sie ärgerlich und rief: »Was du nicht immer alle« willst! Bald willst du ein spanisches Rohr, bald eine Stube, einen Garten und nun gar einen Schlitten! Der kostet wenigstens zehn Neugroschen. Als ob wir dafür Geld hätten. Das ist keine Kunst, alles zu haben, wenn man nur hingeht und es kauft. Wenn du was willst, dann denk mal darüber nach, wie du ohne Geld dazu kommen kannst, sonst bitt eine von den andern, daß sie dich mal hinten aufsitzen läßt. Quäl' uns aber nicht immer mit Wünschen, die Geld kosten!«

Da sah ich mich lange um in allen Kammern, ob nichts da sei, was mir als Schlitten dienen könne. Endlich fiel mein Blick unter den Arbeitstisch meiner Mutter. Da stand ein dicker, kurzer, unförmlicher Klotz, der hatte vier kurze Beine, die er verwegen nach außen streckte, darauf lagen meine paar Schulbücher. Ich legte geschäftig die Bücher auf den Fußboden, holte den Klotz hervor, drehte ihn um, so daß die Beine in die Höhe ragten, suchte mir einen Strick, band ihn an eins der Beine, und zog mit dem Ungetüm, das nun ganz schief vorwärts torkelte, auf den Gipfel der großen Wiese. Was war hier für ein Leben! Jungen und Mädchen von allen Größen tummelten sich hier, und von der Bahn herauf tönt« es laut und hell: »Bah–ne frei!« Ja, da so mit hinuntersausen, hei, das mußte eine Lust sein! Ich sah prüfend auf meinen plumpen Klotz, die andern sahen ihn, jetzt aber auch, und ein brüllendes Hohngelächter umgab mich.

»Hallo! Was ist denn das für ein Chineserschwein! Willst du damit etwa Schlitten fahren? Das laß nur hübsch bleiben, das Biest kratzt uns die schöne Schlittenbahn kaput! Geh nach Hause und koch' Wurstbrühe darauf, und frag' mal deinen Vater, in welche Klasse das Vieh gehört.«

Ich zitterte. Meinem Klotze wurde übel mitgespielt, die Jungen stießen mit ihren großen Stiefeln danach, sie gaben ihm einen Stoß, daß er einen weiten Bogen in eine Schneewehe machte, aber umsonst wollte ich doch nicht hergekommen sein, ich setzte mich darauf, aber zwischen den vier Beinen, die nur wenig Raum zum Sitzen ließen, konnte ich es nicht lange aushalten, selbst wenn mir die anderen die Fahrt gegönnt hätten. Weinend nahm ich meinen verachteten Klotz, zog ihn nach dem Forsthof, stellte ihn wieder brav auf seine vier Beine und wärmte mich durch. Nein, ich hatte nicht das Zeug, mich einer lärmenden Menge gegenüber zu behaupten!

 

Bald danach kam Weihnachten heran. Auf meinem Teller zwischen Äpfeln und Nüssen lag ein Zettel, darauf stand in der hübschen, charakteristischen Handschrift des Vaters: »Eine Reise in die Sächsische Schweiz!« Als ich den Zettel sah, dachte ich, es sei die Erlaubnis für einen Schlitten, aber dies hier überstieg ja meine kühnsten Hoffnungen. Ich sollte eine Reise in die Sächsische Schweiz machen?! Ich? Auf meine erregten Fragen antwortete der Vater, bald nach dem Fest dürfe ich mit der Mutter reisen. Ich hatte es mit meinen Reisevorbereitungen ebenso wichtig wie die Eltern. Alle Schulgefährtinnen wurden sofort davon in Kenntnis gesetzt. Ich ging zunächst zum Schulzen-Karl, der sollte, während wir auf Reisen waren, für den Vater sorgen. Schulzen-Karl war ein armer, verwachsener Bursche von sechzehn Jahren, den eine Leidenschaft für den Vater zu uns geführt hatte; er begleitete oft den Vater, trug was gesammelt war und half nachher im Hause, sowohl dem Vater wie der Mutter. Schulzen-Karl kam und wurde von der Mutter belehrt, was er zu tun hatte. Dann ging's ans Packen. Hoch aufgetürmt wurden die Pflanzenpakete im Tragkorb der Mutter. Eine unserer größten Botanisierkapseln wurde für mich gepackt. Der Riemen wurde kurz geschnallt, eine Scheidewand aus Pappe teilte die Kapsel in Speisekammer und Wäscheraum. In die eine Abteilung kam ein mäßiges Brot, ein Töpfchen mit Schmalz, Salz und ein Messer. In den andern Raum kamen Strümpfe und ein Beutelchen mit Schwämmen und Seife. Wenn ich in meiner Freude übermütig wurde, dann machte die Mutter ein bedenkliches Gesicht und sagte: »Ich will nur hoffen, daß es nicht zu anstrengend für dich wird.«

Anstrengend?! Wie konnte eine Reise mit der Mutter wohl anstrengend werden! Welch köstliche Zeit lag vor mir. Ich sollte sie so lange ganz für mich allein haben!

Wie ich mich seifte an dem Morgen! Ich meinte doch, ich müsse etwas ganz Besonderes mit mir vornehmen, wenn ich eine so schöne, lange Reise machte. Es war noch stockdunkel, als wir aufbrachen. Die Mutter hatte mir ein großes wollenes Tuch umgebunden, das Kopf und Oberkörper ganz bedeckte. Die dicken, groben Fausthandschuh hatte sie an ein langes Band genäht, das sie mir um den Hals hing. »Damit du sie nicht verlierst!« sagte sie. Dann nahm jede von uns ihre Bürde, und mutig traten wir in der schweigenden Dunkelheit unsere Wanderung durch den Schnee an.

Wir schlugen die Richtung nach Tharandt ein. Wunderbar erschien mir das Wandern im Dunkeln, aber noch war der Weg bekannt, die Kräfte frisch, alle Sinne angespannt und aufnahmefähig. Wie interessant war mir jedes kleine Ereignis, das die Einförmigkeit unterbrach. Als wir durch das nächste Dorf kamen, spähten wir, ob die Leute schon Licht hatten, ob der Rauch schon aus den Schornsteinen stieg. Wir horchten, wenn ein schwerfälliger Schritt über den gepflasterten Hof ging, wir hörten, wie die Pumpe gerührt wurde, und wie der Hofhund anschlug. Jetzt kam ein schwerfälliges Gefährt hinter uns her, es war ein leerer Möbelwagen. Der Fuhrmann stieg ab und fing mit der Mutter ein Gespräch an, und bald lud er uns ein, doch in seinem Wagen Platz zu nehmen. Die Mutter lehnte für uns selbst ab, fragte aber, ob er den Korb mitnehmen wolle? Im weißen Hirsch möge er ihn abgeben. Gut, das wollte er.

»So, da haben wir Glück!« sagte die Mutter lachend und griff nach meiner Bürde, die sie sich jetzt umhing. »Sieh einer an, wie gut wir's haben, wie wir den Kopf jetzt hoch tragen können! So leicht wandern, das mögen wir, Täschen, nicht?«

Schwach rötete sich im Osten der Himmel, die Sonne brach sich Bahn, zuerst blutrot, dann erbleichte sie, aber sie war doch da und lockte die Vögel herbei, wenn es auch nur Saatkrähen und Spatzen waren, die uns in ihrer Mundart den Morgengruß boten. Die Mutter stellte sofort einen Vergleich an, machte mich auf ihren Flug, ihren Gang und ihre Stimme aufmerksam und erzählte mir von ihrer Lebensweise. Ihrem scharfen, beobachtenden Auge entging nichts, und der geringfügigsten Erscheinung verlieh sie Inhalt und Bedeutung. Sie sagte: »Hast du schon darauf geachtet, wie verschieden die Baumstämme sind? Sieh dir den glatten Stamm der Buche und das weiße Stämmchen der Birke an. Die Buchenstämme sehen aus, wie mit grauem Metall überzogen. Sie kommen mir vor wie vornehme Hausbesitzer, sie wohnen allein, alle die kleinen bescheidenen Pflänzchen wagen sich nicht an die vornehmen Herren heran; aber sieh dir nur mal die Pappel oder die Weide an, was die für verschiedene kleine Leute bei sich wohnen haben, graue und gelbe Flechten und allerlei Moos, und der Baum gedeiht trotz alledem. Diese Art Bäume kommen mir immer vor wie gute, reiche Leute, sie geben den Dürftigen Schutz und Obdach, und sie leiden selbst darum keinen Mangel.« Wir betrachteten die Moose und Flechten, und die Mutter sagte: »Es gibt Naturforscher, die wenden ihr ganzes Leben daran, Moose, Flechten, Pilze und Farnkräuter zu studieren. Ich kenne in Halle einen Gelehrten, der hat gewiß an die zehntausend Sorten Moose. Er sagt selbst, er ist der reichste Moosmensch der Erde. Der Vater war es, der ihn zuerst auf diese verborgen blühenden Pflänzchen aufmerksam machte. Paß mal auf, ob du nicht noch einmal von Moos-Müller hörst. Wie ich schon sagte, diese kleinen Wesen sind unschuldig, aber sieh mal hinauf, wer sich da oben in der Krone breit macht, das ist ein böser Einwohner! Sieh nur, wie er den ganzen Gipfel umgarnt, wie er ihn aussaugt und ihm alle Kraft raubt.« Ich sah da oben ein grünes gabelförmiges Gerank.

»Das ist die Mistel, ein elender Schmarotzer. Und der tut man drüben in England die Ehre an und verwendet sie zum Weihnachtsschmuck. Hat sie das verdient? Sie hat doch einen ausgesucht schlechten Charakter. Na, wenn du älter bist, wirst du erfahren, daß es im Menschenleben nicht anders hergeht.«

Die ganze stumme Pflanzenwelt wurde durch den Umgang mit der Mutter stimmbegabt. Für mich wurden das Persönlichkeiten, ausgerüstet mit menschlichen Charaktereigenschaften, die einander bekämpften oder förderten.

»Daß du das alles so weißt!« sagte ich bewundernd; wußte ich doch, daß die Mutter aus dem kleinen Sauschen in der Niederstadt stammte, wo der Großvater Beutler gewesen war. Sie hatte erzählt, daß sie nicht viel in der Schule gelernt hatte.

»Was ich kann und weiß, habe ich dem Vater zu verdanken,« sagte sie jetzt auf meine Bemerkung.

Der Vater! Er war ganz anders als alle anderen. Er mied die Leute im Städtchen, er machte einen weiten Bogen, um die Straßen und den Marktplatz zu umgehen. Er nahm nie an einer gemeinsamen Feier oder Freude teil. Er arbeitete unablässig, fieberhaft, oder er ging stille, einsame Wege, um zu sammeln. Und trotz dieser Abgeschlossenheit fanden sich Menschen, die ihm begeistert nachliefen und sich in seinen Dienst stellten. –

Nach stundenlangem, mühelosem Wandern erreichten wir Tharandt. Im weißen Hirsch war der Korb schon abgegeben. Nachdem wir gegessen und uns ausgeruht hatten, gingen wir zu den Professoren Moritz Willkomm und Rheum. Wir fanden die freundlichste Aufnahm. Die Mutter erzählte viel und lebhaft, die Sammlungen wurden gezeigt und besehen, und am nächsten Tage wurden sie den Forstpraktikanten gezeigt, und die Mutter nahm Bestellungen entgegen.

Als es hier nichts mehr zu tun gab, wanderten wir weiter nach Dresden. Die Mutter fragte mich, ob ich mich noch auf Tante Clärchen besinnen könne? Ja, ich erinnerte mich ihrer. Die wollten wir besuchen. Wir malten uns aus, was sie sagen würde, wenn wir so unvermutet bei ihr ankämen. Ach, und dann kamen wir in das herrliche Dresden! Ich war begeistert, gerührt; es überwältigte mich ganz! Das viele Sehen, das Leben in den Straßen strengte mich aber doch so an, daß ich öfters fragt«, ob wir denn immer noch nicht bald bei der Tante seien. Wir gingen durch die Altstadt, über die lange Elbbrücke, durch die stillere Neustadt die lange Königsbrücker Straße zu Ende. Unterwegs kaufte die Mutter ein Brot und etwas Schweinefett, denn unser mitgenommener Vorrat war längst aufgezehrt. Dann standen wir vor einem Haus still, und die Mutter sagte erregt: »Hier ist es, gleich hier unten! Jetzt geh du mal hinein, sag' guten Tag und grüß' von deiner Mutter; ich bleibe erst mal hier.«

Ich zögerte und wollte Einwendungen machen.

»Nein, geh nur!« sagte die Mutter leuchtenden Blickes mit leisem Lachen, »ich möchte doch wissen, ob sie darauf kommt, wer du bist!«

Da ging ich hinein. Eine Frau, im Alter der Mutter, saß am Fenster vor einem großen Haufen dunkler Strümpfe, einen hatte sie über die Hand gezogen und stopfte ihn. Ich tat wie die Mutter gesagt hatte. Die Frau sah verwundert nach mir hin und sagte: »Du sollst von deiner Mutter grüßen? Aber wer bist du denn? Ich hab' dich ja noch nie gesehen.«

Ich hielt mir die Hand mit dem groben Fausthandschuh vor den Mund und lachte verlegen. Die Mutter hatte die Tür ein ganz klein wenig geöffnet und spähte durch den schmalen Spalt.

Plötzlich warf die Frau ihren Strumpf weg, rannte eins ihrer Kinder um, stieß die Tür auf und rief erregt: »Nicht möglich! Malchen und Charitas!« Dann schloß sie mich liebevoll in die Arme und wunderte und freute sich von neuem. »Nein, ist das hübsch, daß du das liebe Täschen mal mitbringst! Ich hätte sie ja nicht wiedererkannt. Mein Gott, wie lange ist das her, daß ich sie an dem Novembermorgen nach Nossen trug! Wie sie gewachsen ist! Malchen, komm, stell' den Korb hier in die Küche, und du, bind dein Tuch ab, und macht's euch bequem. Ihr bleibt doch bei uns?«

»Ja, hast du denn Platz? Ihr seid schon so viele.«

»Ach, wo so viele sind, da kommen auch noch zwei unter. Taschen kann sich mit zu einem der Kinder legen, und du schläfst auf dem Kanapee.«

»Ich möcht' schon bei dir bleiben,« sagte die Mutter. »ich hab' dich so lange nicht gesehen und hab' dir soviel zu erzählen.«

»Ja, selbstverständlich. Ich stell' nur den Kessel hin, ich koch' euch einen warmen Kaffee.«

Ich saß bald auf dem Fußboden und spielte mit den Kleinen. »Wo sind denn die Großen?« fragte die Mutter.

»Die werden sich schon nach und nach einfinden. Das wird eine Freude werden!«

Und immer mehr füllte sich die Stube. Da waren ganz große Jungen, die gönnerhaft, ein bißchen spöttisch, auf mich herniedersahen, aber da waren auch Mädchen, Luise und Mathilde, die nicht zugaben, daß ich auf der Diele saß und mit den Kleinen spielte. Sie erzählten und fragten ohne Unterlaß. Sie besahen mich von allen Seiten und fragten, warum ich nicht einen runden Kamm, der das Haar so schön aus dem Gesicht hielte, trüge, und ob ich gar kein Netz hätte, man könne sie sich ganz leicht selbst häkeln, aus Mooswolle, die seien jetzt Mode, mit einer gleichfarbigen Schleife an der Seite. Warum ich gar keinen Mantel und keine Kapuze bei der Kälte hätte? In Dresden gehe man nicht so wie ich. Ob alle Kinder in Siebenlehn so aussähen wie ich? Siebenlehn sei wohl ein sehr kleines Nest?

Ich konnte gar nicht schnell genug antworten und sah manchmal hilfesuchend nach der Mutter, die saß aber am Nähtisch bei Tante Clärchen, jetzt hatte jede einen Strumpf zum Stopfen über die Hand gezogen, dabei waren sie so vertieft in ihr Gespräch, daß sie auf uns nicht achteten.

Als mich die Mutter am nächsten Morgen zum Ausgehen zurechtmachte, wurde ich ihr mit großem Protest entrissen, und Mathilde erklärte bestimmt: »Laß nur, Tante Malchen! Ich mach' Täschen zurecht! So kann sie nicht mit in die Apotheken. Ich zieh' ihr ein Jäckchen von mir an, und sie bekommt meine blaugestrickte Haube auf.«

»Und weißt du,« wandte sie sich an mich, »ich habe noch ein Blumenstreukörbchen, das nimmst du in die Hand, das macht sich so hübsch, da hast du deine Hände untergebracht.«

Die Mutter schüttelte mißbilligend den Kopf und wollte Einspruch erheben, aber da sagte Tante Clärchen: »Malchen, laß nur Mathilde machen, das macht ihr Spaß, Täschen zu bemuttern, sie ist ja ein paar Jahr älter und ist es von den jüngeren Geschwistern her gewohnt. Ihr kommt von Siebenlehn, ihr könnt nicht wissen, was die Großstadt verlangt.«

Da sagte die Mutter: »Macht doch bloß nicht so. viel Worte um solchen Quark! Ob sie dies oder das anhat, das ändert am Kinde gar nichts.«

Ich aber ging gehobenen Hauptes mit dem bronzierten Blumenkörbchen in der Hand an der Seite der Mutter in die Apotheken. Nach allerlei Wanderungen kamen wir auch in die Salomonisapotheke. »Da ist's am schönsten!« sagte die Mutter vorher.

Die Mutter war auch hier ganz bekannt. Die geschäftigen Herren nicken ihr zu, und sagten, bald würden sie so weit sein, um die Pflanzen anzusehen. Dann kam ein schmächtiger, blasser Herr, über dessen seines, sympathisches Gesicht ein gütiges Lächeln huschte, als die Mutter zu mir sagte: »Geh und sag' Herrn Richter guten Tag.« Herr Richter bat die Mutter mit hinaufzukommen, wo er uns seiner Frau mit den Worten vorstellte: »Das ist Frau Dietrich. Ich habe dir ja schon öfter von ihr erzählt. In all dem Schnee kommt sie mit ihrem kleinen Mädchen ganz von Siebenlehn hierher, und hier ist sie nun wieder von früh bis abends auf den Beinen. – Mußten Sie denn gerade bei der Kälte fort?«

»Ja, ich mußte,« sagte die Mutter leise.

Während Herr Richter mit der Mutter sprach, hatte er ganz sanft seine Hand auf meinen Kopf gelegt, ich empfand diese Berührung wie eine Liebkosung, und mein ganzes Herz flog ihm in Verehrung entgegen. Herr Richter ließ sich die Pflanzen zeigen und suchte eine Menge aus, dann sagte er: »Das Kind lassen Sie nur hier, was soll die denn bei der Kälte auch noch mit herumlaufen. Nicht wahr, du bleibst gern bei uns?« und er sah mich dabei so gütig an, daß ich beglückt nickte.

»Wenn Sie fertig sind, holen Sie sich das Kind. Komm, stell' dein hübsches Körbchen draußen auf die Fensterbank. Willst du hier oben bleiben, dann gebe ich dir hübsche Bilderbücher, du kannst aber auch zu mir hinunterkommen und dir unten alles mal ansehen.«

Die Mutter dankte und ging, und ich vertiefte mich in die herrlichen Bilderbücher. Hier sah ich das tatsächlich ausgeführt, was mir im Geiste vorgeschwebt hatte, die Blumen als Personen dargestellt. Nach all dem Wandern das herrliche Ausruhen in dem durchgewärmten Räume, o wie wohl fühlte ich mich! Dann aber zog es mich doch zu Herrn Richter. Ich fand ihn in einem Stübchen hinter der Apotheke. Er sagte: »Nun hol' mal dein Körbchen, ich will doch mal sehen, ob ich es dir füllen kann.«

Er schloß Schränke auf und zeigte mir schöne Schachteln, auf Silberpapier rote Rosen, und als ich sie bewunderte, sagte er: »Das sind Pillenschachteln. Wollen wir sie mal füllen?« And er steckte mir gute, süße Dinge hinein. Und kleine Fläschchen mit Haaröl und Eau de Cologne und Süßholz und Johannisbrot, alles kam ins Körbchen und ich mußte ihm von meinem Leben in Siebenlehn erzählen. Ich überwand alle Scheu und erzählte ihm von Hamlet und von dem Schmied von Marienberg, er hörte lächelnd zu, streichelte mich und sagte: »Du kannst dir auch mal die andern Räume ansehen.« Und ich kam in einen Hof, der ein Glasdach hatte, hier war kein Schnee, groß, weit, trocken und warm war es. Frauen standen da und hatten einen großen Aufwasch, und ich schaute in Räumlichkeiten, wo ein junger Bursche stand und mit viel Lärm etwas in einem Mörser zerstieß, und in einem Raum sah ich junge Herren, die vor Retorten standen und kochten, das war das Laboratorium. Zum Essen wurde ich hinaufgerufen, dann aber zog es mich wieder auf den gemütlichen Hof, wo so viele geschäftige Menschen angestellt waren. Hier hätte ich bleiben mögen.

Als mich die Mutter am Abend holte, sagte Herr Richter: »Die kleine Charitas ist ja sehr fürs Theater, hat sie mir erzählt.«

Die Mutter nickte lachend. »Freilich,« sagte sie, »es war ein Ereignis in ihrem Leben.«

»Ich höre, sie hat ihr Studium gleich mit Shakespeare angefangen. Damit sie nun nicht aus der Übung kommt, habe ich für Sie beide Karten für das Königliche Theater genommen. Heute abend wird ›Der Kaufmann von Venedig‹ gegeben. Devrient spielt den Shylock. Ich denke, das wird der Kleinen Freude machen, und auch Ihnen wird es hoffentlich recht sein.

»Aber, Herr Richter!« sagte die Mutter. Der war aber schon wieder in der Apotheke, um jedem Dank zu entgehen.

Wir aber gingen den Abend großartig ins Königliche Theater und hörten Devrient als Shylock.

Am nächsten Tage machte ich mir bei Tante Clärchen Freunde mit dem ungerechten Mammon. Nur die niedlichen Fläschchen mit dem Haaröl und der Eau de Cologne behielt ich für mich. Das Blumenkörbchen war den Kindern nun noch viel interessanter geworden. Als die Mutter mit allem Geschäftlichen fertig war, nahm sie mich mit in die Bildergalerie. Hier setzte sie sich still mit mir vor die Sixtinische Madonna, und ich dürfte lange in die himmlisch überirdischen Augen des Heilandkindes und seiner Mutter schauen.

 

Dann ging's eines Morgens wieder vorwärts. Unser nächstes Ziel war Stolpen. Auf meine Frage nach der Länge des Weges meinte die Mutter, sie könne es so genau nicht sagen, mit dem schweren Korb könne es immerhin fünf Stunden dauern. Als wir Dresden im Rücken hatten, merkten wir erst, wie eisig der Nordwind über die frei gelegene Chaussee fegte. Er schnitt uns scharf ins Gesicht. Dicht zog ich das Tuch über die Stirn und verschränkte die Anne, um die Wärme festzuhalten. Der Wind trieb mir das Röckchen hoch, die Luft ging mir aus, ich konnte nicht Schritt halten mit der Mutter. Da sah ich sie von der Straße abbiegen. Sie stellte sich in den Schutz einer einsam gelegenen Scheune und winkte mich zu sich. Sie nahm ein graues Leinenbeutelchen aus der Tasche, löste das Band und sagte: »Täschen, das ist doch ein böser Wind heute, der geht durch und durch. In der Stadt hat man's gar nicht so gemerkt. Dies ist kein Spaß für dich. Es ist am besten, du gehst nach Hause. Ich geb' dir ein paar Neugroschen, dafür kaufst du dir unterwegs was Warmes. Du wirst den Weg schon finden. Darfst nicht wieder über Tharandt gehen, das ist ein Umweg, du mußt über Wilsdruff gehen. Du fragst in Dresden nach der Wilidruffer Straße. Nicht wahr, du fragst dich schon zurecht? Es ist ja noch früh, du hast den Tag vor dir, bis es dunkelt, bist du auch zu Hause. Ich fürchte es kommt Schneesturm, da möchte ich lieber du gingest nach Hause.«

Davon wollte ich aber durchaus nichts wissen. Ich schob die Hand mit dem Gelde zurück und versicherte, ich wollte nicht klagen, nur solle mich die Mutter nicht nach Hause schicken. Mir graute vor dem langen, einsamen Weg bei der Kälte.

»Nun,« sagte die Mutter, jetzt aber nicht zärtlich und liebevoll, sondern sehr fest und energisch, »wenn du aber klagst! Oder etwa hinterher hängst, wie grade jetzt! Du hast dich nach meinem Schritt zu richten! Meinst du, daß ich mit dem schweren Korb auf dem Rücken mich noch viel mit Motten oder Trösten aufhalten kann? Vorwärts!«

Ich nahm mich zusammen, aber es dauerte nicht lange, so entstand doch zwischen uns beiden wieder ein großer Zwischenraum, und der wurde zu meinem Schrecken immer größer und größer! Ja, das kam wohl auch vom Rückwärtsgehen; denn da der Wind mir so scharf ins Gesicht schnitt, hatte ich versucht mich umzudrehen und dann rückwärts zu laufen, dabei aber kam ich nur langsam weiter. Da kam uns ein Einspänner nachgefahren. Als der Wagen dicht bei mir war, hielt er, und der Mann, der oben saß, fragte, wohin ich wolle.

»Nach Stolpen!« rief ich.

»Ganz allein, bei dem Wetter?«

»Nein, da geht meine Mutter.«

»Komm, steig auf, ich will auch dahin.«

So schnell ich nur konnte, kletterte ich mit Hilfe des Mannes hinauf, und fuhr lachend an meine Mutter heran.

»Die Kleine kommt bei dem Winde ja nicht vorwärts. Ich nehme sie mit. Wo soll ich sie absetzen?«

»In Fischbach! Das ist schön, daß Sie sie mitnehmen! Tausend Dank!«

Sie winkte mir lachend zu, und vorwärts ging's. Ich seh' den Mann noch vor mir. Er hatte einen molligen Rock an von langen, silbergrauen Haaren, was ihm das Aussehen eines Eisbären gab. Unterwegs kehrte er ein und bestellte zwei Teller Reissuppe. Er nickte mir lachend zu, als er sah, mit welcher Freude ich meinen Teller in Empfang nahm.

Ganz nach Verabredung holte mich die Mutter ab, und wir wanderten die kurze Strecke bis Stolpen. Am Marktplatz war ein einfacher Gasthof, dahin gingen wir. Die Mutter ging ohne mich in die Apotheke. Ich setzte mich ans Fenster und schaute auf den kleinen, eingeschlossenen, steil ansteigenden Marktplatz. Der Wind hatte sich gelegt, weiße, große Flecken senkten sich auf den stillen Platz. Alles war so fremd, ich fühlte mich einsam und wünschte, die Mutter möge bald kommen, ich hatte doch den ganzen Tag so wenig von ihr gehabt. Endlich kam sie. Wir aßen eine Brotsuppe und gingen bald zu Bett.

Am nächsten Morgen wanderten wir nach Hohnstein. Das Wetter war nicht mehr bös. Sturm und Kälte hatten nachgelassen. Eine neue Schicht Schnee lag über der alten Decke. Wir konnten heute viel leichter miteinander sprechen. Vorm Städtchen zeigte mir die Mutter das Schloß und machte mich auf die Basaltsäulen aufmerksam. Beim Weiterschreiten erzählte sie mir viel von der Geschichte des Schlosses. Da war es nun wieder ein fröhliches Wandern bis Hohnstein. Nachdem wir uns im Gasthof geruht und gestärkt hatten, gingen wir in die Apotheke. Da kamen wir nicht so bald fort, Pflanzen wurden besehen, ausgesucht, Sammlungen bestellt, und als wir endlich gingen, geleitete uns der Apotheker vor die Tür und zeigte uns den Weg nach Königstein. Dann meinte er mit einem Blick auf mich: »Ich würde mit dem Kinde doch lieber warten bis morgen. Die Tage sind kurz, die Dämmerung bricht bald herein und Sie kennen hier weder Weg noch Steg.«

Die Mutter ließ sich aber nicht raten. Wir wanderten mutig zum Städtchen hinaus, hatten eine mäßige Steigung und erreichten eine Ebene, deren Ende wir bei der herannahenden Dämmerung nicht mehr sehen konnten. Ach, wie einsam war es hier!

Links von uns die Ebene und rechts? Ein Grauen packte mich, so daß ich mich furchtsam an die Mutter drängte. Groß und finster stieg eine nackte Wand gen Himmel. Unwillkürlich stand die Mutter still. Fühlte auch sie sich der gewaltigen Natur gegenüber verzagt? Unaufhaltsam senkte sich die Dämmerung über das weite, einsame Schneefeld. Die Mutter sah schweigend nach allen Seiten. Der Weg war nicht mehr zu erkennen, nur Schnee unter uns und düstere, drohende Wände neben uns. Wir zagten beide und dämpften unsere Stimmen. »Das ist der Lilienstein!« flüsterte die Mutter. Ich sah, innerlich erschauernd, furchtsam an ihm empor. Wir standen unschlüssig und spähten ängstlich nach allen Seiten. Die dämmernde Stille hatte etwas Bedrückendes, und unaufhaltsam wurde es immer dunkler. »Ach Gott!« sagte die Mutter, »wenn ich doch lieber allein wäre. Ich weiß keine Richtung, und weit und breit kein Mensch, der uns zurecht hilft. Hätten wir getan, was der Apotheker sagte.« Da – horch! Frische Kinderstimmen durch die dunkle Einsamkeit. Sie sangen:

»Seht wie die Sonne dort sinket
Hinter dem nächtlichen Wald,
Glöcklein zur Ruhe uns winket,
Hört nur, wie lieblich es schallt.
Trauliches Glöcklein, du läutest so schön.
Läute, ach läute nur zu,
Läutest zur süßen Ruh!«

Wie das wirkte in dieser winterlichen Einsamkeit! Nun, sagten wir uns, wo Kinder sangen, da mußte ja auch eine menschliche Wohnung sein. Wir gingen dem Klange nach, und wir kamen wirklich an einsam gelegenes Gehöft. Die geräumige Hausdiele, die wir tappend betraten, wurde von einem prasselnden Herdfeuer behaglich erleuchtet. Die Bauerfrau saß mit Knecht und Mägden vor einem hoch aufgeschichteten Kaufen Runkelrüben, die sie in Stücke schnitten. Nun kamen auch die kleinen Sänger herein. Sie hatten die Stiefel voll Schnee, den sie an der Tür abstampften. Die Frau schalt, daß sie sich so lange bei Nacht und Nebel draußen herumtrieben und durch ihren Singsang fremdes Volk heranlockten. Ein mißtrauischer Blick auf uns begleitete die wenig gastfreundliche Rede.

»Was wollen Sie hier?« fragte die Frau barsch, »hier ist keine Herberge!«

Die Mutter erzählte kurz, daß wir den Weg verloren hätten, und bat, ob wir nicht die Nacht hier bleiben könnten, wir seien fremd in der Gegend, und sie wage sich mit dem Kinde in der Dunkelheit nicht weiter. Wir wollten gern mit einem Platz auf der Ofenbank fürlieb nehmen. Die Frau wies uns aber kalt und entschieden die Tür, hier sei kein Wirtshaus, sagte sie. Der Blick der Mutter fiel mitleidheischend auf mich: »Das Kind!« sagte sie, »das Kind! Sie haben selbst Kinder, und die sangen soeben von einer süßen Ruh! Ich meinte, die Töne müßten eine gute Vorbedeutung für uns sein.«

»Nein,« sagte die Frau, »es geht mich nichts an, was die Kinder singen. Wo wollen Sie denn hin?«

»Nach Königstein.«

»Dahin kommen Sie heute abend nicht mehr. Gehen Sie bis zur Ebene, und bleiben Sie da. Ich will Ihnen den Weg beschreiben.«

Sie schüttelte ihre Schürze ab und trat mit uns auf das weite Schneefeld.

»Dahin müssen Sie,« sagte sie und streckte den Arm nach dem schwarzen Riesen aus.

»Aber daher kommen wir ja grade,« seufzte die Mutter.

»Ja, das mag wohl sein, aber dahin müssen Sie. Sie müssen den Lilienstein immer rechter Hand behalten, ganz dicht am Felsen hin, wenn Sie das beachten, können Sie nicht fehlgehen. Der Weg führt Sie nach der oberen Ebene. Gute Nacht.«

Weg war sie. Die Tür wurde geschlossen, und wir steuerten auf die schwarze Wand los. »Komm, gib mir dein Händchen,« sagte die Mutter, »und nimm dich in acht, daß du nicht stolperst oder in ein Loch trittst. Es ist ja noch gar nicht spät, wir haben gar keine Eile, nur laß uns vorsichtig gehen. Es ist doch sonderbar, wie verschieden man empfindet, ob man eine Gegend im Sommer, wo goldiges Sonnenlicht auf die Felsen fällt, oder ob man sie in Schnee und Eis und bei Nacht durchwandert. Dieser selbe Felsen, der uns jetzt Grauen einstößt, der ist in der schönen Sommerzeit das Entzücken der Menschen. Man macht weite Reisen, um die Gegend hier zu sehen und diese Berge zu bewundern. Ich habe mich nicht satt sehen können, wenn die Sonne ihr Licht darauf wirft, sie bekommen dann Leben, manche sehen aus wie durchfurchte Riesengesichter, in die die Jahrtausende tiefe Falten gegraben haben.«

Wir arbeiteten uns an der Wand weiter, bis wir plötzlich eine scharfe Biegung machten. Wir waren im Walde. Nun leuchtete uns nicht einmal der Schnee mehr, undurchdringliche Finsternis umgab uns, aber wir fühlten zur Rechten die hohe Wand. Wir hatten beide die Empfindung, als ob links von uns tief unten ein Bach fließe, denn wir hörten von da her ein Rauschen, sonst konnten wir uns keine Vorstellung von unserer Umgebung machen. Der Pfad war nur schmal, und die Mutter ermahnte mich, lieber dicht vor ihr her zu gehen. Der Weg kam mir unendlich lang vor, ich ging wie im Traume, denn ich war sehr müde. Mein Ohr vernahm das Rauschen des Wassers, dann und wann den Flug eines aufgeschreckten Vogels und den eintönigen Tropfenfall vom Felsen. So lernte ich den Lilienstein kennen!

Dann und wann kam ein tröstender oder aufmunternder Zuruf von der Mutter: »Nun heb doch die Füße hoch! – Du stolperst ja beständig! – So, so, verzag' nur nicht, ich bin ja bei dir.«

Ich verhielt mich während der unheimlichen Wanderung ganz still, aber es war mir ein Trost, wenn ich hinter mir die Stimme der Mutter hörte.

Sehnsüchtig durchspähen die Augen das Dunkel. Da, – der Wald ist zu Ende, der Felsen ist auch zu Ende, – es ist heller und freier, wir merken, daß wir keine Tiefe mehr neben uns haben, und – o die Freude! in der Ferne schimmern Lichter, wir sind in der Nähe von Menschen!

»Ach, Täschen!« sagte die Mutter tief aufatmend, »das laß dir eine Erinnerung fürs Leben bleiben. Glaub' mir, durch manches dunkle Tal werden wir geführt, wo Abgründe in die Tiefe locken. Nicht immer steht ein Fels zur Seite, der der tastenden Seele einen Halt gibt. Aber Gottes Hand ist immer gegenwärtig, die will dich halten, wenn du sie suchst. Nicht immer hast du deine Mutter bei dir, die dich schützen kann. Vergiß diese Wanderung nie, sie kann dir zum Trost dienen. In der Ferne winkt das Licht!«

Jetzt waren wir dem Hause nahe, durch dessen Fenster der Lichtschein fiel. Es ging drinnen lebhaft zu, wir hörten wie viele jugendliche Stimmen sangen und mit Freuden erkannte ich den Gesang. Wir blieben stehen und lauschten, und ich summte leise mit:

»In der Heimat ist es schön,
Auf der Berge lichten Höhn,
Auf den schroffen Felsenpfaden,
Auf den Fluren grüner Saaten,
Wo die Herden werdend gehn,
In der Heimat ist es schön.

In der Heimat ist es schön,
Wo ich sie zuerst gesehn,
Wo mein Herz sie hat gefunden,
Ewig sich mit ihr verbunden,
Dort werd' ich sie wieder sehn,
In der Heimat ist es schön!«

Der Gesang war beendet, man hörte lachen und sprechen. Nun traten wir ein. Es war in der Stube so laut, daß niemand unser schüchternes Klopfen hörte. Da öffnete die Mutter leise die Tür, und ich schob neugierig den Kopf an ihr vorbei und betrachtete staunend das belebte, eigenartige Bild, das sich unseren Blicken bot. Burschen und junge Mädchen saßen in weitem Kreis in der großen Bauernstube. Die Mädchen hatten Spinnrocken vor sich stehen, die mit lustigen, bunten Bändern geschmückt waren. In weitem Bogen drehten sie die schnurrenden Spindeln. Dieses heitere Bild wurde durch einen düster brennenden Kienspan, der in einen großen, eisernen Leuchter festgeklemmt war, unruhig beleuchtet. Beim großen Kachelofen lag ein ganzer Stoß Kienspäne. Das Bild war so eigenartig und reizvoll, daß ich es nie vergessen werde. Ich hatte in Geschichten von Kienspänen gelesen, gesehen hatte ich sie nie.

Endlich bemerkte man, daß wir an der offenen Tür standen, aller Blicke richteten sich plötzlich nach uns. Hinter dem Ofen trat eine Frau hervor, die ärgerlich rief: »Macht doch die Tür zu bei der Kälte.«

Wir traten ein und schlossen die Tür. Die Mutter bat, ob wir hier nicht die Nacht bleiben könnten. Wir seien so müde, und da wir fremd seien, könnten wir bei der Dunkelheit den Weg nicht finden.

»Hier ist kein Gasthof,« sagte die Frau in singendem Gebirgsdialekt. Als wir doch stehen blieben, fuhr sie unfreundlich fort: »Ich habe hier geladene Gäste, ungebetene will ich nicht.« Sie murmelte etwas von »Herumstreichern«.

»Herumstreicher sind wir nicht,« sagte die Mutter stolz und richtete sich mit ihrer Last in die Höhe. »Ich habe höflich gebeten, ich kann wohl eine höfliche Auskunft erwarten! Wenn Sie keinen Platz für uns haben, so sagen Sie uns wenigstens, wo wir in der Nähe ein Unterkommen finden können. Bitte, gehen Sie mal vor die Tür, und sehen Sie, wie dunkel es ist!«

Die Spindeln ruhten, aller Blicke waren neugierig auf uns gerichtet, ein gewisses Staunen malte sich auf den Gesichtern, daß die kleine Lastträgerin eine so bestimmte Sprache führte.

»Sie müssen nach der unteren Ebent,« sagte die Frau ganz zahm und ließ prüfend ihre Blicke an uns heruntergleiten.

»Und wie kommen wir dahin?« »Es führt eine steile Treppe hinunter.« »Eine – steile – Treppe!« sagte die Mutter nachdenklich, zögernd fuhr sie fort: »Die Treppe wird bei dem Schnee glatt sein, wir beide sind müde, wir haben unsere Füße nicht mehr in der Gewalt.« Sie wandte sich dahin, wo die Burschen saßen und sagte bittend: »Würde nicht einer von Ihnen mit uns gehen? Oder würden Sie uns eine Laterne borgen, die Sie im Gasthof wieder abholen lassen?«

»Die Laternen brauchen wir heute abend noch, aber die Magd kann sie anzünden und Ihnen den Weg zeigen.«

Die Mutter dankte höflich, und wir folgten der Magd. Unter den Vermahnungen der Mutter zur Vorsicht kletterte ich viele Stufen hinab. Die übergroße Müdigkeit mag mir die Empfindung gegeben haben, daß es doppelt so viele waren. Unten im Gasthof kamen wir endlich zur Ruhe.

 

Am folgenden Morgen wurden wir in einem Kahn nach der schön gelegenen Stadt Königstein übergesetzt. Hier erstiegen wir eine steile Anhöhe, auf deren Gipfel ein kleines, schiefes Häuschen stand, dessen Schindeldach bedenkliche Löcher zeigte.

Als die Mutter die Stubentür öffnete, sah ich einen Webstuhl, an dem ein Mann saß, der bei dem Gruß der Mutter eilig von seinem hohen Sitz herunterkletterte. Nun erst konnte ich ihn genauer sehen, er war klein und mager, sein welkes, wachsbleiches Gesicht war mit dunklen Bartstoppeln bewachsen, die zur Blässe des Gesichtes einen unheimlichen Gegensatz bildeten. – Neben dem Webstuhl stand ein Spulrad, daran saß eine ärmlich gekleidete Frau, die sich nun ebenfalls erhob.

Beim Ofen hockten zwei zerlumpte Kinder, die Stube war kalt und kahl, das einzige, was mir schön erschien, waren die phantastisch geformten Eisblumen, womit die niedrigen Fenster geschmückt waren. Die tote Luft und der Mangel und Hunger, die sich hier breit machten, erfüllten mich mit einer Art trauriger Angst. Der Mann setzte zwei Stühle zurecht und lud uns mit einer Handbewegung zum Sitzen ein. Zur Mutter sagte er: »Na, ist das eine Zeit, um die Sächsische Schweiz zu bereisen? Und dafür nehmen Sie sich noch solche Gesellschaft mit! Wollen Sie sich etwa ein Herbarium von denen da anlegen?« und er zeigte lachend auf die Eisblumen am Fenster.

»Ach, der Sorte wegen brauche ich keine Reise zu machen, das ist eine communis, die kommt bei uns auch vor,« sagte die Mutter, während sie eine Pflanzenmappe aus dem Korbe nahm.

»Kommen Sie denn heute schon von weit her?« fragte die Frau, und in ihrem Blick lag eine ängstliche Spannung.

»Nein, gar nicht, Frau Poppe. Wir kommen nur von drüben, von der unteren Ebent, und da haben wir eine gute Brotsuppe zum Frühstück gehabt.«

Die Kinder kamen jetzt scheu von der Ofenbank herunter und betrachteten uns neugierig. Die Mutter hatte die Bänder von der Mappe gelöst, nahm eine von den Pflanzen heraus, legte sie vor Poppe hin und fragte: »Kennen Sie diese Pflanze?«

Poppe wiegte nachdenklich den Kopf und sagte: »Na, es ist mir so, als ob ich sie schon gesehen hätte, so genau weiß ich's aber nicht.« Er bückte sich und las stockend: » Car–li–na acau–lis

»Ja, ja, Carlina, acaulis heißt sie, es ist eine Distel.«

»Hm, ja,« machte der Mann und ließ seinen Blick auf der Pflanze ruhen.

»Diese schöne Pflanze kommt bei uns nicht vor, und da wollte ich Sie bitten, im Spätsommer, etwa Anfang September, mal auf die Berge zu steigen und mir eine große Schachtel voll zu sammeln. Wollen Sie sich die Form recht einprägen?«

Die Mutter berührte die Blume ganz zart mit den Fingerspitzen, trat einen Schritt zurück und sagte lebhaft: »Sehen Sie sie nur genau an, die können Sie ja nicht vergessen, Poppe! Auf magerem, steinigem Gebirgsboden finden Sie die kräftig entwickelte Pflanze. Die in mattem Silberglanz erstrahlende Blüte wird von wunderbar fein gezeichneten Wurzelblättern umrahmt, deren tiefes Grün einen schönen Gegensatz zu der hellleuchtenden sicher nur mit Blüte bildet. Ihre Wurzel senkt sie tief ins Erdreich. Die müssen Sie ja mitnehmen, Poppe, und beim Graben die Pflanze nicht lädieren! Das Geld? Nun, Sie wissen, ich kann nicht bestimmt sagen, wann Sie es bekommen, aber sobald ich kann, schicke ich es.«

»Ich weiß, Frau Dietrich. Nun werd' ich sie mir auch merken, gewiß!«

Der Mann fragte mich, ob ich mit seinen Kindern spielen wolle, die Mutter aber nahm den Korb auf den Rücken, und wir verließen die armselige, kalte Wohnung.

Auf meine Frage, wohin wir nun wollten, sagte die Mutter: »In die Behnemühle.«

Da ich sehr müde war, kam mir der Weg sehr weit vor, die Mutter suchte mich zu interessieren: »Sieh mal in die Höhe!« sagte sie, »das da oben ist die Festung Königstein! Habt ihr denn nicht in der Schule davon gehört?«

Ich wußte nichts.

»O,« sagte die Mutter, »wenn wir uns in der Mühle ein Stündchen ausgeruht haben, klettern wir heute nachmittag da hinauf, da wirst du allerlei erleben und sehen, was dich interessiert.«

Ich blickte in die Höhe und zagte.

»Nun?« fragte die Mutter, »was meinst du, ich gehe auf jeden Fall, da wirst du doch mit wollen?«

Nein, ich wollte nicht mit. Meine Stiefel und Röcke waren naß von dem vielen Wandern im Schnee. Ich sehnte mich nach Ruhe. Die Mutter schüttelte mißbilligend den Kopf und sagte: »Ich begreife gar nicht, daß du gar keine Interessen hast! Wer weiß, ob du jemals im Leben wieder Gelegenheit hast, auf die Festung zu kommen. Es dürfen eigentlich gar keine Fremden da hinauf, wenn sie sich nicht ausweisen können, daß sie da oben etwas zu tun haben.«

»Aber du bist doch auch fremd?«

»Ich kenne den Schloßkommandanten, er treibt Botanik und hat schon Sammlungen von uns. Ganz merkwürdig ist es, da hinaufzukommen. In bestimmten Zwischenräumen stehen Wachtposten, bis oben hinauf. Der unterste fragt, wie man heißt, was man oben will, woher man ist. Nun ruft er das dem nächsten zu, der ruft's weiter, bis hinauf zum letzten. Dann kommt auf dieselbe Weise die Antwort von oben nach unten: »Frau – Amalie – Dietrich – aus Siebenlehn pa–as–siert!« Die drastische Schilderung machte mir Spaß. Als die Mutter das merkte, fragte sie nochmals, ob ich das nicht doch lieber selbst erleben wolle; aber ich verzichtete dankend.

Während des Plauderns waren wir in ein bewaldetes Tal gekommen und standen plötzlich vor der verschneiten Waldmühle. Am Fenster saß eine Frau, sie hatte unser Kommen bemerkt, sie kam heraus und öffnete die Tür, aber noch weiter die Arme und rief freudig erregt: »Nein! – Ist die Möglichkeit! Da ist ja meine gute Frau Dietrich!? Ach, bei der Kälte! Und Ihr Mädelchen haben Sie mitgebracht! Kannst denn du das erlaufen?«

Sie hatte der Mutter den Korb abgenommen und drückte sie in den großen Stuhl, der beim warmen Kachelofen stand, sie legte ein Scheit Holz nach und sagte mit großer Wärme: »Ach, mir wird ordentlich wohl, wenn ich Sie mal wieder sehe! Sie verstehen einen so gut! Hoffentlich haben Sie hübsch Zeit mitgebracht.«

Der Mutter liefen unter Lachen dicke Tränen über die Backen, und sie sagte zu mir: »Ja, siehst du, so kommt's auch mal! Hier sitzen wir wie in Abrahams Schoß. Bind endlich dein Tuch ab, und setz' dich da auf die Hitsche! – Nun, liebe Frau Hippe,« wandte sie sich an die Frau, »wie geht's dem Sohn?«

»Ach,« seufzte die Frau, »Sie werden ihn ja gleich sehen, er ist noch immer so blaß und zart und hat immer den trockenen Husten.«

Die Mutter wiegte bedenklich den Kopf und sagte: »Kochen Sie ihm doch mal isländisches Moos, das bekommen Sie in jeder Apotheke. Es löst den Husten. Ich dachte, wir wollten uns recht mit Botanik beschäftigen. Wenn wir jetzt auch nicht sammeln können, so habe ich doch vieles bei mir, was er noch nicht kennt, und er wird ja auch inzwischen allerlei herbeigeschleppt haben, was ich ihm bestimmen soll.«

»Das hat er auch! Seinetwegen bin ich auch so froh, daß Sie mal wieder ein paar Tage zu uns kommen. Mein Mann wird Augen machen, wenn er aus der Mühle kommt. Sie bleiben doch ein bißchen bei uns?«

»Nun gut. Ich muß noch einmal in die Apotheke und auf die Festung. Und nun, liebe Frau Hippe, habe ich auch eine Bitte. Lassen Sie Ihren Sohn aussuchen aus meinen Sammlungen, was ihm gefällt, ich möchte ihm gern ein verspätetes Weihnachtsgeschenk machen.«

Frau Hippe dankte der Mutter, dann holte sie Mann und Sohn.

Friedel war ein schmächtiger, lang aufgeschossener junger Mensch mit blondem Haar und einem ebensolchen Flaum über der Lippe. Er hatte einen grauen Schlafrock an, und ich stellte mir vor, wie behaglich er sich darin bei der Kälte fühlen müsse. Die Mutter zog ihn gleich in ein botanisches Gespräch, sie wußte ihn sofort zu interessieren und zu unterhalten.

»Geh,« sagte sie zu mir, »hilf dem jungen Herrn mal alles heruntertragen, was er gesammelt hat.« Als wir alles auf den Tisch gepackt hatten, sagte die Mutter: »So, nun setz' dich mit dahin und paß auf, dich frag' ich auch!«

War das ein Spaß! Wir drei! Wie eine kleine Schule. Die Lehrerin fragte, erklärte und belehrte, und die ungleichen Schüler antworteten freudig und begeistert. Es paßte mir gar nicht, als Frau Hippe freundlich bat, wir möchten wegräumen, sie wolle den Tisch decken. Sie nahm mich mit in die Küche, ich durfte das Essen, die knusprigen Pfannkuchen, hereintragen. Dann kam der stattliche Müller, und die beiden alternden Leute wetteiferten miteinander, mich zu verhätscheln. Der Müller wollte mich am Nachmittag mit zu seinen Bekannten nehmen, die sollten doch sehen, daß er sich ein Töchterchen angeschafft hatte. Aber ich ging weder auf die Festung noch zu Hippes Bekannten. Ich genoß körperlich und seelisch die Ruhe und Wärme, die ich hier haben konnte.

Nach ein paar Tagen ging's wieder auf die Wanderschaft. Wir gingen über Pirna, Dresden nach Siebenlehn.

»Ja,« sagte die Mutter, als wir uns der Heimat näherten, »einen Schlitten gibt's diesen Winter nun ja freilich nicht, aber hoffentlich war dir die Reise ebenso lieb?«

Ich drückte ihr dankbar die Hand.

 

Nach der Schule scharten sich die Gefährtinnen um mich und redeten eifrig auf mich ein, manche fragten, manche aber sagten: »O, hast du aber wieder lange gefehlt! Du mußt doch ganz dumm bleiben! Alles haste wieder nich mit gehabt, und de bist immer so schlimm im Rechnen!«

Ich fühlte mich getroffen. – Dann sagte Nendel-Ernestine, die noch von Rosa her einen Groll auf mich hatte: »Meine Mutter sagt, jetzt in de Sächs'sche Schweiz zu reisen, das sei dummes Zeug, da sei es jetzt akkurat wie hier ooch, iberahl Schnee! Nu gesteh' mal, ob du was anderes gesehen hast.«

»Ich?!« sagte ich herausfordernd, »o, ich habe soviel erlebt und gesehen!«

»Ach, wirklich? Was hast du denn erlebt? Erzähl' uns doch davon!«

»So schnell und hier auf der Straße kann ich euch das nicht erzählen.«

»Kannst doch schnell etwas sagen, was du gesehen hast!«

»Na, ich hab' in Dresden den Kaufmann von Venedig gesehen!«

»Ha,« rief Nendel-Ernestine, »wenn de weiter niemanden gesehn hast! Das werd ooch wer Recht's sin! Bist in Dresden gewest un hast ni emal den Keenig Johann gesehen!«

»Nein, den hab' ich freilich nicht gesehen, aber dafür bin ich in seiner Kirche, in der Bildergalerie und in seinem Theater gewesen, und da habe ich ja grade den Kaufmann von Venedig gesehen, und ein ganz berühmter Schauspieler, er heißt Devrient, der spielte so grausig, daß einem angst und bange wurde! Kommt doch Sonntag nachmittag auf den Forsthof in meine Stube, da will ich es euch vorspielen.«

»Geh doch bloß mit deiner Stube! Ene elende, finstere Holzkammer is es! Egal haste Komödie im Kopp. Ich komm ni, ich will bei dem Schnee tüchtig Schlitten fahren! Hm, bei der Kälte uf'n Oberboden Komödie anhören! Nee, da warten wir, bis es warm wird, und dann gehn m'r doch lieber uf Ludewigs Boden, der is groß un hell, und da spieln m'r was, was wir alle kennen!«

Das Schlittenfahren wurde verabredet, und ich behielt meinen Kaufmann von Venedig für mich allein.


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