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Lafontaines Fabeln

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von Jean de La Fontaine

Verlag: Georg Bondi | Jahr: 1913 | Übersetzer: Ernst Dohm

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Kapitel 107

2. Der Löwe und der Jäger

Ein Prahlhans, der das edle Weidwerk übte,
Verlor 'nen prächt'gen Hund, den sehr er liebte,
Und meint', ein Löw' hab' ihn hinweggerafft.
»Wo haust der Dieb?« so fragt der Tiefbetrübte
nen' Hirten, den er trifft »daß ich mit Kraft
Sogleich den Frechen zieh' zur Rechenschaft!«
Darauf der Hirt: »Er wohnt am Berge drüben.
Ich zahl ihm monatlich gewissenhaft
'nen Hammel als Tribut, und nach Belieben
Hüt' ich im Feld, und er läßt mich in Ruh'.«
Indes sie also reden, kommt im nu
Der Leu herangeeilt mit hast'gem Schritte.
Der Prahlhans nimmt sogleich Reißaus und dann:
»O Zeus, zeig' eine Stätte mir, ich bitte«
So ruft er laut »wo ich mich retten kann!«

Der wahre Mut wird nur sich zeigen
In der Gefahr, die uns ganz nah zu Leibe rückt;
Jener hat sie gesucht, und dann, gleich allen Feigen,
Sich, wie er sie nur schaut, gedrückt.