Gedichte
Verlag: Max Hesse's Verlag
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Kapitel 77
Am Jahrestag.
An diesem Tag – gedenkst du noch? –
Wir wollten den Berg hinunter –
Da brachest du des Schweigens Joch!
Die Peitsche knallte – denkst du's noch?
Das Posthorn klang so munter!
Für diesen Tag, was kommen mag,
Gott segne dich für diesen Tag!
Vor Jahren war's – mir ist's wie heut –
Da sprachst du nach langem Schweigen,
Sprachst ungebeten, ungescheut,
Was ewig mir das Herz erfreut,
Und gabst dich mir zu eigen!
Für diesen Tag, was kommen mag,
Gott segne dich für diesen Tag!
Die Sonne sank und Abendrot
Ergoß rings seine Rosen,
Als deine Hand aus Nacht und Tod,
Sich rettend mild zum Führer bot
Mir einsam Freudelosen!
Für diesen Tag, was kommen mag,
Gott segne dich für diesen Tag!
Und sollt' auch wandelbar dein Sinn
Mit andrem Maß einst messen,
Was ich dir sonst zu gelten schien.
Und was ich wahrhaft war und bin,
Mißachten und vergessen.
Für diesen Tag, was kommen mag,
Gott segne dich für diesen Tag!
Und blutete sich auch mein Herz
Zu Tod' an solcher Wunde,
Im tiefsten Leid, im herbsten Schmerz,
Noch scheidend rief ich himmelwärts
Für diese sel'ge Stunde:
Für diesen Tag, was kommen mag,
Gott segne dich für diesen Tag!