Gedichte
Verlag: Max Hesse's Verlag
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Kapitel 66
An Mathilde.
1.
Ich weiß, du hast mich verraten,
Wie Judas, um schnöden Preis,
Wenn nicht um Silberlinge,
Doch um ein Myrtenreis.
Ich weiß, du hast mich verleugnet
Wie Petrus aus Furcht und Scham;
Du konntest mir Zeugnis geben
Und schwiegst, da die Stunde kam.
Du ließest meiner Stirne
Ausdrücken das Mal der Schmach.
Du warst mir die letzte Stütze,
Und diese Stütze brach.
Du hast an mir gesündigt,
Gefrevelt mit Hand und Mund;
Du ließest den Leidensbecher
Mich leeren bis zum Grund.
Nur eines blieb noch übrig,
Nur eines! Mathilde, sprich,
Hast du dein Werk vollendet,
Mathilde, vergaßest du mich?
2.
Mathilde, nicht frohlocke.
Noch immer bist du mein;
Mein Bild weckt dich am Morgen
Und schlummert mit dir ein.
Du kannst mich nicht vergessen,
Und weckst du auch Reu' und Leid,
Und gehst du in Sack und Asche
Und härenem Büßerkleid!
Vergessen kann Ergebung,
Vergessen kann Geduld,
Die Reue kann nur meinen,
Doch nie vergißt die Schuld!