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11.

»Lau Biang erfordert sofortige Herreise.«

Als Beck in seinem Hotelzimmer in Hankau dieses Telegramm aus Medan las, wog er die Möglichkeiten gegeneinander ab, welche diese SOS-Rufe veranlaßt haben konnten. Das Schwergewicht behielten schließlich die Vermutungen, daß Schwierigkeiten von Philipps ausgingen. Er murmelte sich etwas vor, das wie »der betrogene Betrüger« lautete.

Aber sich Vorwürfe machen, gehörte nicht zu Becks Charakter. Er hatte in der Zwischenzeit ja Besseres geleistet, als einen Gintrinker und Opiumraucher zufriedenzustellen. Das bezeugte die Vollmacht, welche in seiner Brieftasche lag. Ob nun Philipps oder etwas anderes die Veranlassung zu dem Telegramm war, die Lerche hätte keinen so entschiedenen Wortlaut gedrahtet, wenn Becks Anwesenheit in Medan nicht wirklich notwendig wäre. Er zögerte nicht, sich auf die sofortige Abreise einzustellen.

Mit diesem Entschluß reifte dann auch der andere Plan, sich nicht nur des Erbes Veronikas zu bemächtigen, sondern endlich auch den letzten Schritt zu tun, sie selber in seinen Besitz zu bringen.

Im Hotel hatte Beck neben seinem Schlafzimmer einen Wohnraum, der auf eine Terrasse ging.

»Veronika«, sagte er, als sie abends kam, »ich habe uns heute bei mir decken lassen. Es ist ein besonderer Tag. Sie werden es nachher bestätigen. Ich habe eine Mitteilung und einen Vorschlag für Sie. Außerdem ist eine angenehmere Luft auf der Terrasse als in dem Speiseraum mit der Menge Leute.«

In der Mitte des Tisches stand eine Ochsenblutvase mit einem blühenden Apfelsinenzweig. Die Vase hatte er eben rasch bei einem Altertumshändler in der Chinesenstadt gekauft. Er hatte Champagner zum Nachtessen bestellt. Die Flasche hatte eine große weiße Lackkappe und Silberaufdruck auf dem Etikett.

»Wie zu einem Brautdiner«, scherzte er, als der Chinese die Gläser gefüllt hatte und gegangen war.

Veronika verzog keine Miene.

»Denn einmal muß es ja sein. Einmal müssen wir ja …« und nun erhob er sein Glas, sein Gesicht blendete fast vor Zauber und männlicher Eindringlichkeit, »… einmal müssen wir uns ja verloben!«

»Sie wollten mir eine Mitteilung machen«, lenkte Veronika ab.

Er neigte sich mit glänzenden Augen zu ihr hin. Aus seinem Schnurrbart stieg ein leiser Strom seines Parfüms zu ihr. Der Chinese blieb verschwunden.

»Und wenn es diese wäre! Ich trag es so lange in mir herum!« sagte er.

Veronika antwortete, nicht ungehalten, aber in einem Ton, dessen Gefaßtheit Beck wie ein kalter Atem streifte:

»Sie wühlen in Wunden! Lassen Sie sie doch verheilen!«

Aber bereit zum Letzten, gab Beck nicht nach. Er legte eine halb scherzhafte Strenge in seine Stimme:

»Das ist es ja eben! Ich habe schon Ihnen die materiellen Dinge aus der Hand nehmen müssen! Muß ich nicht vielleicht dasselbe auch mit Ihrer Seele vornehmen? Sie sind unverantwortlich gegen sich selber. Ich tue soviel für Sie. Sie sehen, ich habe mit der Vollmacht die eine Seite der Lasten ganz auf mich genommen …«

Da unterbrach sie ihn:

»Wenn es Ihnen zu schwer ist, so geben Sie mir diese Vollmacht zurück.«

Katzenkrallen? fragte sich Beck. Das hatte er noch nie an ihr erlebt. Wie dem begegnen? Er war ein wenig erschrocken. Mit großer Selbstüberwindung ordnete er seine Mienen zu dem Ausdruck einer ernsten Kameradschaftlichkeit.

»Meine liebe Veronika, wir wollen uns doch nicht mit Absicht mißverstehen! Sie kennen meine Beweggründe. Sie kennen meinen Charakter. Ich weiß, was Ihnen frommt. Sie können sich nicht beklagen, daß ich meine … meine Herzensangelegenheit meinen anderen Beziehungen zu Ihnen vorangesetzt habe. Mehr wollte ich nicht sagen!«

Veronika entschuldigte sich. Sie stand gequält zwischen den Erinnerungen und der Pflicht zur Dankbarkeit. Doch Beck fuhr fort:

»Sie können versichert sein, ich werde mich in der Kandare halten. Nur, Veronika, möchte ich selber ebenfalls eine wenn auch noch so kleine Sicherheit haben, daß ich wenigstens warten darf, daß es für mich vielleicht ein – Später gibt! Sie werden den Zeitpunkt selber bestimmen. Ich werde Ihnen nur dienen bis dann und nie mehr mit einem Wort daran rühren!«

Veronika, die Augen voll Tränen auf ihn gerichtet, reichte ihm die Hand. Als er sie erfaßte, sagte sie sich zugleich erschrocken: Wenn er nur nicht wieder … nein, er hielt sie nur eine Sekunde in der seinen und gab sie frei.

»Und jetzt, was ich Ihnen mitzuteilen und vorzuschlagen habe: Ich habe als eine erste Auswirkung Ihres Auftrags, mich um Ihre ›weltlichen Güter‹ zu kümmern, aus Lindau eine Mitteilung bekommen, die meine Vermutungen bestätigt. Ihr Großvater hat ein Testament hinterlassen. Beim Notariat in Lindau ist es niedergelegt. Aber über seinen Inhalt ist weiter nichts bekannt. Immerhin scheint es zu Ihren Gunsten zu sein, denn es darf nach ausdrücklicher Weisung des Erblassers nicht vor Ihrem fünfundzwanzigsten Geburtstag geöffnet werden. Und wer ein Testament macht, hinterläßt etwas! Ferner habe ich den Auftrag, in Ihrem Interesse einer Sache in Sumatra nachzugehen, die zweifellos damit zusammenhängt. Nun, dort muß ich selber ja auch wieder wegen eigener Geschäfte erscheinen. Ich reise sofort – und Sie reisen mit! Von Sumatra können Sie dann nach Deutschland weiter. Sie können jeden Tag Ihren Jahresurlaub antreten.«

Beck hatte sich lange diese Form der Mitteilung überlegt. Sie war vielleicht gewagt, doch würde sie auch stärker als jeder andere Vorwand eine unmittelbare Greifkraft auf Veronika haben. Deshalb schien sie ihm den aussichtsreichsten Weg zu bedeuten.

Nun war er erstaunt, als Veronika nach einer kurzen stummen Pause, ohne den geringsten Einwand ja sagte. Dabei war ihr Gesicht von einer plötzlichen Röte überzogen und verbarg sich hinter den vorpurzelnden Locken, als habe es Anlaß, sich schamhaft zu verbergen.

Becks Augen leuchteten auf, denn er mißverstand das Zeichen ebenso wie Veronikas rasche Bereitschaft. In der Tat hatte sich unter seinem Vorschlag für Veronika eine Aussicht eröffnet, die über ihn hinweg eine so holde Beglückungskraft besaß, daß sich ihr Herz plötzlich wie in einem Rausch befand:

Sie würde auf einer solchen Reise Narzissus begegnen können!

*

Wer an diesem Morgen in das Polizeigebäude in Medan eintrat, wurde sofort mit in die Spannung einbezogen, welche sich gleich elektrischen Ladungen von Büro zu Büro erkenntlich machte. Leute wurden instruiert. Der Marconiapparat war [ununterbrochen] im Klappern. Van der Peerebooms wohlgenährte Stimme hatte heute etwas Befehlerisches.

Der Direktor saß mit Keill zusammen auf seinem Zimmer. Er hatte ein Telegramm in der Hand.

»Es klappt, mein lieber Ingenieur!« sagte er frohlockend. »Lesen Sie! Es ist an die Frilling adressiert. Der entzifferte Text steht darunter.«

Keill las:

»verlassen heute hankau auf raschestem weg stop ihrer beider anwesenheit auswärts dringend erforderlich …«

Keill las laut: »›Anwesenheit auswärts‹. Was will er damit?« fragte er.

»Die beiden Wörter stehen für ›Abwesenheit‹. Eine Anwesenheit ist immer etwas Positives. Abwesenheit würde auf Zusammenhänge deuten können, welche zu dem Begriff Flucht, also einem kriminalistischen Begriff hinleiten könnten. Der Schlaumeier! Nun, die beiden Genossen haben ja die Erfüllung dieser Vorsichtsmaßregel durch uns vorbesorgt. Fällt Ihnen nichts anderes auf?« fragte der Beamte.

Keill verneinte.

»Sie kommen zu mehreren«, bemerkte der Beamte. Lesen Sie: verlassen! Wenigstens also zu zweien. Und der Zweite ist der, vor dem die Frilling oder der Tiffriche oder beide ihre Anwesenheit auswärts verlegen müssen. Denn der Boß selber nimmt ja doch wohl keinen Anstoß an ihrer Gegenwart in Medan.«

»Dann bringt er Fräulein Voyder mit!« sagte Keill erschrocken.

Der Direktor schien diese Bemerkung überhört zu haben.

»Ich habe«, sagte er, »die Flugpläne durchstudiert. Beck bekommt in Schanghai im Anschluß von Hankau her das Flugzeug der China-Linie nach Hongkong. Dort wartet das der Imperial Airways nach Penang und der Dampfer von Penang ist heute abend in Belawan, und dort fährt eine Stunde später der Zug nach Medan ab. Zwei meiner weißen Beamten fahren als heimliche Ehrengarde im Zug mit. Sie kennen den Herrn von seinem letztjährigen Aufenthalt hier. Ich war damals auf Europaurlaub. Van der Peereboom wird ihn vom Bahnhof aus mit einer ebenfalls heimlichen Staatseskorte ins Hotel bringen. Glauben Sie, daß er ein Mann ist, der Schwierigkeiten macht, wenn er die Wahrheit erkennt?«

»Ich bin dessen sicher!« antwortete Keill.

»Trotzdem wollen wir nichts vornehmen, was dann in Wirklichkeit eine Umstellung verlangen könnte und eine rasche und unauffällige Erledigung doch nur hemmen würde, weil es nicht auf Hasensprünge eingestellt ist. Das Hotel hat seit Becks Aufenthalt die Bedienung gewechselt, hat mir der Manager mitgeteilt. Also kann er vom Personal aus nicht gewarnt werden. Der Manager wird genau unterrichtet. Er hält drei Zimmer bereit: Nummer 12 für Herrn Beck, Nummer 10 für seine Begleitung und Nummer 11 dazwischen für uns beide. Ich glaube, es ist nicht nötig, daß Sie, bevor wir losgehen, eine Unterredung mit Fräulein Voyder haben.«

»Ich!« schreckte Keill auf. »Wir wissen es ja noch nicht, ob Fräulein Voyder …«

»Ihre Vermutung ist richtig«, unterbrach ihn der Beamte. »Ich habe von einem Vertrauensmann in Penang über die Schiffahrtsagentur die Mitteilung, daß außer für Beck auch eine Kabine für Fräulein Voyder belegt ist und daß beide an Bord sind.«

Keill glühte. Er hörte die Stimme des andern jetzt wie entfernt:

»Elemente der Gattung Beck-Duvernois' treiben leicht auf Katastrophen zu und haben die Neigung, ihre Umgebung mit hineinzuziehen. Deshalb ist es im Interesse der Dame, daß sie weiß, was im Gange ist!«

»Ich stehe zur Verfügung«, antwortete Keill. Seine Stimme bebte ein wenig. Dann lachte er verschämt und grundlos, weil er kein anderes Mittel fand, in sich die Lage zu meistern.

»Und jetzt eine Stärkung, mein Junge, was! In ein paar Stunden geht es los!« sagte der Direktor und ließ Whisky und Sodawasser bringen.

*

Keill saß seit einer Stunde in dem Zimmer Nummer 11 im Hotel de Boer. Es war finster in dem Raum, und er hockte auf einem Stuhl, den Kopf in die Hand gestützt. Um sich gegen die Hitze zu schützen, hatte er den Ventilator angestellt und sich in den Luftstrom gesetzt. Was wird diese Nacht bringen? War das Glück so nah in einer solchen Finsternis!?

Die Tür öffnete sich mit einem kurzen Ruck und schloß sich im nächsten Augenblick wieder. Keill hörte die Stimme des Polizeidirektors flüstern:

»Ich bin's, Ingenieur.«

Eine Lichtscheibe irrte über den Boden, hinter ihr kam der Hereingetretene heran.

»Sie sind im Hotel angekommen«, berichtete er hastig, indem er mit der Lichtscheibe den Ventilator suchte und ihn abstellte. »Aber die Nacht ist so finster, daß ich die Verhaftung auf morgen hinausschob. Wohl ist das Hotel umstellt. Gelänge es aber Beck durch einen Zufall hinaus zu entkommen, so wäre es auch nur ein Zufall, wenn er einem meiner Leute in die Arme liefe. Ich sagte ja: Sich nichts vornehmen. Ich werde hier im Ziemer die Nacht verbringen.«

Schon hörte man draußen im Flur den Lärm der Angekommenen. Der Manager geleitete sie in ihre Zimmer, in welchen gleich die Ventilatoren zu surren begannen. Bald kam auch das Gepäck. Nach und nach verebbten die Geräusche. Eine Weile war es still. Dann ging die eine der Türen im Nebenzimmer Nummer 11. Das Vorübergehen eines Menschen wurde hörbar. Gleich darauf wurde an die Tür nebenan geklopft und zugleich sagte eine Männerstimme:

»Gute Nacht, Veronika. Ich wollte Ihnen nur sagen, daß alles in Ordnung ist. Bis morgen!«

Aus dem Zimmer antwortete eine Frauenstimme:

»Danke! Bis morgen, Herr Beck!«

Keill zerrte die Hände an sein Herz, daß das Leinen des Anzugs in der Stille des Zimmers wie von elektrischen Entladungen knitterte. Pst! machte der Polizeidirektor. Sie hörten Beck wieder gehen. Die Schritte unterbrachen sich einige Sekunden lang vor ihrer Tür. Etwas berührte das Holz. Leise wurde die Klinke niedergedrückt. Aber der Direktor hatte zugeriegelt, als er eingetreten war. Bald wurde dann Becks Tür nebenan geschlossen.

Einige Minuten schlugen Geräusche an die Wand. Ein Körper sank in ein aufsingendes Bett. Keill und der Beamte saßen wie angeschweißt an ihre Stühle, und das Zimmer um sie war mit dampfiger Glut angefüllt. Dann war kein Geräusch mehr zu hören als das auf- und absteigende Gebrumm der Ventilatoren im Haus und die vereinzelten zarten Schreie der kleinen Geckonen, die an der Decke liefen, in der Finsternis Fliegen fingen und ab und zu im Jagdeifer herabfielen.

Der Direktor legte das Ohr an die Wand. Er hörte Beck schnarchen.

»Sie können jetzt gehen«, flüsterte er. »Ich passe an der Tür auf.«

Da verließ Keill behutsam das Zimmer. Vor Veronikas Tür blieb er stehen. Es war Licht bei ihr. Er hörte auch, daß sie herumging. Indem er zugleich den Türgriff niederdrückte, preßte er fest die Augen zu, wie man es vor einem waghalsigen Sprung tun würde, und war mit dem nächsten Schritt im Zimmer.

Veronika sah er in einem weißen Schlafanzug in der Mitte stehen. Sie wandte ihm das Gesicht zu. Er winkte versichernd mit der Hand, indem er zugleich hinter sich die Tür ins Schloß drückte.

Aber Veronika brach lautlos in die Knie und hob wie in einem flehenden Beten die Hände zu ihm. Ihr war, als befände sie sich in einem Augenblick, in welchem ein Attentat gegen sie begangen würde, aber zugleich begannen alle Engelschöre des Himmels zu singen.

Keill war in derselben Sekunde völlig aufgelöst. Er glitt zu ihr nieder, und sie betasteten sich, streichelten sich, schauten sich an und betasteten und streichelten sich wieder. Keiner war eines Wortes fähig. Dann begann Veronika still zu weinen.

Er führte sie noch in der Nacht in ein anderes Quartier, das er in einem Privathaus für sie vorbereitet hatte.

Als sie alles wußte, fragte sie zaghaft:

»Und was geschieht jetzt mit ihm?«

»Was er sich selber bereitet hat! Er wird morgen verhaftet!«

»Wenn ich um ihn bitte, Narzissus, mit aller Kraft meines Herzens um ihn bitte?«

»Er ist dessen nicht wert!«

»Das kann ich nicht entscheiden«, antwortete sie wehmütig. »Aber er ist ein Stück meines Lebens, denn wenn er nicht wäre, wären wir beide vielleicht auch nicht.«

Sie sagte das mit einer so demütigen Inbrunst, daß Keill den Entschluß faßte, den Polizeidirektor um die Erlaubnis zu bitten, wenigstens mit Beck zu sprechen, bevor man ihn festnehme.

Nachdem am Morgen Keill dem Direktor über seine Unterredung mit Veronika berichtet hatte, trug er seine Bitte vor.

»Weshalb nicht? Schaden kann es nichts. Das Hotel ist mit Polizei geradezu umgürtelt. Schauen Sie, unter dem Fenster steht unser van der Peereboom, der ihn im Arm auffängt, wenn er den Weg ins Freie wählen sollte. Gehen Sie gleich zu ihm! Ich habe festgestellt, daß er seit längerer Zeit auf ist. Ich verstehe, daß auch das menschliche Gemüt eine Polizei hat, die sich manchmal betätigen muß. Wenn Sie Ihr Geschäft bei ihm erledigt haben, geben Sie mir die Tür in die Hand.«

Beck war schon angezogen, als Keill eintrat.

»Welch überraschender Besuch! Der Herr Ingenieur!« rief Beck mit großer Liebenswürdigkeit und schickte sich an, mit erhobener Hand um den großen Reiseschrankkoffer herum, hinter dem er stand, auf Keill zuzukommen. Aber Keill hatte gesehen, daß beim Erkennen das Gesicht des andern einen jähen Wechsel erlitten hatte. Etwas wie ein elektrisches Zittern war unter den Zügen durchgelaufen.

»Ich komme nicht von mir aus«, sagte Keill. »Ich komme im Namen meiner Verlobten!«

»Sie haben sich verlobt! Glückwunsch!« machte Beck.

»Lassen Sie diese Witze! Man weiß jetzt, wer Sie sind. Ich habe von Fräulein Voyder den Auftrag.«

Da sah er, daß Beck mit der Rechten eine Bewegung seitwärts nach hinten unter seine Jacke machte.

Keill unterbrach sich:

»Es ist überflüssig! Ihr Revolver nutzt nichts mehr! Schauen Sie zum Fenster hinaus!«

Beck stieß den Kopf gegen ihn vor, ohne seine Worte zur Kenntnis zu nehmen. Seine Augen waren plötzlich mit Blut unterlaufen. Mit verzerrtem Mund, in dessen Winkeln sich Speichel kräuselte, knurrte er gegen Keill:

»Haben Sie keine Angst um Ihr armseliges Leben!«

Zugleich drehte er sich um. Es ging alles so rasch, daß Keill mit den Augen nicht hatte zu folgen vermögen. Er hörte einen Schuß, bevor er etwas gesehen hatte. Der große Mann verschwand hinter dem Koffer. Das Aufschlagen des Körpers ließ das Zimmer erbeben.

Der Polizeidirektor stürzte herein.

Beck lag am Boden. Der Beamte kniete zu ihm nieder und wollte die Waffe aus seiner Hand reißen. Es gelang ihm nicht. Dann verging ein Weilchen. Der Direktor richtete sich wieder auf.

»Er ist schon tot!« sagte er zu Keill hin, der erstarrt stehengeblieben war.

*

Wenige Zeit später wurde in Lindau vom Notar Peter Voyders Testament geöffnet. In dem versiegelten Umschlag lag ein zweiter, auf dem die Bemerkung stand: Zu öffnen an Veronika Voyders fünfundzwanzigsten Geburtstag … Nun, das hatte der Notar ja schon von Peter Voyder aus gewußt. Auch der eingelegte Umschlag war versiegelt. Aber es lag nichts in ihm, als ein aus mehreren gestempelten Bogen zusammengehefteter Faszikel.

Der Text war in holländischer Sprache, mit zahllosen Stempeln versehen. Dazwischen erschienen Buchstaben einer Schrift, die er nicht kannte. Wieder Stempel mit Tieren und exotische Schriftzeichen …

Der Notar hielt die Umschläge gegen das Licht, durchblätterte die Seiten, drehte das Aktenstück um und um … es kam nichts anderes zum Vorschein.

»Das ist doch kein Testament!« sagte er enttäuscht und ein wenig betreten. »Was fange ich damit an?«

Er bemühte sich zu lesen, stieß auf Guldensummen, die ihm Achtung und Bedenken einflößten, kaufte sich ein holländisches Wörterbuch und stellte fest, daß dieser Akt einen Kaufgegenstand betraf, der so groß wie das halbe Schwaben sein mußte.

Und dann fand er auch die nachträglich angefügte, amtlich bescheinigte und beglaubigte Eintragung:

»Dieser Kaufakt geht mit allen Rechten in den Besitz Veronika Voyders über.«

»Aha«, nickte der Notar befriedigt. »Also doch ein Testament! Sie ist ja die einzige Erbin Peter Voyders!«

Er suchte in seinem Notizbuch nach ihrer Adresse in China.

Das will ich ihr gleich drahten. Auf meine Tasche. Die Welt wird es nicht kosten, ein Telegramm von Lindau nach China zu schicken.

Aber als er die Nachrichtenstelle im Postamt anrief, stellte sich heraus, daß gerade ein Telegramm aus Genua für ihn angekommen war, das die Ankunft Veronikas und ihres Verlobten anzeigte.

 

Ende.


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