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Paulus Jan von Beck-Duvernois war ein Mann, vor dessen Erscheinung selbst stumpfe eingeborene Frauen einen Blutschlag lang den Schritt zögernd anhielten, wenn ihre Augen auf der Straße an sie stießen. Seine Gestalt überragte die eines jeden anderen Mannes. Er war kräftig, ja herkulisch, dabei lebhaft und wendig, wenn er auch das vierzigste Lebensjahr bereits überschritten hatte. Beck war brünett mit üppigem Haarwuchs, der sich eigenwillig über der Stirn, fast wie eine dunkle Flamme, aufrichtete. Der Kopf war groß und hatte ein langes Gesicht, das in einem regelmäßigen Schnitt eine rein körperliche und ungeistige Schönheit hatte. In dieser Wendung wurde sie noch dazu durch den Schnurrbart betont. Dieser war über die ganze Oberlippe, die lang und dünn war, in seiner unteren Hälfte wegrasiert, so daß zwischen dem Bart und dem Mund ein fingerbreiter nackter Rand lag.
Seinen an sich kalten dunkeln Augen konnte Beck-Duvernois, wie in einem geheimnisvoll aus dem Blut steigenden Impuls, einen Glanz geben, der Frauen das Blut ins Gesicht trieb. Aber jede Frau von empfindlicher Veranlagung störte sich an dem Selbstgefallen, mit dem er seine seelenlose Mannesschönheit zur Schau stellte.
Er hatte sich zurechtgelegt, in einem geselligen Beisammensein dem Gesicht, das die Köpfe aller anderen überragte, den Schein eines Ernstes zu geben, als habe er schwer an dem Charakter der Schönheit dieses Gesichtes zu tragen, weil er ihn aus der Umgebung aussonderte. Wurde er dann angeredet, so konnte es geschehen, daß er das Gesicht gleichsam aus einer Wolke herausholte und gnadenvoll zu dem Erdenwurm niederneigte, der seine Aufmerksamkeit beanspruchte.
Viele erkannten das Gemachte und unecht Anspruchsvolle dieser Haltung und setzten ihm Ablehnung entgegen. Beck-Duvernois war jedesmal von neuem erstaunt, wenn er eine solche Gegnerschaft feststellen mußte. Er setzte dann, voll Berechnung, viel Liebenswürdigkeit ein, um auszugleichen. Er war selbstgefällig, doch kein stolzer Mensch, und die Verletzung seiner Gefallsucht konnte ihn so auch zu einem gefährlichen Gegner machen.
In der Ausübung seines Berufs waren ihm Erfolg und Geldgewinn, einerlei, mit welchen Methoden sie erzielt wurden, das allein Bestimmende. Doch scheute er sich nicht, auch in persönlichen Konflikten die gewissenlosesten Manöver auszuführen.
Auf Sumatra residierte Beck-Duvernois in Medan, im Hotel de Boer. Gewiß kann man es als »residieren« bezeichnen, denn er reiste stets mit einem kleinen Hofstaat. Dieser bestand aus seiner Sekretärin Dorothee Frilling, einem Mann, der in Wirklichkeit nichts anderes denn als sein Zutreiber bezeichnet werden kann, namens Melchior Tiffriche, einem Diener Pu, der ein chinesischer Mischling, und einem Kraftwagen, der wohl ein Rolls-Royce, aber von älterem Muster war. Dazu hatte er auf Sumatra einen Javaner engagiert. Dieser hatte in Holland europäische Sprachen gelernt und diente ihm als Dolmetscher und Landeskundiger.
Fräulein Frilling war ein kraushaariges rabenschwarzes Wesen, dessen Alter um so unbestimmbarer war, als sie der schwindenden jugendlichen Frische unbedenklich mit allen kosmetischen Mitteln aufhalf. Sie liebte Beck-Duvernois und kargte nicht damit, es ihm in ewigen Eifersüchteleien vorzuführen. Aber sie war äußerst geschickt und wendig und derart auf ihn und seine Geschäftsgewohnheiten eingespielt, daß es ihm unvorstellbar war, was er ohne sie, ohne ihre auch die letzten Bedenken wegrasierenden radikalen Ratschläge angefangen hätte.
So ließ er sich die lästige Art gefallen, mit der sie sich stets in einer allzu starken Nähe an ihn hielt. Er rächte sich nur, indem er sie nie mit ihrem richtigen Namen nannte. Seitdem er einmal, in einer Anspielung auf ihren Namen das Witzwort gesagt hatte: »Eine Lerche macht keinen Frilling!« hieß sie immer die Lerche.
Von dem Sultan ins Hotel de Boer zurückgekommen, rief Beck-Duvernois seinen Hofstaat zusammen und berichtete über das Ergebnis der Audienz.
»Ihr seht«, schloß er, »es ist mir deutlich gemacht worden, daß mit dem Land etwas los ist, worüber der Sultan Bescheid weiß. Was für ein Interesse hat er nun, damit hinter dem Berg zu halten?«
Die Lerche schweifte ab, einer Regung folgend, die bei ihr dem Boß gegenüber Gewohnheit geworden war.
»Haben Sie einen Blick in seinen Harem tun können?« fragte sie giftig.
»Wo anders als zwischen seinen schönsten Mädchen hätte er mich empfangen sollen? Sie hatten nichts anderes an als golddurchwirkte Gazeschleier«, scherzte Beck. Den Ton ändernd fügte er rasch hinzu: »Aber es geht jetzt um wichtigere Dinge!«
»Sonst waren Ihnen Weiber doch nicht unwichtig«, bemerkte die Lerche säuerlich.
»Jedes zu seiner Zeit!« lachte Beck zurück. »Lerchen – im Sommer! Auf Sumatra – Geschäfte. Glückt dieses, so werde ich mir vielleicht als ein zweiter Nero Ihre Zunge mit Trüffeln braten lassen, Lerche.«
»Nachdem Sie Ihr Wissen verbessert haben werden, machen Sie zuerst eine Nachtigall aus mir!« gab Fräulein Frilling zurück. »Denn jenes historische Gericht bestand nicht aus Lerchen-, sondern aus Nachtigallenzungen.«
»Bleiben wir sachlich!« sagte trocken Tiffriche. »Fräulein Frilling ließ mir bis jetzt keine Zeit zu melden, daß ich hier einen alten Herrn aufgetan habe, einen Holländer, der an die fünfzig Jahre im Land lebt. Er heißt Skoemaker und soll einmal ein reicher Kaufmann gewesen sein. Er verfiel dem Whisky und dem Poker. Darüber hat er seinen Verstand halb und sein Vermögen ganz verloren, und er fristet sein Dasein davon, daß er reihum irgendwo auf einer Plantage nächtigt und speist. Man muß vor allem herausbekommen, wer der Besitzer des Landes am Lau Biang ist …«
»Das ist scharfsinnig gedacht, bravo!« spottete Fräulein Frilling. »Ja, man muß das wissen, was man wissen muß, um zu wissen!«
»Tiffriche meint wohl, dieser Herr Skoemaker …« wollte sich Beck-Duvernois einschalten. Aber Tiffriche, den die Bemerkung der Lerche gekränkt hatte, nahm rasch selber das Wort:
»Nun, weil Skoemaker der älteste Europäer hier ist, kann man von ihm vielleicht etwas über den Besitzer erfahren, wenn man in einer glücklichen Stunde den Schlüssel zu seinem Gedächtniskasten erwischt.«
Fräulein Frilling höhnte:
»Poetisch ausgedrückt. Sie könnten ein Walt Whitman sein!«
Solche Reibereien entstanden aus der Eifersucht, welche die beiden Beck-Duvernois gegenüber beherrschte, und waren bei ihnen die Regel.
Tiffriche überhörte die Bemerkung der Lerche voll Mißachtung und wandte sich an Beck-Duvernois:
»Boß, haben Sie verstanden, was ich meinte.«
»Freilich! Wenn man den Herrn Skoemaker in einem klaren Augenblick erzählen läßt, kann man ihn vielleicht auf unseren Mann bringen.«
Nun wandte Tiffriche sich gegen die Lerche:
»Sehen Sie, Fräulein Frilling, der Boß versteht genau, was ich meine. Es stört also nicht, wenn Sie mit Ihrer Verstandesbüchse nachhinken. Lassen Sie sich ruhig Zeit zu begreifen, Fräulein Frilling!«
Beck-Duvernois sagte zu seinem Diener:
»Pu, du wirst uns unterrichten, wo gegenwärtig Herr Skoemaker das Gnadenbrot ißt. Und dann überlege ich mir ernsthaft, ob es nicht sicherer ist, wenn wir die Lerche auf ihn loslassen.«
»Ruhig«, rief Beck, »auf einen Mann, der wie Skoemaker seit Jahren gleichsam ausgestoßen zwischen seinen Landsleuten lebt, wird es einen besonderen Eindruck machen, wenn sich eine elegante Frau um ihn bemüht. Die Lerche muß sich extra schön und liebenswürdig machen. Möglich, daß das auf sein Erinnerungsvermögen einen lösenden Einfluß hat, der ihn in die alte Zeit versetzt, um die es uns geht … Und für Sie, Lerche, schaut bei dem Abenteuer die Aussicht heraus, eine Eroberung zu machen!«
»Ich sehe sie schon als Mevrouw Skoemaker im Wochenbett!« höhnte der mit dieser Wendung unzufriedene Tiffriche.
»Lassen Sie Ihre Witze jetzt!« befahl Beck-Duvernois in einem unvermittelten Umschlag des Tons. »Fräulein Frilling, Sie können selbstverständlich nun nicht hinter Herrn Skoemaker herlaufen und von ihm eine Zusammenkunft erbetteln. Tiffriche hat zu besorgen, daß in passender Weise eine Einladung zu einem Nachtessen durch Fräulein Frilling an Herrn Skoemaker ergeht.«
»Ich weigere mich!« sagte Tiffriche schroff.
Beck-Duvernois kehrte sich ihm voll zu. Einen Augenblick maß er ihn mit den Augen. Dann zog er den rechten Ellbogen zurück und stieß rasch vor. Er traf mit der Faust die Brust Tiffriches. Obschon der Zuschlag nicht mit voller Kraft erfolgte, stürzte Tiffriche hilflos mit dem Rücken an die Wand.
»Marsch!« befahl Beck-Duvernois nur.
Tiffriche preßte die Lippen aufeinander. Er trat von der Wand fort und wandte sich zum Gehen. Beck rief ihm jetzt mit ruhiger Stimme nach:
»Bis morgen um diese Zeit wünsche ich zu wissen, wann Fräulein Frilling Herrn Skoemaker zum Nachtessen erwarten darf.«
*
Beck-Duvernois erhoffte von dem Zusammentreffen der Frau mit dem alten Holländer das Wunder, das in der Luft hing und sich bei allen Bemühungen, die er bisher angewandt, nicht hatte auf die Erde locken lassen. Er erwartete es mit einer ans Abergläubische grenzenden Zuversicht, wie sie sich bei Abenteurern leicht einstellt. Abenteurer leben ja davon, daß die Dinge aus der Reihe des gesetzmäßig arbeitenden Alltags heraustanzen.
Sonderbarerweise wurde er nicht enttäuscht.
Aber bevor es zu der Zusammenkunft der Frilling mit dem alten Skoemaker kam, sprach an der Hotelbar, wo er seinen Abendcocktail trank, ein Mann, der sich Philipps nannte, Beck-Duvernois an. Der Fremde bat ihn an eines der Tischchen in der Ecke zu einem kleinen »geschäftlichen Wort«, wie er sagte. Er bezeichnete sich als Geschäftsbevollmächtigten seiner Exzellenz des Sultans von Kuala. Beck-Duvernois erkannte an der Sprache den Holländer.
Ohne viele Umschweife, ja, mit weniger Federlesens als es jemals der doch in Geschäftsschiebereien nicht wenig umgetriebene Beck-Duvernois erlebt, warf nach seiner Einführungserklärung der Bevollmächtigte seiner Hoheit zwei Worte hin … er sprach sie mit dem entwaffnenden Lächeln einer Offenheit, die so verlockend wirken sollte, wie sie zynisch war:
»Fifty-fifty!«
Sie fuhren aus dem fremden Mund Beck-Duvernois mitten ins Gesicht. Selbst dem internationalen Rechtsanwalt war ihr Sinn nicht sofort faßbar.
»Wie?« fragte er erschrocken.
Fast ungeduldig rief der Vertreter des Sultans zurück:
»Aber doch die Ländereien am Lau Biang, für die Sie sich interessieren. Fünfzig – wir! Fünfzig – Sie! Und alle Schwierigkeiten sind weggezaubert. Erlauben Sie einem Mann, der länger in diesem Land lebt als Sie, die Bemerkung: Wo Weiß und Farbig sich zu einem Geschäft mischen, da kommt es immer auf einen Zauber heraus.«
Auch das verstand Beck-Duvernois nicht recht, aber der Vorschlag beleuchtete ihm blitzgleich die Lage. Aus ihm erkannte er als völlig sicher, daß der Sultan wußte, was mit den Ländereien los und daß er bereit war, den Besitzer zu nennen, und damit das Geschäft möglich zu machen, wenn man ihn mit der Hälfte beteiligte.
Diese Erkenntnis erleichterte Beck die eine Seite der Angelegenheit sehr wesentlich. Er wußte nun ganz gewiß: Es ist ein Geschäft zu machen! Aber er empfand es zugleich als eine zu hohe, überhaupt unbillige Forderung, ja, als einen Mißbrauch der Lage, nur wegen der Preisgabe eines Namens die Hälfte am Gewinn zu beanspruchen. Dieser beutegierige Sultan hatte sich bisher doch als unfähig gezeigt, auch nur auf den Gedanken zu kommen, die Verhältnisse dieses Landgebiets zu einem Geschäft auszunutzen.
Beck-Duvernois zögerte bei sich nicht eine Sekunde, Philipps Vorschlag abzulehnen. Doch hütete er sich, den Entschluß, nein zu sagen, laut werden zu lassen. Er beantwortete den Vorschlag zunächst nur mit der mit Humor vorgetragenen Bemerkung:
»So heißblütig, mein lieber Herr Philipps! Schon gleich Prozente und Zahlen! Aber wir haben ja noch nicht einmal die Gelegenheit des Spatzes in der Hand, so fett die Taube auch sein mag, die wir auf dem Dache sehen. Wir sprechen uns noch über die Sache, mein lieber Herr Philipps. Sie interessiert mich sehr!«
Und trotz des Eifers, den nun Philipps zeigte, Beck-Duvernois wenigstens zu einem vorläufigen Abkommen in dem angeregten Sinn, zu der Erklärung eines grundsätzlichen Einverständnisses gemeinsamen Vorgehens zu bewegen, blieb Beck dabei, über etwas, das nicht bestehe, könne man keine vertraglichen Bindungen eingehen.
Er versuchte, durch solche Bemerkungen den andern aus seinem Versteck herauszulocken. Er hielt Philipps für einen Dummkopf. Ein gescheiter Mensch fällt nicht so mit der Tür ins Haus und verrät schon durch seinen Übereifer und seine Ungeduld, daß es ihm irgendwo eilt, mit einem dunklen Geschäftsmanöver zum Zug zu kommen.
Doch auch Philipps änderte jetzt sein Benehmen. Er gab nun Bedenken vor, wandte ein, die Größe des Objektes schon zwinge seinen Auftraggeber naturgemäß zu bedächtiger Prüfung usw. … Und als Philipps sich dann unvermittelt verabschiedete, erkannte Beck, daß jener die gleiche Taktik anwandte, die er mit seinem unvermittelten Aufbruch dem Sultan gegenüber versucht hatte.