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Als Keill an seinem Hotel die Sänfte verließ und Veronika nicht vorfand, war er durchaus nicht beunruhigt über ihr Ausbleiben. Er erklärte es sich damit, daß sie müde gewesen sei unter der Last der langen Veranstaltung und sich gleich heim habe tragen lassen. Aber er war verletzt, daß sie nach dem Abend es hatte über sich bringen können, ohne Abschied von ihm zu gehen.
Am Morgen in aller Frühe aber war der Hausmeister des Konsulatsbeamten mit einem Alarmbriefchen bei ihm. Keill fand Veronika in einem Zustand der Erschlaffung, der ihn bewog, gleich einen Arzt zu holen. Dieser untersuchte Veronika, schaute plötzlich über seine Brille und fragte halb im Scherz, halb im Ernst:
»Sie haben doch nicht etwa … die Sitten dieses Landes ›studieren‹ wollen?«
Veronika blickte fragend zurück.
»Vielleicht Opium geraucht?« machte der Arzt.
Veronika verneinte entschieden, und der Arzt meinte, sie befinde sich in einem Zustand, wie er nach dem Genuß eines Rauschgiftes üblich sei, gebe im übrigen aber zu Besorgnissen keinen Anlaß. Ruhe bei leichter Kost genügte.
Eine Aussprache mit der Dienerin stellte fest, daß Veronika mehr als eine Stunde später als Keill ins Hotel nach Hause gekommen sein mußte. Veronika selber berichtete, sie sei, kaum daß sie im Tragstuhl saß, furchtbar schläfrig geworden, wohl eine Folge der überstarken Inanspruchnahme ihrer Sinne durch das Theater. Unter der regelmäßigen, leicht schaukelnden Bewegung des Tragstuhls müsse sie dann wohl auch bald eingeschlafen sein, und als sie die Augen öffnete, da der Stuhl vor ihrer Wohnung hielt, habe sie gemeint, nun sei sie eben halt wieder aufgewacht. Über die Dauer der verschlafenen Zeit hatte sie keine Vorstellung. Sie hielt alles für den Ablauf eines zusammenhängenden Vorgangs.
Aber wo ihr Tragstuhl solange gesäumt und weshalb, darüber wußte sie keine Erklärung.
Keill, insgeheim beunruhigt, wollte den Diener Nummer zwei des Hotels fragen, der die Sänften besorgt hatte. Doch stellte sich heraus, daß er nicht gekommen war. Er hatte einen Freund geschickt, ihn zu ersetzen. Er habe heimreisen müssen, da Bericht gekommen sei, sein Vater sei gestorben.
Keill hatte dann eine Aussprache mit dem Kanzler des Konsulats, bei welcher er die Frage aufwarf, ob man nicht die Behörden mit dem Fall befassen sollte. Es sei immerhin etwas so Auffallendes, daß eine Klärung ihm notwendig scheine. Die Möglichkeit bestünde ja, daß es sich um einen durch irgendeinen Umstand mißglückten Versuch zu einem Verbrechen handeln könnte. Bringe man ihn den Behörden zur Kenntnis, so unterbinde man vielleicht eine Wiederholung.
»Glauben Sie mir«, entgegnete der Kanzler, »es ist besser, wir begnügen uns mit der Freude, daß Fräulein Veronika heil aus der Angelegenheit herausging. Ich habe reiche Erfahrung. Es kommt nie etwas heraus, wenn wir in chinesische Angelegenheiten hineintappen.«
»Vielleicht nur eine Kette von Zufälligkeiten?« versuchte Keill sich zu beruhigen.
»Vermutlich!« war die Antwort, und ihr folgte das landesübliche: »Maski!«
Während bei Narzissus die Begebenheit in einem Fragezeichen hängen blieb, hatte ihrerseits Veronika, die am nächsten Beteiligte, sie bald in ihrem jugendlich unbelasteten Wesen verwunden und verarbeitet. Körperlich blieben keine Folgen. Nach drei Tagen verließ sie völlig aufgefrischt Bett und Zimmer, und nun bemächtigte sich ihre Seele des Erlebnisses. Dieses stempelte ihre Einbildungskraft wie mit einem Ruhmeszeichen, als sei sie mit dem Erlebnis in den Blutkreis des Fremden getragen worden. Sie habe mit dieser unmittelbaren Berührung eine Weihe erfahren, deren sich die wenigsten Europäer rühmen konnten. Das Ungeklärte an ihr bedrückte sie nicht, sondern setzte ihr Wesen unter eine Beschattung durch die großen, ernsten, seltsamen Dinge der fremden Rasse.
Keill aber geriet nicht aus der Atmosphäre des bedrückend Unerklärlichen an Veronikas Erlebnis heraus. Zwischen den Europäern hatte sich der Vorfall herumgesprochen. Wohl wurde er mit vielfachen »Maskis« bedacht und für erledigt erklärt, aber er drängte sich trotzdem immer wieder vor, und Keill mußte im Klub und überall »chinesische Geschichten« mit anhören, zu deren Mitteilung Veronikas Abenteuer die Phantasien anreizte. Man wußte von Menschen, die verschwanden, als seien sie aus der Luft weggeblasen worden. Andere waren unter den unheimlichsten Begleiterscheinungen gestorben. Kein Arzt vermochte eine Todesursache festzustellen. Sie starben scheinbar an Attentaten nicht gegen ihren Körper, sondern gegen ihre Seele. Nur der Dämon der fremden Rasse konnte der Mörder sein.
Sowieso weich von seiner Liebe zu Veronika, die er in ihren Begleitumständen für schicksalhaft hielt, befand sich Keill Veronikas wegen ununterbrochen in Alarmzustand, und nur mit einem schmerzhaften Bangen ließ er sie allein.
Inzwischen war der Konsul eingetroffen, und Veronika hatte ihre Arbeit begonnen, welche in der Hauptsache in der Übersetzung chinesischer Schriftstücke bestand. Sie nahm daneben praktischen Unterricht in der chinesischen Umgangssprache. Ihr Lehrer war ein in deutschen Kreisen seit langem bekannter und gut angeschriebener Mann, der einige Studienjahre in Berlin zugebracht hatte, der Sohn eines Kaufmanns aus der Gegend, Herr Deng. Er wurde von dem Konsulat auch in schwierigeren Angelegenheiten als Dolmetscher oder Sachverständiger benutzt.
Seine Beziehungen zu Veronika brachten ihn in Berührung mit Keill, der, grundsätzlich mißtrauisch gegen das Fremde, diese Berührung allerdings selber hergestellt hatte, um durch seine Annäherung an den Chinesen selber Veronika beschützen zu können. Als Keill ihm einmal jene nächtliche Begebenheit vortrug, die hartnäckig seine Einbildungskraft weiter plagte, ließ Deng sich wiederholen, daß die Tragstühle ausgetauscht worden seien, ein Umstand, den die Europäer, die sich mit der Sache befaßt hatten, nie eines besonderen Interesses für wert gehalten hatten.
Keill meinte wohl eine Sekunde lang, einen Ausdruck der Besorgnis in den Augen Dengs zu gewahren, sah aber im nächsten Augenblick das asiatische Lächeln in dessen Gesicht einkehren, das jedes innere Wesen hinter der Fassade der Züge nach außen verhängte. Mitten hinein wurde er auf einmal selber in eine Lage verstrickt, die nicht weniger schwer zu entziffern war, als es das Abenteuer Veronikas gewesen.
Ihm wurde ein Flugpostbrief gebracht, der in Singapur abgestempelt war. Als er ihn öffnete sah er, daß er in chinesischen Zeichen und nur sein Name mit lateinischen Buchstaben geschrieben war. Wer konnte ihm, der keine Kenntnis dieser Sprache und ihrer Schrift und auch mit Singapur nichts zu tun hatte, etwas in Chinesisch schreiben?
Er wollte mit dem Brief zu Veronika ins Konsulat gehen. Er würde den Scherz machen, sich nicht anzumelden, sondern wie irgendein unbekannter, ratsuchender Reichsangehöriger auftreten, einen Aufschluß über diese kuriose Postsendung erbitten. Aber schon während er noch diesen Einfall mit allerhand witzigen Einzelheiten auszustatten sich mühte, erfaßte ihn ein Bedenken, das sich zu einem ängstlichen Zaudern steigerte. Er fragte sich: Kann es sich in dem Brief nicht vielleicht um Veronika selber handeln? Und wird sie dieses Schreiben nicht vielleicht beunruhigen können? Er schob seine Absicht zurück und kam dann auf den Gedanken, zuerst einmal Herrn Deng zu beanspruchen. Er ließ ihn um seinen Besuch bitten.
Deng las den Brief. Er gab ihn Keill ruhig zurück, ohne sichtbarere Wirkung, als daß auf seinem Gesicht jenes Lächeln erschien, das die Volksphilosophie des Chinesen seiner Umwelt gegenüber in sich einschloß.
»Nun!?« mahnte Keill.
Da sagte Deng, und seine Gesichtszüge verharrten in dem lachenden Ausdruck:
»Nichts von Bedeutung!«
»Ja, meinetwegen! Aber was steht drin?« fragte Keill.
»Zerstören Sie diesen Brief!« antwortete Deng mit einer gewissen Gleichgültigkeit.
Trotz allem Drängen durch Keill war er jedoch nicht zu bewegen, etwas über den Inhalt zu sagen. Das schien für Keill zunächst eine Bestätigung seiner Vermutung zu sein, daß sich dieses Schreiben doch mit Veronika befaßte und Deng aus Rücksicht und Höflichkeit sich sträuben mochte, den Inhalt bekanntzugeben.
Keill steckte das Schreiben in seine Brieftasche und blieb unentschlossen. Aber natürlich beschäftigte es ihn weiter und immer stärker, bis sich ihm aufdrängte, der Brief könne mit der nächtlichen Begebenheit und Veronika zusammenhängen. Da entschloß er sich, Beißel, den Ingenieur aus Hanjang, dem er in Schanghai in so unpassendem Augenblick in die Hände gelaufen war, zu bitten, er möge ihn durch einen der Chinesen der Eisen- und Stahlwerke übersetzen lassen.
Als er am nächsten Vormittag Beißel im Klub traf und ihm die Angelegenheit vortrug, sagte dieser:
»Na, mal her damit! Die dreihundert Zeichen und Wörter, die man zu einem Geschäftsbrief wissen muß, habe ich selber auch gelernt. Es wird wohl keine klassische Dichtung sein!«
Keill zog seine Brieftasche hervor, suchte, fand den Brief nicht, legte alles heraus und wendete Stück um Stück des Inhaltes um.
»Zum Teufel«, fluchte er, »da ist mein Paß, meine Berufsatteste, den Packen Banknoten habe ich gestern, so wie er da ist, von der Bank bekommen … alles drin, nur der Brief nicht!«
»Verkehrst du vielleicht mit chinesischen Geistern?« scherzte Beißel.
»Es gewinnt allmählich den Anschein«, antwortete Keill, dem sich wiederum das Erlebnis Veronikas aufdrängte. Er sann nach, was er seit dem Besuch Dengs getan, wo er gewesen, wie es mit seinen Kleidern war, ob er die Jacke ausgezogen und wo? Er hatte gestern zum Abendessen den weißen Anzug gewechselt und die Brieftasche in den neuen gesteckt, die tagsüber seine Tasche nicht verlassen hatte. Er erinnerte sich genau. Nachher war er im Klub gewesen. Ja, es war ein sehr heißer Abend, und die Herren hatten die Jacken abgelegt. Seine hatte vielleicht eine Stunde in der Garderobe gehangen, die jedermann zugänglich, aber ständig von dem zuverlässigen Garderobejungen bewacht war. War es hier geschehen? Oder nachts im Hotel? War jemand, während er schlief, ins Zimmer gekommen und hatte die Brieftasche aus der Jacke genommen, den Brief aus der Brieftasche? Weshalb hatte er das Geld aber liegenlassen?
Nun erst recht, da eine geheimnisvolle Stelle Interesse an dem Brief bekundet, plagte es ihn, daß er von dem Inhalt nichts wußte. Er nahm sich vor, nochmals in Deng zu dringen, er möchte, jetzt wo der Diebstahl des Briefes die Sachlage um ihn geändert habe, ihn doch mit seinem Inhalt bekannt machen. Aber in den beiden nächsten Tagen traf er Deng nicht.
Am Vormittag des vierten Tags nach dem Verschwinden des Schreibens kam der Laufdiener des Konsulats mit einem Billett des Konsuls, durch das er gebeten wurde, möglichst gleich vorzusprechen.
Der Konsul empfing ihn mit den Worten:
»Es ist etwas gegen Sie in Gang, Herr Ingenieur. Die chinesische Behörde übermittelte mir die Übersetzung eines Briefes, der an Sie gerichtet ist und nach einer Postquittung auch in Ihre Hände gelangt sei.«
»Das wird der Brief sein, der mir gestohlen wurde!« rief Keill erstaunt. »Ich hatte Deng gebeten, ihn zu übersetzen, aber er lehnte es mit der Bemerkung ab, ich solle ihn zerreißen.«
»Mir scheint«, meinte der Konsul, »Sie sind in eine ›chinesische Geschichte‹ hineingeraten, denn ich halte es nicht für möglich, daß Sie zu diesem Brief in einer unmittelbaren Beziehung stehen. Doch lesen Sie ihn!«
Der Brief hatte folgenden Inhalt:
»Adresse Nr. 4. 1. Oktober.
Dem Ingenieur Narzissus Keill, Leuchte seiner Wissenschaft, wird durch seinen armseligen Diener und Geschäftsfreund mitgeteilt, daß die Waffen, welche er im Land der Tugend für den Bund »Wiederkehr des kaiserlichen Himmelreiches« besorgte, und welche bestimmt sind, der Erfindung der Teufel, der mit dem Schlamm der Unmoral besudelten Republik den Garaus zu machen, richtig angekommen und in sorgsamer Hut und Bereitschaft sind. Die Blüte der Wissenschaft aus dem Abendland wird aufs alleruntertänigste gebeten, sich zu dem ihr bekannten Bankier bemühen zu wollen, um den Lohn für dero Hilfe abzuheben. Wolle mir das Gedächtnis meines an blühender Geisteskraft mich so sehr überragenden Freundes es nicht verübeln, wenn ich nochmals die Summe nenne, die abgemacht wurde. Es sind zwanzigtausend Schanghai-Dollars. Sie warten aufs Ungeduldigste darauf, in den Geldschrank des berühmten Ingenieurs und Freundes unserer verschworenen Sache überwechseln zu können, um sein Vermögen fruchtbar zu mehren und seine Freude am Besitz zufriedenzustellen. (Stempel)«
»Grotesk!« sagte Keill. »Das ist ein verfrühter Fastnachtsulk, oder feiern die Chinesen ihr Fastnacht vielleicht im Oktober?«
»Auch ich bin der Auffassung, daß es etwas Ähnliches ist. Aber ich bin von Amts wegen damit bemüht worden und muß so tun, als ob ich es für Ernst nehmen würde. Haben Sie etwas dagegen, wenn ich Herrn Deng kommen lasse und ihm einmal die Angelegenheit vortrage?« fragte der Konsul. »Wenn er den Brief im Originaltext gelesen hat, wird er uns außerdem sagen können, ob dies derselbe Brief ist, wie der, welcher Ihnen gestohlen wurde.«
Keill war einverstanden.
Als Deng das Schreiben zu lesen begann, schaute er lächelnd auf.
»Ich kenne es!« sagte er mit einem lachenden Gleichmut.
»Aber was ist das für ein Unfug!« rief Keill.
Deng erwiderte ruhig:
»Ich hatte mir erlaubt, Ihnen zu raten, Sie möchten den Brief zerstören.«
»Er ist mir gestohlen worden!«
»Ich sehe es.« Deng sagte es ruhig.
»Und was meinen Sie dazu?« fragte der Konsul. »Ist das chinesische Original nur geschrieben worden, damit es Herrn Keill vielleicht gestohlen werden solle, um in die Hände der chinesischen Behörde gespielt zu werden? Wäre so etwas möglich?«
Herr Deng schwieg und lächelte mit einem so strahlenden Gesicht, als wünsche er dem Konsul Glück zur Geburt eines Sohnes.
»Was aber wird bezweckt?«
»Der Herr Ingenieur soll für die Hanjangwerke ins Innere von Hunan. Vielleicht ein Konkurrent, der diese Reise stören will?« schlug Deng als eine Lösung vor.
»Das hat Hand und Fuß«, meinte der Konsul, »und ich bin, auch in diesem Land, immer für die einfachste Lösung! Wie es aber sei, es versetzt Sie, Herr Keill, und uns in die unangenehme Lage, die Provinzialbehörde zu beschwichtigen. Wenn ich Ihnen raten darf, so nehmen Sie das mit aller Gründlichkeit vor. Wir hier könnten die Angelegenheit nur mit der Provinzialbehörde regeln, und Ihr unsichtbarer Gegner könnte sie nach Peking weiterlaufen lassen. Von dort ginge sie an die Gesandtschaft. Gehen Sie also selber unmittelbar an den Gesandten damit. Ich gebe Ihnen eine amtliche Einführung mit!«
Wohl oder übel mußte Keill einverstanden sein. Wie ungern ließ er gerade jetzt Veronika allein, denn er nahm den Erklärungsversuch Dengs nicht an. Er war zu einfach. Keill sagte es den anderen nicht, aber es wuchs sich fest in ihm, daß dieser Brief und die Begebenheit um Veronika zusammenhingen, und als er nachher allein war und, während er sein Gepäck zur Abreise vorzubereiten begann, ungestört die Sachlage durchdenken konnte, sagte er am Schluß einer langen Reihe von Mutmaßungen: Ich kann mir nicht helfen, wenn die beiden Dinge nicht so rein chinesisch wären, käme ich auf keinen anderen als auf den verschwundenen und verschollenen Beck.
Doch achselzuckend wies er diesen Zusammenhang zurück. Wesentlich wahrscheinlicher, sagte er sich, war es gewesen, daß Beck der Drahtzieher des Anschlags in Beira war. Dort war er wenigstens an Ort und Stelle. Aber diese Dinge hier müßte er ja sozusagen durch Fernwirkung geleitet haben.
*
Mit dem Mittwochdampfer der China Merchants war ein langer knotiger Mann in Hankau angekommen. Er verließ, mit seinen schlaksigen Beinen wie in einem Traum schlendernd, das Schiff und hatte ein Köfferchen in der Hand, das er keinem der chinesischen Kulis anvertrauen mochte. Auch die Rikschas wies er ab, die sich zu halben Dutzenden vor ihm quer stellten und ihre Deichsel senkten, damit er leichter einsteigen könne.
Aber als er einige zehn Minuten gegangen war, stand er auf einmal vor Pu. Er setzte das Köfferchen krachend auf den Boden, als sei diese Begegnung ihm eine Überraschung, die aus dem Himmel fiel. Es war auf dem Teil des Bunds, der »Engländerkai« hieß. Er schaute den Chinesen mit dem europäischen Schnurrbart an und fuhr sich mit zwei Fingern in einer zärtlichen Bewegung unter der Nase durch, als wollte er einen ähnlichen, doch nicht vorhandenen Schnurrbart streicheln. Als er die Hand wegzog, hing ihm ein Kranz langer weißer Zähne wie einem Seehund tief über die Unterlippe. Pu lachte. Tiffriche schüttelte sich in einem übertriebenen Eifer selber die Hände, so, wie sich die Chinesen selber begrüßen. Plötzlich saß er dann in einem Tragstuhl, der mit ihm in demselben Augenblick davoneilte, und auch Pu war wie durch Zauber verschwunden.
Nach dem mißglückten Anschlag auf das Leben Keills wäre jeder weitere Versuch in dieser Richtung aussichtslos gewesen und hätte gegen den Urheber zurückschlagen können, rechnete sich Beck vor. So versuchte er es auf anderem Wege, und diesmal war er selber der Regisseur. Bis auf den Brief in chinesischen Zeichen, den Pu bei einem Briefschreiber hatte malen lassen, war in dem neuen Anschlag nichts Chinesisches.
Der Brief war mit der Flugpost nach Sumatra geschickt worden und war begleitet von einem Schreiben an die Frilling mit der Anweisung, sofort nach Singapur zu fahren, ihn dort mit der Flugpost aufzugeben und selber auf dem raschesten Weg nach Hankau zu kommen. In der Tat traf dann die Frilling einen Tag später ein als Tiffriche. Sie wohnte in einem der Hotels am Bund, Tiffriche auf einem Boot.
Nein, an dem neuen Anschlag arbeitete in der Tat weder ein weißes Pulver mit, das auf Holzkohlen verdampfte, noch eine Sänfte, welche ein bezahlter Laternenträger irreleitete, noch eine Wasserstadt oder ein Boot mit unheimlichen Verbrechereinrichtungen.
Beck arbeitete diesmal mit dem reinen Wesen menschlicher Gefühle, wenn dieses Wesen auch nicht reinlich und die Gefühle, die als Waffe dienten, eher unmenschlich waren.
*
Veronika brachte Keill zum Bahnhof der Linie nach Peking, der hinter der französischen Konzession lag. Sein Herz war schwer. Es geschah ihm manchmal, daß er, auch bei unwesentlichen Unternehmen, stark von Ahnungen verfolgt wurde. Wohl trafen sie fast nie ein, aber jedesmal erlag er dem Augenblick, da er ihren Ansturm spürte, und opferte ihm Freudigkeit und Zuversicht. In einem solchen Zustand schied er diesmal von Veronika. Als letztes Wort, da der Zug bereits anfuhr, flüsterte er ihr zu, zerschmelzend in der zärtlichen Wehmut seiner Stimmung:
»Meine süße Braut!«
Ihre Augen füllten sich mit Tränen, aber sie blieb stumm. Dann sagte Keill noch aus dem Fenster seines Abteils tief zu ihr geneigt, die mit dem anfahrenden Zug mitging:
»Nie wieder werde ich mich von dir trennen! Dieses ist das letzte Mal!«
Und sie wiederholte:
»Das letzte Mal! Ganz gewiß das letzte Mal!«
Als nichts mehr von Veronika zu sehen war, preßte sich Keill in die Ecke seines Abteils und schaute zu, wie Hankau verschwand. Er wurde nicht Meister über die wachsende Mißstimmung. Nachher ging er zum Abendessen in den Speisewagen. Er saß einem Unbekannten gegenüber, der kein Wort sprach. Wohl war das Keill nur recht, aber die sture Ausdauer, mit welcher der kleine dicke Mann, der ein Russe sein mochte, den Blick in seinen Teller vertieft hielt und den Mund nur zur Arbeit an seinem Nachtessen benutzte, nahm schließlich etwas Bedrückendes an.
Er floh in sein Abteil zurück. Es war Nacht geworden. Der Diener hatte den Vorhang vor dem Fenster bereits niedergezogen. Verzagt starrte Keill in das Gewebe, bis er sich voll Ingrimm fragte: Wozu fahre ich nach Peking? Ist es möglich, daß dieser Brief, den ich nicht zerrissen habe, dieser Blödsinn, dieser faule Ulk von einem Brief, mich in ein Unternehmen zu leiten vermochte, das eine so schroffe Abwendung von allem, was ich möchte und wünsche, bedeutet?!
Es klopfte an seiner Tür. »Ach, was«, schimpfte er, »ich will nichts und wünsche nichts! Bleib draußen!« denn er meinte, es sei einer der Stewards des Speisewagens, der noch einen Schlaftrunk oder Obst anbieten wolle.
Aber ein Europäer trat herein. Er schob die Tür hinter sich zu und blieb in einer auffallend bescheidenen, ja bedrückt erscheinenden Haltung stehen.
Keill schaute etwas betreten über die Plötzlichkeit, mit welcher der Mann, den er nie gesehen hatte, in sein Abteil gekommen war, zu ihm hin und sah einen Menschen, der in seinem Alter sein mochte. Er stand da auf stelzigen Beinen, mit denen er scheinbar nichts Rechtes anzufangen wußte, denn er trat bald auf den rechten, bald auf den linken Fuß oder setzte einen vor und wieder zurück. Zugleich hielt er in seinen grobknochigen, von Wettern ausgelaugten Händen, wie sie etwa die Seeleute haben, seine Reisemütze und drehte sie in sichtlicher Verlegenheit unruhig rundum. Er hatte ein Gesicht mit einem überlangen Kinn und es hatte wohl etwas Knabenhaftes, ja etwas Dummes, dabei aber schlaffe Augen, und auch in den Zügen Spuren der Krallen des Lebens.
Keill, den Widerspruch erkennend, fühlte sich ungemütlich. Nein, es war nichts Knabenhaftes in diesem Gesicht, es war das Gesicht eines Mannes, in dessen Seele nicht viel, in dessen Leben aber schon allerlei vorgegangen sein mochte. Keill suchte nach dem Griff für das Notsignal und entdeckte ihn schließlich über dem Kopf des Fremden. Er wäre also nicht erreichbar, wenn der Fall einträte, daß er ihn gebrauchen müßte.
Dann wollte er wenigstens den Vorhang am Fenster hochlassen, damit nicht das ganze Abteil mit dem unerwarteten Fremden und ihm so blind nach außen abgeschlossen sei. Der klemmte aber, und Keill wagte es nicht, sich weiter mit ihm zu befassen, weil er dem Eingetretenen hätte den Rücken drehen müssen.
Er hatte den andern nicht aus den Augen gelassen. Der Fremde stand noch immer stumm da. Da sagte Keill, wenig freundlich:
»Bitte?«
Nun hörte er eine Stimme, welche für die wohl magere aber knochige Gestalt des Sprechenden viel zu leicht war:
»Wenn ich Ihnen, wie es sich vielleicht gehörte, meinen Namen nennen würde«, sagte diese Stimme, »so würden Sie einen Namen hören, wie es sehr viele gibt und damit über mich nicht mehr wissen!«
»So setzen Sie sich doch wenigstens!« forderte Keill ihn auf. Aber der Fremde antwortete:
»Ich weiß nicht, ob es Ihnen nachher noch angenehm wäre, daß Sie mich zum Sitzen aufgefordert haben.«
»Was heißt das: Nachher?« machte Keill.
»Nachher …« stammelte der andere, »wenn Sie gehört haben werden, weshalb ich so kühn war … weshalb ich mir die Freiheit nahm, hier bei Ihnen einzudringen und Sie in Ihrer Ruhe zu stören.«
»Sie setzen sich der Gefahr eines Mißverständnisses aus«, entgegnete Keill nun etwas schroff, »wenn Sie weiter die Tür versperren und da stehenbleiben, als wollten Sie zu erkennen geben, ich sei Ihr Gefangener.«
Da rief der andere plötzlich lebhaft und beschwörend:
»O nein, beileibe nicht, Herr Ingenieur, nein, im Gegenteil!«
Er trat auch von der Tür fort.
»Nun denn?« rief Keill.
Der Fremde versicherte nochmals:
»Beileibe nicht!« und sagte dann mit völlig veränderter, ja mit einer Stimme, aus der Verzweiflung und Mutlosigkeit klangen: »denn ich stehe als ein Bittsteller vor Ihnen. Es handelt sich um Fräulein Voyder …«
Keill schnellte vor.
»Wer sind Sie?« schrie er ihn an.
»Nennen Sie mich einen Unglücklichen, einen unglückseligen Menschen!« erwiderte der Fremde mit jammervoller Stimme. Er schien zu zittern. Aber in einem unvermittelt hervortretenden Jähzorn rief Keill ihn an:
»Lassen Sie den Namen aus Ihrem Mund!«
Kleinlaut fuhr der andere fort, den Zuruf nicht beachtend:
»Ich weiß wohl, meine Ansprüche stehen auf schwachen Füßen.«
Keill, dem das alles unheimlich erschien, geriet über seine Unfähigkeit, die Lage zu beherrschen und zu beendigen, in eine fassungslose Wut. Er herrschte ihn an:
»Wollen Sie Geld?«
»Ach nein, ach nein«, sagte der andere wehleidig. »Nein, durchaus nicht! Ob ich überhaupt etwas will? Sie sind der bedeutende deutsche Ingenieur, in der ganzen Welt gesucht, mit dem Einkommen eines indischen Fürsten, hochgeachtet in fünf Weltteilen – und ich bin ein kleiner namenloser Shroff in einer Phosphatgesellschaft in der Südsee, ein winziger Habenichts. Das Übergewicht ist von vornherein so stark bei Ihnen, daß ich jetzt den Mut bewundere, der mich von der Insel Nauru hat herreisen lassen. Aber …« Nun erhob er seine Stimme ein wenig, »aber man ist ja auch ein Mensch und hat ein Herz und das hat Rechte … Rechte …« und er fügte wieder kleinlauter hinzu: »Oder glaubt sie zu haben.«
Er warf einen fast hündischen Blick auf Keill, der sich jetzt auch erhoben hatte und mit dem Rücken gegen das Fenster gelehnt stand. In dem geschlossenen Raum dampfte es vor Hitze. Keill riß das Hemd auf und steckte sein Taschentuch in den Halsausschnitt. Der Fremde ließ den Schweiß ungewischt sein Gesicht herablaufen. Auf seinen Handrücken wuchsen rötliche borstenähnliche Haare, zwischen denen dicke Schweißtropfen aufstiegen.
»Wer soll Ihnen Rechte nehmen, die Ihnen gehören?!« bemerkte Keill, nur um überhaupt etwas zu sagen.
»Wenn man es Rechte nennen kann!« fuhr der Mann jetzt wieder fort. »Denn vielleicht muß ich mir den Vorwurf machen, die Lage ausgenutzt zu haben, weil ich ein wenig Ersparnisse gemacht hatte und sie der Enkelin des alten Chefs zur Verfügung stellte.«
Keill ballte die Fäuste. An seinen Schläfen quollen die Adern hervor.
»Welcher Enkelin? Welchen Chefs?« schrie er ihn an. »Ich habe keine Lust, mir Rätsel vordeklamieren zu lassen. Reden Sie klipp und klar!«
Der andere kümmerte sich nicht um diesen Zwischenruf. In demselben Ton, der klagend und bescheiden war und doch auch immer etwas von Lauern hatte, fuhr er fort, indem er sich wie ein getretener Wurm krümmte:
»… Als mein früherer Chef nichts mehr zu ihrem Studium beisteuern konnte! Ich aber habe von meinen ersten Lehrjahren auf Sumatra an in Herrn Voyder einen zweiten Vater gehabt. Sonst hätte ich mir ja auch nie erlauben können, zu der Familie so vertraut zu sein, daß ich Geld anbot und alles, was ich besaß, hingab. Und im Laufe dieser Beziehungen geschah dann das, was vielleicht nicht hätte geschehen dürfen, weil es doch wohl zu überheblich von mir war. Sie werden gewiß mit Recht sagen, und die anderen Leute auch, ich hatte mir die Lage zunutze gemacht, sie mißbraucht. Aber ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß nur mein wirkliches Gefühl, meine ernstesten Absichten maßgebend waren.«
Keill schwindelte leise. Er mußte sich mit beiden Händen an die Wand hinter seinem Rücken stützen. Der Schweiß lief ihm in die Augen. Wie aus zähflüssiger Lava heraus hörte er die fremde Stimme fortfahren:
»Mein Ehrenwort, nur die ernstesten Gefühle und nur die ernstesten Absichten haben mich geleitet, als wir uns verlobten …«
»Wer!« schrillte Keills Stimme hervor.
»Fräulein Veronika und ich«, sagte die andere Stimme schmerzvoll und demütig. »Und wenn ich vorhin auch etwas von Rechten sprach, ich weiß, ach, auch wenn, da Sie kamen, Fräulein Voyder mich nie gebeten hat, ihr ihr Wort zurückzugeben … vielleicht weil ich selbst dazu zu gering bin … nein, nein, nein, auch wenn Fräulein Voyder mich nie gebeten hat, ihr Wort zurückzunehmen, so habe ich Ihnen gegenüber keine Rechte, denn Sie sind …«
Keill sagte kalt in das Gestammel hinein:
»Ich begehre, nicht mehr zu wissen!«
Aber er mußte sich niedersetzen. Seine Beine trugen ihn nicht mehr. Der andere schwieg und warf einen schrägen Blick auf den Zurückgesunkenen. Keill sah den Blick nicht. Alles Blut war aus seinem Herzen gewichen. Ihm war, es bestünde nicht mehr. An seiner Stelle hatte sich in ihm eine Untiefe geöffnet, ein Abgrund, eine Luftleere. Er war bis an deren Kante gerutscht und drohte hinabzustürzen.
Diese Vorstellung war Augenblicke lang so stark, daß er unter ihrem Andrang ohnmächtig und wie von Sinnen wurde. Aber er wollte sich nicht fallen lassen. Ein trotziger Widerstand erhob sich in ihm, gemischt mit einem ohnmächtigen Aufbegehren. Er kam sich aufs tiefste entwürdigt vor. Mit einer höhnischen Lache rief er dem anderen hin:
»Ich stehe Ihren älteren Rechten nicht im Weg!« Und nach einer Pause, in welcher es in ihm schäumte vor Grauen und Enttäuschung, fügte er hinzu: »Steigen Sie in Kiotschan aus! Da bekommen Sie den Gegenzug nach Hankau zurück. Beeilen Sie sich!«
Aber dann ward ihm klar, daß er diesem Mann nicht das Beispiel eines völlig Geschlagenen geben wollte. Er machte eine kurze steife Verbeugung und entließ ihn, als habe sich zwischen ihnen beiden eine der gleichgültigsten Sachen der Welt begeben.
Die Stunden, die dann kamen, sahen Keill im Zustand einer völligen Lethargie. Er vermochte nicht einmal zu grübeln, geschweige denn zu denken. Etwas war mit der Rohheit des Chaos über ihn hergefallen. Er lag wehrlos zu Boden. Die Schläfen zwischen die Fäuste gepreßt, versuchte er den kommenden Stunden standzuhalten. In ihm wiederholte sich immer dieselbe Reihe von Vorstellungen. Sie nahmen die teuflische Wandelbarkeit von Fieberträumen an. Er beugte sich über sie, ja, kniete sich in ihre nicht abreißende Folge hinein.
Vor ihm am Boden lag etwas verschüttet. Es war das, was er von dem Mann aus Nauru erfahren hatte. Es war auch zugleich ein breiter Flecken seines Bluts. Ein Schwarm Insekten deckte es und schwirrte plötzlich mit einem gewittermäßigen Zorn davon auf, senkte sich wieder drüber und stob fast in demselben Augenblick stets von neuem mit einer donnerkrachenden Wut auseinander … Es waren Fliegen. Sie mästeten sich, wie auf Aas, an seinem Unglück. Von den aufgesaugten Giften irisierten sie metallisch. Sie nahmen menschliche Züge an. Sie wurden zu Menschen, die mit ihm gelebt hatten, die er geliebt oder gehaßt hatte, oder zu Menschen aus gleichgültigen, vergessenen Begegnungen. Nur der eine Mensch erschien nicht unter den Mücken, der Mensch, der ihn so hinterrücks meucheln wollte. Die Heimsuchung dieser Gesichte wiederholte sich durch Stunden, und sie waren es wohl, die ihn retteten, weil er sonst der randlosen Leere seines Innern nicht hätte standhalten können.
Der Davongegangene schob draußen im Flur behutsam die Tür zu und wandte sich zum Speisewagen. Ein chinesischer Zugangestellter kam daher, blieb einen Augenblick betroffen stehen und starrte dem Weißen ins Gesicht. Unter dessen Oberlippe hing ein Kranz langer Zähne bis tief über die Unterlippe herab, die völlig unter ihnen verschwand. War das ein Menschen- oder ein Seehundsgesicht?«
»Wie beliebt?« sagte der Weiße höflich zu dem Chinesen, und der Mund, aus welchem diese Worte kamen, war ein Mund, wie ihn viele Weißen haben. Von den Seehundszähnen war nichts mehr zu sehen. Da lachte der Chinese übers ganze Gesicht, und auch Tiffriche setzte lachend seinen Weg fort, indem er wie in einer freundschaftlichen Versicherung vor sich hinschimpfte:
»Verdammter Narr!«
*
Veronika war nach dem Abschied vom Bahnhof gleich ins Konsulat gegangen. Als sie nach dem Dienst heimkam, es war wie üblich vier Uhr, wollte ihre Hausfrau sie mit zum Country Club nehmen, wo ein Tennisturnier ausgetragen werden sollte. Doch zog Veronika es vor, dem Davongereisten nachzudenken und allein zu bleiben.
Sie war am Teetisch sitzen geblieben. Da kam der Diener und meldete, eine Dame wünsche sie zu sprechen. Sie sei in der Halle.
Aber der Diener hatte noch nicht ausgeredet, als eine kleine schwarzhaarige Frau sich vor Veronika hinstellte und sagte:
»Ich bin es! Aber ich muß Sie allein sprechen!«
Das erste, was Veronikas Augen an der fremden Erscheinung anzog, waren die Haare. Sie bauten sich wie ein rabenschwarzer Riesenball um das zu kleine Vogelköpfchen, und es sah aus, als seien sie stundenlang der Kampfplatz zerzausender Finger gewesen. Und weil Veronika nun auch noch in dem Stehspiegel neben dem Eingang sich selber und ihre Haarflut sah, erfaßte sie eine Heiterkeit, die ihr ganzes Gesicht mit einem herzlichen Lachen überzog.
Dann erst sah sie in das Gesicht der Fremden. Schminke, Puder und Pinsel hatten Farben in einer Frische und Dichte aufgetragen, als sei es übermäßig neu lackiert. Unter dem Lack war kein wirkliches Leben mehr. Es war das Gesicht einer häßlichen und grausamen Puppe.
In ihrem Gesicht erfror das erheiterte Lächeln. Eingeschüchtert stammelte sie:
»Womit kann ich dienen?«
Da erhob sich die Stimme der andern:
»Sind wir allein?«
»Außer der Dienerschaft, ja!« antwortete Veronika betreten.
»Ich wünsche Sie in Ihrem Zimmer zu sprechen, geschützt vor fremden Ohren. Wenn Sie mich angehört haben werden, so werden Sie mir darum Dank wissen!«
»Bitte!« lud Veronika unsicher ein, ging voran und ließ die Fremde in ihr Zimmer eintreten.
»Ist die Tür zu?« fragte diese schroff. »Ich brauche mich nicht zu setzen!« schrillte sie hin, obgleich Veronika ihr keinen Stuhl angeboten hatte.
Nun lehnte sich Veronika auf. Sie faßte ihren Mut zusammen und bemerkte:
»Darf ich Sie darauf aufmerksam machen, daß ich darauf halte, von Ihnen in derselben höflichen Weise behandelt zu werden, in welcher ich Sie behandle.«
Diesen Einwurf nahm die Frau nicht zur Kenntnis. Wie einen Pistonruf stieß sie aus:
»Mein Name ist Frau Keill!«
Veronika sagte sich betreten: Welch furchtbarer Zufall, daß diese Frau denselben Namen hat wie mein Narzissus. Oder, und nun erschrak sie, ist es eine Verwandte von ihm? Zu dem Besuch gewendet, antwortete sie nur:
»Bitte, und?«
»Und! Und!« belferte die Stimme der Fremden zurück, »genügt das Ihnen nicht?«
»Was meinen Sie? Was … soll genügen?« stotterte Veronika verständnislos.
»In unseren Ländern ist es Sitte, daß die Frau den Namen des Mannes annimmt und – behält, auch wenn der Mann diesen Namen durch die Betten anderer Weiber herumschleppt, weil er meint, China sei weit und er komme nicht zurück nach Haus, zu Frau und Kindern!«
»Ich verstehe Sie ja gar nicht!« flehte Veronika, nahe am Weinen.
»Ach, sieh da, das Täubchen versteht nicht! Wohl die Öhrchen noch zu voll vom Abschiedsgurren des Täuberichs? So werde ich Ihnen das Tüpfelchen aufs i setzen: Mein Name ist Frau Narzissus Keill. Ich bin die Gattin Ihres Verlobten. Jetzt haben Sie verstanden!?«
Ein Blutstoß fegte in Veronikas Gesicht. Sie meinte darunter zu erblinden. Gleich darauf wurde es kalkig. Die Frau fuhr fort:
»Es ist bequem, fern von Gefahr und Pflicht, einem Mann seine Gunst zu gewähren und sich wie ein Fischreiher an seiner Liebe zu sättigen …«
Veronika erschien die Frau jetzt wie ein kleines, schwarzes und rohes Tier. Sie rückte, während die andere weiter sprach, von ihr fort. Sie hörte nicht mehr, was sie sagte, denn, zurückweichend stieß sie an die Kante des Bettes und kippte, ihres Willens beraubt, hintenüber. Unfähig zu der geringsten Handlung, blieb sie liegen, wie sie hingefallen war.
Die Frilling verließ rasch Zimmer und Haus.
Tiffriche kam mit dem Frühzug wieder nach Hankau zurück. Er begab sich gleich in die Wasserstadt. Beck ließ die Frilling holen und er sagte den beiden:
»Alles auf eine Karte ist immer ein gefährliches Spiel. Und nun wieder aus dem Gesichtsfeld! Ihr reist nach Medan zurück und bleibt dort in Bereitschaft. Jetzt kommt für mich der schwerste Teil.«