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Zwei Stunden nach dem Mittagessen, das Michael Fürbringer gemeinsam mit dem Fürsten eingenommen hatte, erwartete er ihn in seinem Arbeitszimmer, dem Raum, der sich an den achtfenstrigen Saal anschloß und sein Licht durch die Glaskuppel der Decke empfing. Es fiel von der starken, kaum durchsichtigen Wölbung der großen Höhe wie ein Milchstrom auf den riesenhaften runden Tisch, dessen Platte aus armdickem, dunkelgrauem Marmor geschnitten war.
Als Fürbringer diesen Raum zum erstenmal betrat, hatte er stark daran gezweifelt, daß er gerade in ihm jemals würde arbeiten können. Er war die vollkommene Nüchternheit eines Zimmers gewöhnt, in dem unverhüllte Fenster dünne Mauern durchbrachen, und das Tosen des Blutes einer großen Stadt fast ungedämpft einließen. Werkzeuge, Möbel, das Papier auf allen Tischen, die Bilder an den Wänden selbst boten sich, von Helligkeit gebadet, dem Blick und dem Griff; das Arbeiten innerhalb dieser Umgebung war von einer drängenden Fröhlichkeit, dem Ehrgeiz, bald ans Ziel zu gelangen, erfüllt gewesen.
Von alledem bot der Raum, in dem er unter einem neuen Himmel arbeiten sollte, das starke Gegenteil. Die gerundeten Mauern, tiefdunkel, glatt, nur von einer kaum sichtbaren Türe durchbrochen, empfingen kaum einen Schimmer des Lichts, das von der Kuppel in einem ununterbrochenen, ganz senkrechten Regen niederfloß. Da sie dem, der unter diesem Lichte stand, nahezu unsichtbar waren, erweckten sie gleichzeitig den Eindruck von engster Begrenzung und Unendlichkeit, dem Wesen der Finsternis und der Nacht entsprechend. Alle Dinge, die auf dem Tisch lagen, schienen ohne Hintergrund zu sein und wurden zu einer Bedeutsamkeit erhoben, die sonst nur Lebendiges hat.
Sie warteten.
Und nachdem Michael Fürbringer die erste Stunde in diesem Raum verbracht hatte, war ihm sein Wesen offenbar geworden: diese Wände in ihrer runden Schwärze und Höhe, das gläserne Dach, dessen Wölbung aufgelöst schien durch die Gewalt der Sonne, die Unbeirrbarkeit der ruhigen Lichtmasse, die an den Rändern des Tisches festgesponnen schien, und die Dinge, die auf der Marmorplatte lagen – dies alles wartete, war wie erstarrt in einer ungeheuren Spannung, einem Krampf des Wartens.
Und dennoch würde die Arbeit, die in diesem Raum beginnen sollte, nicht zur Eile getrieben werden. Sie würde zeitlos sein. Ob der Mensch, der die Plane schuf, die Vollendung seines Werkes erleben würde – was hatte dies mit seinem Werk zu tun?
In dem Augenblick, da er die Zeichnungen, die er entworfen hatte, dem weißen Licht, das den Marmortisch überströmte, preisgab, schien es Fürbringer selbst gleichgültig zu sein …
Diesmal ließ der Fürst nicht auf sich warten. Er trat ein, ohne sich melden zu lassen. Fürbringer wandte sich um; der Gruß stockte auf seinen Lippen.
Er sah den Fürsten zum erstenmal in der Tracht seines Landes, in dem weißen, hemdartigen Gewand, das fast bis zu den Knöcheln reichte, und mit dem gewundenen Turban, der das Haar verbarg.
»Wundern Sie sich nicht«, sagte der Inder, Fürbringer die Hand schüttelnd. »Die Tracht Europas ist nicht bei vierzig Grad im Schatten erfunden worden. Ich kann Ihnen nur den Rat geben, meinem Beispiel zu folgen; Sie werden es nicht bereuen.«
»Danke, Hoheit«, antwortete Fürbringer, etwas einsilbig.
Immer, wenn er den Fürsten eine Zeitlang nicht gesehen hatte, mußte er bei der nächsten Begegnung in sich selbst einen Widerstand überwinden, der seiner Vernunft nicht erklärlich war, nur seinem Gefühl. Der geschwinde Bach der Wechselnden überspülte diesen Widerstand, aber er schwemmte ihn nicht fort. »Sind Sie mit Ihren Zimmern zufrieden, Herr Fürbringer? Ich möchte, daß Sie sich durchaus behaglich und heimisch fühlen«, sagte der Fürst.
»Sie sind sehr liebenswürdig, Hoheit – vielen Dank!«
»Ich will nicht, daß Sie mir danken. Ich sagte Ihnen schon einmal, daß ich niemals Dank verdiene … Ich warte aus Ihre Arbeit, deren ich bedarf. Das ist alles.«
»Beginnen wir, Hoheit!« entgegnete Fürbringer einfach.
»Ramigani sagte mir. Sie hätten bereits auf dem Schiff Zeichnungen und Entwürfe gemacht?«
»Darf ich sie sehen?«
»Bitte, Hoheit …«
Der Fürst setzte sich; Fürbringer blieb bei ihm stehen. Sein Kopf und seine Gestalt ruhten im Schatten; nur seine Hand, die Blatt um Blatt der Pläne vor den Fürsten legte, teilte mit ihren festen, etwas verhaltenen Bewegungen den unablässigen Sturz des Lichtes.
»Selbstverständlich«, sagte er – und die Sprödigkeit des Künstlers, der gezwungen ist, sich Fremdem preiszugeben, machte ihm die Kehle trocken –, »sind diese Entwürfe im wahren Sinn des Wortes in die Luft gestellt, denn ich kannte die Erde nicht, auf die ich bauen werde. Und gerade über diesen Punkt müßte ich sehr ausführlich mit Ihnen reden dürfen, Hoheit …«
Der Radscha hob den Kopf mit der ihm eigenen, übergangslosen Bewegung.
»Sie sind mit dem Platz, den ich für das Grabmal bestimmt hatte, nicht einverstanden?« meinte er mit merklicher Kälte.
»Sie haben das empfunden, nicht wahr?« sagte Fürbringer lächelnd. Jetzt, da er, der Künstler, gewissermaßen auf seinem eigensten Grund und Boden stand, auf dem er Gastrecht zu gewähren hatte, gewann er auch die Sicherheit und Liebenswürdigkeit des Wirtes zurück.
»Ich merkte es schon auf dem Heimritt«, entgegnete der Fürst. »Sie waren entzückt von dem Tal, das ich dem Künstler schenken wollte; trotzdem verweigerte der Künstler die Annahme.«
»Er wußte, warum«, sagte Fürbringer etwas ernst. »Lassen Sie mich versuchen. Ihnen es zu erklären. Sie können schon aus diesen kargen Plänen ersehen, welche Richtung meine Gedanken beim Entwurf des Grabmals genommen haben. Ich dachte mir ein Werk, dessen Grundzug etwa von fern dem Wort der Genesis entspräche: Auf! Lasset uns einen Turm bauen, dessen Spitze bis an den Himmel reiche!«
Er hielt inne, als warte er auf eine Erwiderung des Fürsten; da sie ausblieb, fuhr er fort: »Von einem Untergrund, dessen Umfang allerdings der
Sohle des Tales nahezu entsprechen würde, wollte ich ein Bauwerk aufrichten, das sich mit der Allmählichkeit, die Bergen eigen ist, zu einem Gipfel verjüngen sollte, auf dem nur zwei Wesen noch Platz haben sollten: ein Sarg und ein Mensch. Eine Tote und ein Lebendiger.«
Fürbringer schwieg. Der Fürst legte die Pläne, die er in der Hand gehalten hatte, auf den Tisch und lehnte sich in seinem Stuhl zurück. Eine Stille trat ein.
»Und warum halten Sie das Tal, das ich Ihnen anwies, für ungeeignet?« fragte er ohne die geringste Bewegung.
»Weil jenseits der Hügel die Berge liegen, Hoheit«, antwortete Fürbringer. »Wir könnten das Unerhörteste aufrichten, was Menschenhirn und Menschenhände jemals geleistet haben – wir blieben immer Titanen neben den Göttern, und die Gottheit der Berge lachte uns aus.«
Auch diesmal antwortete der Fürst nicht sofort. Er hatte seine Hände gegen den Rand des Tisches gestemmt, daß seine langen, schmalen Finger bräunlich auf dem dunkelgrünen Marmor lagen. Diese Finger zuckten leise, fast unmerklich, als ob in ihnen die letzten Wellen des Blutstroms ausliefen und verebbten. Ohne zu wissen warum, empfand Michael Fürbringer in dem Augenblick, da er auf diese Hände niedersah, für den Inder wie für einen Bruder, obwohl die Haut seiner eigenen Hände weiß war.
»Hoheit«, begann er und stockte wieder.
Der Fürst sah ihn an, aber seine Augen hatten keinen Blick. Fürbringer schwieg.
»Trotz allem«, sagte der Fürst fast unverständlich, »wäre das Tal der richtige Ort … ich habe sie dort gefunden …«
»Wen?« erkundigte sich Fürbringer.
»Wen? –« Es war, als ob der Kopf des Inders einen Hieb von rückwärts erhielte; seine Finger wollten sich im Marmor festkrallen.
»Ich bitte Sie um Verzeihung, Hoheit«, sagte Fürbringer herzlich.
»Wofür?« fragte der Inder. »Ich sagte, daß jenes Tal trotz allem der geeignetste Ort wäre …«
»Eure Hoheit haben zu befehlen«, entgegnete Fürbringer.
»Ja. Aber das würde mir nichts nützen. Papageien kann man abrichten, daß sie plappern wie Menschen; Singvögel singen, wann sie wollen, und haben ihr eigenes Lied … Wenn ich Ihnen den Preis, den ich Ihnen bot, verzehnfachte, so würden Sie in jenem Tal bauen. Aber es wäre nicht das Werk Ihrer Seele. Und das ist's, worauf es ankommt.«
Fürbringer wollte etwas erwidern, aber er schwieg, da der Fürst sich erhob. Er blieb stehen, mit dem Rücken gegen den Tisch gelehnt, und seine Augen folgten dem Inder, der im Zimmer hin und her zu wandern begann. Die runden Mauern, die er manchmal fast berührte, fesselten seinen Schritt mehr, als jeder andere Raum es getan hätte; unwillkürlich dachte
Fürbringer, der den Irrgang des Fürsten beobachtete, an das zehnfach wiederholte Echo eines Schreis, der, von Berg zu Berg geworfen, leichter stirbt, als einen Ausweg findet.
»Es ist ein anderes Bild«, begann der Radscha, plötzlich stehenbleibend.
Er sprach aus dem Dunkel heraus, gleichsam an Fürbringer vorbei.
»Ich wollte kein Grabmal, das mit den Bergen jenseits der Hügel in Wettstreit geraten sollte. Wenn ich«, fuhr er mit einer so jähen und kaum unterdrückten Wildheit fort, daß Fürbringer zusammenzuckte, »dies Grabmal, das ich haben will, selbst zu bauen vermöchte, dann würde ich die Erde aufwühlen, die unter diesem Tale ist, bis ich dem Mittelpunkt dieses Planeten sehr nahe gekommen wäre. Und dort hätte ich zu bauen angefangen. Es wäre ganz gewiß auch ein gigantisches Werk geworden. Hätte ich das Herz eines Christen, vielleicht wäre mir's geglückt, die Kaiserpfalz des Satans zu bauen, groß genug, daß sich die Majestät des Teufels selbst in ihrer unausdenkbaren Einsamkeit hätte darin verwirren können. Und dann zuletzt, wenn ich den Schlußstein in die Kuppel fügen würde, die keine Öffnung nach oben haben dürfte, dann hätte ich zehntausend Menschen befohlen, die aufgeworfene Erde aufzuschichten über meinem Grabmal, ja; ich hätte das Erdreich und Gestein der Hügel ringsum abtragen und über das Grabmal wälzen lassen, bis ein einziger Grabhügel entstanden wäre – wild und hoch genug, um vor den Bergen, auf denen der Sitz der Gottheit ist, unverlacht zu bestehen.«
Fürbringer hatte die Augen gesenkt und vor sich hin gesehen. Jetzt löste er sich mit einem Ruck von dem Tisch, an dem er gelehnt hatte, und wandte sich dem Fürsten zu.
»Hoheit«, begann er mit einer ausgeprägten Entschiedenheit, »Sie haben mich in ein Chaos von Dunkelheiten gestellt, in dem ich mich nicht mehr zurechtfinden kann. Sie haben mir geschrieben, und ich bin gekommen, obgleich, wie ich Ihnen offen gestehen will, das Geheimnisvolle, das Sie an Ihre Aufforderung knüpften, mich eher abstieß als reizte. Ich hielt es für die Laune eines asiatischen Machthabers, der es liebte, seine Persönlichkeit mit dem Schleier des Unerklärlichen zu umgeben und ihr dadurch eine gewisse Bedeutsamkeit zu verleihen. Ich kam, weil ich glaubte, mit dem Grabmal, das ich bauen würde, jene Vollendung meiner selbst zu erreichen, nach der wir uns alle sehnen. Aber ich kann nicht schaffen, wenn ich den Grund nicht kenne, auf dem ich bauen muß. Ich brauche als Künstler wie als Mensch eine gewisse Unbegrenztheit des Ausblicks und lasse mir nicht gern mehr von den Dingen der Welt entziehen, als durch die Kugelform der Erde bedingt ist.«
Der Radscha machte eine Bewegung; Fürbringer hielt inne.
»Bitte, fahren Sie fort!« sagte der Inder. Er setzte sich auf eine Bank, die der Rundung des Zimmers folgte und die Wand zur Lehne hatte.
»Ich wollte das Grabmal in die Unendlichkeit einer Ebene stellen, in der es das Herrschende werden sollte. Ich wollte es aus dem schwärzesten Marmor bauen, mit Säulen aus Lapislazuli. Im Innern des Grabmals, mitten in seinem Herzen, wollte ich den Garten schaffen, von dem die wunschgewährenden Geister aus Tausendundeiner Nacht Edelsteinfrüchte pflücken. Die Schönheit der Frau, der ich das Grabmal schuf, wäre offenbar geworden in den Wundern der Smaragde und Saphire. Ich hätte ihren Namen in allen Lettern, die die Erde hat, mit Rubinen, Amethysten und Türkisen in den Marmor der Säulen gegraben. Stufen, aus Onyx geschnitten, hätten den, der es ersteigen wollte, auf die Höhe des Grabmals geführt. Und da oben, in der reinsten Reinheit der Luft, dem Himmel näher als der Erde, hätte ich das krönende Wunder aufgestellt: den einzigen Kristall, in dessen Kern ich das Herz der Frau verschlossen hätte, deren Liebe und Tod zum Ursprung des Ganzen geworden war.«
»Der Gedanke ist schön«, entgegnete der Inder langsam. »Aber« – und er hob den Kopf, ohne sich selbst aufzurichten; ein unbewegliches Lächeln entblößte seine Zähne – »wer sagt Ihnen, daß jene Frau mich liebte? Und wer sagt Ihnen, daß sie gestorben sei?«
Die beiden Männer sahen sich an. Und die Stille, die zwischen ihnen herrschte, war so vollkommen, daß der Lichtstrom, der von der Kuppel herniederfiel, zu brausen schien.
»Ich nehme an, daß ich Sie falsch verstanden habe, Hoheit«, sagte Michael Fürbringer sehr beherrscht.
»Ich bin überzeugt. Sie haben mich richtig verstanden«, antwortete der Fürst.
»Das ist nicht möglich. Irgendwo liegt hier ein Irrtum oder eine Täuschung verborgen. Ihr eigener Brief …«
Fürbringer griff nach seiner Brusttasche. Die Hand des Inders fuhr durch die Luft.
»Sie brauchen meinen Brief nicht zum Zeugen gegen mich aufzurufen, Herr Fürbringer«, sagte der Fürst.
»Ich weiß, was ich Ihnen geschrieben habe.«
Aber Fürbringer hatte das Blatt schon aus dem Umschlag gezogen und beugte sich damit in die Helligkeit des Lichts.
»Sie schrieben mir«, sagte er fast keuchend: »Ich habe die Frau verloren, die nahe an meinem Herzen gelegen hat …«
»Nun!« rief der Inder mit einer erstickenden Kraft, als sollten seine Worte zu Fäusten werden und verhindern, daß Fürbringer weiterlas, »wenn jene Frau an meinem Herzen gelegen hat – oh, und wahrlich nahe meinem Herzen! –, muß das heißen, sie habe mich geliebt? – Und wenn ich sie verlor, Herr Fürbringer – muß sie darum gestorben sein?«
»Dann also lebt sie noch?«
»Ja.«
»Einer Lebendigen errichten Sie das Grabmal?«
»Eines Tages«, sagte der Radscha eintönig, als lese er aus einem alten Formelbuche vor, »wird sie nicht mehr lebendig sein.«
»Sie wollen sie töten?«
»Ja«, antwortete der Radscha mit einem Ausdruck, als ersticke er an dem Wort.
»Sie, der Fürst und Hindu, wollen einen Mord begehen?«
Der Radscha stand unbeweglich zwischen Licht und Schatten. Er trat einen Schritt ins Licht hinein, und Fürbringer sah, daß das bräunliche Gesicht des Inders grau geworden war.
»Ich bin nicht Fürst«, sagte der Inder langsam, »ich bin auch nicht Hindu … Ich bin Mensch …«
Fürbringer wollte etwas erwidern, aber vor diesem grauen Gesicht schluckte er es hinunter. Er wandte sich ab, ließ sich in den Stuhl am Tische fallen und legte den Kopf in die Hände.
Hinter seinem Stuhl blieb der Inder stehen.
»Jetzt wollen Sie eine Erklärung«, sagte er.
Fürbringer schwieg.
»Es ist schlimm, daß Sie das wollen«, fuhr der Inder fort. »Und doch werde ich reden. Ich werde meine Worte hinschütten, das Tor meiner Seele aufstoßen – tritt ein! Die Geheimnisse der Qual und der Schande sollen Marktschreier werden und sich selber anpreisen: Seht, die Röte meiner Blutstropfen spottet der Rubine! Füllt das Meer um in meine Tiefe, und es wird in ihr wie ein Tropfen in einer Muschel sein! Hört, o ihr Menschen, hört mich Klage führen um das, was mir widerfuhr! Werden Sie dann zufrieden sein?«
»Ich bitte Sie nur um eine Erklärung, Hoheit«, sagte Michael Fürbringer, ohne sich umzuwenden.
»Eine Erklärung – wofür? Daß ich, der Fürst, für einen Hund mit weißem Fell, der mein Freund war, und dem ich die Adern meines Halses anvertraut hätte, zum Aas wurde, das er besudelte? Daß ich, der Hindu, jung, aber kein Knabe mehr, Sohn eines Volkes, dem ein Weib weniger als eine Krähe ist, das Eifersucht nicht kennt, weil Frauen ihm sind wie Kiesel unterm Fuß, nicht unterschiedlich noch des Aufhebens wert – daß ich, der Hindu, Fürst und Narr, meinen Kopf in den Schoß eines Weibes legte und zu ihm sprach wie ein Rasender: »Ich liebe dich, du meine fleckenlose Perle! Ein Haar von deinen Wimpern ist mir teurer als das Blut, das meinem Herzen am nächsten fließt! Ich würde den Stein, auf dem deine Füße gegangen sind, nicht gegen die Welt eintauschen, wenn du nicht in ihr weiltest, und wenn ich sie hätte, die Welt, den Himmel und die Erde, dann wären sie dein. Denn du bist schöner, meine Geliebte, als Savitri, Sakuntala und Damayanti, die Herrlichen, die im Liede gepriesen werden‹ – wollen Sie dafür eine Erklärung?«
Fürbringer sagte nichts.
»Oder«, fuhr der Radscha fort, »wollen Sie eine Erklärung dafür, daß ein Weib, das in der Anbetung des Mannes einherschritt wie in einem Mantel aus Goldbrokat, dem die Schwüre seiner Liebe vom Nacken hingen wie Perlenschnüre, das nur zu lächeln brauchte, um hundert Bitten freizuhaben, und wären sie noch so töricht und noch so kühn gewesen – daß dieses Weib hingeht und gibt sich einem Hunde – einem Manne, der den Freund verrät?«
Fürbringer schüttelte den Kopf.
»Beispiele sind keine Erklärungen«, sagte er halblaut.
Der Radscha hörte nicht auf ihn. Er ging im Zimmer hin und her, die Hände an den Schläfen.
»Warum habe ich sie nicht ausgespien wie einen vergifteten Brocken, ehe sie mir das Blut zersetzte?« sagte er vor sich hin. »Warum schmecke ich noch jetzt Süßigkeit auf meinen Lippen, wenn ich von ihr rede? Ich will gesund werden, und ich werde gesund, wenn ihr Atem die Luft nicht mehr verderblich einzusaugen macht. Ich warte auf den Tag, an dem sie sterben wird, mit einer Sehnsucht, der keine Sehnsucht gleicht. Und der Tag wird kommen. Ganz gewiß, er wird kommen.«
»Wenn Sie entschlossen sind, einen Mord zu begehen – worauf warten Sie dann noch, um ihn auszuführen?« fragte Fürbringer, den Kopf erhebend.
»Ich warte darauf, daß sie ihn finden«, sagte er.
»Den Mann?«
»Ja. Den Mann …«
»Er ist – entkommen?«
Der Inder lächelte.
»O nein«, sagte er sanft. »Glauben Sie, die Augen meiner zehntausend Abgesandten, die nach ihm suchen, seien blind geworden? Oder ihre Füße gelähmt? Er verbirgt sich, der Schakal. Aber sie werden ihn finden.«
»Und wenn sie ihn finden und vor Sie bringen«, entgegnete Fürbringer, »so haben Sie nicht das Recht, sein Richter zu werden. Seine Regierung würde ihn von Ihren Händen fordern …«
»Es ist immer gefährlich, in Indien auf die Jagd zu gehen«, sagte der Radscha.
Fürbringer stand auf.
»Ich bedaure aufs tiefste, Hoheit«, begann er, »daß Sie mir nicht von vornherein den Sachverhalt in seinem vollen Umfang und allen Folgerungen dargelegt haben. Ihnen wie mir wäre diese Stunde erspart geblieben. Ich weiß nicht, was Sie dazu berechtigte, von mir zu glauben, ich sei der Mann, der sich bei einem vorsätzlichen Mord zum Totengräber machen ließe. Jedenfalls bin ich der Mann nicht. Ich bitte Sie um die Liebenswürdigkeit, mir Gelegenheit zu geben, Eschnapur so bald wie möglich zu verlassen, und habe den Vorzug, mich Ihnen zu empfehlen.«
Der Inder sah ihm ruhig ins Gesicht.
»Sie irren sich abermals, Herr Fürbringer«, sagte er. »Das Amt, das ich Ihnen übertragen habe, ist nicht das eines Totengräbers. Wir pflegen unsere Toten zu verbrennen. Sie sollten Ewigkeit verleihen – nicht dem Weibe – kann ein Nichts zu Ewigem werden? Nein, Sie sollten ein Denkmal setzen dem Meere des Gefühls, das ich wie ein Gott und wie ein Narr verschwendet und in die Wüste, die man Weib nennt, hingeschüttet habe. Diesen Auftrag abzulehnen, haben Sie keinen Grund.«
»Wir wollen nicht Worte klauben, Hoheit«, antwortete Fürbringer. »Ich bitte um meine Entlassung.«
»Sie sind entschlossen, abzureisen?«
Der Inder legte die Hand auf den Tisch, auf die Pläne, die Fürbringer ausgebreitet hatte. Ohne den Blick von ihnen zu erheben, sagte er:
»Ich bot Ihnen für die Erbauung des Grabmals eine Million Pfund in Gold.«
Der Deutsche erwiderte nichts.
»Ich biete Ihnen heute das Doppelte«, fuhr der Radscha fort.
»Bemühen Sie sich nicht, Hoheit!« sagte Fürbringer eisig.
Der Radscha wandte den Kopf und sah ihn an.
»Das Dreifache«, sagte er.
Fürbringer zuckte die Achseln. Er machte eine Bewegung nach der Tür.
»Warten Sie«, sprach der Fürst. Er lächelte mit seinem grauen Gesicht. Er stand noch über den Tisch gelehnt, die Hand auf den Zeichnungen. »Sie befolgen meine eigenen Grundsätze«, meinte er verhalten. »Das ist sehr vernünftig. Ich an Ihrer Stelle würde nicht billiger sein. Nennen Sie mir die Summe, die Sie beanspruchen, um die Erbauung des Grabmals zu übernehmen! Ich bin überzeugt, daß wir uns einigen werden.«
Fürbringer fuhr sich mit der Hand nach dem Halskragen.
»Hoheit«, sagte er und packte den Stuhl, neben dem er stand, »gestatten Sie mir, um weiteren Irrtümern vorzubeugen, eine Bemerkung! Weil ich augenblicklich Ihr Gast zu sein die Ehre habe und in Ihrem Hause mich befinde und nicht vergesse, daß ich einem Asiaten gegenüberstehe, antworte ich Ihnen in der Art, wie ich es tue, und wie es meinem Gefühl durchaus nicht entspricht. Wäre es denkbar, daß in Europa ein Europäer mit einem Vorschlag, der dem Ihren gliche, an mich herangetreten wäre, dann würde ich ihm die Faust auf die Nase gegeben haben. Ich hatte schon einmal Gelegenheit, Eure Hoheit zu ersuchen, die Glaubenslehre von der Käuflichkeit der Menschen nicht unbedingt zu verallgemeinern. Ich bedaure, jetzt abermals und in verstärkter Tonart dazu gezwungen zu sein. Und hiermit darf ich wohl unsere Unterredung als beendet betrachten.«
»Sie wollen Eschnapur verlassen?«
»Sofort?«
»Sofort.«
Der Inder richtete sich auf.
»Warten Sie einen Augenblick, Herr Fürbringer!« sagte er. »Ich habe noch eine Frage an Sie zu richten.«
»Bitte …«
Der Radscha trat auf Fürbringer zu. Einen Schritt von ihm entfernt blieb er stehen.
»Geben Sie mir Ihr Ehrenwort«, fragte er, »weder selbst noch durch dritte Hand auch nur das geringste zu veranlassen, das dem Manne, den ich suche, zur Flucht aus Eschnapur und damit zur Sicherheit seines Lebens verhelfen würde?«
Fürbringer hielt für einen Augenblick den Atem zurück. Dann stieß er die Luft durch die Nase.
»Nein!« sagte er.
»Sie geben Ihr Ehrenwort nicht?«
»Ich gebe Eurer Hoheit mein Ehrenwort«, sagte Michael Fürbringer, »daß ich alles tun werde, was in meinen Kräften steht, den Mann, den Eure Hoheit suchen, in Sicherheit zu bringen. Da bis zum Tage seiner Ergreifung durch Ihre Leute auch das Leben der Frau, die Sie ermorden wollen, gesichert scheint, werde ich ganz gewiß kein Mittel unversucht lassen, Ihre Pläne zu durchkreuzen und meinerseits ans Ziel zu kommen.«
Der Radscha drückte die Lider zusammen. Er nickte ein paarmal.
»Das ist außerordentlich ritterlich von Ihnen«, sagte er liebenswürdig. »Leider ist es ebenso unklug. Sie zwingen mich dadurch, Gegenmaßregeln zu ergreifen. Ich muß Sie also bitten, Herr Fürbringer, Ihre Abreise aus Eschnapur vorläufig zu verschieben.«
»Heißt das – ich bin Ihr Gefangener?«
»Oh – wir wollen keine großen Worte gebrauchen … Ich freue mich. Sie meinen Gast zu nennen, und bitte Sie, mir diese Freude nicht vorzeitig zu zerstören. Ich hoffe, daß es mir gelingen wird, Ihren Aufenthalt hier so angenehm zu gestalten, daß Sie den Tag der Abreise selbst vergessen. Ich werde leider gezwungen sein. Sie für einige Zeit zu verlassen; betrachten Sie sich indessen als den Herrn des Palastes! Ramigani bleibt zu Ihrer Verfügung. Er ist angewiesen, Ihren Wünschen zuvorzukommen. Sollten Sie geneigt sein, dem Bau des Grabmals näherzutreten, genügt ein Wort an ihn; er wird mich verständigen. Ich hoffe, daß dies bald der Fall sein wird. Auf Wiedersehen, Herr Fürbringer …«
Der Radscha ging; die Tür schloß sich hinter ihm. Fürbringer sah ihm nach. Ich hätte ihn beim Halse nehmen sollen, dachte er, aber der Gedanke hatte keine Schärfe.
Er stand unbeweglich, in der Nähe des marmornen Tisches, auf dem seine Pläne und Entwürfe ausgebreitet lagen.
Das tonlose Brausen des weißen Lichtes fiel von der hochgewölbten Kuppel darauf nieder.
Fürbringer wandte sich um. Die Türe hakte sich geöffnet. Ramigani stand auf der Schwelle.
»Was ist –?«
»Mein Herr hat mich zu dir geschickt, Sahib, nach deinen Befehlen zu fragen.«
»Wo ist dein Herr?«
»Er hat den Palast soeben verlassen, Sahib.«
Fürbringer schwieg.
»Befiehlst du, Sahib …«
»Nichts.«
Der Inder hob die Hände zur Stirn, verneigte sich tief und ging.
Michael Fürbringer setzte sich.